Außerordentliche Landessynode

Eröffnungspredigt

Achtung, Sperrfrist: Heute, Freitag, 9. Juni 2006, 10.30 Uhr. Es gilt das gesprochene Wort.

Predigt anlässlich der Eröffnung der außerordentlichen Landessynode 2006

am 9. Juni 2006, Martin-Luther-Kirche, Bad Neuenahr

gehalten von Superintendent Manfred Rekowski (Wuppertal),
Mitglied der Kirchenleitung

 

 

 

I.                    Wenn die Kirche in die Krise gerät…

Keine Frage, die Kirche ist in die Krise geraten.

Ermüdungserscheinungen zeigen sich überall, sowohl in der Lehre wie im Leben.

Zur Abgestumpftheit im Hören kommen erschlaffte Hände und wankende Knie (vgl. 5,11-14 und 12,12).

Die Kraft des Anfangs hat sich verbraucht.

Das ist kein Zitat aus dem letzten Präsesbericht, sondern die Beschreibung der Situation der Kirche, wie sie der Verfasser des Hebräerbriefes zu seiner Zeit wahrnimmt.

Die Kirche ist in die Krise geraten.

Die Mittel der Statistik und der Prognose („Die evangelische Kirche wird im Jahr 2030 ein Drittel weniger Mitglieder als 2002 haben und nur noch über die Hälfte ihrer Finanzkraft verfügen.“ AG II – Seite 12) standen den biblischen Autoren nicht zur Verfügung – das wäre wohl auch nicht ihre Welt.

Um die Situationen zu beschreiben und zu verstehen macht der Verfasser des Hebräerbriefes das, was er am besten kann:

Er arbeitet theologisch.

Er klärt die Situation der real existierenden Kirche wie er sie vor Augen hat.

Er klärt die Situation, indem er sie mit Hilfe biblischer Traditionen interpretiert (u. a. mit
Psalm 95,7-11).

Seine Kirche kommt ihm vor wie das Volk Gottes auf der Wüstenwanderung.

Die Christinnen und Christen haben Gottes Befreiungshandeln erlebt, sie haben auch Erfahrungen mit Gott gemacht.

Sie haben sich ansprechen lassen.

Glaube ist entstanden.

Sie haben sich auf den Weg gemacht - sie sind aufgebrochen.

Und alles war auf einem sehr guten Weg.

Doch nun prägen Müdigkeit und Glaubensschwäche die Gemeinde.

Die Fragen werden drängender:

-         Wird sich der Glaube unter verändernden Umständen bewähren?

-         Bleibt die Gemeinde standhaft?

-         Wird das Ziel verfehlt?

-         Wird alles verspielt?

Keine Frage: Die Kirche ist in die Krise geraten.

Bei dieser Krise geht es nicht um Finanzen.

Diese Krise geht tiefer.

 

 

II.                  Wenn das Alte neu gesagt werden muss…

Wir wissen über den Verfasser des Hebräerbriefes wenig.

Es scheint auch so als schreibe er weniger ein Brief als vielmehr eine theologische Meditation, eine Abhandlung.

Aber wir lernen viel über seine Art theologisch zu arbeiten.

Wenn die Situation sich ändert, dann muss das alte Evangelium neu gesagt werden.

Wiederholungen sind zu wenig!

Es kommt darauf an, die Situationen wahrzunehmen und zu interpretieren (Auslegung der Situation).

Das ist das eine.

Die situationsgerechte Auslegung der Tradition ist das andere.

In veränderter Zeit muss das alte Evangelium neu gesagt und das Bekenntnis zum gekreuzigten und erhöhten Christus neu ausgelegt werden.

 

Es würde den Rahmen dieser Predigt sprengen, die Tiefen der Theologie des Hebräerbriefes zu entfalten.

Soviel mag genügen:

Da setzt einer noch einmal ganz neu an, sagt das Alte neu, greift auf Bilder zurück, die so noch nicht genutzt wurden:

„Christus ist der wahre Hohepriester.“

Die vertraute Passionsgeschichte wird ausgeweitet.

