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Integration In Stein gemeißelt: Zusammen mit Flüchtlingen haut Künstler Berthold Welter (links) im Leichlinger Stadtpark ein Gebet in Lava-Tuff.

Integration

„Um Gottes Willen, macht alle mit!“

Kirchliche Projekte helfen, geflüchtete Menschen zu integrieren. Sie leiten an, bieten Orientierung und schaffen Beziehungen – so wie die Werkstatt mit dem Leichlinger Künstler Berthold Welter. 

Freiwillige aus vielen Nationen bearbeiten den Stein. Freiwillige aus vielen Nationen bearbeiten den Stein.

Zwölf Millimeter breit ist die Spitze des Meißels. Mit dem Knüpfel, einem hölzernen Schlagwerkzeug für das Bearbeiten von Steinen, klopft Fayzullo das Eisen entlang des Buchstabens „B“. Ein „E“ sei einfacher aus dem Stein zu hauen, erklärt der 26-jährige Tadschike. „Da schlägt man geradeaus. Geht es rund, kann was abbrechen.“ Und dann schimpfe Chef Berthold, ergänzt er, und die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Bildhauer-Projekts im Stadtpark im rheinisch-bergischen Leichlingen stimmen ihm lachend zu.

Das Steinmetz-Projekt unter Anleitung des Leichlinger Künstlers und Steinmetz Berthold Welter ist ein Ergebnis eines Sprach- und Arbeitsprojekts für geflüchtete Menschen, die das Familien- und Erwachsenenbildungswerk im Evangelischen Kirchenkreis Leverkusen von April bis August durchgeführt hatte. Denn nach seinem Abschluss wollten manche Teilnehmenden gerne weitermachen. Und nun meißeln die Flüchtlinge jeden Mittwochnachmittag gemeinsam mit anderen Freiwilligen aus Leichlingen einige Sätze aus dem „Laudato si“ von Papst Franziskus in einen zwei Meter hohen Stein. Die Hälfte der insgesamt 860 Buchstaben haben sie bereits freigelegt. „Überflute uns mit Frieden, damit wir als Brüder und Schwestern leben“, ist unter anderem zu lesen

Fertigkeiten, die das Einleben erleichtern

Wie viele weitere Träger innerhalb der rheinischen Kirche setzt sich das Evangelische Familien- und Erwachsenenbildungswerk für die Integration von geflüchteten Menschen ein. „Wir wollen ihnen nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch Land und Leute näherbringen und Fertigkeiten vermitteln, die das Einleben erleichtern“, sagt Andreas Pollak, Leiter des Bildungswerks. Neben Deutschkursen bietet das Werk daher auch das viermonatige Sprach- und Praxisprojekt an, das pro Woche vier Stunden Deutsch lernen sowie zwei Stunden praktisches Werken umfasst. Den Praxisteil des Projekts leitet ehrenamtlich der Künstler Berthold Welter. In seinem Leichlinger Atelier „Kunstbüdchen“ bringt er den Flüchtlingen das Bearbeiten von Holz, Metall oder Stein bei. „Geschult werden dabei auch Arbeitstugenden wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Konzentration und Sorgfalt“, sagt Andreas Pollak.

Orientierung nach dem Chaos der Flucht

Und so wird Berthold Welter zum Chef. So nennen ihn jedenfalls die Flüchtlinge, auch wenn dem Künstler diese Bezeichnung nicht ganz behagt. „Ich verfechte eher das demokratische Prinzip, und bin für Gleichberechtigung im Team“, meint er verlegen. Doch für die Neubürger, die sich nach dem Chaos einer Flucht und dem Verlust ihrer Heimat in einer für sie fremden Umgebung wiederfinden, ist er eben zu einer Bezugsperson geworden. „Er bietet ihnen eine Orientierung“, sagt Bildungswerkleiter Andreas Pollak.

„Ich gebe keine Noten, führe aber Teilnehmerlisten und schreibe auf, wer kommt und wer pünktlich ist", sagt Welter. Und im persönlichen Kontakt erklärt er den Teilnehmenden immer wieder, wie wichtig die Sorgfalt für das handwerkliche Schaffen und die Zuverlässigkeit für das Wirken im Team sei. „Du musst kommen, wir brauchen Dich“, das sagt er den geflüchteten Menschen, und das spüren sie auch. Regelmäßig sind sie mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Werkstunden in das vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernte Atelier von Berthold Welter angereist. Und als der Bus einmal ausfiel, legten Fayzullo und der aus Westafrika stammende Moussa den Weg zu Fuß zurück.

Will das Zusammenleben mitgestalten: Gudrun Tschentscher. Will das Zusammenleben mitgestalten: Gudrun Tschentscher.

Die Flüchtlinge gut aufnehmen

Wie jeden Mittwoch sind die beiden auch an diesem Nachmittag beim Behauen des Tuffsteins im Stadtpark dabei. Einer anderer Flüchtling sei jetzt allerdings ausgestiegen, erzählt Künstler Welter. „Denn glücklicherweise hat er einen Praktikumsplatz in einem metallverarbeitenden Familienbetrieb in Leichlingen bekommen.“ Mehr ist allerdings nicht drin. Viele  Flüchtlinge würden gerne eine Ausbildung machen oder arbeiten. Doch das geht nicht, solange über die Asylanträge noch nicht entschieden wurde und ihr ganzes Leben in der Schwebe ist. Zum Schutz der Betroffenen in dieser Situation wird hier auch auf die Nennung der vollen Namen verzichtet.

Fayzullo setzt die Schutzbrille ab und spricht mit Berthold Welter über seine Zukunftspläne. Er will in Deutschland arbeiten und gerne etwas mit Holz machen. „Bei dem Arbeitsprojekt hast Du ja schon Schalen aus diesem Werkstoff hergestellt“, sagt der Künstler. „Schüsseln“, präzisiert der junge Tadschike. Und über seine fortschreitenden Sprachkenntnisse freut sich Gudrun Tschentscher, die gerade neben ihm ein „N“ in den Stein meißelt.

Die Leichlinger Seniorin macht regelmäßig beim Steinhauen mit. „Ich möchte, dass sich die Flüchtlinge bei uns gut aufgenommen fühlen“, erklärt sie ihr Engagement. Währendessen spricht ihr Ehemann Horst Tschentscher einige Passantinnten und Passanten an, die das Werken interessiert beobachten. „Machen Sie doch mit!“, ruft er ihnen zu. „Um Gottes Willen!“, entgegnet eine Dame. Horst Tschentscher lacht. „Ja, genau deswegen“, meint er. Denn um Gottes Willen sollten eigentlich alle bei solchen Projekten mitmachen.

Bürgerinnen und Bürger können sich gerne an der Bildhauer-Aktion beteiligen. Treffpunkt ist mittwochs um 16 Uhr der Stein im „Neuen Park“ neben dem Rathaus in Leichlingen.

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ekir.de / Text und Fotos: Sabine Eisenhauer / 14.10.2016



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