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Die Waldgruppe des evangelischen Kindergartens Gruiten ist bei Wind und Wetter draußen. Die Waldgruppe des evangelischen Kindergartens Gruiten ist natürlich bei Sonnenschein draußen - aber auch bei Wind und Wetter.

Waldgruppe des evangelischen Kindergartens Gruiten

Ganz ohne Spielzeug

„So, Ihr Lieben, wir können noch ein Spiel spielen“, ruft Ingeborg Marquardt den Kindern zu. „Och, nee“, ertönt es aus manchen Mündern. Andere Kinder sind so auf ihre Beschäftigung konzentriert, dass sie gar nicht antworten.

Der Balancierbaum Der Balancierbaum

Viel zu spannend ist offenbar das, was die Kindergartenkinder gerade auf dem Waldstück tun, als dass ein Gemeinschaftsspiel sie jetzt reizen würde. Sophie zum Beispiel grast das Unterholz nach etwa gleich langen Ästen ab, die sie in ihrer Hand zu einer Art Strauß formt. Aber nein, klärt sie auf, das seien keine Äste: „Ich suche Schlüssel“, sagt die Sechsjährige. Und wofür braucht sie die? „Na, ich bin doch ein Gespenst“, begründet Sophie. In Gedanken ist sie wohl beim kleinen Gespenst von Otfried Preußler und dessen großem Schlüsselbund. Willkommen in der Waldgruppe des evangelischen Kindergartens Gruiten westlich von Wuppertal.

Finn, Giv, Emil und Jasper sind in eine Cowboy-Welt abgetaucht. Sie haben es sich am Fuße eines Baumstamms bequem gemacht, aufgeschichtete Äste bilden die Wände ihrer Behausung und sie futtern gerade Marmeladenbrote – auch der Cowboy muss mal frühstücken. Nur halten die Jungen nicht Brote, sondern Baumrindenstücke in den Händen. „Hm, lecker“, kommentieren sie im Spiel. Kurz darauf werden aus ein paar kurzen Stöcken Pistolen – ein Muss für einen Cowboy.

Haus mit Klingel

Christoph und Jarne sind auf den rund zwei Meter hohen Hochsitz geklettert und bewohnen das Häuschen. Wer sie dort besuchen will, muss klingeln. Gerne zeigen sie Neugierigen, wo die unsichtbare Klingel angebracht ist.

Was für viele Kinder eine Seltenheit ist, ist für die 18 Kinder der Waldgruppe des evangelischen Kindergartens Gruiten Alltag. Jeden Morgen gegen 9 Uhr marschieren die Drei- bis Sechs-Jährigen den – teilweise am rauschenden Bach verlaufenden - etwa einen Kilometer langen Weg vom so genannten Stützpunkt am Ortsrand von Gruiten zu ihrem festen Platz im nahen Wald und verbringen dort den Vormittag.

Ingeborg Marquardt singt mit den Kids auf dem "Waldsofa". Ingeborg Marquardt singt mit den Kids auf dem "Waldsofa".

Frühstück auf dem Waldsofa

Zum Auftakt der Waldzeit schält Gruppenleiterin Ingeborg Marquardt die Gitarre aus ihrer wasserdichten Hülle und beginnt zu spielen. Gemeinsam schmettert die Gruppe Lieder. „Seht mal, wer da rennt; seht mal, wer da rennt; das ist doch der Augustin, das Naturtalent“, erschallt es an diesem Morgen.

Dann wird auf dem „Waldsofa“ gefrühstückt – das Sofa besteht aus Hunderten zu einem großen Rund aufgeschichteten Stöcken und Ästen, über denen zum Schutz vor Regen eine große Plane aufgespannt ist. Währendessen liest Ingeborg Marquardt eine Geschichte vor. Anschließend können die meisten Kinder es kaum erwarten, endlich loszuspielen. Schnell schwärmen sie aus.

"Wir haben doch welches"

Die Frage, ob sie manchmal lieber mit Spielzeug spielen würden, können die Kinder gar nicht verstehen. „Aber wir haben doch welches“, sagen sie und zeigen auf den Kletterbaum, den Hochsitz, den quer auf dem Boden liegenden kahlen Balancierbaum und ihre anderen Spielecken im Wald.

„Man lernt die Natur ganz anders schätzen, wenn man jeden Tag hier draußen ist“, sagt Laura Wohlers. Einmal pro Jahreszeit komme ein Waldpädagoge und beschäftige sich speziell mit den Vorschulkindern, erzählt sie. Die 24-jährige Erzieherin im Ausbildungsjahr ist eine weitere von insgesamt drei Betreuerinnen der Gruppe.

Abenteuer im Ausbildungsjahr

„Hier ist überhaupt kein Lärm; man hört nur die Vögel zwitschern und die Blätter rauschen“, beschreibt Laura Wohlers eine der besonders schönen Seiten. Anfangs war es auch für sie ein Abenteuer, ihr Ausbildungsjahr ausgerechnet in einer Waldgruppe zu verbringen. Mittlerweile fällt es ihr schwer, sich den Arbeitsalltag anders vorzustellen.

