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Beim 'Freiraum' ist der Titel Programm. Hier wird geredet, gekocht, gegessen, gespielt oder getanzt. Ein Stück Freiraum vom grauen Alltag. Beim "Freiraum" ist der Titel Programm. Hier wird geredet, gekocht, gegessen, gespielt oder getanzt. Ein Stück Freiraum vom grauen Alltag.

Gemeindeprojekt für Geflüchtete

Ein guter Ort zum Warten

Seit einiger Zeit warten wieder viele Menschen in Deutschland. Auf die Entscheidung über den Asylantrag, den Auszug aus der Sammelunterkunft. Eine Kölner Initiative für Geflüchtete schafft ihnen Freiräume. Im WiNHaus INTERNATIONAL wird die Pfarrwohnung zum Begegnungsort.

Oft wird im WiNHaus miteinander gekocht und gegessen. Oft wird im WiNHaus miteinander gekocht und gegessen.

„Das muss kleiner sein.“ Rebend hat klare Vorstellungen, wie die anderen Freiwilligen ihm beim Kochen helfen sollen. Im WiNHaus INTERNATIONAL nennt man sich beim Vornamen und geht locker miteinander um. Aber beim Salat ist für den Informatiker, der heute die Kochgruppe leitet, Schluss mit lustig: In seiner Heimat werde der eben sehr kleingeschnitten serviert. Er macht es vor, würfelt Gurken und Tomaten. Währenddessen füllt sich der angrenzende Essbereich. Es werden am Ende nicht zwei oder drei sein, die da zusammenkommen. Knapp 40 Personen finden sich an diesem Abend ein. Sie spielen Karten, surfen im Internet und hören Musik. Die Stimmung ist gut, lebensfroh, es wird laut gelacht. Ein Stück Freiraum im grauen Alltag.

Im Kölner Stadtteil Nippes kümmern sich seit gut zwei Jahren Freiwillige um Geflüchtete in ihrer Nachbarschaft. Nicht nur humanitäre und Amtshilfe wird gebraucht. In den Turnhallen und Hotels stehen die Menschen unter großem Druck, so nehmen es die Helferinnen und Helfer von „Willkommen in Nippes“ wahr. Momente ohne die Enge, festen Regeln und Abläufe in den Unterkünften tun not. Gebraucht wurde ein Ort, um Vertrauen zu schenken und Beziehungen zu stärken. Hier kommt die Evangelische Kirchengemeinde ins Spiel. „Unser wichtigster Beitrag besteht darin, diesen Raum zu halten“, erklärt Miriam. Als Pfarrerin begleitet sie auf Gemeindeseite das Projekt. „Ansprechpartnerin: Miriam Haseleu“ steht deshalb in den Kontaktinformationen des WiNHaus INTERNATIONAL.

Innovative Raumnutzung

Im  WiNHaus gibt es Unterrichtsräume für Alphabetisierungs- und Sprachkurse. Im WiNHaus gibt es Unterrichtsräume für Alphabetisierungs- und Sprachkurse.

Im September 2016 öffnete die Gemeinde in Kooperation mit „Willkommen in Nippes“ eine ehemalige Pfarrwohnung als WiNHaus INTERNATIONAL. Über zwei Etagen verteilen sich Unterrichtsräume für Alphabetisierungs- und Sprachkurse für Deutsch und Arabisch. Die Asylverfahrenshilfe sitzt im Besprechungszimmer. Im PC-Pool kann man online Wohnungsgesuche schreiben. Die Eltern-Kind-Gruppe hat ein Spielzimmer. Für Meditation und Entspannung gibt es den Ruheraum. Im Keller stehen Waschmaschinen und Trockner bereit.

Die Gemeinde betreibt Fundraising zur Deckung von Betriebs- und Verwaltungskosten, unter anderem bei landeskirchlichen und kommunalen Trägern. Sie druckt Flyer und Plakate und half bei der Einrichtung des WiNHaus INTERNATIONAL. Über laufende Angebote entscheiden alle Engagierten im monatlichen Plenum. „Wer dabei ist, darf machen“, so Miriam. Grundlage der Entscheidungen sei die geteilte Vorstellung von Integration und der Wille, gemeinsam Gesellschaft zu gestalten.

Die „Freiräume“ an vier Abenden der Woche kommen besonders gut an. Ab 17 Uhr öffnen Freiwillige die umgestaltete Pfarrwohnung als Treffpunkt für Alteingesessene aus dem Viertel und Neuankömmlinge. Die Menschen können sich entfalten, essen und trinken, sich fallen lassen. Einfach mal sein. Rebends Essen wird gegen halb acht mit viel Appetit in großer Runde verspeist werden. Danach gibt es noch ein Fußballspiel, mit dem Beamer an die Wand geworfen.

