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Landessynode 2009

Im Wortlaut: Andacht von Polizeipfarrerin Claudia Kiehn

gehalten anlässlich der 59. Landessynode am Freitag, 16. Januar 2009, in Bad Neuenahr

Liebe Synodalgemeinde,
dass Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte Grund haben, über diese Welt voller Tod, Gewalt und Leid zu klagen, darin kann sich sicher jeder schnell einfühlen. Dass sie Ihre Klagen vor Gott bringen, war vielleicht nicht schon für jeden im Bewusstsein. Dass sie Ihre Klagen heute vor und mit einer rheinischen Synode vor Gott bringen, das ist ein Novum und etwas Besonderes.
Schließlich hat es Zeiten auch in unserer Landeskirche gegeben, in der dies  für manche undenkbar gewesen wäre, mit Menschen, die in unserem Auftrag Waffen tragen, zu fühlen, mit ihnen gemeinsam Andacht und Gottesdienst zu halten oder gar auch an ihrer Seite zu stehen, zum Beispiel während der Castortransporte im Wendland oder beim Weltwirtschaftgipfel.
Ich bin dankbar, dass diese Ressentiments gegen eine Berufsgruppe, die unser Zusammenleben schützt, inzwischen weitgehend überwunden sind.
Vorbehalte gegen bestimmte Berufsgruppen finden sich auch im biblischen Text der fortlaufenden Bibellese, der mir für heute aufgegeben worden ist. Dort geht es um die Berufsgruppe der Zöllner. Und auch die waren angefeindet.

Im Lukasevangelium im 5. Kapitel steht in der fortlaufenden Bibellese für den heutigen Tag in den Versen 27-32:
27 Und danach ging er hinaus und sah einen Zöllner mit Namen Levi am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! 28 Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach. 29 Und Levi richtete ihm ein großes Mahl zu in seinem Haus, und viele Zöllner und andre saßen mit ihm zu Tisch. 30 Und die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten murrten und sprachen zu seinen Jüngern: Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern? 31 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. 32 Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.
Ohne den Text von den Zöllnern zur Polizei all zu sehr zu verbiegen; ein paar Gedanken zur Polizeiseelsorge müssen gestattet sein:
Als kontrollierend und abzockend waren Zöllner verschrien – etwas, was viele heute der Polizei mit ihren bei uns nicht unbedingt beliebten Geschwindigkeits- und Gurt- und Handykontrollen auch heute oft vorwerfen.
Lästig waren die Zöllner und unangenehm der Kontakt  mit ihnen. Vielleicht so wie für uns manche Begegnung mit der Polizei. Bei wem löst der Anblick eines Polizeiwagens im Rückspiegel nicht das schlechte Gewissen aus und der Blick geht nicht unwillkürlich zu Tachonadel?
Zöllner damals und Polizisten heute, zwei oft genug angefeindete Berufsgruppen, die, wenn auch in ganz unterschiedlicher Weise, am Rande der Gesellschaft standen bzw. stehen.
Zwar nehmen Polizeibeamte heutzutage bei Umfragen, welche Berufsgruppe, welche Institution hohes Ansehen und hohes Vertrauen in der Bevölkerung genießt einen der vordersten Plätze in den Rankinglisten ein – und das noch vor uns Pfarrerinnen und Pfarrern!

In ihrem Dienstalltag aber schützt sie dieses Ansehen nicht vor abwertenden Bemerkungen, offenen Anfeindungen oder gar roher Gewalt. Und sie sind – das haben wir eben in den Klagen gehört – dem Strafverfolgungszwang ausgesetzt. Das heißt, sie sind immer „dran“ – es gibt keine Pause für sie, keine Möglichkeit auch einfach einmal über Straftaten hinwegzusehen. Das macht es für Freundschaften und manchmal sogar in der eigenen Familie nicht immer einfach ... und das kann einen schon einmal an den Rand drängen.

Ich stelle mir vor, wäre Levi auf Reisen gegangen, er hätte vielleicht nicht erzählt, was er beruflich macht. Das geht Polizisten oft nicht anders. Besonders junge Beamtinnen und Beamte erzählen mir, dass beim Urlaub oder Diskobesuch die lapidaren Aussage, „Ich arbeite beim Land“ in einem Ton von „Frag’ jetzt nicht weiter“ angenehmer ist, als sich als Polizist zu offenbaren.
Aber nicht nur Polizisten sind angefeindet. Auch die, die sich mit ihnen – wenn auch in kritischer Distanz – als Polizeipfarrerinnen und Polizeipfarrer solidarisieren, werden zuweilen immer noch hart angefragt. Und besonders in der Vergangenheit mussten sich Polizeipfarrer rechtfertigen, wenn sie von Mitchristen gefragt wurde „Wie kannst Du nur mit solchen Menschen zusammen sein?“
Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern?
Ja: Wie kann ich nur mit solchen Menschen bei der Polizei zusammen sein? Mit Menschen, die Waffen tragen, die Macht ausüben und diese deshalb auch missbrauchen können, die ihre Seelen dem Übel dieser Welt aussetzen müssen und die dabei manchmal tatsächlich kontaminiert werden und dann Fehler machen oder gar Böses tun.
Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern?
Wie kann ich nur mit solchen Menschen zusammen sein?

