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Einstieg
Landessynode 2008

Globalisierung: Vortrag Prof. Konrad Raiser

Sperrfrist: Dienstag, 8. Januar 2008, Beginn des Vortrags. Es gilt das gesprochene Wort.

Hohe Synode, liebe Schwestern und Brüder, meine Damen und Herren,
Die Arbeit zum Thema der Globalisierung bei dieser Synodaltagung ist, wie Sie wissen, Teil eines weit verzweigten und noch andauernden ökumenischen Prozesses. Ich habe deshalb als Thema für meinen Vortrag die Frage gewählt, die der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) bei seiner Vollversammlung in Harare 1998 an den Anfang der Diskussion zum Thema der Globalisierung gestellt hat: „Wie leben wir unseren Glauben im Kontext der Globalisierung?“  Die Kirchen in Deutschland waren und sind eingeladen, sich aktiv an diesem Prozess zu beteiligen, der durch die Entschließungen der 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra (2004) und der 9. Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre (2006) sein gegenwärtiges Profil erhielt.
Das Materialpaket zur Vorbereitung für diese Synode enthielt Verweise auf die bisher veröffentlichten Stellungnahmen von Seiten der EKD und einzelner Landeskirchen, ebenso wie auf das Memorandum europäischer Delegierter bei der Vollversammlung des ÖRK und das Positionspapier der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) aus dem Jahr 2005 unter dem Titel „Europäische Kirchen leben ihren Glauben im Kontext der Globalisierung“. Ich verzichte auf Angaben zu weiteren Diskussionsbeiträgen aus anderen Kirchen, möchte Sie aber hinweisen auf ein von der EKD-Kammer für nachhaltige Entwicklung ausgearbeitetes Positionspapier mit dem Titel „Wirtschaft im Dienst des Lebens. Christliche Perspektiven einer menschen- und umweltgerechten Entwicklung im Zeichen der Globalisierung“. Der Text war von der Kammer für die Vollversammlung des ÖRK ausgearbeitet worden, wurde dann aber vom Rat der EKD nicht zur Veröffentlichung freigegeben.
Angesichts der für diese Synodaltagung ausgearbeiteten „Stellungnahme“ brauchen wir uns nicht lange aufzuhalten mit Definitionen, sowie mit der historischen und aktuellen Einordnung der Globalisierung. Die öffentliche Debatte, auch im Umfeld der christlichen Kirchen und der ökumenischen Bewegung, konzentriert sich vor allem auf die Globalisierung im Bereich der Wirtschaft und des Finanzsystems. Die Herausbildung und Ausbreitung eines weltweit vernetzten, offenen Marktes von Gütern, Dienstleistungen und Finanztransaktionen ist das Resultat eines Entwicklungsprozesses, der politisch gewollt und gefördert wurde. Ich denke vor allem an die Abkehr vom System der festen Währungsparitäten Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, an die Ablösung der neo-klassischen Orientierung der Wirtschaftspolitik durch den Monetarismus in den späten 70er Jahren, an die gezielte Liberalisierung des Finanzmarktes, verstärkt durch die Möglichkeit Computer gestützter Transaktionen in Echtzeit, und natürlich auch an die weitgehende Beseitigung von Handelsbarrieren im Rahmen der Welthandelsorganisation. 
Der Prozess wurde entscheidend gefördert durch die Politik der internationalen Finanzinstitutionen, besonders des IWF und der Weltbank. Die dabei leitenden wirtschaftspolitischen Prinzipien der Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung wurden Anfang der 80er Jahre im informellen „Washington Konsensus“ zusammengefasst. Seit dem Ende des Kommunismus und damit auch der ideologischen Konkurrenz zwischen den beiden wirtschaftlichen, und politischen Systemen hat sich diese wirtschaftspolitische Orientierung weltweit durchgesetzt. Die dahinter stehenden politischen und wirtschaftlichen Interessengruppierungen, vor allem in Europa und den USA, haben es verstanden den Eindruck zu erwecken, als gäbe es hierzu keine Alternative und haben damit aus der Globalisierung ein Projekt  hegemonialer Herrschaftsausübung gemacht. Die Reizworte in der Debatte, d.h. „Neoliberalismus“ und „Imperium“, verweisen auf diesen ideologischen und machtpolitischen Zusammenhang.