Der ins himmlische Allerheiligste eingehende Hohepriester ist das Ende des Kults als Heilsweg.

So versucht der Verfasser des Hebräerbriefes – Kind seiner Zeit – seinen Zeitgenossen den befreienden Glauben neu nahe zu bringen.

Er greift auf ein Bild zurück, das zu seiner Zeit gut verstanden wird:

Christus ist der mitfühlende/mitleidende Hohepriester.

 

Es ist spürbar, aus seelsorglichem Interesse, geprägt von der Sorge um seine Mitchristen, formuliert hier einer die alten Glaubenssätze ganz neu.

Der Diener am Wort, so kann man seine Funktion wohl mit Recht bezeichnen, will so ermattete Glaubenshoffnung reaktivieren.

Wenn ich das recht sehe, zeigen sich hier zwei Dinge:

-          Theologisches Arbeiten ist ein wirksamer Umgang mit einer Krisensituation.

-          Christologie wird im Hebräerbrief geradezu als Glaubens- und Lebenshilfe entfaltet:
Als lebendiges Wort von Jesus klärt und verändert Gottes Wort.

 

Wir wären vermutlich sehr überrascht, wenn die KL zu einer Synode nach Bad Neuenahr eingeladen hätte, um angesichts der (durchaus krisenhaften) Fragestellungen, die uns derzeit in unserer Kirche bewegen, theologisch zu arbeiten.

Nun haben sich die Zeiten seit den frühen Anfängen sehr geändert.

Wir sind zwischenzeitlich zu einer Großorganisation geworden, die andere Fragen zu klären hat:

Wir kennen das zu genüge: Finanzen, Strukturen, Konzepte und Ordnungen, Personal- und Baufragen usw.

Das hat natürlich Konsequenzen für die Tagesordnung einer Synode, einer Presbyteriums- oder einer KSV-Sitzung.

Wir haben unsere „Hausaufgaben“ zu machen.

 

Aber der Weg, den der Verfasser des Hebräerbriefes geht, scheint mir auch für uns gangbar zu sein.

Wenn die Kirche in die Krise gerät, muss das Alte neue gesagt werden (D. Bonhoeffer: nicht-religiöse Interpretation des Glaubens?).

Es ist sicher kein Zufall, dass wir als Rheinische Kirche auch auf dieser Baustelle tätig sind.

Wir haben uns vorgenommen vom offenen Himmel zu erzählen.

Das geschieht auch vielfach.

 

Ich habe neulich gehört wie einer aus unserer Mitte, der erste Sprecher unserer Kirche, in einer öffentlichen Veranstaltung von tiefsten Lebenserfahrungen gesprochen hat und dabei auch authentisch und mit unverbrauchten Worten vom offenen Himmel erzählt hat.

 

Das Erzählen vom offenen Himmel hat es manchmal schwer unter uns.

Denn oft ist das Klagelied über die leeren Kassen und die schwierigen Umbruchssituationen lauter zu hören.

Es ist das alte Lied, das in Wüstenzeiten immer zu hören ist.

Es übertönt häufig das Erzählen vom offenen Himmel.

Die Frage ist: Was bewegt das alte Lied? Wen bewegt es?

 

 

MUSIK

 

 

 

III.                Das Wort Gottes klärt Situationen und verändert Menschen

 

Im Hebräerbrief sind neue Töne zu hören.

Einen Ton möchte ich verstärken:

 

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig
und schärfer als jedes zweischneidige Schwert,
und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

 

Es gibt Situationen, in denen geht einem ein Licht auf – zum Beispiel über die Bedeutung und die Wirkung unserer Worte.

 

In den letzten Tagen stand ich häufig am Krankenbett eines Menschen, der kaum noch sprechen kann.

Sie kennen das sicher auch: wenn die Stimme nicht mehr trägt, dann sprechen die Augen.

