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Heute vor hundert Jahren begann der Völkermord in Namibia:

Kirche fordert Bundesregierung

Die Bundesregierung soll sich im Namen Deutschlands der Verantwortung für die Verbrechen des Deutschen Reiches in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, stellen. Dazu fordert sie die Evangelische Kirche im Rheinland am 100. Jahrestag des Beginns des antikolonialen Widerstands namibischer Völker auf. Ökumene-Dezernent Wilfried Neusel: „Die Bundesregierung muss sich der Geschichte stellen und sich endlich entschuldigen.“ Die Haltung der Bundesregierung nennt der Oberkirchenrat eine „Unverblümtheit des Zynismus“. Bundesaußenminister Joschka Fischer hatte im Oktober 2003 bei einem Besuch in Namibia eine Entschuldigung für den Genozid an den Völkern der Herero, Damara und Nama abgelehnt, weil sie „entschädigungsrelevant“ sei. Man werde „nicht zu Geiseln der Geschichte“, hatte Außenminister Fischer mitgeteilt, aber möglicherweise werde die Entwicklungshilfe noch einmal aufgestockt.

Am 12. Januar 1904 begann der antikoloniale Widerstand gegen die deutsche Zwangsherrschaft. Von 80.000 Herero überlebten nur 15.130 den Befreiungskrieg, der 1908 endete, 13.000 von 30.000 Damara und 9.780 von 20.000 Nama. Fachleute bezeichnen den Krieg als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Ein bisschen mehr Entwicklungshilfe – das wertet Oberkirchenrat Neusel als bloßes „Beruhigungsmittel“. Zum Stichwort „Geiseln der Geschichte“ ist der Theologe überzeugt: solche will auch Gott nicht. Allerdings würden Täter von der Last der Vergangenheit „nicht zum Nulltarif“ frei. „Aussitzen und Ausschwitzen von Genozid im heißen Namibia ist nicht der Weg Gottes“, formuliert er scharf. Die Opfer des deutschen Vernichtungskriegs und ihre Nachkommen hätten ein Anrecht auf Gerechtigkeit – und damit auch auf Entschädigung.

Die frühere Rheinische Missions-Gesellschaft, eine der Vorgängerinstitutionen der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), deren Mitglied die rheinische Kirche ist, hatte seit 1842 in Namibia gearbeitet und sich während Krieg und Völkermord in einer zwiespältigen Rolle verstrickt. Denn die Rheinische Missions-Gesellschaft, eigentlich in Diensten der Gemeinden der einheimischen Bevölkerung, arbeitete mit den deutschen Kolonialbehörden zusammen. So sammelte sie zum Beispiel Überlebende, die dann in Konzentrationslagern der Kolonialregierung interniert wurden. Ein großer Teil der Gefangenen starb in den Lagern. 1990, zur Unabhängigkeit Namibias, haben die VEM und ihre deutschen Mitgliedskirchen in einer Erklärung ihre Mitschuld an Kolonialismus, Rassismus und Apartheid in Namibia bekannt.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 12. Januar 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 12. Januar 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.



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