Die problematischen Auswirkungen dieser „marktradikalen“ Politik sind oft beschrieben worden und müssen hier nicht im Einzelnen analysiert werden. Im Vordergrund der kritischen Diskussion steht vor allem die wachsende Konzentration von Kapitalvermögen in immer weniger Händen, sowohl national wie international, und damit zugleich die weiterhin zunehmende Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich. Unter der Maxime des „shareholder value“ hat sich ein Verständnis wirtschaftlicher Tätigkeit herausgebildet, das in erster Linie auf die Vermehrung des Kapitalwertes und erst sekundär auf den gesellschaftlichen Nutzen ausgerichtet ist. Nur noch 2% der weltweiten Finanztransaktionen sind bezogen auf Produktion und Handel. Die Krisenanfälligkeit dieses spekulativen globalen Kapitalmarktes lässt sich inzwischen nicht länger übersehen. Gleichzeitig hat sich der globale Wettbewerb verschärft durch das Auftauchen neuer Konkurrenten in Asien, vor allem China und Indien. Außerdem stellt die Notwendigkeit wirksamer, kollektiver Strategien zur Begrenzung der globalen Klimaveränderung die bisherige wirtschaftpolitische Ausrichtung vor fundamentale Herausforderungen.
Allmählich beginnt sich die Einsicht durchzusetzen, dass die Politik des so genannten „Washington Konsensus“ ein Teil des Problems ist und nicht länger als Rezept für die Lösung der globalen Ungleichgewichte angesehen werden kann. Änderungen werden mit steigendem Nachdruck eingefordert. Da die gegenwärtige Form der wirtschaftlichen Globalisierung durch bewusste politische Entscheidungen ermöglicht und befördert wurde, kann sie daher auch im Licht der inzwischen gesammelten Erfahrungen korrigiert werden. Der „Washington Konsensus“ formulierte kein Naturgesetz oder einen unausweichlichen Sachzwang. Die Behauptung, es gebe keine Alternative, dient der Verteidigung von Machtinteressen und ist nicht das Ergebnis einer nüchternen und kritischen Prüfung der Zusammenhänge.
Man sollte sich freilich nicht zu schnell beruhigen mit der Versicherung des früheren Chefökonomen der Weltbank und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz, dass nicht die Globalisierung das Problem sei, sondern die Art und Weise ihrer bisherigen Gestaltung. Jedenfalls reicht es nicht aus, wenn mit den Millenniums-Entwicklungszielen die Armutsbekämpfung wieder als Priorität globaler Wirtschaftspolitik anerkannt wird. Die bisher dafür eingesetzten Instrumente sind kaum geeignet, das Ziel einer Halbierung der absoluten Armut weltweit bis zum Jahr 2015 zu erreichen. Noch offenkundiger ist das Fehlen des politischen Willens zu einer strukturellen Veränderung der internationalen Finanzarchitektur und zur Durchsetzung eines verbindlichen, rechtlichen Rahmens für die globale Wirtschaftsordnung. Die hinter der gegenwärtigen Form der wirtschaftlichen Globalisierung stehenden Interessen werden ihre erworbenen Machtpositionen nicht einfach auf Grund besserer Einsicht oder ethischer Verantwortung preisgeben. Der sich hier abzeichnende Konflikt geht über die Fragen geeigneter politischer Strategien zur Transformation der Globalisierung hinaus. Er berührt fundamentale Aspekte des menschlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft und des Verhältnisses zur außermenschlichen Natur. Die Kirchen und ihre Mitglieder können und dürfen dieser Herausforderung nicht ausweichen.

II
Überblickt man die bisher vorliegenden Erklärungen, mit denen Kirchen und ökumenische Organisationen auf die wirtschaftliche Globalisierung und ihre Auswirkungen reagiert haben, so zeigt sich eine breite Übereinstimmung im Blick auf die vertretenen Grundpositionen. Der Titel der Ihnen vorliegenden Stellungnahme, „Wirtschaften für das Leben“, bringt die Zielrichtung prägnant zum Ausdruck: Wirtschaft darf kein Selbstzweck werden, sondern sie steht, wie auch die Politik, im Dienst menschlichen Lebens in der Gemeinschaft mit anderen Menschen und in Wechselwirkung mit der natürlichen Mitwelt. Dieses grundlegende Kriterium der „Lebensdienlichkeit“ wird in den meisten vorliegenden Stellungnahmen nach zwei  Richtungen hin entfaltet, nämlich durch die Maximen des „Menschengerechten“  und der „Nachhaltigkeit“.
