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Stolz halten die Kinder der Internatsschule in Wilejka ihre neuen Hefte in die Höhe. Stolz halten die Kinder der Internatsschule in Wilejka ihre neuen Hefte in die Höhe.

25 Jahre Weißrusslandhilfe

Tonnenweise Spenden und jede Menge Freundschaft

Die Protagonisten können es selbst kaum glauben: 25 Jahre gibt es das Projekt Weißrusslandhilfe der evangelischen Kirchengemeinde Holten-Sterkrade jetzt schon. Unter anderem wird eine Internatsschule unterstützt. Gemeinsam mit einer Delegation aus dem weißrussischen Wilejka wird am Wochenende rund um die Christuskirche gefeiert. 

Für Helferinnen und Helfer aus Deutschland gibt es im Internat eine feierliche Begrüßung. Für Helferinnen und Helfer aus Deutschland gibt es im Internat eine feierliche Begrüßung.

„Wir haben nie gedacht, dass das Projekt eine so lange Laufzeit haben würde“, sagt Wolfram Syben. Heute ist der 52-Jährige Schulpfarrer in Moers. Vor 25 Jahren machte er gerade sein Vikariat in der Gemeinde Holten-Sterkrade, als das Hilfsprojekt seinen Ursprung nahm. Auslöser war eine Begegnungsfahrt des damaligen Leiters des Jugendreferats des Kirchenkreises Oberhausen, Gerd Meyer, nach Weißrussland. Kurz nach dem Fall der Mauer und nur wenige Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hatte Meyer die Gelegenheit, dieses Land, das jahrzehntelang zur Sowjetunion gehört hatte und nun wieder eigenständig war, zu bereisen und mit den Menschen dort zu sprechen.

Frank Giga, damaliger Jugendleiter der Gemeinde Sterkrade und Mitinitiator des Hilfsprojekts, errinnert sich Meyers Erzählungen von der Reise: „Der kam wieder und meinte, die Versorgungslage dort sei komplett zusammen gebrochen.“ Die öffentlichen Einrichtungen wie die Kinderheime in Weißrussland hätten keine Idee gehabt, wie sie ihre Kinder satt bekommen sollen. „Das war für uns der Auslöser zu sagen: Kommt, wir machen was!“, berichtet Giga. Der 54-Jährige gehört noch heute zu der Gruppe, die einmal im Jahr mit mehreren Lastwagen nach Wilejka fährt und jeweils mehr als 20 Tonnen Hilfsgüter zur Internatsschule und zum Roten Kreuz vor Ort bringt.

Kernteam von Helferinnen und Helfern ist das ganze Jahr aktiv

„Anfang Dezember 1991 sind wir blind, blauäugig und mit der Unterstützung von vielen Menschen mit zwei 7,5-Tonnern Richtung Minsk gefahren - und sind tatsächlich auch angekommen“, erinnert sich Frank Giga. Einerseits war die spontane Hilfe damals wesentlich unorganisierter als heute. Andererseits waren auch die politischen Verhältnisse chaotischer. „Keiner an den Grenzen wusste so richtig, wie weit seine Kompetenzen noch gehen“, erzählt Giga. „Da sind wir dann mit gutem Willen, Gottes Unterstützung und ein bisschen Bakschisch irgendwie durchgekommen.“

Inzwischen steht die Belarus-Hilfe der Gemeinde Holten-Sterkrade auf sehr geordneten Füßen. Ein Kernteam von etwa zwölf Helfern und Helferinnen ist das ganze Jahr über aktiv: sammelt Spenden, packt Hunderte von Kartons und lagert sie ein, hält Vorträge in der Gemeinde und in Schulen, erstellt Listen, beantragt Visa, besorgt Zollpapiere und hält das ganze Jahr über Kontakt zu den Freundinnen und Freunden in Wilejka, damit klar ist, wo deren Bedarf am größten ist. Immer in den Herbstferien steht dann die große Transportfahrt an. 

Eine generalüberholte Industriewaschmaschine macht es einfacher, die Berge von Kinderwäsche zu bewältigen. Eine generalüberholte Industriewaschmaschine macht es einfacher, die Berge von Kinderwäsche zu bewältigen.

Hauptziel der Hilfe ist die Internatsschule Nr. 601. Dort haben rund 180 Kinder – Waisen und Sozialwaisen – und etwa 120 Lehrerinnen und Lehrer sowie Betreuerinnen und Betreuer ihren Lebensmittelpunkt. Viele der Kinder haben Sprach- und Bewegungsstörungen, Schilddrüsenerkrankungen, Missbildungen, Leukämie und Lernbehinderungen. „Wir bringen immer einen Gutteil an Lebensmitteln mit, die eine höhere Qualität haben als die vor Ort und weil die Schule überhaupt nicht ausreichend finanziert ist“, erläutert Pfarrer Wolfram Syben die Zusammensetzung der Spenden. „Das gleiche gilt für Kleidung“, sagt er weiter.

Das dritte sind Sachspenden für das Schulgebäude: „Farben, Dielen, Tische, Bänke, Stühle, Tafeln, Sportgeräte, Kacheln… Da ist eine Menge über die Jahre dorthin gekommen“, zählt Syben auf. Bei jedem Besuch in der Internatschule sehen die Helferinnen und Helfer aus Oberhausen, dass alle Materialien tatsächlich auch eingebaut und verwendet worden sind. „Wenn dort Sommerferien sind, ist das Lehrerkollektiv immer eingespannt, um Renovierungsarbeiten vorzunehmen: Da wird tapeziert und gekleistert und so weiter“, berichtet Syben.

