Landessynode 2009

Grußwort Dr. Jürgen Rüttgers

Achtung, Sperrfrist: Heute, 12. Januar 2009, 15.15 Uhr! Es gilt das gesprochene Wort.

 

Grußwort von
Dr. Jürgen Rüttgers,
Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen

 

gehalten anlässlich der
59. Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland
am Montag, 12. Januar 2009

 

 

Sehr geehrter Herr Präses Schneider,
sehr geehrter Herr Vizepräsident Drägert,
sehr verehrte Frau Vizepräses Bosse-Huber,
Hohe Synode, meine Damen und Herren,

Vor Weihnachten habe ich in einer Zeitung gelesen, dass die Welt nach der Finanzkrise nicht mehr dieselbe sein wird wie vorher.

Das ist in gewisser Hinsicht richtig – und vielleicht ist das sogar gut: Wenn da eine Welt untergeht, die auf ungedeckten Schecks gebaut war. Eine Welt, in der die Menschen glauben, ohne Arbeit den großen Reibach machen zu können.

Ja, es fällt schwer, das zu sagen: Eine Welt von Managern und Verantwortungsträgern auch, die Maß und Mitte verloren haben.

Aber richtig ist doch vor allem: Die christlich-jüdische Wertewelt wird weiterhin Bestand haben. Die geht nicht unter. Die nehmen wir jetzt vielleicht sogar wieder deutlicher wahr. Und vielleicht, nein: ganz sicher ist es von Segen, jetzt genau darüber nachzudenken, was die Grundlagen unseres Miteinanders sind.

Zu erkennen: Dass "Ora et labora" mehr ist als eine alte Kirchenregel.

Das ist eine Haltung. Und die hat Bestand. Die bleibt.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle ein persönliches Wort: Das sagt sich ja so leicht – dass man eine Haltung haben sollte. Einen inneren Kompass. Aber es gibt solche Menschen. Hans Horn war einer von ihnen. Anfang November ist er gestorben.

15 Jahre hat er dem Landtag von Nordrhein-Westfalen angehört. Er war lange Jahre Mitglied dieser Synode und der Kirchenleitung.

Hans Horn hat sein Christsein gelebt. Ihm war die Kirche nicht egal. Und ihm war die Welt nicht egal. Denn aus seiner Verbundenheit mit der Kirche entwickelte er Verantwortung für die Welt.

Er war einer jener Christen, die sich selber auch an den Zehn Geboten messen ließen.

Einer jener Protestanten unserer Zeit, der die Welt nicht nur beschrieben hat.

Er hat sie verändert. Gestaltet. So wie damals Johannes Rau und Horst Waffenschmidt, aber auch wie Albrecht Martin und Hans-Ulrich Klose, den ich eben schon gesehen habe.

Wir dürfen dankbar sein für diese Menschen. Und heute sollte unser dankbares Erinnern vor allem Hans Horn gelten.

Ich habe gerade über das gesprochen, was bleibt. Es ist wichtig, daran zu erinnern. Denn so schwer die Krise auch werden mag: Wir werden die Welt nicht neu erfinden müssen.

Es ist schon viel gewonnen, wenn wir uns auf unsere Grundlagen besinnen – auf die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft, die Werte, ohne die sie nicht funktionieren kann, auf die inneren Wahrheiten der Christlichen Soziallehre und der Sozialethik.

Wer das macht, bekommt eine deutliche Vorstellung davon, wie unsere Gesellschaft aussehen kann und wie sie aussehen soll.

Es ist eine Gesellschaft, in der Menschen von ihrer Hände Arbeit leben können. Nicht, weil es einen Mindestlohn gibt. Sondern weil wir uns von Geschäftsmodellen mit 25%-Renditeerwartung verabschiedet haben. Geschäftsmodelle, die nur deshalb funktionieren, weil sie auf der Ausbeutung des Menschen aufbauen.

Es ist eine Gesellschaft, in der sich Menschen schämen müssen, für die der einzige Anreiz bei der Übernahme von Verantwortung in der Höhe des Gehalts begründet liegt.

Die nach Führungspositionen streben, weil sie ausschließlich das eigene Konto im Blick haben – nicht mehr den Dienst an der Sache. Und schon gar nicht mehr den Dienst am Menschen.

Es ist eine Gesellschaft, die stolz sein kann auf ihre Entscheider in der Wirtschaft. Weil das Menschen sind, die Werte haben und Werte leben. Die Verantwortung zeigen.

Solche Männer und Frauen gibt es auch heute. Im Mittelstand. In den Familienunternehmen vor allem. Auch in vielen Konzernen. Gerade für sie ist der Deutschlandfonds gedacht, den zu gründen ich vorgeschlagen habe.

Und ich behaupte sogar: Diese Mittelständler, für die Unternehmertum mehr und vor allem: anderes ist als Anhäufen von Reichtum, denen blanker Materialismus zuwider ist und die Wirtschaft stets gebunden an Werte verstehen, diese Mittelständler stellen die Mehrheit.

Aber bestimmt diese Mehrheit noch die Moral? Daran müssen wir arbeiten. Und ich bin überzeugt: Das geht besser, wenn wir nicht nur die Schlechten kritisieren. Sondern wenn wir vor allem die Guten stark machen.