Wie könnte ich nicht? Wenn es doch bei Lukas heißt:
Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.

Nun will ich weder sagen, dass die Zöllner damals noch dass die Polizisten heute Kranke sind und Sünder und wir nicht!
Aber die Menschen in der Polizei bedürfen der Unterstützung unseres Gottes, der von sich gesagt hat: Ich bin der HERR, dein Arzt. (2.Mose 15, 26)

Zumindest für die Polizistinnen und Polizisten kann ich das sagen: Polizeibeamtinnen und
-beamte tragen ein erhöhtes Risiko zu erkranken an Leib und Seele, und sie tragen ein erhöhtes Risiko sich schuldig zu machen in dieser Welt.
Ein erhöhtes Risiko, zu erkranken, weil die dienstlichen Anforderungen, z.B. die eigenen Gefühle zurückzuhalten fast unmenschlich hoch sind. So muss die entsetzliche Angst, erschossen werden zu können, in einem gefährlichen Einsatz ebenso verdrängt werden wie der Würgereiz und der Ekel, der einen bei dem Anblick einer verwesenden Leiche fast unvermeidlich überkommt. Die niederdrückende Traurigkeit über eine kleine Kinderleiche muss im Einsatz verdrängt werden und erst recht die Wut über den Kinderschänder, der bei einer Vernehmung süffisant grinsend und mit der Gewissheit vor einem sitzt, dass die Polizei ihm eh’ nichts nachweisen könne.
Polizistinnen und Polizisten müssen funktionieren!
Wenn aber für diese Gefühle kein Raum ist, wenn niemand sich dafür interessiert, nachfragt, ermutigt, wenn wir als Kirche dies nicht tun, dann entstehen „Schwarten auf der Seele“, an denen Polizisten-Ehen zerbrechen, Polizisten-Kinder verzweifeln und deretwegen wir als Bürgerinnen und Bürger vielleicht mit plötzlichen Wutausbrüchen oder auch nur Gefühllosigkeit von Polizistinnen und Polizisten erleben müssen.
Auch besteht ein erhöhtes Risiko, schuldig zu werden. Zum einem wegen des Arbeitsfeldes überhaupt. Wer – so wie Sie und ich – keine Waffe trägt, wer – wie wir – an die Polizei delegieren kann, das ggf. auch auf Menschen geschossen werden muss, weil unser Leben nicht anders geschützt werden kann, der hat es leicht, seine Hände in Unschuld zu waschen.
Wer Polizist wird, der muss in weit höherem Maße als wir alle damit rechnen, sich schuldig zu machen, weil er Gewalt anwenden muss, um seinen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen. Und wenn sich die „Schwarte auf der Seele“ bei Polizistinnen und Polizisten erst einmal gebildet hat, erhöht sich das Risiko, sich schuldig zu machen, noch einmal zusätzlich.

Denn mit Worten einer indischen Schriftstellerin (Chirtra Banerjee Divakaruni) gesagt: „Wenn das Herz von eigenem Schmerz verkrustet ist, ist es leicht nichts für andere zu empfinden.“
Und ich ergänze: Wenn das Herz von eigenen Schmerz, Trauer oder von eigener Wut verkrustet ist, ist es leicht, nichts für andere zu empfinden und sich auch entsprechend zu verhalten! Dann kommt es leicht zu Unachtsamkeiten, zu Verletzungen der Menschenwürde und schlimmstenfalls zu Gewaltmissbrauch.

Wenn ich von den Risiken dieses Berufs spreche und von dem, was im schlimmsten Falle durch die Polizei geschehen kann, möchte ich aber auch nicht unerwähnt lassen, dass die meisten Polizistinnen und Polizisten ihren Dienst nach wie vor mit einer Menschenfreundlichkeit und Liebe tun, die unsere größte Bewunderung verdient.
Ich denke zum Beispiel an einen Polizeibeamten, der mich fast zu Tränen gerührt hat, als er einem überaus aggressiven, auch gegen die einschreitenden Polizeibeamten gewalttätigen Straftäter (Ich hatte Angst!!), der nun zur Sicherheit aller mit auf dem Rücken gefesselten Händen da saß, eine seiner Zigaretten anzündete und ihm diese wiederholt an den Mund führt, ruhig mit ihm sprach und ihn langsam „runterredete“.

Erstaunlich ist doch: Die Polizei arbeitet oft an den gleichen Gefährdungen und Bedrohungen unseres Lebens, denen auch Gott seine besondere Aufmerksamkeit schenkt. Natürlich arbeitet die Polizei mit ihren eigenen Methoden und ihrer eigenen Motivation.
Aber es gibt auffallende Parallelen zwischen den  Kernerfahrungen der Polizei in ihrer Arbeit und den Kernerfahrungen Gottes mit uns Sündern: Diebstahl, Betrug, Raub, Mord, Lügen, Hass, Borniertheit, Hinterlist, Betrug, Unmenschlichkeit, Macht – Ohnmacht, Leid, Schuld, Schmerz, Tränen, Wut, Verlassensein, Heimtücke, Arglist, Spott, Korruption usw. usw.
Wenn ein Polizeibeamter seine Arbeit tut, dann trifft er auf dieselben Menschen, Situationen, Konstellationen, zu denen auch Gott unterwegs ist.

