Tagung zu Fluchtursachen

„Opfer einer doppelten Verlogenheit“

„Alles andere als ein Ruhmesblatt“ ist für Oberkirchenrat Klaus Eberl die Politik an den EU-Außengrenzen. Thema einer Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland waren Flucht und Migration.

Teilnehmende der Tagung „Einseitige Wirtschaftsbeziehungen – Ursachen für die Flucht nach Europa?“ LupeTeilnehmende der Tagung „Einseitige Wirtschaftsbeziehungen – Ursachen für die Flucht nach Europa?“

Die Darstellung der Situation in Marokko habe ihn am meisten beindruckt, erklärte der Leiter der Abteilung Bildung im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland. Eberl sieht das nordafrikanische Land in der Rolle eines „Trichters“ für Menschen, die der Armut ihrer afrikanischen Heimatländer entfliehen wollen. Doch wenn sie in Marokko seien, stellten die Menschen fest, dass sie keine legale Möglichkeit haben nach Europa zu kommen. Zugleich fehle die Rückkehrchance.

„In Deutschland wird das Problem an die Außengrenzen verdrängt“, so Eberl. Während Waren und Geld Freizügigkeit genössen, gelte das für Menschen nicht. Der Theologe sieht in der gegenwärtigen Form der Globalisierung eine Ursache der Fluchtbewegung. „Die traditionelle Unterscheidung von Flüchtlingen und Migranten ist künstlich“, so Eberl. Die Menschen kämen aus Not, egal ob wirtschaftlich oder politisch verursacht.

Klaus Eberl LupeKlaus Eberl

Für die rheinische Kirche gilt es nach Ansicht Eberls weiter an drei Fragen zu arbeiten. Dazu zählen Form und Auswirkungen der Globalisierung, die Praxis der Frontex-Einheiten an den Außengrenzen der EU und ein praktizierbares Einwanderungsrecht auf europäischer Ebene.

„Die Gemeinden sind sensibilisiert“, sagte Eberl. An der Basis gibt es nach Darstellung Eberls viele wichtige Initiativen. Dazu zählen die Beobachtung von Abschiebungsverfahren, Asylberatung und Angebote für junge Flüchtlinge. Aber dort gebe es natürlich keinen Einfluss auf das Verhalten der EU gegenüber Bootsflüchtlingen.

Wir waren immer eine Einwanderungskirche

„Wir als Evangelische Kirche im Rheinland waren immer eine Einwanderungskirche“, unterstrich Eberl. Er erinnerte an die Gründung von Gemeinden durch niederländische Glaubensflüchtlinge und die Integration von Flüchtlingen nach dem 2. Weltkrieg.

In der Tagung mit dem Titel „Einseitige Wirtschaftsbeziehungen – Ursachen für die Flucht nach Europa?“ wurde die Situation in Marokko aus der Sicht der dortigen evangelischen Kirche und ihrer Diakonie dargestellt. Die Kirche versorgt Migrantinnen und Migranten unter anderem mit Lebensmitteln und Medizin. Ausbildungsprogramme und Stipendien sollen ihnen helfen, eine bessere Zukunft zu finden.

Cornelia Füllkrug-Weitzel LupeCornelia Füllkrug-Weitzel

Die Umsetzung der Sicherheitsinteressen habe die Europäische Union an die marokkanischen Behörden ausgegliedert, heißt es bei der evangelischen Kirche des Maghreb-Staates. Die einen brauchten das Geld, die anderen suchten ihre Sicherheit, die Migranten befänden sich in der Sackgasse. Für sie gebe es keinen Platz in dieser Ordnung. Die Kirchen in Marokko seien es satt, die „schmutzige Arbeit“ für Europa zu machen. Die Flüchtlinge seien „Opfer einer doppelten Verlogenheit“, verschleiert durch schöne Reden über die Menschenrechte.

Frankreich, Spanien und Italien als Zielregionen

Auf die Folgen der Klimaveränderungen als eine Ursache für weitere Migration aus afrikanischen Ländern wies Cornelia Füllkrug-Weitzel hin. Die Direktorin von "Brot für die Welt" und der Diakonie Katastrophenhilfe nannte als Beispiel für den Klimawandel die Ausbreitung von Wüsten.

Von einem „steigenden Migrationspotenzial“ sprach Dr. Susanne Schmid, Referentin der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in München. In der EU blieben Frankreich, Spanien und Italien wichtige Zielregionen. Deutschland werde aber kaum von Zuwanderung aus Afrika tangiert sein. Die tatsächliche Zuwanderung dürfte ihrer Ansicht nach bei rund 20.000 bis 35.000 Personen pro Jahr bleiben.

Die Tagung fand vom 7. bis 9. September in Bonn statt. Veranstalter waren neben der Akademie die Abteilung Ökumene des Landeskirchenamtes und der Ständige Ausschuss für öffentliche Verantwortung der Evangelischen Kirche im Rheinland. Fachleute aus Kirche, Politik und Gesellschaft diskutierten darüber, wie sich die Lebensbedingungen in den Heimatländern der Flüchtlinge verbessern lassen.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 10. September 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Sonntag, 25. November 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / rtm / Fotos: Hella Blum / 10.09.2012



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