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Landessynode 2014

Auf dem Weg zu einem Leben in Fülle

Erklärung der Evangelischen Kirche im Rheinland gemäß Beschluss 56 der Landessynode 2014

Einleitung

In Fortführung der Beschlüsse der Landessynode „Wirtschaften für das Leben“ (2008) und „Chancen für eine gerechtere Welt“ (2011) sowie im Horizont der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Busan/Republik Südkorea (2013) und in besonderer Würdigung des 80. Jahrestages der Barmer Theologischen Erklärung (2014) suchen wir angesichts der aktuellen Herausforderungen der Wirtschaftsordnung nach Selbstvergewisserung als Kirche.

Die hier vorliegende Erklärung verstehen wir als Zeugnis unseres Glaubens. Ihr Ziel ist die gegenseitige Stärkung und Vergewisserung unserer gemeinsamen Hoffnung auf ein Leben in Fülle (Joh 10,10). Als Evangelische Kirche im Rheinland formulieren wir damit zugleich unseren Glauben im Angesicht ungerechter Strukturen, die der Transformation bedürfen. Indem wir unseren Glauben angesichts der Globalisierung bekennen, tragen wir dazu bei, den spirituellen Prozess der Wandlung und Veränderung zu befördern und treten so auch selbst in diesen Prozess ein.

1. Wahrnehmung der Wirklichkeit
Wir nehmen wahr

Wir nehmen die ungerechten Strukturen in unserer Welt wahr: Die Kluft zwischen Reich und Arm wird immer tiefer, zwischen den Kontinenten, den Nationen und innerhalb der einzelnen Länder, auch bei uns. Trotz der Verringerung der Armut in Schwellenländern gibt es immer mehr Menschen, die ohne Arbeit und Einkommen leben müssen und ihre existentiellen Grundbedürfnisse nicht befriedigen können. In unserer eigenen wohlhabenden Gesellschaft beobachten wir zunehmend Unzufriedenheit, Existenzängste, Depressionen, Stress, Ohnmachtsgefühle, Entsolidarisierung und Gewalt sowie wachsende Armut von Teilen der Bevölkerung.

Wir sehen auch die ökologische Zerstörung. Sie drückt sich aus in dem von den reichen Industrienationen verursachten Klimawandel, im Raubbau an Ressourcen und im Verlust von Biodiversität.

Ungerechtigkeit und Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschen sind Ursachen für Unfrieden, Verteilungskämpfe, Flucht und Vertreibung, Menschenhandel und moderne Sklaverei sowie für Gewalt in und zwischen Staaten. Davon sind vor allem Frauen und Kinder betroffen.
Wir hören die Klage unserer Geschwister weltweit und auch in Europa, die unter Ungerechtigkeit, Unfrieden und Naturzerstörung leiden.

Wir bezeugen mit unseren Müttern und Vätern
Die Kirche ist die Gemeinde von Schwestern und Brüdern. Diese Gemeinschaft besteht weltweit. In der Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus ist sie insbesondere an die Geringsten unter den Geschwistern gewiesen.

Wir stellen fest
Unsere heutige Welt wird dominiert durch eine Konzentration wirtschaftlicher, kultureller, politischer und militärischer Macht. Dies dient den Interessen mächtiger Konzerne, Nationen, Eliten und privilegierter Personen, schützt und verteidigt sie, während die Schöpfung ausgebeutet wird, Menschen missachtet und sogar geopfert werden. Es ist ein Wirkungsgefüge, das von Eigennutz und Gier, Vergötzung von Geld, Gut und Eigentum getragen wird. In ihm werden Konsum und Wachstum wie eine Heilsbotschaft gepredigt und durch eine mächtige Propaganda verbreitet.