„Folge mir nach!“ hatte Jesus kurz und knackig zu Levi gesagt. Folge mir nach! Und Levi zögert nicht lange, verlässt alles und folgt ihm nach.

Ganz so einfach ist es in der Polizeiseelsorge nicht. Wir reden mehr, müssen werben und uns vertraut machen, mit den Menschen, die wir ansprechen.
Polizeipfarrerinnen und Polizeipfarrer rufen in vielfältiger Weise zur Nachfolge Jesu. Drei Beispiele:
1. Wir ermutigen Polizistinnen und Polizisten, ihrem Mensch-Sein vor Gott Raum zu geben – mit allen Gefühlen, die zu dieser menschlichen Existenz gehören. Wir sagen ihnen dabei die Gegenwart Gottes zu, der gerade dort präsent ist, wo die Welt aus dem Lot geraten ist, wo Not, Leid und Gewalt uns zu beherrschen scheinen.
2. Wir sprechen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten zu, dass sie diese Welt nicht aus eigener Kraft und alleine retten können. Der Gerechtigkeitssinn vieler von ihnen ist sehr, sehr ausgeprägt, und sie verzweifeln an der Ungerechtigkeit in dieser Welt. Gott ist, der gerecht macht. Wir sollen daran mitwirken und nicht nachlassen, uns für Gerechtigkeit einzusetzen. Aber die Erlösung von der Ungerechtigkeit dieser Welt liegt allein in Gottes Hand.
3. Wir laden die Menschen in der Polizei ein, ihre Klagen und Nöte immer wieder vor Gott zu bringen; in Gottesdiensten, Andachten, Stille-Seminaren, in Räumen der Stille in Polizeipräsidien und damit herauszutreten aus dem Dienstalltag in den Vorhof des Reiches Gottes.

Bei Lukas lässt Levi alles zurück und dann lädt er Jesus zu einem Festmahl ein.
Wie Jesus von Levi eingeladen wird, so sind wir als Kirche, als Polizeipfarrerinnen und Polizeipfarrer eingeladen von der und in die Polizei. Wie Levi wusste, dass Jesus etwas von ihm will – sein Leben nämlich –, so weiß die Polizei auch, dass wir etwas von ihr wollen. Nämlich unser christliches Verständnis von Leben, Lebendigkeit und der Würde des Lebens zu ihnen zu bringen. Dabei sind sie auf Kritik gefasst, und dennoch lassen sie uns in ihr System; laden uns ein, sie in ihrem Polizeidienst ungeschönt und in all seiner Härte zu erleben. Das finde ich ein großes Geschenk. Und das unterscheidet diese Polizeien unseres Landes gravierend von vielen anderen Polizeien dieser Welt.
Ich bin sehr glücklich, dass wir diese Einladung der Polizei in Zukunft stärker und verlässlicher werden annehmen können, als vor der Errichtung der neuen Polizeipfarrstellen.

Zum Schluss:
Die Arbeit in der Polizei, als Polizistin oder als Polizist, aber auch als begleitende Polizeipfarrerin kann hart, belastend und traurig sein. Dennoch lässt sich in der Polizei gleichzeitig – vielleicht als Gegengewicht zu den vielen beschwerenden Erfahrungen im Polizeidienst –  viel Humor und Witz finden.
Ich bin geübt im polizeilichen Humor und hoffe daher, dass ich niemanden mit einer etwas weit hergeholten Assoziation verletze, aber ich musste doch sehr lachen, als mich der Pressesprecher unserer Landeskirche darauf aufmerksam machte, das der Satz „Folge mir nach!“ eine polizeiliche Entsprechung hat: Die unübersehbar blinkende Leuchtschrift „Bitte folgen“.
Ich persönlich jedenfalls werde diesen polizeilichen Schriftzug nie mehr sehen können ohne dabei an die Worte Jesu zu denken, der die Zöllner, die Polizei, Sie und mich auffordert, ihm bedingungslos und vertrauensvoll zu folgen. „Bitte folgen!“
Umzukehren in unserem Leben, wo wir falsche Wege eingeschlagen, falschen Mächten vertraut und falsche Dinge getan haben.

Die Polizei braucht unsere kirchliche Begleitung. Und wir brauchen die Polizei, damit ein einigermaßen friedliches Leben in unserer unerlösten Welt gelingen kann.
Gemeinsam aber brauchen wir die Zuwendung Gottes an uns Menschen, denn wer von uns will sich ausnehmen – sich als gesund, sündlos und gerecht bezeichnen.
Gemeinsam brauchen wir die Zuwendung Gottes an uns Menschen, die uns annimmt in all unserer Unzulänglichkeit, mit unseren Fehlern, und der uns Umkehr ermöglicht. Bis zum letzten Atemzug.
„Bitte folgen“.
Amen.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 24. Februar 2010. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 24. Februar 2010. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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