Für die theologische Begründung legt es sich für viele der Stellungnahmen nahe, anzusetzen bei der biblischen Grundaussage, dass alle Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen sind und daher eine unveräußerliche Würde und ein fundamentales Recht auf Leben haben. Damit verbindet sich die Einsicht, dass Gott den Menschen die Verantwortung übertragen hat, die bewohnte Erde als „Haushalt des Lebens“ zu bewahren und daher für den Schutz und die Förderung allen Lebens einzutreten. Die theologische Ethik vermeidet es jedoch zu Recht, eine spezifische Wirtschaftsordnung religiös zu legitimieren.
Im Blick auf die Ordnung der Wirtschaft bedeutet die Maxime des „Menschengerechten“, dass alles Wirtschaften dem menschlichen Recht auf Leben gerecht werden muss. Als allgemeinen Maßstab des „Menschengerechten“ und damit als generelle Antwort auf die ethische Forderung der Gerechtigkeit verweisen viele der Stellungnahmen auf die Menschenrechte, wie sie in den internationalen Pakten für bürgerliche und politische, sowie für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte verbindlich festgeschrieben sind. Die Stellungnahme für die Synode fasst diesen Ansatz im Abschnitt II.2.4. zusammen unter dem Titel „Beteiligungsgerechtigkeit durch Verwirklichung der Menschenrechte“, und das eingangs genannte Positionspapier der Kammer für nachhaltige Entwicklung spricht programmatisch von der Aufgabe der „Globalisierung der Menschenrechte“, d.h. der „Umsetzung der universellen Menschenrechte unter den Bedingungen der Globalisierung“. Damit wird die im konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung bekräftigte „vorrangige Option für die Armen“ nicht nur als ein ethisches Kriterium sondern als ein Rechtsanspruch der Betroffenen unterstrichen.
Die Maxime der „Nachhaltigkeit“ ist vor 20 Jahren von der internationalen Kommission für Umwelt und Entwicklung in die Diskussion eingeführt worden. Sie entspricht der im konziliaren Prozess formulierten „vorrangige Option für den Schutz und die Förderung des Lebens“. Alles Wirtschaften muss mit seinen Eingriffen in die natürlichen Haushalte und in seinen Auswirkungen so gestaltet sein, dass Leben für alle, und d.h. Menschen, Tiere und Pflanzen, in Zukunft unbegrenzt möglich ist. Gegenwärtig konzentrieren sich die Auseinandersetzungen vor allem auf die Begrenzung der Klimaveränderung und den Schutz der Artenvielfalt.
Die ethische Leitlinie „Wirtschaften für das Leben“ muss über die beiden Maximen des Menschengerechten und der Nachhaltigkeit hinaus noch weiter präzisiert werden, nämlich im Blick auf die wirksame Kontrolle der Ausübung und Konzentration von Macht in und durch globale wirtschaftliche Strukturen. Alle Machtausübung, und dies gilt auch und gerade für  strukturelle wirtschaftliche Macht, muss sich verantworten vor dem Maßstab, ob sie der Lebensfähigkeit und d.h. dem Gemeinwohl der menschlichen Gemeinschaft dient. Ein Einsatz wirtschaftlicher Macht, der Menschen und ganze Gesellschaften zum Verlust jeder Eigenständigkeit und zu struktureller Armut verurteilt, sowie Raubbau an den natürlichen Ressourcen und den öffentlichen Gütern (z.B. Wasser, Luft) betreibt, verwirkt seine ethische Legitimität. Für die ökumenische Diskussion liegt hier die Verknüpfung zwischen den Bemühungen um eine „Globalisierung der Gerechtigkeit und der Solidarität“ einerseits und der gemeinsamen Suche nach Wegen zur Überwindung von Gewalt andererseits; denn wirtschaftliche Macht, die sich der kritischen Prüfung ihrer Legitimität anhand der genannten Maßstäbe entzieht, wird als strukturelle Gewalt erfahren.