Dieses Herrschaftssystem beruht auf Strukturen, Mechanismen und Konzepten, die von Menschen für ihr Wohlergehen geschaffen werden, sich aber verselbständigen, sich gegen sie wenden und Macht über sie ausüben:

  • Aus der Erfahrung, dass Menschen für ihr Leben arbeiten und wirtschaften müssen, wird das Menschenbild des ausschließlich auf die Maximierung seines Eigennutzes orientierten homo oeconomicus konstruiert.
  • Der Markt als wirksames Instrument zur effizienten Verteilung von Ressourcen und Gütern wird zu einem Prinzip erhoben, dem sich die Menschen in allen Belangen zu unterwerfen haben.
  • Das Geld, praktisches Tauschmittel auf dem Markt, löst sich von der Realwirtschaft und entwickelt eine Eigendynamik, die Realwirtschaft und Gemeinwohl bedroht.
  • Das Streben, menschliche Bedürfnisse besser zu befriedigen, wird verkehrt in ein Wachstum um jeden Preis.
  • Aus dem Einsatz von Produktionsmittel und Geld zur Erzeugung von Gütern wird die Gewinnmaximierung und ständige Vermehrung von Kapital als Selbstzweck.
  • Aus dem Respekt vor der Natur, die der Mensch für sein Leben benötigt, wird die Ausplünderung und Verschwendung der Ressourcen der Natur.
  • Aus dem Staat, der für Recht und Frieden sorgen soll, wird durch Deregulie-rung, Liberalisierung und Privatisierung der „schlanke Staat“, der die Verwertungsbedingungen des Kapitals optimieren soll. Er soll aktiv werden, um Gewinne in den Händen weniger zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren.

Diese Verkehrung lebensdienlicher Strukturen in natur- und menschenfeindliche Mächte gibt sich als alternativlos. Mit dem Heilsversprechen auf ein besseres Leben versucht sie, die Menschen für sich einzunehmen.

Solche Mechanismen und Prinzipien bestimmen nicht nur Wirtschaft und Politik, sondern auch unser Inneres, so dass sie unser Fühlen, Denken und Planen prägen und wir zugleich Getriebene und Treibende sind. Trotz allem Bemühen können wir als Einzelne uns dem kaum entziehen.

2. Theologische Reflexion
Wir begreifen

Wir begreifen diese Strukturen im Lichte der Heiligen Schrift als „herrenlose Gewalten“: allein von Menschen verantwortet und ins Werk gesetzt als Instrumente der Selbsterhaltung, am Ende aber unkontrollierbar und sich gegen die Menschen und die Natur richtend. Auch wenn Menschen versuchen, in Verantwortung vor Gott zu leben, können sie die Erfahrung machen, dass sich ihr Planen, Wollen und Tun verselbständigt und gegen sie kehrt oder dass sie verstrickt sind in verselbständigte, unkontrollierbar gewordene Strukturen, Sachzwänge und Zusammenhänge.

Wir lesen in der Schrift
Die biblische Tradition kennt und benennt Zusammenhänge, die für Menschen unkontrollierbar sind und sie unfrei machen. Sie bezeichnet sie als Mächte und Gewalten, auch als Götzen, deren Macht gegen die Macht Gottes steht.

Das erste Gebot (2. Mose 20,2) ruft die Menschen in Gottes Machtbereich: Gott allein als den Herrn anerkennen heißt, seiner Weisung zu folgen, anderen Mächten und Gewalten zu widerstehen und Gerechtigkeit zu tun. Im Exodusgeschehen hat Gott sein Volk aus Sklaverei und Entfremdung befreit. In Kreuz und Auferstehung hat er „die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus“ (Kol 2,15). Die Mächte und Gewalten existieren und wirken auf Erden weiter, aber ihnen ist grundsätzlich der Stachel genommen. Die, die an Gott glauben, sind aus ihrem Machtbereich befreit und erlöst.

Die biblische Tradition stellt sich in vielfältiger Weise gegen Mächte und Machtansprüche und setzt ihnen Grenzen:
Maßstab des Menschengerechten ist Christus als das Ebenbild Gottes (Kol 1,15). Der Mensch empfängt und erhält sein Leben durch Gottes Gnade. Wo das vergessen wird, versucht er sich selbst zu schaffen durch eigene Leistung und zu erhalten durch seine Autonomie. Er verliert sein Maß, und auch das, was er tut, hat kein Maß.

