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Telefonseelsorge Der Griff zum Telefon und der Anruf bei der Telefonseelsorge hilft seit 60 Jahren Menschen in Krisensituationen.

Telefonseelsorge

"Was hat Sie denn nun zum Hörer greifen lassen?"

Ehrenamtlich Mitarbeitende aus aller Welt haben sich in dieser Woche in Aachen zum Weltkongress der Telefonseelsorge getroffen. Der Kongress steht unter dem Motto "Damit das Leben weitergeht". Seit 60 Jahren haben die Mitarbeitenden der Telefonseelsorge rund um die Uhr ein offenes Ohr.

Wenn das Telefon klingelt und er den Hörer abnimmt, dann legen die Anruferinnen und Anrufer gleich los. "Sie stellen sich nie vor", sagt Jochem H., der ehrenamtlich für die katholische Telefonseelsorge in Köln arbeitet. "Ich lasse sie dann erst mal reden, bis ich schließlich gezielt nachfrage: 'Was hat Sie denn nun zum Hörer greifen lassen?'" Die Nachfrage ist groß. Kaum hat der 64-Jährige ein Gespräch beendet, da ist bereits das nächste in der Leitung. "Und es gibt viele, die gar nicht durchkommen", sagt der Rentner. Er und seine Kölner Teamkollegen führen um die 20.000 Gespräche im Jahr.

Vor 60 Jahren entstand die erste Anlaufstelle in Deutschland, auf Initiative des Arztes und Theologen Klaus Thomas: Am 6. Oktober 1956 wurde die Telefonseelsorge Berlin als unabhängiger und gemeinnütziger Verein gegründet. Anlässlich des Jubiläums wird am Samstag, 23. Juli, 11 Uhr ein Ökumenischer Festgottesdienst im Hohen Dom zu Aachen gefeiert. Es predigt der Präsident der Diakonie-Deutschland, Ulrich Lilie.

Ängste, Einschränkungen und Beziehungsfragen

Mittlerweile gibt es 105 örtliche Stellen der Telefonseelsorge und rund 7.500 ehrenamtlich Mitarbeitende. "Ängste, seelische und körperliche Einschränkungen und Beziehungsfragen sind die häufigsten Themen der Gespräche", sagt Ruth Belzner, die Vorsitzende der evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge. Einige Anrufer sind akut suizidgefährdet. "Für Menschen in Krisensituationen verliert das Leben seine Orientierungskraft und Bedeutsamkeit", so beschreibt es Pfarrer Frank Ertel, der die ökumenische Telefonseelsorge in Aachen leitet.

Solche Anrufe seien für ihn die schwierigsten, sagt auch Telefonseelsorger Jochem H., der jeden Monat drei Schichten übernimmt, eine davon nachts. "Da muss man dann sehr präsent sein und gleichzeitig aufpassen, dass man nicht zu viel auf sich selbst projiziert."

Zum internationalen Telefonseelsorge-Kongress in Aachen hat die Telefonseelsorge der katholischen und evangelischen Kirche am Mittwoch ihre Broschüre "Suizidprävention - Damit das Leben weitergeht" veröffentlicht. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, schreiben im Vorwort der achtseitigen Schrift: "Als Christen glauben wir, dass das menschliche Leben ein kostbares Geschenk Gottes, unseres Schöpfers ist, für das wir gemeinsam Verantwortung tragen."

Die erste organisierte Telefonseelsorge entstand 1953 in einem anglikanischen Pfarrhaus in London: Der junge Pfarrer Chad Varah hatte gerade eine 14-Jährige beerdigt, die Suizid begangen hatte, weil sie ihre einsetzende Periode für eine Geschlechtskrankheit gehalten hatte. Später sagte Varah dazu: "Kleines Mädchen, ich kannte dich nicht, aber du hast mein Leben für immer verändert."

„Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an“

Er begann, Annoncen mit der Telefonnummer seiner Kirche in Londoner Zeitungen aufzugeben: "Bevor Sie sich umbringen, rufen Sie mich an." Schon bald konnte Varah den Ansturm von Anrufern nicht mehr allein bewältigen, so dass er freiwillige Helfer dazu holte. Seine Organisation "The Samaritans" hat heute mehr als 200 Niederlassungen in Großbritannien und Irland mit rund 20.000 Ehrenamtlichen.

Die Telefonseelsorge Deutschland ist Mitglied im europäischen Dachverband, der sich "International Federation of Telephone Emergency Services" (IFOTES) nennt und 1967 gegründet wurde. "Mehr als 420 Telefonseelsorge-Stellen mit rund 25.000 Freiwilligen sind innerhalb von IFOTES engagiert", sagt Präsident Stefan Schumacher. Zusammen nehmen sie fast fünf Millionen Anrufe im Jahr entgegen. Im Abstand von drei Jahren werden internationale Kongresse veranstaltet.

„Die Telefonseelsorge gewährleistet unserer Gesellschaft, dass es rund um die Uhr eine Gesprächspartnerin gibt, bei der ich mich mit meiner Not aussprechen kann“, sagte der Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Christoph Pistorius, am Dienstag bei der Eröffnung des 20. Weltkongresses Telefonseelsorge in Aachen und gratulierte dem Weltverband Telefonseelsorge im Namen der rheinischen Kirche zum 50-jährigen und dem deutschen Verband zum 60-jährigen Bestehen. Das in Deutschland ökumenisch organisierte Angebot gelte allen Menschen, unabhängig von ihrer religiösen Einstellung. Gott halte für jeden Menschen eine „grundlegend gute Nachricht“ bereit, so Pistorius.

In Deutschland wird die überwiegende Mehrheit der Einrichtungen von den beiden großen Kirchen geführt und finanziert. "Dabei arbeiten wir heute mit völlig anderen Voraussetzungen als früher", sagt Michael Hillenkamp, der Sprecher der katholischen Konferenz für Telefonseelsorge. Beratungen gibt es mittlerweile auch per Mail und im Online-Chat.

Rund 150 Unterrichtsstunden für ehrenamtlich Mitarbeitende

Bevor ehrenamtlich Mitarbeitende ihre Arbeit am Telefon aufnehmen, absolvieren sie eine einjährige Ausbildung. In rund 150 Unterrichtsstunden werden sie in Bereichen wie Selbsterfahrung, Gesprächsführung und Zuhörstrategien geschult. "Etwa 80 Prozent von ihnen sind Frauen", sagt Hillenkamp. "Viele haben selbst irgendwann eine Krise überwunden. Das ist für ihre Arbeit eine sehr nützliche Erfahrung - sie verstehen etwas vom Leben."

Auch Jochem H. hat diese Ausbildung durchlaufen. "Während der praktischen Phase haben wir uns zunächst neben einen erfahrenen Kollegen gesetzt und zugehört, wie er das macht", erzählt er. "Dann haben wir die Gespräche geführt, und der Kollege saß dabei und hat uns anschließend Feedback gegeben."

Jochem H. war vor seiner Pensionierung als Personalchef in einem Unternehmen tätig und hatte bereits viel Erfahrung als Gesprächscoach. "Nun mache ich das natürlich in einem ganz anderen Kontext, und das finde ich persönlich sehr bereichernd." Mit der Telefonseelsorge habe er etwas gefunden, "was mir Sinn gibt und den Anrufern auch".

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ekir.de / Barbara Driessen/epd, rtm / 22.07.2016



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