Die Kirchen sehen sich in der Nachfolge Jesu Christi und als Zeugen für die in Jesus Christus bereits angebrochene neue Wirklichkeit des Reiches Gottes dazu berufen, für die Verwirklichung von Gerechtigkeit, Frieden und  Bewahrung der Schöpfung einzutreten und dies in ihren Beziehungen untereinander sichtbar zu machen. Als Teil ihrer jeweiligen Gesellschaften sind die Kirchen jedoch eingebunden in die widersprüchlichen Auswirkungen des Globalisierungsprozesses, sowohl in der eigenen Gesellschaft wie weltweit. Sie nehmen Teil an den Erfahrungen der Gewinner und Nutznießer, wie auch der Verlierer und Opfer der Globalisierung. Damit wird die Globalisierung zu einer Herausforderung für die ökumenische Gemeinschaft der Kirchen und für die Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses. Die Anfrage „wie leben wir unseren Glauben im Kontext der Globalisierung“ richtet sich nicht allein darauf, wie Christen und Kirchen die ethischen Grundorientierungen ihres Glaubens in Wort und Tat in die öffentliche Debatte einbringen. Es geht zugleich um die Frage: Was heißt Kirche-Sein in ökumenischer Gemeinschaft unter den Bedingungen der Globalisierung? Jedenfalls sind die Kirchen in ihrem Ringen um ein gemeinsames Zeugnis im Kontext der Globalisierung zur wechselseitigen Rechenschaft verpflichtet.
Sie werden vielleicht bemerkt haben, dass ich bei diesem Versuch, die Grundlagen einer kirchlich-ökumenischen Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung zusammenzufassen, die fünf „Orientierungspunkte“ aufgegriffen habe, die in der Ihnen vorliegenden Stellungnahme im Abschnitt II.3.3 genannt werden. Im Rahmen der Stellungnahme sollen sie dazu helfen, den beiden, zuvor beschriebenen, unterschiedlichen Positionen in ihrer jeweiligen Zielsetzung gerecht zu werden und so die bestehenden Spannungen und Divergenzen in einen produktiven Prozess der gemeinsamen Arbeit für die Transformation der Globalisierung zu verwandeln. Das ist sicher auch die Erwartung, die sich mit dieser Synodaltagung verbindet. Ich werde mich daher zum Schluss noch der Frage zuwenden, wie die  Divergenzen zwischen den kirchlichen Positionen einzuschätzen sind und ob die in der Stellungnahme und im Beschlussantrag formulierte Antwort tragfähig ist.

III
Zunächst mag es hilfreich sein, sich zu vergegenwärtigen, dass die Spannungen und gegensätzlichen Positionierungen nicht nur im Umfeld der Debatte über die Globalisierung auftreten, sondern dass diese oder ähnliche Divergenzen die sozialethische und theologische Diskussion innerhalb der ökumenischen Bewegung und auch in vielen der Kirchen seit mehr als vierzig Jahren begleitet haben. Im Zentrum standen dabei Grundfragen bezüglich der Einschätzung sozialethischer Probleme. Sie tauchen immer wieder auf und die Antwort darauf bestimmt dann auch weitgehend das konkrete Handeln. Erste Frage: Handelt es sich um ein Problem, das innerhalb eines gegebenen Ordnungsrahmens und mit Hilfe bekannter Regeln und Instrumente gelöst werden kann, oder müssen die jeweiligen Strukturen und damit verbunden auch die Instrumente und Regeln grundlegend verändert werden, um zu einer dauerhaften Lösung zu kommen? Zweite  Frage: Handelt es sich bei dem Problem um eine ethische Ermessensfrage, wo nach dem Maß menschlicher Einsicht unterschiedliche Antworten möglich und legitim sind und wo Kirchen keine spezielle Kompetenz oder Betroffenheit beanspruchen können, oder betrifft die Herausforderung das Zentrum des Glaubenszeugnisses und damit auch das Kirchesein von Kirche.
Die jeweils erste Antwortoption steht für eine „realistische“, politisch moderate Handlungsstrategie, wie sie normalerweise von den großen Kirchen im Norden befürwortet wird, während die zweite Option ein radikaleres, auf eindeutige Entscheidungen und Abgrenzungen ausgerichtetes Profil widerspiegelt. An Beispielen ist kein Mangel. Manche von Ihnen werden sich z.B. an die leidenschaftliche Debatte auch in der rheinischen Kirche über legitime Formen ökumenischer Solidarität im Kampf gegen Rassismus und Apartheid erinnern. Die großen Kirchen in Europa widersetzten sich damals lange Zeit der Forderung, durch wirtschaftliche oder finanzielle Sanktionen und Boykottaktionen Druck auf das Apartheidregime auszuüben und hofften vielmehr auf Erfolge einer auf kritische Kooperation ausgerichteten „Reformpolitik“. Demgegenüber hatte sich bei den Kirchen im südlichen Afrika die Überzeugung herausgebildet, dass der institutionalisierte Rassismus in fundamentalem Widerspruch zum christlichen Glauben stehe und dass sie daher um der Glaubwürdigkeit ihres Zeugnisses willen zum Widerstand verpflichtet seien. Bei der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Daressalam 1977 war zum ersten Mal in diesem Zusammenhang vom „status confessionis“ die Rede. Im Belhar Bekenntnis von 1986,  wurde die Bekenntnisfrage dann, unter Einschluss von Verwerfungen,   verbindlich beantwortet. Die ökumenische Gemeinschaft der Kirchen hat dieses Zeugnis bekräftigt und damit deutlich gemacht, dass der Kampf gegen den Rassismus für Christen und Kirchen nicht länger eine Ermessensfrage sondern eine im Glauben begründete Verpflichtung ist.
