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Nach der UN-Kinderrechtskonvention haben auch Kinder aus Fliüchtlingsfamilien Anspruch auf Bildung – unabhängig von ihrem Aufenthaltstatus. Nach der UN-Kinderrechtskonvention haben auch Kinder aus Fliüchtlingsfamilien Anspruch auf Bildung – unabhängig von ihrem Aufenthaltstatus.

Kita

Besser vorbereitet auf Flüchtlingskinder

Die Diakonie RWL veröffentlicht einen Web-Führer für Kitas zum Umgang mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien. Die Linksammlung bietet Erzieherinnen und Erziehern weiterführende Informationen zu Themen wie Asylrecht, Sprachförderung und Traumatisierung.

Immer mehr Flüchtlingsfamilien melden ihre Kinder in den Kindertagesstätten von Diakonie und Kirche an. Dort sollen sie die fremde Sprache und Kultur möglichst schnell spielerisch kennenlernen. Eine anspruchsvolle Aufgabe für die Erzieherinnen und Erzieher. Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) unterstützt sie mit Beratungen, Fachtagungen und einem aktuellen Web-Führer. Was sich dahinter verbirgt, erläutern die beiden Kita-Expertinnen der Diakonie RWL, Helga Siemens-Weibring und Hanna Kaerger-Sommerfeld im Interview.

Helga Siemens-Weibring leitet den Geschäftsbereich Familie, Bildung und Erziehung bei der Diakonie RWL. Helga Siemens-Weibring leitet den Geschäftsbereich Familie, Bildung und Erziehung bei der Diakonie RWL.

Inzwischen gibt es eine große Menge an Informationsmaterial rund um das Thema Flucht. Die Diakonie RWL hat gemeinsam mit den Kirchen bereits Broschüren für ehrenamtliche Helfer herausgegeben. Warum haben Sie sich für eine Linkliste entschieden?

Helga Siemens-Weibring: Uns war wichtig, aus der Vielzahl an Informationen, die derzeit im Internet verfügbar sind, eine Auswahl für unsere Erzieherinnen und Erzieher zu treffen. Eine Linkliste hat den Vorteil, dass sie schnell aktualisiert werden kann, was wir nun regelmäßig tun werden. In einem allgemeinen Teil haben wir Informationen zur Situation begleiteter Flüchtlingskinder in Deutschland zusammengetragen. Dazu gehören Verweise auf die Herkunftsländer, aus denen sie kommen, auf das Asylrecht, den Familiennachzug, ihre Verteilung und Unterbringung. Im zweiten Teil gehen wir auf spezifische Fragen ein, die Erzieherinnen und Erzieher haben. Sie betreffen den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, Anspruch auf Sozialleistungen, die Sprachförderung und den Umgang mit traumatisierten Kindern. Jeder kann sich schnell und gezielt heraussuchen, was ihn interessiert. 

Hanna Kaerger-Sommerfeld ist Referentin für Tageseinrichtungen für Kinder bei der Diakonie RWL. Hanna Kaerger-Sommerfeld ist Referentin für Tageseinrichtungen für Kinder bei der Diakonie RWL.

Experten schätzen, dass künftig 80.000 neue Plätze in Deutschlands Kindertagesstätten für die Flüchtlingskinder gebraucht werden, davon mindestens 10.000 in Nordrhein-Westfalen. Wie bereiten sich die evangelische Kitas darauf vor?

Hanna Kaerger-Sommerfeld: Wir haben im Sommer vergangenen Jahres eine Abfrage unter den rund 1.600 evangelischen Kindertagesstätten in NRW gemacht. Dabei ist herausgekommen, dass bereits jede vierte Kita Flüchtlingskinder aufgenommen hat. Inzwischen dürften es deutlich mehr sein. Wir beobachten, dass sich diejenigen, die noch keine Flüchtlingskinder in ihrer Einrichtung betreuen, große Sorgen machen, wie sie ihnen gerecht werden können. Diejenigen, die bereits Flüchtlingskinder aufnehmen, sind oft etwas entspannter. Sie haben sich der Aufgabe mit viel Kreativität und Engagement gestellt und dabei erfahren, dass die Integration der Kinder im Hinblick auf die sprachliche Verständigung, aber auch was Traumatisierungen anbelangt, oft besser gelingt als gedacht.