Und die Augen sagen viel - wer sehen kann, hört auch in dieser Situation noch etwas.

Das Fehlen gesprochener Worte zeigt zugleich eindrücklich, wie lebendig und kräftig Worte wirken.

 

 Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ (Barmer Theologische Erklärung - These 1).

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig.

-          Es fördert das Leben und das Lebendige.

-          Es ist kräftig, aber nicht im Sinne eines überwältigenden Machtwortes („Basta!“), sondern es stärkt.

-          Es geht auf den Grund.

Nach dem schönen Auftakt – „lebendig und kräftig“ – werden die Wirkungen des Wortes in einer Weise beschrieben, die Fragen aufwirft.

Das Bild vom Wort als einem zweischneidigen Schwert ist mindestens beim ersten Hören durchaus zweideutig.

Ich verstehe dieses Bild so:

Das Wort Gottes macht nicht nieder und richtet nicht hin, sondern es legt die Wahrheit frei. 

 

Für mich wird das sehr deutlich, wenn ich mir biblische Beispiele/Begegnungen Jesu mit Menschen anschaue:

-          Jesus und die Ehebrecherin
Da fallen Worte, die auf den Grund gehen und so Veränderung ermöglichen.

-          Jesus und Zachäus
Da wird einer angesprochen, wahrgenommen und angenommen und so wird eine Lebensveränderung möglich.

-          Jesus und der reiche Jüngling
Die Worte, die gewechselt werden, sind erhellend und klärend.
Aber sie überreden nicht, sondern ermöglichen eine freie Entscheidung.

 

In diesen Begegnungen werden immer Worte gewechselt, die durchdringen und scheiden
manchmal unterscheiden und manchmal entscheiden.

Das sind Worte, die in ihrer Ehrlichkeit und in ihrer Klarheit schmerzen.

Aber wo und wann gibt es im Leben Klärungen und Veränderungen ohne Schmerzen?

Das Wort Gottes klärt Situationen und verändert Menschen.

 

Dieses Wort geht den Dingen auf den Grund.

Darum hält sich auch die in die Krise geratene Kirche an das Gottes Wort, das Situationen klärt und Menschen verändert und so Entscheidungen ermöglicht.

So hörend frage ich:

-          Wo liegt das eigentliche Problem?

-          In den enger werdenden finanziellen Spielräumen?

-          In der Erfahrung, dass die bisherigen kirchlichen Strukturen so nicht mehr finanzierbar sind?

 

Erinnerungen an Zeiten, die wir als die besseren wähnen, werden auch unter uns gepflegt und es mangelt nicht an entsprechenden Reanimationsversuchen.

Ich frage weiter:

Was war gut an den vermeintlich besseren Zeiten?

 

Wenn ich auf die Situation der Kirche in einer rheinischen Großstadt sehe, dann stelle ich fest:

Die Zeiten (z.B. 1970 bis 1995), in denen wir tausende von Mitgliedern verloren haben (in  Wuppertal über 50%) ohne dass sich das auf die Kirchensteuerentwicklung ausgewirkt hätte, haben zu keinen grundlegenden Änderungen geführt.

Obwohl das eine sehr schwierige Entwicklung für unsere Kirche war und obwohl es uns hätte unruhig machen müsste, wenn wir uns offenkundig nur noch begrenzt verständlich machen können.

Wir haben auch als deutlich kleiner werdende Kirche weiter in Gebäude investiert, Pfarrstellen errichtet und Anstellungsverträge unterschrieben.

Wir haben viele Mitglieder/Mitchristen verloren, aber diese Entwicklung blieb weitgehend folgenlos, weil die Kasse stimmte.

Erst ein Mitgliederschwund der auch zum Kirchensteuerrückgang führt, löst nun an vielen Stellen grundlegendes Nachdenken aus.

 

Ich frage weiter:

Was bewegt uns, was treibt uns heute zu Veränderungen?  