Die Gesellschaft, in der ich leben will, ist eine Gesellschaft, für die Wirtschaft mehr ist als Geld und die sich darauf besinnt, dass Kredit nicht nur ethymologisch etwas mit Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu tun hat.

Es ist eine Gesellschaft, in der Macht nicht an Posten und Stühle gebunden ist, sondern an Verantwortung.

In der Freiheit nicht nur als Freiheit von Zwängen, sondern auch als Freiheit zur Pflicht begriffen wird. Und in der Freiheit eine Richtung hat.

Es ist vor allem eine Gesellschaft, in der all zu lautes Rufen nach dem Staat zumindest irritiert, wenn nicht gar verpönt ist. Und in der es umgekehrt selbstverständlich ist, zu sagen:

"Du, Staat, kümmere dich nicht um meine Angelegenheiten. Sondern gib mir so viel Freiheit und lass mir von dem Ertrag meiner Arbeit so viel, dass ich meine Existenz, mein Leben und dasjenige meiner Familie selbst zu gestalten in der Lage bin."

Es ist eine Gesellschaft, die einen starken Staat hat.

Einen Staat, der über den Interessen und den Gruppen steht. Der sich nicht in Wirtschaftsinteressen verstrickt. Der niemandes Büttel ist – der Arbeitgeber nicht, aber auch nicht der Arbeitnehmer.

Es ist ein Staat, der unabhängig ist und der seine Stärke und Autorität aus eben dieser Unabhängigkeit zieht.

Diese Gesellschaft beginnt bei dem Einzelnen. Bei dem, was er achtet. Und mehr noch vielleicht bei dem, was er missachtet.

Sie hat zu tun mit der Verankerung der Menschen. Und mehr noch mit dem Lösen aus dieser Verankerung.

Sie hat zu tun mit dem, was gelegentlich Überhand zu nehmen scheint in unserer Zeit: Mit Wissen ohne Haltung. Mit Streben ohne Mitte. Und mit Können ohne Maß.

Das alles hat auch sehr viel mit Kirche zu tun. Nicht auf den ersten Blick vielleicht. Auch nicht nur deshalb, weil in der Zeit um Weihnachten die Kirche besonderes Gehör findet.

Doch nehmen Sie das Beispiel "Kirchenschließungen".

Ich bin überzeugt, viele, auch viele Politiker und Journalisten, haben noch gar nicht verstanden, was da passiert: Wo eine Kirche steht, da gibt es ein Zentrum. Wo eine Kirche steht, da gibt es in der Regel einen Kindergarten, oft auch ein Krankenhaus, eine Schule vielleicht. Da ist Gespräch. Da ist Begegnung. Da leben Menschen.

Deshalb aber gilt auch umgekehrt: Wo eine Kirche geschlossen wird, da wird mehr als ein Gebäude geschlossen!

Wo eine Kirche geschlossen wird, da verändert sich die Tektonik von Gesellschaft. Da rütteln wir an den Fundamenten unseres Miteinanders. Der sozialen Struktur, wie die Wissenschaftler das nennen. Denn da folgt häufig die Schließung weiterer Einrichtungen. Da steht viel auf dem Spiel. Sehr viel.

Und das ist etwas Hochpolitisches. Etwas, dass einen ganzen Stadtteil betrifft. Auch eine Stadt, und manchmal sogar ein ganzes Land.

Machen wir uns also nichts vor: Wir reden nicht nur über Einrichtungen, Häuser, soziale Infrastruktur.

Wir reden auch darüber, dass "Kirche" Orientierung gibt. Auch das steht auf dem Spiel.

Und deshalb sage ich: Wir brauchen das Wort der Kirchen. Wir wollen, dass Sie sich einmischen und dass Sie mitmischen.

Denken Sie an Griechenland, an Athen: Wo die Jugend keine Perspektive hat oder keine Perspektive erkennt, da regiert schnell das Recht des Stärkeren.

Denken Sie an Frankreich, an Paris, wo im vergangenen Jahr Nacht für Nacht hunderte Autos brannten.

Da liegt unsere Aufgabe, unsere gemeinsame Aufgabe: Wachsam zu sein, zusammen zu arbeiten, wo immer es möglich ist, damit wir unserer Jugend eine Zukunft ermöglichen, die diesen Namen verdient.

Die Richtung, die Grundlage, von der aus wir diese Zukunft gestalten können, haben wir uns dieser Tage in einem Adventslied versichert: "O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat."

Vergessen wir das nicht. Hier nicht, bei dieser Synode, aber auch nicht an unseren Arbeitsplätzen, in den Unternehmen, in den Gremien, im Landtag, aber auch und gewiss nicht im Kleinen, je und je vor Ort.

Insofern danke ich Ihnen für Ihr Engagement und Ihre Bereitschaft, sich einzubringen. Mit möglichen Unterschieden in der jeweiligen Weise, aber stets auf einem gemeinsamen Boden.

Ich danke für alle Zusammenarbeit bei wichtigen Themen. Vor allem, wenn es um unsere Kinder geht, um Kindergärten, Schule und Ausbildung, bringt sich die Kirche ja mit eigenen Vorschlägen ein und bereichert die Diskussion.

Deshalb auch bei dieser Synode: Gute Beratungen. Und Segen für Sie und Ihre Arbeit.

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Bad Neuenahr / EKiR-Pressestelle /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 12. Januar 2009. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 12. Januar 2009. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.