So wird Wachstum im Neuen Testament in Bezug zu Christus gesetzt: „Lasst uns wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“ (Eph 4,15), wobei „jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maß seiner Kraft“ (Eph 4,16). Wachstum wird so beschrieben als ein Prozess, dem Ziel und Maß gegeben sind. Wo das ignoriert wird, wird Wachstum grenzenlos, ziellos und maßlos, und damit unmenschlich.

Jesu messianische Praxis zerbricht die Marktlogik: In der Erzählung von der Speisung der 5.000 (Mk 6,35-44) kommen die Jünger nur darauf, Lebensmittel zu kaufen bzw. die Menschen zum Kaufen zu schicken. Jesu Lösung macht den Handel für den Moment überflüssig. Einer beginnt zu teilen, die 5.000 werden aus dem Vorhandenen satt. Geld verliert seine Dominanz. Wo aber Geld seine Dominanz behält und ausbaut, wird es zum ‚Mammon’ (Lk 16,13), zum Götzen, der unfrei macht. Gott zu dienen ist mit dem Dienst am Mammon nicht vereinbar.

Die Begrenzung der Macht des Geldes, des Erfolgs und des Wachstums spiegelt sich in den biblischen Weisungen zum Sabbat, zum Sabbatjahr und zum Jobeljahr: Allem Wirtschaften wird durch Unterbrechung und periodisches Rückgängig-Machen eine Grenze gesetzt. Wo diese Unterbrechung unterbleibt, erleben wir eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die den Wert des Menschen nach seiner Leistungsfähigkeit bemisst. Die nicht-ökonomischen Lebensbereiche verlieren ihr eigenes Maß.

Die politische Ordnung und der Staat soll nach Paulus dem Wohl der Menschen dienen („dir zugut“ Röm 13,4). Wo er das tut, gebührt ihm Loyalität. Wo er das nicht tut und einseitigen Wirtschaftsinteressen keine Grenzen setzt, ähnelt er dem Tier aus dem Abgrund, das alle der Logik des Mammon unterwirft (Offb 13, 16f).

Werden Geld, Markt, Wachstum und Staat im biblischen Sinn wirksame Grenzen gesetzt, können sie ihre lebensdienliche Funktion entfalten.

Wir glauben
Gemeinsam mit der weltweiten Christenheit glauben wir: Weder Mächte noch Gewalten können uns scheiden von der Liebe Gottes (Röm 8,38f); seine Gerechtigkeit gilt seiner ganzen Schöpfung und umschließt alles, was Menschen für eine heile Existenz brauchen. Jesus Christus, unser Herr, eingesetzt „über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft“ (Eph 1,21) ist das Leben der Welt. Der Heilige Geist ist unser Beistand in Widerstand und Solidarität und tröstet uns, er tut uns die Augen auf, dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist (Joh 16,8.11).

Wir bezeugen mit unseren Müttern und Vätern
Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu Eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.

3. Konsequenzen für uns als Kirche
Wir bekennen unsere Schuld

Wir sind verstrickt und eingebettet in das System von Eigennutz und Vergötzung von Macht, Geld und Eigentum, das auch den Prozess der Globalisierung bestimmt. Wir haben uns in ihm eingerichtet, profitieren davon und unterstützen es mit unserem Handeln. Das Denken in den Kategorien von Effizienz, Rationalität und Wachstum gewinnt Herrschaft über uns. In unserem eigenen Wirtschaften lassen wir uns von neoliberalen Prinzipien leiten. Wir suchen die Nähe zu den Vertreterinnen und Vertretern von Konzernen und Staat, ohne sie durch unsere Sichtweisen allzu sehr zu verstören. Wir versäumen unsere Aufgabe, die Natur zu bewahren. Wir verfehlen unseren Auftrag, unserem Herrn Jesus Christus den Weg zu bereiten. Das ist unsere Schuld gegenüber Gott und den Menschen.

