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Bundespräsident Joachim Gauck gedenkt der Opfer des Germanwings-Absturzes. Gedenken für die Opfer des Germanwings-Absturzes im Dom in Köln.

Trauergottesdienst für Opfer des Germanwings-Absturzes

Beieinander stehen, ein Band des Mittrauerns entstehen lassen

In einem ökumenischen Gottesdienst im Kölner Dom ist der Opfer des Germanwings-Absturzes gedacht worden. "Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug“ - dieses Gebet aus einem Bibel-Psalm sagte die westfälische Präses Annette Kurschus den Angehörigen und Freunden zu.

Halten und gehalten werden: die rheinische Notfallseelsorgerin Jutta Unruh mit einem der Engelkreuze aus Pskow. Halten und gehalten werden: die rheinische Notfallseelsorgerin Jutta Unruh mit einem der Engelkreuze aus Pskow.

Die Angehörigen der Opfer des Germanwings-Absturzes erhielten in dem Gottesdienst im Kölner Dom kleine Holzengel als Zeichen der Solidarität, des Trostes und der Anteilnahme. "Menschen brauchen Engel, die ihnen den Weg zeigen und ihnen zur Seite sind", sagte der katholische Notfallseelsorger Christoph Dörpinghaus. Der Engel solle dazu ermutigen, "nach Quellen der Bestärkung und der Zuversicht" zu suchen, ergänzte seine Kollegin Jutta Unruh von der Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Insgesamt wurden 3000 Holzengel aus der Behindertenwerkstatt im russischen Pskow verteilt, die von der "Initiative Pskow" der rheinischen Kirche getragen wird. Weitere Engel erhielten symbolisch politische Repräsentanten: der spanische Innenminister Jorge Fernández Díaz stellvertretend für die Angehörigen der spanischen Opfer, Bundespräsident Joachim Gauck stellvertretend für die Angehörigen der Verunglückten in allen anderen Staaten, der französische Verkehrsminister Alain Vidalies als Zeichen des Dankes für die Helfer in Frankreich.

Gott muss da sein für die, die verloren gingen: Präses Annette Kurschus. Gott muss da sein für die, die verloren gingen: Präses Annette Kurschus.

Abgrund des Leids

In ihrer Predigt verwies die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen ebenso wie der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki darauf, dass Gott selbst mit den Familien und Freunden der Toten mitleide. Schmerz, Trauer und Verzweiflung seien bei ihm aufgehoben. Das Leid habe einen Abgrund aufgerissen, über den "kein Luftfahrtexperte und Psychologe, auch keine Bischöfin und kein Kardinal" eine Brücke schlagen könne, sagte Kurschus vor den 1.400 Trauergästen, darunter mehr als 500 Angehörige der Opfer.

Doch Gott mache das Weinen der Menschen zu seinem eigenen Weinen. Die Theologin rief dazu auf, die Würde der Trauernden zu achten. Es sei würdelos, ein Geschäft mit den Tränen von Menschen zu treiben: "Achtet die Tränen. Ehrt und schützt diejenigen, die sie weinen." 

Die Liebe ist stärker als der Tod, glauben wir Christen: Erzischof Rainer Maria Kardinal Woelki. Die Liebe ist stärker als der Tod, glauben wir Christen: Erzischof Rainer Maria Kardinal Woelki.

"Lassen Sie sich tragen von all denen, die für Sie und mit Ihnen für Ihre Lieben beten"

Kardinal Woelki verwies in seiner Ansprache auf den mitleidenden Gott am Kreuz und die christliche Auferstehungshoffnung. "Die Liebe ist stärker als der Tod, glauben wir Christen", sagte der Kölner Erzbischof. "Wir glauben, dass diese 150 Menschen nicht verschwunden und nicht ins Nichts gegangen sind, als sie aus der Welt geschieden sind." Nötig seien nun Menschlichkeit und Solidarität, damit die verzweifelten Hinterbliebenen den Weg zurück ins Leben finden und nicht von der Trauer versteinert werden. Woelki: "Die Liebe – sie bleibt."

Er habe "keine theoretische Antwort auf das schreckliche Unglück vom 24. März 2015". Aber er könne auf die Antwort zeigen, "an die ich selbst glaube, die meine Hoffnung ist: auf den mit-leidenden Gott am Kreuz und ich kann zeigen auf die Auferstehung, auf Ostern, auf das ewige Leben".