Was tragen solche Rückblenden für die Einschätzung der divergenten Positionen zur Globalisierung aus? Wiederholt sich hier einfach eine ökumenische Debatte, deren Konturen aus früheren Zusammenhängen bekannt sind? Deutlich ist jedenfalls: Die verschiedenen kirchlichen Kontexte im Norden und im Süden, der unterschiedliche Grad der Betroffenheit durch die Auswirkungen der Globalisierung, sowie die jeweilige Positionierung der Kirche gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen bedingen divergente Reaktionen, die dennoch  aufeinander bezogen und angewiesen bleiben müssen. Auch für die notwendige Transformation der Globalisierung gilt, dass sie sich vermutlich nicht einfach durch die entschlossene Umsetzung einer einzigen zielgerichteten Strategie vollziehen wird, sondern im konfliktreichen Wechselspiel zwischen radikalem Protest oder Widerstand einerseits und dem mühsamen Umbau vorhandener Strukturen andererseits. Für die ökumenische Gemeinschaft ist dabei vor allem wichtig, aufeinander zu hören und sich zu üben in der „Unterscheidung der Geister“.
So sind die Kirchen in Europa sicher im Recht, wenn sie betonen, dass die radikale Ablehnung des „Neoliberalismus“ angelsächsischer Prägung, wie sie im „Bekenntnis von Accra“ formuliert wurde, nicht in gleicher Weise auf die europäische, wohlfahrtsstaatliche Tradition der „sozialen Marktwirtschaft“ übertragen werden sollte. Aber auch diese ordnungspolitische Orientierung ist unter dem Druck der Globalisierung inzwischen so stark abgeschwächt worden, dass sie kaum eine tragfähige Alternative für die Ordnung der globalen Wirtschaft bietet. Und so sehr sich die Empfehlung, die wirtschaftliche Ordnungspolitik an der konsequenten Durchsetzung der Menschenrechte auszurichten, im Einklang befindet mit völkerrechtlich verbindlichen Vereinbarungen und daher politisch „anschlussfähig“ sein sollte, so deutlich ist zugleich, dass das Insistieren auf dem Lebensrecht der Armen  unweigerlich in Konflikt gerät mit dem Interesse der Gewinnmaximierung und der zu absoluter Gültigkeit erhobenen Logik des grenzenlosen Marktes. „Marktgerechtes“ Wirtschaften und die ethische Maxime des „Menschengerechten“ lassen sich nicht konfliktfrei zur Deckung bringen. Das Gleiche gilt für die Maxime der „Nachhaltigkeit“, wie die Debatte zur Reduktion der Treibhausgase zeigt. Die programmatische Forderung  einer „Globalisierung der Menschenrechte“, wie sie die EKD-Kammer für nachhaltige Entwicklung formuliert hat, ist daher letztlich ein Plädoyer für eine rechtlich verbindliche Regulierung und Kontrolle wirtschaftlicher Macht und damit (wenigstens implizit) für eine alternative Ordnungsstruktur; sie bleibt zwar moderat in der Sprache, bedeutet aber in der Sache eine entschiedene Abkehr von den Dogmen des wirtschaftlichen Liberalismus. So freilich können und werden sich nur Kirchen und kirchliche Organisationen positionieren, die institutionell in der Lage sind, über den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung politische Entscheidungen beeinflussen und auch davon ausgehen können, dass ihre Stimme gehört wird.
