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 „Warum sollte ausgerechnet ihm etwas passieren?“ Agnieszka Brauner verlor beim Tsunami 2004 ihren Bruder und dessen Freundin. „Es ist nun mal so, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.“ Agnieszka Brauner verlor beim Tsunami 2004 ihren Bruder und dessen Freundin.

Tsunami 2004

Verlorenes Paradies

Ihr Bruder war 25, es war sein erstes Weihnachtsfest, das er nicht zu Hause feierte, und es war sein erster Urlaub mit Freundin. Heute vor zehn Jahren, am zweiten Weihnachtstag, wollte das Pärchen die Heimreise antreten. Der Urlaub in Thailand ging zuende.

Eine SMS weckt sie, ein Freund ihres Bruders Adam will wissen, wo Adam und seine Freundin Katja genau sind. Wie das Hotel in Khao Lak heißt. „Ich verstand gar nicht, warum er das auf einmal so genau wissen wollte.“ So erinnert sich Agnieszka Brauner (38) an den Morgen des zweiten Weihnachtstags 2004. Der Tag mit dem Tsunami, der 230.000 Menschen das Leben kostete, in Thailand, Indonesien, Sri Lanka, insgesamt in gut einem Dutzend Länder rund um den Indischen Ozean. Adams Freund hatte als erster von dem Erdbeben der Stärke 9,1 erfahren, das das Seebeben auslöste.

So genau waren die Informationen an jenem Weihnachtsmorgen noch nicht bekannt. Vertrauensselig-optimistisch dachte Agnieszka Brauner: „Warum sollte ausgerechnet ihm etwas passieren?“ Und: „Er kann doch schwimmen.“ 

"Ich will leben"

Überlebte den Tsunami schwer verletzt: Ben Atréu Flegel. Überlebte den Tsunami schwer verletzt: Ben Atréu Flegel.

Er war 15 und mit seinen Großeltern in Khao Lak. Nach dem Frühstück gings zum Strand. Doch der Junge hatte sein Handtuch vergessen, musste deshalb nochmal zurück zum Bungalow. In diesen Minuten war eine Welle am Horizont schon Thema unter den Urlaubern, das registrierte er auf dem Weg durch die Anlage. Und dann war er in der Sekunde im Bungalow, als die Welle die Frontscheibe zerschlug. Binnen Sekunden, sagt Ben Atréu Flegel, „stand mir das Wasser zum Hals“.

„Dies sind nur Skizzen, aber nicht das, was geschehen ist“, sagt Ben Flegel rückblickend, die Komplexität und Intensität seiner Erlebnisse und Erfahrungsräume seien unermesslich und nicht vermittelbar. Während sein Bungalow am Ende weg war, konnten Hotelgäste von nur hundert Meter entfernten Bungalows ihre Pässe noch aus dem Tresor holen.

"Help yourself"

Der 15-Jährige holt Luft, taucht durch, hält sich am Vorhang vorn rechts fest, da schleudert ihn die zweite Welle wieder zurück. Er verliert dreieinhalb Liter Blut, das Loch im Knie ist kinderfaustgroß, ein Stück Fuß ist abgerissen. Auf dem Weg ins Landesinnere - unterwegs sind auch wenige überlebende Bedienstete und Hotelgäste – fleht er einen Animateur um Hilfe an, der gibt zurück: „Help yourself.“

Raus zu kommen, habe ihn gefordert wie noch nie in seinem Leben, erklärt der 25-Jährige, der ein Literatur- und Philosophiestudium in Berlin begonnen hat und zurzeit an literarischen Projekten arbeitet. „Das hat mich stärker gemacht, mein System ist dadurch stärker geworden.“ Auch diese Worte wählt er: „Da war ein anderer Drive in mir, der wollte leben.“

Beim zehnten Gedenken in Khao Lak dabei

War er nicht gottverlassen? Die Gegenwärtigkeit, seine Schnelligkeit hätten ihn getragen, erklärt Flegel, der beim Gedenken am zehnten Jahrestag am Strand von Khao Lak dabei sein wird. Er ist sich im Blick auf die extreme Situation sicher: Der Gedanke an Gott komme wohl eher denjenigen, die mit Gott keine Verbindung haben.