Am Ort des Trauergottesdienstes, dem Kölner Dom, beteten Menschen seit Jahrhunderten füreinander und miteinander, "getragen von der Hoffnung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt – für alle unsere Verstorbenen", so Woelki weiter. Diejenigen, die nicht beten können oder nicht beten wollen, weil sie es vielleicht nie gelernt haben oder weil es ihnen durch den Verlust des geliebten Menschen im Moment nicht möglich zu sein scheint - diesen Menschen sagte Rainer Maria Woelki: "Ich möchte Sie einladen hier und jetzt sich tragen zu lassen von all denen, die für Sie und mit Ihnen für Ihre Lieben beten."

Trauerschleifen statt Werbebotschaften vor dem Kölner Dom, in dem der Opfer des Germanwings-Absturzes gedacht wird. Foto ekir.de / neu Trauerschleifen statt Werbebotschaften vor dem Kölner Dom, in dem der Opfer des Germanwings-Absturzes gedacht wird. Foto ekir.de / neu

Anteilnahme in Kondolenzbüchern und vor Großleinwänden

Der Airbus des Germanwings-Fluges 4U 9525 war am 24. März auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf abgestürzt und in den französischen Alpen zerschellt. Alle 144 Passagiere und sechs Crewmitglieder kamen ums Leben, die meisten von ihnen waren Deutsche und Spanier.

Die 72 Deutschen kamen überwiegend aus Nordrhein-Westfalen. Unter anderem starben 16 Schülerinnen und Schüler und zwei Lehrerinnen aus dem westfälischen Haltern, die auf dem Rückweg von einem Schüleraustausch in Spanien waren. Der Copilot flog das Flugzeug nach den Erkenntnissen der Ermittler absichtlich gegen einen Felsen.

Tausende Menschen haben ihre Anteilnahme für die Opfer und Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes in Kondolenzbüchern im Internet bekundet. Das Trauerportal der NRW-Landesregierung verzeichnete am Morgen des Trauergottesdienstes fast 2.500 Einträge auf seinem Online-Kondolenzbuch. "Ich habe keine Worte für die grausame Wahrheit", erklärte dort NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD).

Auf Großbildleinwänden vor dem Dom verfolgten rund 2.000 Menschen die Lieder und Gebete, die im In- und Ausland auch live im Fernsehen übertragen wurden. In Nordrhein-Westfalen und an allen öffentlichen Gebäuden des Bundes wehten die Fahnen am Freitag auf Halbmast. Die Lufthansa, Mutterkonzern von Germanwings, schaltete ganzseitige Traueranzeigen in großen Tageszeitungen.

Notfallseelsorger: Trauerakt zeigt Angehörigen Wertschätzung

Die zentrale Trauerfeier für die Absturzopfer im Kölner Dom hat nach Worten des rheinischen Landespfarrers für Notfallseelsorge, Dr. Uwe Rieske, eine wichtige Bedeutung für die Angehörigen. Der Trauerakt mit Bundespräsident, Bundeskanzlerin und NRW-Ministerpräsidentin zeige ihnen, dass sie in ihrer Not und in ihrer Situation auch von den politischen Repräsentanten wahrgenommen würden, sagte Rieske im WDR-Radio. "Diese Wahrnehmung, diese Wertschätzung, ist vielen Betroffenen tatsächlich wichtig."

Zudem bestehe Gelegenheit für die Hinterbliebenen, den anderen Betroffenen zu begegnen, Kontakte zu knüpfen und ins Gespräch zu kommen, sagte der Landespfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland weiter. Viele von ihnen litten darunter, dass sie bisher noch keine amtliche Todesnachricht erhalten hätten und die sterblichen Überreste ihrer verunglückten Familienmitglieder noch nicht bestatten konnten. "Viele von denen, die wir getroffen haben, sagen, dass dieser Zwischenzeitraum enorm belastend ist und dass sie überhaupt noch keine Chance haben, wieder in so was wie Alltag einzusteigen", berichtete Rieske.