Schon heute platzen viele Einrichtungen aus allen Nähten. Wo soll da noch Platz für Flüchtlingskinder geschaffen werden?

Helga Siemens-Weibring: Das fragen sich auch viele Erzieherinnen und Erzieher. Es soll die Betreuung für Kinder unter drei Jahren sowie für Kinder mit Behinderung in den Regelkindertagesstätten ausgebaut werden. Hinzu kommen nun noch die vielen Flüchtlingskinder. Da müssen langfristig neue Kindertagesstätten entstehen. Schließlich haben nach der UN-Kinderrechtekonvention auch Kinder aus Flüchtlingsfamilien unabhängig vom Aufenthaltsstatus und der Unterbringung einen Anspruch auf Bildung. Somit müssen auch in den Erstaufnahmeeinrichtungen und Zentralen Unterbringungen entsprechende Betreuungsmöglichkeiten angeboten werden. Nach der Verteilung der Flüchtlingsfamilien auf die Kommune besteht nach Sozialgesetzbuch VIII ein Rechtsanspruch auf einen Kindertagesstättenplatz.

Hanna Kaerger-Sommerfeld: Für viele Kitas heißt das derzeit, dass sie mehr Plätze anbieten als sie eigentlich haben und überbelegt sind. Auch hier erlebe ich die Erzieherinnen und Erzieher als sehr engagiert und kreativ, denn sie bekommen in der Regel nicht mehr Personal oder Räume. Mit Hilfe unserer Fachberatung stellen einige dann auf ein offenes Konzept um. Wenn die Zuordnung der Kinder zu bestimmten Gruppen aufgelöst wird, bewegen sich die Kinder ja im ganzen Haus und suchen sich in Themenzentren aus, was sie gerne machen möchten: spielen, lesen, malen oder singen.

Wie schnell klappt denn die sprachliche Verständigung?

Hanna Kaerger-Sommerfeld: Die Flüchtlingskinder lernen die deutsche Sprache sehr schnell. Das geschieht automatisch durch den intensiven Kontakt mit den anderen Kindern. Die Erzieherinnen und Erzieher arbeiten viel mit Bilderbüchern, aber auch mit neuen Medien, um den Kindern die deutsche Sprache korrekt zu vermitteln. In unserer Linkliste geben wir auch Tipps, wo man geeignete Materialien finden kann. Die Verständigung mit den Eltern ist da deutlich schwieriger. Doch dabei können zum Teil Eltern mit Migrationshintergrund helfen oder noch besser sind Sprach- und Kulturmittler. Die kosten allerdings Geld. Zum Teil wird ihr Einsatz aber über die Kommunen finanziert. Die Stadt Leverkusen etwa zahlt einen Dolmetscher für das Erstaufnahmegespräch mit einer Flüchtlingsfamilie. Hier sollten sich die Erzieherinnen und Erzieher schlau machen, wie ihre Kommune damit umgeht. Unsere Liste enthält auch Informationen über den Einsatz von Sprach- und Kulturmittlern.

Experten gehen davon aus, dass mindestens 20 Prozent der Flüchtlingskinder traumatisiert sind. Wie sollten Erzieherinnen und Erzieher damit umgehen?

Helga Siemens-Weibring: Es macht natürlich Sinn, sich mit Traumatisierung zu beschäftigen. Daher bieten wir genau zu dem Thema auch Fachtagungen an. Am Montag hatten wir zu einer Tagung nach Düsseldorf mit einer Traumaexpertin eingeladen. Im Herbst wird es eine weitere Tagung geben, die sich mit kultur- und traumasensibler Pädagogik in der Kindertagesstätte beschäftigt. Es ist aber nicht Aufgabe unserer Erzieherinnen und Erzieher, traumatherapeutisch zu handeln. Posttraumatische Belastungsstörungen bei Kindern können nur von Experten behandelt werden. Wo man die findet, ist ebenfalls in unserer aktuellen Linkliste aufgeführt. Aber die Erzieherinnen und Erzieher können einen sicheren Ort für die Flüchtlingskinder schaffen. Einen Ort, an dem sie so angenommen werden, wie sie sind, an dem sie die Normalität eines Kita-Alltags kennenlernen und neue Freundinnen und Freunde finden können. 

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ekir.de / Sabine Damaschke / Fotos: Diakonie RWL / 03.02.2016



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