Referierten zu Fragen der Globalisierung udn der 'Großen Transformation' (v.l.): Prof. Franz Segbers, Prof. Konrad Raiser und Dr. Steffen Bauer. Referierten zu Fragen der Globalisierung und der "Großen Transformation" (v.l.): Prof. Franz Segbers, Prof. Konrad Raiser und Dr. Steffen Bauer.

Globalisierung

Wie die Kirche eine Pionierin des Wandels werden kann

„Unser Wirtschaftsmodell des stetigen Wachstums ist nicht zukunftsfähig, sondern verschärft die aktuellen Krisen“, sagt Landeskirchenrätin Christine Busch, stellvertretende Ökumene-Chefin der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR).

Dagegen stehe die Idee einer Wirtschaft für das Leben, erklärte sie in der Begrüßung zur Fachtagung zu diesen Fragen. Der Titel: „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“. Nötig sei eine „tiefgreifende Transformation“, sagte die Theologin, die damit auf den Untertitel der Tagung und das Stichwort aufgriff, unter dem Wandelszenarien diskutiert werden. Der genauer Untertitel: „Große Transformation und transformative Spiritualität“. Die geladenen Gäste kamen aus verschiedenen Arbeitsfeldern und Ausschüssen der rheinischen Kirche, denen die Weiterarbeit am Thema vorbehalten ist.

„Wirtschaften für das Leben“ heißt schon programmatisch der Beschluss der rheinischen Landessynode 2008 zum Thema Globalisierung. Seither folgten weitere Beschlüsse und praktische Umsetzungen. Christine Busch: „Doch es sind noch weitere Schritte zu gehen, bis sich die EKiR als eine überzeugende ,Pionierin des Wandels’ erweist.“

Dazu gehöre konkret die Frage nach einem Bekenntnis angesichts der Herausforderungen der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Auf dem Weg dahin nun also die Fachtagung. Dabei verwies die Landeskirchenrätin insbesondere auf die Erklärung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) „Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten“, mit der die Tür weit offen stehe, „wenn wir die Fülle des Lebens suchen oder verteidigen“.

Blick ins Plenum der Fachtagung Blick ins Plenum der Fachtagung "Umkehr zum Leben - den Wandel gestalten".

Ein „opus magnus“ stellte Dr. Steffen Bauer vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (Bonn) vor – das Klimaschutz-Gutachten „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“, erstattet vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Der Begriff der Großen Transformation gehe zurück auf den Wirtschaftswissenschaftler Karl Polanyi (1886-1964), erläuterte Bauer. Seither also die Idee für ein Einbetten von ungesteuerter Marktdynamik.

Dies erfordere eine freiwillige Beschneidung etablierter Wirtschafts- und Wachstumsmodelle. Ziel: Freiheitsräume sichern für alle Teile der Welt und für künftige Generationen. Das Gutachten befasst sich demnach mit globalen Megatrends wie dem ungebremsten Klimawandel, der anhaltenden Zerstörung der natürlichen Umwelt und der Verknappung fruchtbarer Landflächen – bei weiter wachsender Weltbevölkerung und rasanter Urbanisierung. Dennoch müsse eine Transformation keine Utopie bleiben.

Gestaltender Staat

Die Schlüsselrolle nehme dabei ein „gestaltender Staat“ ein. Nein, keine sozialistische Planwirtschaft, kein Ökopaternalismus. Aber ein starker Staat mit nachhaltigen Politikzielen, so Bauer. Klimaschutz müsse als Staatsziel verankert werden. Eine mögliche Blockade sind aus seiner Sicht die günstig verfügbaren Kohlevorräte, sie liefen dem Ziel der Dekarbonisierung zuwider. Zu den begünstigenden Faktoren zählt Bauer u.a. die klimaverträgliche Technologieentwicklung und den Wertewandel Richtung Nachhaltigkeit.