Der Theologe ermutigte Nachbarn, Freunde und Bekannte, den betroffenen Familien Beistand zu leisten. "Ehrliche Zuwendung hilft fast immer", sagte Rieske. "Wenn diese Menschen den Eindruck haben, ich werde nicht allein gelassen mit dem, was mich beschäftigt und betroffen hat, hier gibt es ehrliches Mitgefühl und auch tätige Hilfe, dort, wo ich sie brauchen kann, ist das gut." Wichtig sei Begleitung auch lange über den Akutzeitraum hinaus, betonte der Seelsorger. "Es kann Jahre dauern, bis man das Gefühl hat, wieder im eigenen Leben angekommen zu sein."

"Es ist etwas zerstört worden, was in dieser Welt nicht mehr geheilt werden kann": Bundespräsident Joachim Gauck.

Gauck: "Verstörende Vernichtungstat"

Für jeden der 150 Menschen, die beim Absturz der Germanwings-Maschine ums Leben kamen, brannte im Dom eine weiße Kerze - auch für den Copiloten, der den Airbus offenbar absichtlich zerschellen ließ und 149 Menschen mit sich in den Tod riss.

Für Bundespräsident Joachim Gauck führt das Unglück vor Augen, dass es keine völlige Kontrolle des Lebens gibt. "Weder vor technischen Defekten noch vor menschlichem Versagen gibt es absolute Sicherheit - und erst recht nicht vor menschlicher Schuld", sagte er mit Blick auf die "verstörende Vernichtungstat" des Copiloten. Auch dessen Angehörige hätten einen geliebten Menschen verloren. Leid und Not hätten Menschen aber auch zueinander finden und über sich hinauswachsen lassen, betonte Gauck. Es sei ein Band des Mitleidens, des Mittrauerns und der Gemeinsamkeit entstanden.

Der Bundespräsident dankte insbesondere für die französische Hilfe. Die Behörden und die Menschen am Unglücksort hätten "alles getan, was ihnen möglich war, um die Angehörigen zu empfangen, um die Toten zu bergen und um den Hergang der Katastrophe zu erforschen".

"Wir alle sind betroffen, hilflos und wütend". NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.

Kraft: Anteilnahme hoffentlich spürbar

NRW-Ministerpräsidentin Kraft hob die Anteilnahme in Kondolenzbüchern, Schweigeminuten und Gottesdiensten hervor. "Ich wünsche mir so sehr, dass Sie die große Anteilnahme spüren, dass sie Ihnen Kraft gibt in dieser schweren Zeit", sagte sie sichtlich bewegt zu den Hinterbliebenen.

Der spanische Innenminister Jorge Fernández Díaz sagte, die betroffenen Länder seien "geeint in unserem Schmerz und unserer Fassungslosigkeit angesichts dieses unglaublichen Geschehens". Nun müsse versucht werden, die entstandene Lücke "wieder neu zu füllen - mit Liebe, vor allem aber mit Hoffnung". Unter den Opfern des Absturzes von Flug 4U 9525 am 24. März waren 51 Spanier.

Der französische Staatsminister für Verkehr, Alain Vidalies, sagte: "Unsere Teilnahme an der Trauerfeier hier an diesem Ort kann Zeugnis ablegen von dieser europäischen Solidarität, die über die Grenzen hinausgeht, und die sich gegenüber allen Opfern hier zeigt." 

An der zentralen Trauerfeier nahmen u.a. Bundesratspräsident Volker Bouffier (v.l.), Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundespräsident Joachim Gauck mit seiner Partnerin Daniela Schadt und Nordrhein-Westfalens Ministerprä An der zentralen Trauerfeier nahmen u.a. Bundesratspräsident Volker Bouffier (v.l.), Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundespräsident Joachim Gauck mit seiner Partnerin Daniela Schadt und Nordrhein-Westfalens Ministerprä

Es herrscht völlige Stille im voll besetzten Kölner Dom, als eine junge Frau nach vorne tritt, Sarah, eine Notfallseelsorgerin begleitet sie. Sarahs Stimme versagt ihr immer wieder, als sie eine Fürbitte vorliest, in der sie Gott bittet, die Tränen der Angehörigen zu trocknen und ihnen allen neuen Lebensmut zu schenken. Sarahs Schwester war an Bord der Germanwings-Maschine.

Mit Ausnahme von Sarah bleiben die Angehörigen stumm. Einige greifen immer wieder zu ihren Taschentüchern, andere sitzen wie erstarrt da. Die sterblichen Überreste der Opfer sind noch nicht beigesetzt, die belastende Situation ist für die Angehörigen noch nicht einmal ansatzweise abgeschlossen.

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epd, neu / 17.04.2015



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