Die Stimmen der südlichen Kirchen, die sich im AGAPE-Prozess des ÖRK und in der Bundesschlusserklärung von Accra Gehör verschafft haben, sind dagegen geprägt von den Erfahrungen der großen Mehrheit der Verlierer der Globalisierung. Natürlich gibt es auch im Süden Gewinner der Globalisierung; die Spaltung zwischen exzessivem Reichtum und völliger Verarmung ist hier oft sehr viel krasser ausgeprägt als in den Industrieländern des Nordens. Aber die meisten Menschen, und mit ihnen Christen und Kirchen, sehen sich ausgeliefert an Prozesse, die sich ihrer Einwirkung und der politischen Steuerung zu entziehen scheinen. Die Globalisierung wird erfahren als eine das Leben der einfachen Menschen verachtende Macht- und Herrschaftsstruktur. Hier geht es wirklich um das elementare Recht auf Leben und um die Lebensfähigkeit der menschlichen Gemeinschaft und der natürlichen Mitwelt. Daher drängen sie auf eine radikale Änderung der Strukturen.  
Wie können Christen ihren Glauben leben angesichts solcher Ohnmachtserfahrungen, die manchmal noch verschärft werden durch die zynische Feststellung, es gebe keine Alternative? Es geht hier zu allererst um eine geistliche Herausforderung, nämlich Menschen die Sprache der Klage vor Gott, aber auch die Sprache der radikalen Hoffnung auf die Erfüllung der biblischen Verheißung eines Lebens in Fülle für alle neu zu erschließen. Glaube in diesem Kontext heißt, darauf  zu vertrauen, dass die Macht Gottes den Mächten und Gewalten dieser Welt und daher auch der globalen wirtschaftlichen und finanziellen Machtkonzentration überlegen ist. Der Glaube eröffnet eine veränderte Sicht der Wirklichkeit, weil er mit dem Handeln Gottes rechnet. Die Feststellung, es gebe keine Alternative, ist eine fundamentale Herausforderung für den Glauben.
Das Bekenntnis von Accra ist daher in erster Linie eine Bekräftigung dieses Glaubens an „Gott, den Schöpfer und Erhalter allen Lebens, der uns zu Partnerinnen und Partnern der Schöpfung und Erlösung der Welt beruft. Wir leben unter der Verheißung, dass Jesus Christus gekommen ist, damit alle Leben in Fülle haben (Joh 10,10). Gestärkt und geleitet vom Heiligen Geist öffnen wir uns der Wirklichkeit der Welt“ (Nr.17). Dieses Glaubenszeugnis führt dann in einem zweiten Schritt zur Identifikation und Zurückweisung der Kräfte, die der Verwirklichung dieser Verheißung im Wege stehen und zur Einladung in einen „Bund für wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit“. Der Agape-Aufruf der Vollversammlung in Porto Alegre zieht in der Form einer Bußlitanei zusammen mit acht Selbstverpflichtungen zum Handeln aus Glauben und Liebe Konsequenzen aus dem im Kontext der Globalisierung bekräftigten Glauben.
Ich bin daher überzeugt, dass die in Abschnitt II.3.3 der „Stellungnahme“ formulierte Einschätzung angemessen ist: „Wie der Processus Confessionis nimmt der Agape-Prozess den Gedanken der Rechenschaftspflichtigkeit auf: als kirchliche Verpflichtung gegenüber den Opfern der Globalisierung bzw. gegenüber den anderen Kirchen sowie als Verantwortung jeglicher Macht vor Gott. Diese Perspektive, die auf apokalyptische und dämonisierende Kategorien verzichtet, zielt auf Transformation: auf Aufbrüche aus ungerechten Strukturen hin zu einem nachhaltigen, partizipatorischen und solidarischen Wirtschaftsmodell. Sie gründet sich im verbindlichen Engagement der Kirchen für Gerechtigkeit und Solidarität“. Dieser Bewertung entsprechen auch die Selbstverpflichtungen der Evangelischen Kirche im Rheinland und der in Teil III der „Stellungnahme“ entfaltete Auftrag zum Handeln. Ich halte daher auch die Empfehlung unter Nr. 3 (2) des Beschlussantrags für richtig, nämlich die „Frage nach dem Bekenntnisrang wirtschaftethischer Positionen in der gegenwärtigen Debatte über die wirtschaftliche Globalisierung“ im Gespräch mit den Partnerkirchen weiter zu erörtern. Sie gehört legitimerweise hinein in den weitergehenden „processus confessionis“ als Prozess der vertieften Erkenntnis, der Aufklärung, und der konkreten wechselseitigen Rechenschaft von der „Hoffnung, die in  uns ist“. Dazu sollten wir uns in der Tat verpflichten.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 8. Januar 2008. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 8. Januar 2008. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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