Wir haben uns auf den Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung verpflichtet. Trotz unserer Impulse und Beschlüsse, zu widerstehen und etwas zu verändern, richten wir unser Handeln noch zu selten an diesen Zielen aus. Wir unterlassen, wozu wir uns verpflichtet haben. Das ist zugleich persönliche Schuld und politisches Versagen.

Wir bezeugen mit unseren Müttern und Vätern
Wir sind von Jesus Christus aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen befreit. Die Kirche darf ihre Botschaft, ihre Ordnung und ihr Handeln nicht den jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen. Das muss auch für die Wirtschaftsordnungen gelten.

Es wird uns befreien
Es wird uns als Kirche befreien, den biblischen Ruf zur Umkehr zu hören, auf die Gnade Gottes zu vertrauen und damit zu beginnen, die Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu leben. Der dreieinige Gott lädt uns zur Teilnahme an seiner lebensspendenden Mission ein. Die Kraft des Heiligen Geistes treibt uns zu Zeugnis und Handeln an. Sie verwandelt uns. Sie verhilft uns zum Widerstand gegen alle Leben zerstörenden Werte und Systeme, wo immer sie am Werk sind - auch in unseren Kirchen - und transformiert sie. Sie befreit uns dazu, für Gottes Ökonomie des Lebens zu streiten und nicht dem Mammon zu dienen. Als verwandelnde Spiritualität ermöglicht sie uns:

  • für das „Genug für alle“ und gegen die Vergötzung von Leistung einzutreten;
  • für den Vorrang des Gemeinwohls und gegen schrankenlosen privaten Reichtum einzutreten;
  • gegenüber den Verantwortlichen in Staat und Wirtschaft mahnende Distanz zu wahren, um sie konsequent an Gottes Reich, Gottes Gebot und Gerechtigkeit erinnern zu können;
  • gegen die Vergötzung des „dominium terrae“ die Eigenständigkeit der Natur anzuerkennen.

Indem wir dies tun, entlarven wir die falschen Herren, legen Zeugnis gegen sie ab und widerstehen ihnen in der Freiheit der Kinder Gottes (Röm 8,21).

So werden wir Verletzungen, die wir durch unser ungerechtes Handeln nicht nur anderen, sondern auch uns selbst zufügen, erkennen und lindern, und unsere Heilung kann schnell voranschreiten (Jes 58,8).

Wir sind uns darüber im Klaren
Wir sind uns darüber im Klaren: Nachfolge hat ihren Preis. Der Weg zu einem Leben in Fülle wird schwierig sein und uns etwas kosten.

4. Konsequenzen im Blick auf Gesellschaft, Wirtschaft und Staat
Wir lehnen ab

Wir lehnen jede Wirtschafts- und jede Gesellschaftsordnung ab, die Gottes Bund, Gerechtigkeit und Weisung untergräbt, indem sie strukturelle Gewalt fördert und nicht dem Leben aller dient. Deshalb weisen wir die ungebändigte Gier nach Gewinn, Konsum und Naturnutzung zurück. Wir weigern uns, das herrschende Wirtschaftssystem mit seiner Menschenfeindlichkeit als alternativlos hinzunehmen.

Wir bezeugen mit unseren Müttern und Vätern
Der Staat hat die Aufgabe, nach dem Maße menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen.

Wir treten ein
Wir treten für eine Politik,

  • die auch gegenüber den entfesselten Mächten der Wirtschaft ihre Verantwortung für Gerechtigkeit und Recht, Teilhabe und Frieden weltweit wahrnimmt;
  • die die Menschen- und Bürgerrechte wahrt und sich global mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dafür einsetzt;
  • die durch die aktive Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger gestaltet werden;
  • in denen demokratische Prozesse und Institutionen den Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft in einem gerechten Frieden gewährleisten.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 27. Mai 2014. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 27. Mai 2014. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / 21.01.2014



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