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Einstieg
Landessynode 2008

Vom Traum der Entgrenzung

Die Menschen werden immer älter, die Lebensbedingungen verbessern sich – das eigentliche Problem der Globalisierung sei der uralte Traum nach Entgrenzung und nicht ihre Folgen, so Prof. Dr. Miegel auf der Landessynode 2008.

Globalisierung hat nicht nur Schattenseiten: Prof. Dr. Meinhard Miegel auf der Landessynode 2008. LupeGlobalisierung hat nicht nur Schattenseiten: Prof. Dr. Meinhard Miegel auf der Landessynode 2008.

Miegel, seit 1977 Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, reagierte damit auf die Vorlage der Synode zu Globalisierung „Wirtschaften für das Leben“. „Diese Vorlage hat mich mitunter befremdet. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass wieder einmal nur die Symptome behandelt werden, die eigentliche Krankheit aber unbeachtet bleibt“, so Miegel.

Die Vorlage sehe Wirtschaften für das Leben als neue Aufgabe und Herausforderung. Das heutige Wirtschaften diene aber doch dem Leben, so Miegel. Dank Industrialisierung und Globalisierung seien die Bevölkerungszahlen explosionsartig gestiegen - sie hätte sich seit 1960 mehr als verdoppelt. Ebenso die Lebenserwartung, auch hier könne man von einer Verdoppelung sprechen.

Darüber hinaus aber könne man von einer „beispiellosen Erfolgsgeschichte" sprechen, so Miegel, von der „beispiellosen Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen“.

Globalisierung mehrheitlich gewollt

„Sind also alle Klagen über negative Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung nur Hirngespinste?“, fragte Miegel rhetorisch. Die Klagen hätten durchaus eine reale Fundierung. Durch die Globalisierung sei keine heile Welt entstanden. „Jedoch sollten wir auch nicht so tun, als kämen wir von einer heilen Welt her“, betonte der Professor.

Globalisierung verbessere das Leben der Menschen in der Mehrzahl der Fälle, so Miegel. Und zwar nachhaltig. Aber: „Natürlich gibt es auch Verlierer“, so Miegel. Von diesen Verlierern sei in der Vorlage der Synode ausführlich die Rede – „und es gehört sicher zu den Pflichten eines Christenmenschen, ihr Los zu verbessern“, unterstrich der Jurist. Jedoch: „Das eigentliche Problem der Globalisierung ist, dass sie weltweit mehrheitlich gewollt ist“, betonte Miegel. Genau darin läge das in der Vorlage nicht angesprochene Problem.

Vom Traum der Entgrenzung

Vortrag vor dem Plenum der 58. Landessynode der EKiR in Bad Neuenahr. Vortrag vor dem Plenum der 58. Landessynode der EKiR in Bad Neuenahr.

„Aber was ist da gewollt?“, hakte Miegel nach. Für den Juristen und Sozialwissenschaftler sei dies vor allem eine theologische oder zumindest religiöse Frage. „Im Grunde geht es nämlich bei der Globalisierung wieder einmal um den uralten Menschheitstraum - den Traum der Entgrenzung“, so Miegel. Traum und Albtraum zugleich. Der Mensch bemühe sich, Gott unbegrenzt zu denken, „aber der Mensch wollte ebenfalls Entgrenzung erfahren“, so Miegel. Jegliche Hybris und nachfolgende Katastrophe - angefangen beim Sturz aus dem Paradies - würde den Menschen jedoch nicht von „weiteren Entgrenzungsaktionen“ abringen lassen.

Das Abenteuer unserer Zeit

Weitere Entgrenzungsaktionen, weitere Abenteuer des Menschen seien „das Streben nach immerwährendem grenzenlosem wirtschaftlichem Wachstum“, erläuterte Miegel. „Der Wunsch nach Wachstum kennt keine Grenzen.“ Und sollte die wirtschaftliche Wachstumskraft einmal erlahmen, ginge man hinaus in alle Welt, um neue Wachstumsquellen zu erschließen. „Das ist die Essenz der Globalisierung“, so sein Fazit.

Auf Unmenschlichkeiten der Globalisierung hinzuweisen und alles zu unternehmen, diese zu überwinden, sei recht und billig, räumte er ein. Wichtiger sei es jedoch, das Augenmerk auf die Säulen der Globalisierung zu lenken: Verbesserung der Lebensbedingungen – auch wenn da noch Raum für Veränderung sei - sowie die schier unersättliche Gier nach Entgrenzung und materiellem Wachstum.

„Betroffen hiervon sind vor allem wir, die Völker der früh industrialisierten Länder“, erläuterte Miegel. Von hier sei die Globalisierung ausgegangen – und „bisher waren wir auch deren größte Nutznießer. Und nicht nur einige wenige, nicht nur eine hauchdünne Oberschicht. Alle.“

Globalisierung nicht mehr schick

„Globalisierung – das war für uns bislang eine komfortable Einbahnstraße“, erklärte der Referent. Nun hätte jedoch „Gegenverkehr“ eingesetzt, Globalisierung sei nicht mehr schick, auch wenn „wir nicht daran denken, freiwillig auch nur eine Stufe von dem hohen Turm herabzusteigen, auf dem wir uns so bequem eingerichtet haben“.

Auf Lohnerhöhung in ärmeren Produktionsländern und damit verbundener Preissteigerung in unserem Land würde ebenfalls mit Lohnerhöhung reagiert. Das treibe die Preise weiter nach oben - „auf den schlichten Gedanken, dass wir auf das Eine oder Andere verzichten müssen, kommen nur wenige“. Es bliebe bei der Illusion, der materielle Wohlstand sei weiter zu steigern – und zugleich könnte die Menschheit auf westliches  Niveau aufsteigen. Sein Appell: „Lassen wir uns also etwas Tauglicheres einfallen als die Strategie der Anpassung der Menschheit an unsere Wünsche!“

Der zweite Akt

„Der Mensch wird seinen Verstand intensiver und erfolgreicher nutzen müssen als bisher“, resümmierte Miegel. Und: Die Völker der früh industrialisierten Länder müssten wieder lernen, zu teilen, abzugeben und sich mit weniger zu bescheiden. „Gerade auf die Kirchen kommt hier eine Herkulesarbeit zu – aber wir dürfen ja hoffen.“

 

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 24. Februar 2010. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 24. Februar 2010. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

mai / 24.02.2010



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