Der Besitzer dieses Waldes ist Dr. Karl-August Niepenberg, ein Mit-Initator der Waldgruppe, die es seit dem Sommer 2012 gibt. Niepenberg stellt nicht nur Scheune und Gelände am Stützpunkt in Gruiten sowie das Stück Forst zur Verfügung. Er stellte auch einen Waldschrank, den Hochsitz und einen Bauwagen auf.

Wichtig ist regendichte Kleidung

„Darin können wir ein bisschen Material und Werkzeug aufbewahren und im Notfall auch Unterschlupf finden“, erklärt Ingeborg Marquardt, bei Gewitter zum Beispiel. Doch bisher war das noch nie nötig. Jeden Regentag und auch die vielen kalten Tage im Winter 2012/2013 haben Kinder wie Betreuer ohne Obdach gut überstanden.

Eines ist dafür freilich wichtig: „Die Kinder sind sehr gut ausgerüstet“, sagt Marquardt und weist auf die gute Funktionskleidung hin. Auch sie selbst hatte ihre Garderobe verändert, als sie die Leitung der Gruppe im Herbst 2012 bei deren Gründung übernommen hatte. „Ich habe gedacht, ich hätte gute Kleidung, weil ich auch vorher gerne mit den Kindern raus gegangen bin, aber richtig regendicht sind eben doch die wenigsten Kleidungsstücke.“

Da ist Musik drin: Die Steine, Stöcke und Metallstücke dienen als Instrumente. Da ist Musik drin: Die Steine, Stöcke und Metallstücke dienen als Instrumente.

Musikzeit mit Glockenspiel

Nach einer guten Stunde freier Spielzeit kommt an diesem Tag Nicole Buntenbroich vorbei. Die ehemalige Musiklehrerin hat ein paar Glockenspiele im Gepäck. Sofort nehmen die Kinder auf den im Kreis aufgestellten Baumstümpfen Platz. Die ersten heben schon die Finger, bevor überhaupt die Frage gestellt ist: „Wer möchte Glockenspiel spielen?“ Aber Musik kann man ebenso mit Natur-Materialien machen: Einige schlagen zwei Steine aneinander, andere erzeugen mit zwei kurzen Stöcken Töne. Eine Viertelstunde wird feste gemeinsam musiziert.

Eine Toilette hat die Gruppe natürlich auch: ein lauschiges Plätzchen neben einem Baum. Wer muss, der geht dorthin. Toilettenpapier gibt es im Waldschrank. Besonders unbequem finden die Kinder das nicht. „Sie haben sich schnell ausgedacht, dass sie sich halb sitzend am Baumstamm festhalten“, beschreibt Laura Wohlers die Technik.

Regeln verhüten Unfälle

Unfälle hat es in den ersten gut eineinhalb Jahren noch nicht gegeben. „Wir mussten noch nie ein Kind abholen lassen, weil es sich verletzt hatte“, berichtet Ingeborg Marquardt. Ein Grund dafür sind die Regeln, an die sich alle halten müssen: Mit Stöcken wird gespielt, aber nicht geschlagen.

Bestimmte Büsche, Bäume oder Wege bilden eine Grenze im Wald; über sie hinaus darf niemand gehen. Auf den Hochsitz darf man keine Stöcke, Äste oder anderen Gegenstände mitnehmen. Nichts darf in den Mund genommen werden, denn die Ansteckungsgefahr mit dem Fuchsbandwurm ist zu groß.

Am Freitag mit den anderen Gruppen im Gottesdienst

Mittagszeit. Gegen 12.30 Uhr sammeln die Betreuerinnen die Kinder um sich, gemeinsam wandern sie zurück zum Stützpunkt: ein neu gebautes Haus und ein Außengelände. Dort gibt es dann um 13 Uhr ein warmes Mittagessen, und anschließend wird weiter gespielt oder gebastelt. Spätestens um 15 Uhr werden die Kleinen von ihren Eltern abgeholt.

Nur der Freitag verläuft anders. Die Waldgruppe gehört zum evangelischen Kindergarten Gruiten. Alle Gruppen der Einrichtung gehen freitags zum Gottesdienst in die Kirche. Danach ist für die Waldkinder auch mal Zeit, Kreatives in ihrem festen Basishäuschen zu erledigen oder sich dort um den Garten zu kümmern.

Besondere Aufgaben für die Vorschulkinder

Projekte haben die Kinder der Waldgruppe genauso wie andere. Ritter, Indianer, Jahreszeitenfeste können sie in ihren Alltag wunderbar einbauen. Auch auf die Schule werden sie vorbereitet. Gemeinsam mit den bald Einzuschulenden aus den anderen Gruppen der Einrichtung erledigen die Vorschulkinder besondere Übungen und Aufgaben, machen Ausflüge, Verkehrstraining und spezielle Sportangebote.

Ingeborg Marquardt ist begeistert von „ihren“ Kindern in der Waldgruppe: „Sie sind so selbstständig und ausgeglichen.“ Aggressionen gebe es so gut wie nicht, erzählt sie, und fragt dann: „Aber wo dürfen Kinder heutzutage noch bei Wind und Wetter und in der Matsche draußen spielen?“

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 22. Mai 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 27. Mai 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Alexandra Stoffel / 23.05.2014



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