Trauer

Gemeinschaft über den Tod hinaus

Wie viel Trauer lässt die Gesellschaft heute zu? Wie können Betroffene Unterstützung finden? Ein ekir.de-Interview mit der Seelsorgerin Carmen Berger-Zell.

Der Friedhof ein Ort der Trauer LupeDer Friedhof ein Ort der Trauer

Welche Gefühle verbinden sich mit Trauer?

Die unterschiedlichsten Gefühle verbinden sich mit der Trauer: Schmerz, Wut, Verzweiflung und Angst. Manchmal auch Erleichterung und Dankbarkeit.

Wie kommt es zu den beiden letzteren Gefühlen?

Wenn ein Mensch lange krank war und gelitten hat, kann der Tod eine Erlösung sein. Die Menschen haben dann ohnmächtig am Sterbebett gesessen. Beide Gefühlszustände dürfen sein.

Hat sich etwas verändert in der Trauerbewältigung?

Ja, das hängt mit der Gesellschaft zusammen. Soziale Bindungen fangen Trauernde auf. Doch heute leben viele Menschen allein. Deshalb ist es schwer Halt zu finden. Außerdem führt die erhöhte Lebenserwartung dazu, dass Menschen erst spät mit dem Tod konfrontiert werden. Früher haben die Kinder von den Erwachsenen gelernt, wie man Abschied nimmt. Doch heute wird über den Tod häufig gar nicht mehr geredet. Oft wissen die Kinder nicht, welche Bestattung die Eltern sich gewünscht haben. Die Bestatter haben inzwischen darauf reagiert und machen vielfach hilfreiche Angebote.

Lässt unsere Gesellschaft heute genug Zeit für die Trauer?

Unsere Gesellschaft ist vor allem auf Leistung aus. Doch es gibt auch ein Umdenken, zum Beispiel in größeren Firmen. Auch für den Arbeitgeber ist eine ausreichende Trauerphase förderlich. Denn die Verdrängung der Trauer kann krank machen. Doch die Länge der Trauerzeit ist eine individuelle Frage: Wie viel Zeit nehme ich mir? Wie viel kann ich verkraften? Niemand kann nur trauern. Früher glaubte man, dass die Trauer im Idealfall ein Jahr dauert. Heute wissen wir, dass das zweite Jahr für einige schwerer ist als das erste. Es kommt natürlich auch darauf an, um wen man trauert. Ob jemand alt und lebenssatt gestorben ist oder ob der Tod zur Unzeit kam.

Carmen Berger-Zell Bild-LupeCarmen Berger-Zell

Wie kann ein gutes Zusammenspiel von Seelsorgenden, Angehörigen und Freundeskreis in der Trauer aussehen?

Aus meiner Perspektive als Seelsorgerin agiere ich in Resonanz zu den Trauernden. Wie können Trauernde ihre Gemeinschaft mit den Toten leben? Die Gemeinschaft über den Tod hinaus hatte früher einen festen Platz. Im Protestantismus wurde diese Gemeinschaft unbewusst aufgegeben. Deshalb müssen wir uns heute fragen, wie Räume für die Trauer entstehen können. Wie muss ein Friedhof aussehen, um trauern zu können? Friedhof ist nicht gleich Friedhof. Viele Friedhöfe laden nicht zum Verweilen ein.

Gibt es äußere Dinge wie die Jahreszeiten, die Trauer beeinflussen?

Vor allem in den dunklen Monaten und an den Weihnachtstagen wird die Trauer von vielen stärker empfunden als an anderen Tagen. Manchmal sind es aber auch die Sonnentage, wo alle um einen herum scheinbar glücklich sind. Das sind Tage, an denen man sich unter Umständen trauernder fühlt als an anderen Tagen.

Welche Bedeutung haben Gedenktage wie der Toten- oder Ewigkeitssonntag?

Diese Tage laden zum Erinnern und Gedenken ein, was für Trauernde wichtig ist. Es trägt dazu bei, dass sie die Gemeinschaft mit ihren Verstorbenen erleben. Davon bedarf es mehr. Die Antoniterkirche in Köln feiert zum Beispiel einmal im Monat einen Gedenkgottesdienst, der bei Trauernden einen festen Platz hat.

Was kommt nach der Trauer?

Der Verlust eines Menschen kann für Trauernde ein Leben lang von Bedeutung sein, zum Beispiel für Eltern, die ihr Kind durch einen frühen Tod verloren haben. Die Trauer bleibt für viele Teil ihres Lebens, neben der zurück gewonnenen Freude und dem Glück.

Welche Rolle kann ein Online-Angebot wie Trauernetz.de für Betroffene wahrnehmen?

Durch das Medium Internet wurde vielfach die Möglichkeit geschaffen, mit der Trauer gemeinschaftlich umzugehen. So sind aus „Engelskinder“ und „Schmetterlingskinder“ Initiativen vor Ort entstanden für Eltern, deren Kinder während oder kurz nach der Geburt gestorben sind. Im Internet gibt es häufiger Gedenkorte für tote Kinder und Opfer von Gewalttaten. Im Trauernetz sind unter anderem Gebete, Texte, Bilder und Musik zu den zwölf Emotionen der Trauer veröffentlicht. Diese Inhalte werden häufig aufgerufen. In einer Datenbank finden sich Kontakte für die Trauerbegleitung vor Ort.

Pfarrerin Carmen Berger-Zell arbeitet als Notfallseelsorgerin im Wetteraukreis. Sie hat eine Dissertation geschrieben zum Thema „Abwesend und doch präsent – Wandlungen der Trauerkultur in Deutschland“. Die Doktorarbeit erscheint im Januar 2013 beim Neukirchener Verlag. Die Theologin gehört zu den Herausgeberinnen von Trauernetz.de, einer Kooperation der Evangelischen Kirche im Rheinland, der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 21. November 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 6. Dezember 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / rtm / Fotos: slicer/pixelio.de, privat / 21.11.2012



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