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Landessynode 2007

Von Müttermythos und Zeugungsstreik

Ein Appell an die Kommunalpolitik stand heute Nachmittag im Mittelpunkt des Vortrags von Prof. Dr. Uta Meier-Gräwe, Professorin an der Universität Gießen, zum Hauptthema der Landessynode „Familie“.

Prof. Uta Meier-Gräwe LupeProf. Uta Meier-Gräwe

Sie forderte „ein klares Bekenntnis aller kommunalen Akteure zur Zielgruppe Familie“. Ob sich die nachwachsende Generation für Lebensentwürfe mit Kindern und damit für die Übernahme von „generativer Sorgearbeit“ entscheide, hänge maßgeblich von der Attraktivität der vorhandenen Arbeits- und Lebensbedingungen in ihrem unmittelbaren Umfeld ab, so die Soziologin.

Vor Ort sei der zeitliche Bedarf an verlässlicher Betreuung erheblich gestiegen – zu Lasten der Frauen, so Meier-Gräwe. Es mangele an der Synchronisation von Arbeitszeiten, Betreuungs- und Schulzeiten, Arzt- und Behördenterminen, Erledigungen zur täglichen Versorgung und Sport- und Freizeitaktivitäten. „Diese Situation erzeugt Zeitstress und ist Ausdruck der gesellschaftlich nicht gelösten Vereinbarkeitsproblematik. Es sind meist Frauen, die diese Ungleichzeitigkeiten austarieren müssen,“ erläuterte die Wissenschaftlerin.

Arme Kinder: Zu viel an Familie, zu wenig kindgerechte Angebote

Woher kommt der „Gebärstreik“ der Frauen in Deutschland, gepaart mit einem „Zeugungsstreik“ der jüngeren Männergeneration? Die Professorin sieht die Ursache in einer „Familienideologie“ mit der These, dass es für das gedeihliche Aufwachsen eines Kindes am besten sei, wenn seine eigene Mutter eine Rund-um-Betreuung übernimmt, ergänzt durch den Besuch eines Halbtagskindergartens.

Vor allem für Kinder in sozial schwachen Verhältnissen stellte sie fatale Folgen fest: „Die Privatisierung der Kinderfrage und der ausgeprägte westdeutsche Müttermythos haben gerade für Kinder aus benachteiligten Herkunftsverhältnissen und mit Migrationshintergrund oft ein Zuviel an Familie und ein Zuwenig an kindgerechten und familienergänzenden Betreuungs-, Bildungs- und Förderangeboten hervorgebracht.“

Vorbeugung gegen Armut

Ihre Forderungen: Vorbeugung gegen Armut von der gezielter Frühförderung über eine verlässliche Begleitung und Unterstützung von Kindern aus armen Familien in der Schulzeit bis hin zu einem gelingenden Ausbildungsabschluss, vernetzt mit Angeboten aufsuchender Familienhilfe und Familienbildung für Eltern.

Die Schaffung einer kommunalen „familien- und personenbezogenen Dienstleistungsinfrastruktur“ solle auch in arbeits- und sozialpolitische Strategien einfließen. Das ergebe gleich drei positive Wirkungen: eine „Ermutigungsstrategie zum Leben mit Kindern für Akademikerinnen und Akademiker“, eine systematische und Folgekosten sparende Armutsprävention sowie „rationalisierungsresistente Beschäftigungschancen“ für unterschiedliche Qualifikations- und Berufsgruppen.

Lesen, schreiben, rechnen - und leben

Kritik äußerte die Referentin nicht nur an der bisherigen Familien- und Arbeitsmarktpolitik, sondern auch an einer einseitig auf die Vermittlung von Kompetenzen fixierten Pädagogik. Eine ausgewogene Pausen- und Mittagsverpflegung „am Lern- und Lebensort Schule“ stünde in ihrer Bedeutung der Vermittlung von notwendigen Kompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen keineswegs nach.

Kinder seien in den Schulen stärker in den Prozess der Mahlzeitenzubereitung einzubeziehen. „Der Tatbestand, dass heute bereits zwischen sieben und zehn Prozent der Kinder adipös (fettleibig) und weitere 25 bis 30 Prozent übergewichtig sind, zeigt den Ernst der Lage hinreichend an“, so Meier-Gräwe. 

Rückzug der Männer aus der Familie

Angesichts des „Rückzugs der Männer aus der Familie“ forderte sie „Erfahrungs- und Lernfelder von fürsorglicher Praxis“ für Jungen und junge Männer: „Nur so lässt sich ein gesellschaftliches Leitbild umsetzen, das Männer und Frauen für die Erwirtschaftung ihres Unterhalts durch eigene Erwerbsarbeit gleichermaßen verantwortlich macht wie für die anfallenden Fürsorgeverpflichtungen gegenüber Kindern, kranken und pflegebedürftigen Familienmitgliedern.“

Der Landessynode liegt ein Positionspapier zum Thema Familiengerechtigkeit vor. Darin geht es um Forderungen an die Gesellschaft und Selbstverpflichtungen der Kirche.

 

 

 

 

es /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 8. Januar 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 8. Januar 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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