Beim Kreativworkshop treffen sich Frauen zum Schneidern und Ausbessern. Beim Kreativworkshop treffen sich Frauen zum Schneidern und Ausbessern.

Auffallend gut erfüllt das WiNHaus INTERNATIONAL die Wünsche aller Beteiligten. In der Willkommensinitiative arbeiten alte und neue Nachbarn gemeinsam Konzepte für ihren Treffpunkt im Stadtteil aus. Kommt eine Idee nicht an, wird nachgesteuert. In der freien Wirtschaft nennt man das agiles Projektmanagement.

2015 hatte Annika mit einigen Mitstreiterinnen eine Kleiderkammer gegründet. Nach einer Phase erster Notversorgung kamen immer weniger Kunden. Dann entdeckten einige Frauen unter den Spenden eine Nähmaschine. Sie fragten begeistert, ob sie sie nutzen könnten. Das Team nahm die Idee auf, wie Annika berichtet: „Im neuen WiNHaus INTERNATIONAL haben wir gleich einen Kreativworkshop für Frauen gestartet.“ Nun treffen sie sich wöchentlich zum Schneidern und Ausbessern. Eine Teilnehmerin arbeitete früher in der Textilbranche. Jetzt gibt sie ihr handwerkliches Können anderen Frauen im Viertel weiter.

Geschichten von Menschen in Gottes großem Haus

Es gibt viele Themen, zu denen geflüchtete Menschen ihren neuen Nachbarn etwas erzählen können. Mowaffaq kennt sich mit arabischer Popmusik aus. Er legt jeden Mittwoch im WiNHaus INTERNATIONAL auf. Es gebe dort eine rege Szene, erzählt er. Streamingdienste machen die aktuellen Studioproduktionen auch in Deutschland zugänglich. Die meisten Songtexte handeln von Liebe: mal unerfüllt – er liebt sie, sie ihn aber nicht -, mal unglücklich, wenn die Familien dagegen sind. Und natürlich fröhliche Titel für Hochzeiten und Familienfeiern. Sehr tanzbar sei der Choboy. Wie Mowaffaq geht es allen im „Freiraum“: „Ich muss tanzen, wenn ich ihn höre!“

Das WiNHaus INTERNATIONAL ist gleichzeitig Ort des Austauschs für die vielen Helferinnen und Helfer. Wie soll man umgehen mit den Fluchtgeschichten? Daneben geht es um ganz Praktisches. In einem Camp verpassen Geflüchtete, die zum Sprachkurs gehen, mittags die Essensausgabe. Hossein gibt einen Tipp weiter: „In anderen Unterkünften besprechen die Bewohner das mit dem Heimleiter. Das Küchenteam teilt dann morgens Lunchpakete aus. Man muss sich nur melden.“ Die Patinnen und Paten geben die Information an die Geflüchteten weiter.

Die Offenheit im WiNHaus INTERNATIONAL setzt sich im Stadtteil fort. Shahzad hatte schon zu seiner Collegezeit Freiwilligenarbeit gemacht. Jetzt arbeitet er sonntags im Café International mit. Auf dem Nachhauseweg winken ihm die unterschiedlichsten Menschen nach. „Meine Mitbewohnerin sagte dazu, sie wohnt seit acht Jahren in Nippes und kennt nicht so viele Leute“, erzählt Shahzad ein wenig belustigt.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche fordert 2017 dazu auf, sich mehr Zeit zu nehmen: „Augenblick mal! Sieben Wochen ohne Sofort!“ In dieser Woche soll man sie aufwenden, um den Menschen im anderen zu sehen, so die Internetseite der Fastenaktion. Darum geht es auch im WiNHaus INTERNATIONAL: einander begegnen, Toleranz einüben, sich gegenseitig verstehen. Das muss behutsam geschehen. „Schnell geht hier gar nichts. Außer ein Kaffee“, bestätigt Miriam lachend. Im WiNHaus INTERNATIONAL nehmen sie sich die Zeit. Und das kommt an, in Nippes und darüber hinaus.

 

Mehr fotografische Eindrücke vom WiNHaus INTERNATIONAL gibt es in der Bildergalerie. Einfach durchklicken!

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ekir.de / Text; Kathrin Reinert, Fotos: Anna Siggelkow / 23.03.2017



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