Er landet in einem Krankenhaus in der Provinz, hat einen Anruf frei, erreicht daheim nur den AB, sagt, es habe ein „Unwetter“ gegeben. „Es könnte sein, wir kommen früher zurück.“

Rückblickend sagt Ben Flegel: „In der Zeit in Thailand habe ich mir über die Frage, ob meine Großeltern leben und wo sie sind, keine Gedanken gemacht. Die Intensität des Geschehens hat etwas anderes diktiert. Ich habe sie sehr geliebt. Ich wusste, sie sind tot.“ 

Qualvolle Zeit der Ungewissheit

Agnieszka Brauner und ihre Eltern erreichten Adam und seine Freundin Katja nicht am Telefon. Die Sorgen wuchsen. Im März wurde Katjas Leiche gefunden und auch beerdigt. Agnieszka Brauner: „Zu der Zeit hofften meine Eltern, dass Adam noch lebt. Sie haben sich an jede Hoffnung geklammert. Dass er vielleicht im Koma liegt, seinen Namen nicht mehr weiß, auf einer Insel gestrandet ist. Es ist nun mal so, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.“

Parallel ließ die Familie intensiv nach dem jungen Mann suchen. Über einen Fernsehaufruf lernten sie Gäste aus demselben Hotel kennen, die ihr viele Fragen beantworten konnten. „Sie hatten sich noch beim Frühstück gesehen. Ich bekam eine Ahnung, wo Adam war, als die Welle kam.“ Endlich Fitzelchen wissen, wo es doch bis dahin einfach nur schlimm war, gar nicht zu wissen darüber, „was passiert war“.

Letztlich für Klarheit sorgte nicht das Bundeskriminalamt, das wohl – wie sich im Nachhinein zeigte – bereits im Frühjahr 2005 durch einen DNA-Vergleich die nötigen Informationen hatte. Die Schwester ist sehr wütend, dass die Familie nicht benachrichtigt wurde, sie bangte und hoffte ja in dieser Zeit weiter. „Es war die schlimmste, qualvollste Zeit.“

Online-Projekt brachte traurige Gewissheit

Hinzukommt: Heute weiß man, die zunächst geborgene Leiche Adams ging später aus ungeklärten Gründen verloren. So gab es nie eine Beerdigung, gab es nie ein Grab. Eine Gedenktafel am Grab der Großmutter ist der Ort, wo die Familie heute die Kerze für Adam entzündet. Die Leichen von Ben Flegels Großeltern dagegen wurden gefunden, verbrannt, die Urnen nach Deutschland überführt.

Letztlich war es ein Online-Projekt in Thailand, das Familie Brauner traurige Gewissheit bescherte. Auf dem Blog entstanden seinerzeit sozusagen Steckbriefe von Vermissten mit persönlichen Angaben sowie Fotos. Das ermöglichte Verantwortlichen mit Zugang zu Fotos von Leichen Vergleiche. Agnieszka Brauner sagt es so: „Die Fotos waren ganz schlimm. Aber so konnte ich realisieren, dass mein Bruder nicht mehr lebt. Ich konnte endlich loslassen und trauern.“

Trauer geteilt

Auch wenn sie selbst und ihre Familie nicht zum Gedenken nach Thailand fliegt, an dem bis zu hundert Überlebende und Hinterbliebene teilnehmen, schätzt Agnieszka Brauner das Projekt „hoffen bis zuletzt“ von rheinischer Notfallseelsorge und Deutschem Rotem Kreuz. So habe sie andere betroffene Familien kennengelernt. „Wir konnten die Trauer teilen.“

Kurz vor dem Grauen, am 23. Dezember 2004, hatten sie noch telefoniert, denn das war Katjas Geburtstag. „Die Stimmung war gut“, erinnert sich Agnieszka an das Gespräch. „Alles war super. Sie sagten: Hier ist das Paradies.“ 

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ekir.de / Anna Neumann, Fotos: Sergej Lepke / 25.12.2014



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