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Bei der Kissenschlacht vor der Saarbrücker Ludwigskirche werden symbolisch 'Federn gelassen'. Bei der Kissenschlacht vor der Saarbrücker Ludwigskirche werden symbolisch "Federn gelassen"

Reformation an der Saar

Kissenschlacht vor der Ludwigskirche

Eine Brücke sperren. Pflastersteine bunt bemalen. Ein Parkhaus mit einer Polonaise stürmen. Die Künstlergruppe „urbanauten“ hat unter dem Motto „Aus der Kutte springen“ einen Flashmob  auf Saarbrücken losgelassen. Anlass  ist das 500. Reformationsjubiläum.

Eine Gruppe von Menschen malt die Pflastersteine vor einem Saarbrücker Antiquitätengeschäft bunt an. Passanten bleiben verwundert stehen. "Papa, was machen die da?", fragt ein kleiner Junge. Vor ihnen ist ein "urbaner Schwarm" am Werk. Die Münchner Künstlerinitiative „urbanauten“ steuert den Flashmob. Anlass der Aktion unter dem Motto "Aus der Kutte springen" ist das 500. Reformationsjubiläum.

 Das vom Schwarm angesteuerte Antiquitätengeschäft gehört dem saarländischen AfD-Landtagsabgeordneten Rudolf Müller. Im Februar hatte die Saarbrücker Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen wegen Handels mit NS-Orden und KZ-Geld gegen den damaligen Spitzenkandidaten zur Landtagswahl eingestellt.

Mit Farbe setzen die urbanauten nun ein Zeichen für Vielfalt: Bunt statt Braun. Zuvor besuchten sie das saarländischen Staatstheater, um auf dessen Geschichte hinzuweisen. Das NS-Regime schenkte dem Saarland das Theater nach der Abstimmung über die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich - die Stadt musste aber letztlich einen Großteil der Finanzierung selbst tragen.

Polonaise im Parkhaus, Halleluja im Treppenhaus

Eine Schaltzentrale gibt am Samstag den Teilnehmern per SMS, Facebook oder Twitter den Weg vor. Insgesamt haben sich laut Clara Muth von den urbanauten rund 120 Menschen angemeldet, während des Flashmobs schließen sich weitere an.

Die Teilnehmer dürfen selbst Vorschläge machen, die Schaltzentrale entscheidet. So geht es beispielsweise per Polonaise durch ein Parkhaus. In einem Treppenhaus wird spontan ein Halleluja im Kanon angestimmt. Auch das Singen der Europahymne oder das Bilden des Namens Luther aus Menschen seien vorgeschlagen worden, erzählt Muth später.

"Rolle Flatterband schnappen. Bereithalten am Fahrbahnrand. Luther gibt euch die Rolle", so die Anweisungen an der Wilhelm-Heinrich-Brücke. Der evangelische Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann delegiert als verkleideter Mönchskuttenträger die Aktion. Für einige Minuten sperren die urbanauten die Brücke komplett ab. Autos stauen sich, Autofahrer hupen. "Keine Sorge, ist alles genehmigt", erfahren die Flashmob-Teilnehmer per SMS.

Reformation als Bewegung der Veränderung

Allerdings ist nicht allen klar, was etwa die "Brücken"-Aktionen mit dem Thema Reformation zu tun hat. Kirchenrat Hofmann verweist auf die Reformation als Bewegung der Veränderung in Kirche und Staat. Unter der Brücke fließe der Verkehr auf der Stadtautobahn, sagt der Beauftragte der evangelischen Kirchen bei der saarländischen Landesregierung. Für Veränderungen brauche es wiederum eine revolutionäre Kraft. "Sie kann nur dadurch entstehen, dass der Alltag wirksam durchbrochen wird." Die Brückensperrung sei somit eine "heilsame Unterbrechung", erklärt er.

Hofmann leitet zusammen mit der Rektorin der Hochschule für Bildende Künste, Gabriele Langendorf, die Steuerungsgruppe zum landesweiten Reformationsjubiläum, die die urbanauten nach Saarbrücken eingeladen hat. Auch die Hochschule für Musik, das Saarlandmuseum, die Landeshauptstadt Saarbrücken und das Saarländische Staatstheater sind beteiligt. Die Kosten für den Flashmob liegen bei rund 27.000 Euro. Sponsoren wie die Vereinigte Volksbank, der Verband der Saarhütten und die Evangelische Kirche im Rheinland unterstützen den "urbanen Schwarm".

Kissenschlacht vor der Ludwigskirche

Die Saarbrücker Ludwigskirche ist letzte Station, wo sich Kisten mit Kissen stapeln. "Man geht nie mit vollem Federkleid durchs Leben", ruft Hofmann. Auch Luther habe Federn lassen müssen, etwa durch seinen Judenhass und seine damit verbundenen Schriften. Bei der nachfolgenden Kissenschlacht verteilen sich die Federn über den ganzen Platz, bleiben in den Haaren und an den Schuhen der urbanauten hängen. "Da haben wir wohl ganz schön viel Federn gelassen - das ist ja zum aus der Kutte springen", heißt es aus der Schaltzentrale.

 

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ekir.de / epd / Marc Patzwald / 22.05.2017



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