Bauer sprach auch die zu Beginn von Landeskirchenrätin Christine Busch bereits benannte Rolle von Kirchen und Zivilgesellschaft an: „Pioniere des Wandels“. Sie könnten als Netzwerker, Multiplikatoren und Agendasetter dienen. Wichtig seien die Kirchen auch durch ihren hohen Organisationsgrad und ihre Ressourcen. „So können sie den Wandel mitgestalten.“

Erneuerbare Energien

Und dieser Wandel in Fragen des Klimaschutzes muss dann dies beinhalten, so das von Bauer vorgestellte Gutachten: eine Energietransformation mit massiven Investitionen in erneuerbare Energien, drastische Effizienzsteigerungen und stabilisierter Verbrauch. Die Urbanisierung gelte es umzulenken, „Low-Carbon-Cities“ zu schaffen. Außerdem sei eine klimaverträgliche Landwirtschaft nötig.

Für eine „transformative Spiritualität“ und eine Habgiergrenze machte sich dann der zweite der drei Vortragenden stark, der einstige ÖRK-Generalsekretär Prof. Dr. Konrad Raiser. Die Bibel verurteilt Gier, machte er deutlich. Eigene Verhältnisse zu verbessern ist demnach okay, „nur nicht auf Kosten anderer“. Gier, auch so formulierte es Raiser, ist Götzendienst, weil sie Vertrauen auf Gott ersetzt. Sie missachte die Bedürfnisse anderer, sie missachte Grenzen wie beispielsweise die Ökologie.

Gemeinschaft des Teilens

Dagegen warb der ehemalige Professor für Systematische Theologie an der Ruhr-Universtität Bochum für eine „Gemeinschaft des Teilens“, eine „Kooperation im Interesse des Gemeinwohls“ sowie eine „qualitative spirituelle Neuorientierung“. Nötig sei eine Theologie des guten Lebens.

Die „transformative Spiritualität“ verleihe dem Leben tiefste Bedeutung, sei Energie für ein Leben in Fülle, so Raiser. Sie vertraue sich Gottes lebenspendender Kraft an. Und: Transformative Spiritualität gebe die innere Kraft für die nötige Große Transformation.

"Ökonomie des Genug"

„Sozialethische und theologische Kriterien für eine ,Ökonomie des Genug’“ stellte schließlich Prof. Dr. Franz Segbers (Marburg) vor. Er erinnerte daran, dass die grenzüberschreitende Finanzkrise in konzentrischen Kreisen näher rücke, fasste verschiedene Stellungnahmen zusammen, darunter das EKD-Papier "Wie ein Riss in einer hohen Mauer", das er als Fortschritt im Vergleich zur vorherigen Unternehmerdenkschrift beschrieb. Dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Pensionen aus kapitalmarktbasierter Altersvorsorge beziehen, kritisierte der Theologe und Sozialethiker als Beispiel einer "Komplizenschaft" der reichen Kirchen.

"Die Warnungen vor dem Neoliberalismus haben sich bestätigt", so Segbers. Eine "Ökonomie des Genug" müsse lebensdienlich sei. Auch er kam auf das Stichwort Habgier zu sprechen, kritisierte die Enttabuisierung der Habgier als nützlich, die Akkumulation als respektables Motiv. Der heutige Kapitalismus sei eine "grenzenlose Expansion der Begierde".

Sabbath lehrt gutes Leben

Die biblische Vision eines guten Lebens stehe konträr zur Knappheitsökonomie. Gott habe die Schöpfung reichlich ausgestattet. Deshalb dürfe nicht Knappheit der Ausgangspunkt sein, sondern die Fülle der Schöpfung. Segbers sprach auch von einer Sabbath-Ökonomie - frei nach dem Motto: Mehr als genug braucht es nicht. Und: "Der Sabbath lehrt uns ein gutes Leben."

Der Theologe nannte drei Aufgaben: Erträge gelte es gerechter zu verteilen. Strukturelle Gier müsse durch Umverteilung zurückgedrängt werden. Zum guten Leben gehöre eine Arbeitsreduzierung - "gegen ausufernde Arbeitszeiten". Nötig ist schließlich das bedingungslose Grundeinkommen. Sein Fazit: "Es ist genut da für ein gutes Leben aller."

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 23. Mai 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 24. Mai 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 23.05.2013



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