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Prof. Gerhard Besier in der Evangelischen Akademie im Rheinland. Prof. Gerhard Besier in der Evangelischen Akademie im Rheinland.

Akademietagung zu I. Weltkrieg

Verpönte Außenseiterposition

Engagement für den Frieden war vor und während des Ersten Weltkriegs in kirchlichen Kreisen eine eher verpönte Außenseiterposition. Das sagte Professor Dr. mult. Gerhard Besier auf der Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland zum Ersten Weltkrieg.

Bei seinem Vortrag ging der Theologe und Historiker auf die Rolle der Kirche vor und während des Krieges, dessen Beginn sich in diesem Jahr zum 100. jährt, ein und lenkte dabei den Blick insbesondere auf Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe es frühe Friedensinitiativen gegeben, beispielsweise die „Peace Maker“ in Großbritannien, auch zahlreiche christliche-pazifistische Versuche in Deutschland. Dazu sei u.a. das Engagement des Berliner evangelischen Theologen Friedrich Siegmund-Schultze zu zählen.

Doch diese erste ökumenische Bewegung wurde von den großen Kirchen nicht toleriert, sondern boykottiert. Besier: „Das Engagement für den Frieden galt als emotional kaum anmutendes Minderheitenanliegen.“ Seine Anhänger wurden als randständige Leute gewertet, dem linken Spektrum zugehörig und nicht staatskonform. Mit dem Kriegsbeginn 1914 sei der ökumenische Geist in den Kirchen „schier wie weggeblasen“ gewesen.

Erst in den 1930er Jahren, mit den ökumenischen Bewegungen "Life and Work" und "Faith and Order", Wegbereiter des heutigen Ökumenischen Rats der Kirchen, habe die Friedensbewegung wieder an Boden gewonnen.

Religiöse Kriegskultur

Auch die Positionen der etablierten Kirchen unterlagen einem Wandel: Angesichts der schweren politischen Spannungen im Europa des beginnenden 20. Jahrhunderts hätten sich die britischen, deutschen und schließlich auch die US-amerikanischen Kirchen um Versöhnung und Ausgleich bemüht, so Besier. Doch bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn schufen sie eine religiöse Kriegskultur.

Als Beispiel verwies er auf den protestantischen Theologen und Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität, Karl Gustav Adolf von Harnack. Bei Kriegsbeginn sprach Harnack von einem gerechten Krieg, einen bellum iustum: „Und wenn jetzt der Krieg mit ehernen Schritten entgegenkommt, wie nehmen wir ihn auf? Wir brauchen nur hinauszusehen auf die Straße! Ruhig, kräftig und jubelnd, weil ein unbestimmtes kräftiges Gefühl in jedem wallt, wenn einmal die Losung eines gerechten Krieges da ist!“

Nationale Kirchen verbürgten sich für je ihr Land

In jeder kriegsführenden Nation verbürgten sich die Kirchen für den Sieg ihres eigenen Landes. Durch die feste Zusage des „Gott mit uns“ gaben die nationalen Kirchen der jeweiligen kriegsführenden Nationen das Gefühl, das auserwählte Volk zu sein. Für diese Zustimmung zum Krieg unter den Theologen führte Besier mentalitätsgeschichtliche Gründe an. „Der Krieg hat der weitaus schon erkalteten christlichen Botschaft erneute Geltung verschafft.“

Besier nahm Bezug auf die soeben veröffentlichte fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie zeige insofern eine traurige Kontinuität. Die Kirchen seien seit dem 19. Jahrhundert einer permanenten Frustration ausgesetzt, indem sie immer wieder die Erfahrung der Irrelevanz machen müssten.

Sternstunde für die Kirchen

Vor diesem Hintergrund sei der Kriegsbeginn 1914 für die Kirchen zu einer „Sternstunde“ geworden, denn ihnen sei von Seiten der Politik und des Volkes die Rolle als einzig berufene Deuterin der Ereignisse zugebilligt worden. Gleichzeitig füllten sich die Kirchen wieder, weil die christlichen Traditionen für die Menschen sowohl Trost als auch Formeln zum Durchhalten und zur Ermutigung bereithielten.

„Opfer“ und „Opferfreudigkeit“ wurden neue Schlüsselworte der Theologen in Frankreich, in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie oder in Deutschland. Die religiösen Äußerungen der Soldaten an der Front spiegeln zahlreiche dieser Formeln wider. Doch: „Was die Soldaten wirklich glaubten, lässt sich nicht ausmachen.“

Als Erweckungserlebnis interpretiert

Die nationale Erregung bei Kriegsbeginn, das „August-Erlebnis“, sei von den Kirchen als Erweckungs-Erlebnis uminterpretiert worden: Nach schmerzlichen Marginalisierungserlebnissen erhoben die kirchlichen Institutionen in der Ausnahmesituation des Krieges umgehend den Anspruch auf eine autoritative Verstärkung und Deutung kollektiver Emotionen in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft – nicht zuletzt, um dort wieder an öffentlicher Geltung zu gewinnen. Kirche und Staat bildeten eine Einheit. Nicht nur das Vaterland, Gott selbst fordere den Einsatz für das Vaterland, war ein oft zu hörender Satz.

Dies gelte, so Besier, sowohl für die protestantische als auch für die katholische Kirche in Deutschland. Denn die Katholiken sahen in der Kriegssituation die Chance, ihre Unterlegenheitsgefühle gegenüber der preußischen protestantischen Staatskirche zu überwinden. Auch sie bekannten „Wir sind Deutsche“.

In der Folge Glaubwürdigkeitsverlust

Dass sich für Deutschland die religiös beglaubigten Verheißungen eines Sieges nicht erfüllten, habe zur Folge gehabt, dass die kirchlichen Akteure an Glaubwürdigkeit und Moralität verloren. Der Kriegsverlauf führte zu einer großen Distanz zwischen den Kirchenleitungen und ihren „Durchhalteparolen“ und dem Volk, das das Kriegsende wollte.

Schon 1915 war die Zahl der Gottesdienstbesucher abnehmend, 1917 war sie unter das Vorkriegsniveau gefallen. Die Niederlage 1918 war für die Kirchen in Deutschland eine religiöse Katastrophe und führte zu einer schweren Erschütterung der Volkskirchen. „Die christliche Gesinnung wanderte aus den Kirchen aus“, so Besier.

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ekir.de / hbl / 10.03.2014



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