Düsseldorf

„Der Trauerort ist ein Prozess“

Neben der Bergerkirche in der Düsseldorfer Altstadt entsteht ein Trauerort für Flüchtlinge des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge (PSZ). Ein Interview mit der Künstlerin Anne Mommertz.

Modell für den Trauerort, entworfen von Anne Mommertz. LupeModell für den Trauerort, entworfen von Anne Mommertz.

Ihr Entwurf ist von der Jury für den Trauerort für Flüchtlinge in Düsseldorf ausgewählt worden. Warum haben Sie sich für das Projekt beworben?
Das war sehr bewusst, weil ich mich als Künstlerin seit vielen Jahren mit dem Thema Zuhause beschäftige. Das Leben ist unheimlich schnell geworden, diese Schnelligkeit wirkt sich auf alle Lebensumstände aus. Und für diese Entwicklung braucht man kulturelle Formen. Also versuche ich mit meiner Kunst, für neue, kulturelle Bedürfnisse Formen zu finden. Dass das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge mit der Idee, Menschen einen Ort zum Trauern zu geben, ein solches Bedürfnis aufgegriffen hat, finde ich gut. Insofern ist das Projekt für mich sehr reizvoll. Denn ich glaube, dass es viele Zugereiste und Flüchtlinge gibt, die so einen Ort brauchen. Ein nicht religiös gebundener Trauerort mag auch für viele Menschen, die hier geboren sind, ein Bedürfnis sein.

Wie nah ist Ihnen das Thema?
Ich bin aus Deutschland, komme aus Aachen, aber hier in Düsseldorf anzukommen, fand ich auch nicht leicht. Für Menschen, die vielleicht Traumatisches erlebt haben oder die von weiter zugereist sind – und von denen gibt es in Düsseldorf eine Menge – muss es noch schwieriger sein. Ich kann sicher nicht behaupten, mich in Flüchtlinge hineinversetzen zu können, aber ich möchte hier mit ihnen zusammen leben.

Der Trauerort ist zwar vom PSZ, einer diakonischen Einrichtung, initiiert, muss aber konfessionsfrei gestaltet werden, so die Vorgaben der Ausschreibung. Wie sind Sie damit umgegangen?
Das war beim Entwurf gar nicht so einfach, weil es viele Dinge gibt, die – auch ohne, dass man es will – eine Symbolik in sich tragen und sich somit Menschen mit unterschiedlichen Religionen fremd fühlen könnten. Ich selber bin zwar nicht sehr religiös, jedoch christlich erzogen worden und kann mich in religiöse Menschen gut hineinversetzen.

Welche Symbole gingen zum Beispiel nicht?
Das Kreuz ist ein Beispiel, obwohl gerade das Kreuz von vielen Menschen als Symbol vorgeschlagen wurde. Aber auch Riten wie Feuer- oder Wasserbestattung dürfen nicht zu sichtbar sein, damit sich andere nicht davon abgelehnt fühlen. Andererseits müssen diese Formen des Abschieds möglich sein, keines darf jedoch überwiegen. Und dann gibt es auch noch die Dinge, die traumatisierten Menschen an einem solchen Ort nicht ertragen würden und die deshalb nicht in Frage kamen: Beton oder Eisen, weil es an Gefängnis erinnern könnte.

Der Trauerort wird neben der Bergerkirche entstehen. Bitte beschreiben Sie den Ort.
Der Ort, der dem PSZ zur Verfügung gestellt wurde, ist ein sehr schmaler Hof neben einer alten Kirche mitten in der Düsseldorfer Altstadt. Es ist eine recht kleine Ecke, die von allen Seiten umbaut ist. Als ich den Ort das erste Mal gesehen habe, dachte ich: Das ist zu schwierig. Dann habe ich aber plötzlich eine Idee gehabt.

Wie sah diese Idee aus?
Die Idee war, dass man von zwei Seiten diesen Hinterhof erreichen kann. Von beiden Seiten habe ich Wege geplant, die sich in der hinteren Ecke in einer Spirale treffen. Die Wege drehen sich zusammen wie eine Schnecke. Um das runde Zentrum des Trauerorts herum ist eine Sitzbank gebaut und es gibt die Möglichkeit, in der Mitte Wasser- oder Feuerrituale durchzuführen. Der Trauerort ist eingerahmt durch hohe Bambuspflanzen, so wirkt der Raum konzentriert und geschlossen.

Warum die Schneckenform?
Die Schneckenform habe ich mir für diesen Ort ausgedacht. Zwar hat ein Trauerort nichts mit einer Schnecke zu tun, aber natürlich ist es eine sehr schöne Symbolik. Der Trauernde geht in das Schneckenhaus hinein und hinterher wieder raus, er geht zum Trauern hinein und kommt ein Stück weit befreit heraus. Das Schwierige ist immer, dass jede Gestaltung das Auge irgendwo hinleitet, dabei darf aber bei einem Ort der Ruhe und Trauer nichts stören oder eine tiefere Bedeutung haben. Die Schneckenform löst sich sozusagen in der Mitte in einem Punkt auf, das macht sie so passend. Auch habe ich überall gesucht, ob diese Form in einer Religion eine andere symbolische Bedeutung hat, habe aber nichts Hinderliches finden können.

Warum haben sie Bambus als Pflanze gewählt?
Bambus ist hell und trotzdem sehr dicht. Es rauscht schön und das kann man dort sehr gut gebrauchen. Das Rauschen ist wichtig, sonst hört man überall Lärm. Und durch die Dichte schaut man nicht auf Mauern, wenn man auf der Bank sitzt, sondern auf eine grüne Wand.

Was ist für Sie an diesem Projekt anders?
Normalerweise experimentiere ich mit meiner Kunst im öffentlichen Raum. Ich suche einen Ort und warte die Reaktionen ab, verändere die Arbeit oder ich ändere den Ort, gehe dahin, wo es sich anbietet. Das Streiten um Genehmigungen und Platz habe ich eigentlich als zu kraftraubend verworfen. Das ist jetzt anders. Denn natürlich stößt man immer wieder auf planerische und organisatorische Hindernisse und Kleinigkeiten. Trotzdem ist das Projekt des PSZ toll und richtig.

Was erhoffen sie sich vom Trauerort?
Für mich ist der Trauerort ein Experiment. Das heißt auch: Man muss das Projekt einführen und die Menschen immer wieder einladen. Ich weiß, dass es in Düsseldorf viele Menschen gibt, die an so einem Ort sehr interessiert sind, weil sie ihn brauchen. Ich kann aber jetzt noch nicht sagen, ob sie ihn dann auch annehmen werden. Natürlich will man als Künstler eine optimale Form finden, aber dieser Trauerort ist ein Prozess. Das heißt: Stellt man irgendwann fest, dieses oder jenes klappt ja nicht, es müsste etwas mehr soundso sein, dann werde ich dafür die Form suchen.

 

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Samstag, 1. Januar 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Samstag, 1. Januar 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Maike Freund / 01.01.2011



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