Das Verteidigen des Besitzstandes oder die Sehnsucht nach den vermeintlich besseren Zeiten, nach den Fleischtöpfen Ägyptens, darf uns nicht antreiben.

Wir werden durch das klärende und verändernde Wort Gottes bewegt und nicht von Sachzwängen oder Finanzdruck getrieben.

 

Wenn bei uns in Wuppertal über das Schließen von Kirchen gesprochen wird, dann appellieren diejenigen, die um ihre vertraute Kirche fürchten, manchmal sehr nachdrücklich an das Gottvertrauen.

Was schwingt da mit?

Gott möge den status quo absichern und garantieren?

Es klingt manchmal so, als würden wir Gott die Arbeit erschweren, wenn sich die Strukturen, in denen wir heute arbeiten, ändern müssten.
Und es klingt so, als machten wir den heiligen Geist obdachlos, wenn wir ein Kirchengebäude aufgeben müssten.

Ich meine, unsere Kirche muss heute lernen, mit Gottvertrauen loszulassen und neu aufzubrechen.

 

Nicht nervöse/panikartige Rastlosigkeit ist angesagt.

Die Alternative zur Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens ist das Vorwärts der Hoffnung.

Begleitet, geführt und getragen von Christus, dem Hohenpriester, gehen wir dem Ziel, der Ruhe Gottes, entgegen.

 

 

IV.                Das lebendige und kräftige Wort Gottes stärkt die müden Hände und die wankenden Knie

 

Wenn wir dem lebendigen und kräftigen Wort Gottes Raum geben, dann werden die müden Hände und die wankenden Knie gestärkt.

 

Wir vertrauen dem Herrn der Kirche, dass er auch unter anderen Rahmenbedingungen sein Wort zu Gehör und zur Wirkung bringen wird.

Unser Ziel ist nicht die mühsame und ausgedünnte Verlängerung des Bisherigen.

Auch und gerade im Umgang mit Umbruchssituationen geben wir Zeugnis von unserem Glauben.

Die Wanderschaft des Volkes Gottes ist nicht Folge von erzwungenen Abbrüchen, sondern von gewollten Aufbrüchen.

Wir haben immer nur vorläufige Rastplätze – allenfalls eine Ahnung von der zukünftigen Ruhe Gottes.

 

Das Wort Gottes als klärendes und veränderndes zu hören und auszulegen, nimmt die schöpferische Kraft dieses Wortes ernst – auch an uns und unserer Kirchensituation.

Darum ist das verantwortliche Hören und Auslegen des Wortes nichts anderes als das Wahrnehmen kirchenleitender Aufgaben.

 

Die Landessynode leitet unsere Kirche.

Wir beginnen unsere Arbeit mit diesem Abendmahlsgottesdienst.

Wir erinnern uns an den Grund unseres Glaubens und hören auf das Wort Gottes.

Wir geben dem klärenden und verändernden Wort Gottes an uns selbst eine Chance.

Im Gottesdienst hören und erleben wir, dass es um das Letzte, um den Grund unseres Lebens, unserer Kirche und unserer Welt, geht.

 

Die Landessynode leitet unsere Kirche auch in den Plenums- und Ausschusssitzungen.

Worum es dabei gehen wird, kann man auf unserer Homepage lesen:

„Wie die EKiR 14 Millionen Euro einspart“

Bei den Beratungen im Plenum und den Arbeitsgruppen und Ausschüssen geht es um den Zuschnitt von Arbeitsgebieten, um Prioritäten und Finanzen.

Das sind sehr wichtige Frage, aber es geht dabei immer nur um das Vorletzte.

Das erste und das Letzte ist jedoch diese Zusage:

„Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer…“

Weil wir das erfahren, darum ist die Landessynode eigentlich nichts anderes als ein Kirchentag der anderen Art.

Wir singen nicht das alte Klagelied.

Wir singen neue Lieder.

 

Amen.

 

 

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 9. Juni 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 14. Juni 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.