Begegnung mit Menschen und mit der Geschichte

Deswegen habe sich dort auch wirklich viel verbessert. Die letzte große Spende war eine Industriewaschmaschine, die hier generalüberholt und dann dorthin transportiert worden ist, um die Berge von Kinderwäsche besser bewältigen zu können. Doch Syben weiß: „Es gibt andere Sachen, die gehen weit über unsere Möglichkeiten hinaus. Beispielsweise ist die ganze Heizungsanlage marode. Im Winter ist es dort teilweise nur acht Grad in den Klassenzimmern. Aber das sind Beträge, die sind nicht unsere Liga.“

Die Sachspenden für die Menschen in Wilejka sind eines. Aber für die Beteiligten hat das Projekt noch zwei weitere Wurzeln: Einerseits die Begegnung mit den Menschen in Weißrussland sowohl hier als auch dort. Andererseits die Begegnung aller mit der Geschichte.

„Ich habe einen meiner besten Freunde in Wilejka gefunden“, erzählt Gründungsmitglied Frank Giga, „das ist der Gennadi Petrachevich.“ 1994 haben sie sich zum ersten Mal getroffen. Seitdem haben sich nicht nur die beiden Männer, sondern auch ihre Familien eng angefreundet.

Besucher sind immer in Familien untergebracht

Diese menschlichen Begegnungen sind ein wichtiger Aspekt des Projekts. „Deswegen fahren wir auch immer mit relativ vielen Leuten da hin - mehr als nötig wären, um die Güter dorthin zu bringen“, erklärt Pfarrer Syben. Zusätzlich zum jährlichen Transport findet auch alle paar Jahre im Frühjahr eine Reise von Interessierten nach Wilejka statt, und natürlich kommen auch die weißrussischen Freundinnen und Freunde in regelmäßigen Abständen nach Oberhausen. Selbstverständlich sind auch sie dann in Familien untergebracht, so wie es umgekehrt in Wilejka auch der Fall ist. 

Die Hilfe kommt zu 100 Prozent an – das zu wissen, gibt allen Helfenden ein gutes Gefühl. Die Hilfe kommt zu 100 Prozent an – das zu wissen, gibt allen Helfenden ein gutes Gefühl.

Auch Antje Lizier, die seit viereinhalb Jahren Pfarrerin in der evangelischen Gemeinde Holten-Sterkrade ist, hat eine solche Begegnungsfahrt nach Wilejka schon mitgemacht. „Es war mir ein Anliegen zu wissen, wie die Menschen dort leben und wie es dort aussieht“, sagt sie. Diese persönliche Verbindung sei etwas Besonderes an dem Hilfsprojekt. „Die Menschen hier wissen, die Hilfe, die sie leisten, die kommt auch zu 100 Prozent dort an. Und sie haben die Menschen von dort auch immer mal hier gesehen und gesprochen“, erzählt die Pfarrerin.

Frank Giga berichtet, wie schön es für ihn sei, dass er auch den Vater seines Freundes Gennadi noch kennengelernt habe: „Der war Veteran im Zweiten Weltkrieg, hat damals seinen Arm verloren.“ Giga gibt unumwunden zu: „Das war für mich am Anfang ein bisschen schwierig. Ich wusste nicht, wie er auf mich reagieren würde als Deutscher. Anfangs war er schon reserviert, aber über die Jahre klappte das ganz hervorragend“, berichtet der Oberhausener. „Der war ein ganz netter, ganz freundlicher, super Typ und hat dann wohl auch gemerkt, dass der Deutsche nicht so ganz verkehrt ist.“

Hilfsprojekt und Friedensinitiative

Neben dem Ausladen der Spenden und den Festen mit den Kindern und Erwachsenen in Wilejka stehen daher auch jedes Mal Besichtigungen wie beispielsweise die der Gedenkstätte Chatyn, einem ehemaligen weißrussischen Dorf, dessen Bevölkerung von der SS im Zweiten Weltkrieg ermordet worden ist, auf dem Programm der Gruppe aus Oberhausen.

„Das ist eine andere inhaltliche Wurzel unseres Projekts: nicht nur die konkrete materielle Unterstützung, sondern auch zu wissen, dass im Zweiten Weltkrieg Deutsche dort gewesen sind, die mehr als ein Drittel der Bevölkerung ermordet haben“, reflektiert Wolfram Syben. „Es ist für uns ein großes Geschenk, dass wir jetzt so dorthin kommen dürfen und auf ganz andere Weise Kontakt und Freundschaft pflegen können. Von daher hat das Projekt auch etwas von Friedensinitiative und Völkerverständigung.“

All das wird am kommenden Wochenende mit Freundinnen und Freunden aus Wilejka – darunter die stellvertretende Direktorin der Internatsschule – in der Gemeinde Holten-Sterkrade bei einem Gottesdienst und mit einem Fest und vielen Begegnungsmöglichkeiten gefeiert. 

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ekir.de / Alexandra Stoffel / Fotos: Weißrusslandgruppe Kgm. Holten-Sterkrade / 19.05.2016



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