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Landessynode 2009

Predigt im Eröffnungsgottesdienst

Achtung, Sperrfrist: Sonntag, 11. Januar 2009, 16 Uhr! Es gilt das gesprochene Wort.

 

Predigt im Eröffnungsgottesdienst
der 59. Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland

 

gehalten von Pfarrerin Andrea Aufderheide
am Sonntag, 11. Januar 2009,
in der Martin-Luther-Kirche in Bad Neuenahr

 

Liebe Gemeinde,

"ein gutes Neues!" – Knapp und eilig ruft mir vor wenigen Tagen eine Berufsschülerin diesen Neujahrsgruß fröhlich im Schulhaus entgegen. "Ein gutes Neues!" – Munter erwidere ich im Vorbeigehen und spüre erst einige Schritte später, dass die Prägnanz dieser Worte unruhig nachklingt in mir.

"Ein gutes Neues!" – Wehmütig wird mir bewusst: Die weihnachtliche Festzeit ist unwiderruflich vorüber. Alles schon wieder vergangen. - Vorbei! Stumm bedrängt mich die Frage, ob ohne Nachhall vergangen? Denn das neue Jahr blättert bereits zahlreiche Kalenderseiten locker und schonungslos vor mir auf, und ich sehe Termine, Pläne, Verpflichtungen unterschiedlichster Art. Längst bin ich schon wieder tief in den Alltag hineingetaucht und habe unmerklich die Perspektive gewechselt. Doch Weihnachten, das Ereignis der Menschwerdung Gottes, das mich im Innersten anrührt, weil Gottes Freundlichkeit mir in Menschengestalt und mit Namen begegnet, ist nicht zu Ende. Die frohe Botschaft bleibt uns stärkend im Rücken. So unmenschlich werden wir nicht, aus der weihnachtlichen Festfreude kommend, in den schmucklosen Alltag gewiesen, auch wenn wir heute am Übergang in die Epiphaniaszeit behutsam - bewusst die Blickrichtung ändern. Denn erst heute am Festtag der "Taufe des Herrn" ist ein Wechsel der Perspektive sinnvoll und wegweisend.

Hören Sie selbst, was der Evangelist Matthäus in Kapitel 3, 13-17 dazu berichtet:

"Zu jener Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt also geschehen, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu. Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herab fahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe."

Liebe Gemeinde, es gilt am heutigen Tag, sich von dem Kind Jesus zu lösen. Sein Lebensbeginn und die zahlreichen Geschehnisse in diesem noch ganz jungen Dasein haben für uns die zurückliegenden Wochen bestimmt. Doch nun heißt es, die Perspektive zu wechseln. Jesus ist ein erwachsener Mann geworden. Er verlässt die Vertrautheit der galiläischen Heimat und bricht auf von dem Ort seiner Kindheit und Jugend. Wir begegnen ihm wieder in der kargen und spröden Landschaft Judäas, im Tal des Jordanflusses, am Ufer. Hier geht der etwa 30-jährige Nazarener mit ersten Schritten hinein in ein Leben umgeben von Öffentlichkeit.

Bemerkenswert: bereits der Ort ist programmatisch im Blick auf Jesu künftiges Handeln. Nicht die Stadt Jerusalem, Schauplatz und Schaltzentrale der Macht, wird zur Premierenkulisse. Auch nicht der Tempel, das religiöse Kraftfeld und Herz Israels, welches Jesus als Haus seines Vaters so überaus schätzt und liebt. Jesus kommt vielmehr am Rande der lebensfeindlichen Wüste mitten ins Leben hinein. Er taucht ein in die Menge der Menschen seines Volkes, die den Bußruf des Johannes gehört haben. Bis an den Jordan sind sie dem Rufer gefolgt, den adventlichen Glauben hat Johannes unter den Menschen geweckt und gestärkt. Er redet von Umkehr und vom nahenden Gericht Gottes. Kein einfaches Thema für eine Predigt, die der letzte Prophet Israels hier hält. Johannes verkündigt aus seinem Glauben heraus den Messias, der kommt, wie es die Schriften verheißen: ein König ohne Waffen, der dem Rüsten ein Ende bereitet und eine Weltherrschaft antritt, in der Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

"Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen." Die Resonanz dieser eindringlichen Predigt, die den pädagogischen Grundsatz stärkt, dass "weniger" oft "mehr" sein kann, ist schier überwältigend. Neidisch könnte man werden, wie viele Menschen sich angesprochen am Jordan versammeln, um als Zeichen ihrer Umkehr die Taufe zu empfangen. "Wachsen gegen den Trend" – für Johannes, den Täufer, kein Thema! Dieser volksnahe Prediger versammelt mit seinem eigentümlichen Charisma eine weithin blinkende "Leuchtturmgemeinde", obwohl oder gerade weil er den Leuten keinerlei Heilspredigt verspricht; weil er ihnen nicht nach dem Mund, sondern eher gegen den Strich redet. Das wollen die Menschen hören! Das rüttelt sie auf! Das motiviert sie zu kommen!

Doch mit einem Mal gerät die rege Taufaktivität des wortgewaltigen Bußpredigers ins Stocken. Der Messias steht vor ihm, inmitten der Vielen! Johannes erkennt ihn sofort! Und Jesus begehrt, was alle vom Täufer verlangen: diese Taufe zur Buße.

Erneut bahnt sich für uns ein Perspektivwechsel an. Der Sündlose, der doch nicht umkehren muss, kehrt alles um. Jesus selber verändert die Perspektive, indem er nach Tiefen Erfahrung drängt. Der Gottessohn will hineintauchen in den Jordan. Somit taucht er ein in die Sphäre der Mühseligen und Beladenen; macht sich ihre Perspektive zu eigen; die Sicht derer, die für sich keine Perspektive mehr sehen. Zu denen, die im Wasser Gottes vergebende Gnade erbitten, will Jesus kommen, weil sie hilflos und ohne Hoffnung sind; weil sie spüren, dass ihr Leben Neuorientierung braucht. An der Seite dieser suchenden Menschen möchte der Sohn Gottes sich finden lassen.

Johannes ist irritiert. Er kann nicht begreifen, wie der Messias – anders als ein gewaltiger Feuerrichter – sich mit den Unglücklichen und Verlorenen solidarisch erklärt; wie sein Verhalten und Handeln von Sympathie zeugt, von Mit-Leidenschaft für die Sünder und wie seine ersten, öffentlich gesprochenen Worte einer großartigen Liebeserklärung Gottes unüberhörbar Raum geben: "Lass es jetzt also geschehen, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen."

Taufe geschieht um der Gerechtigkeit Gottes willen. Jesus lässt da keine Kompetenzstreitigkeit zu. Er besteht hartnäckig auf seiner Taufe, will den göttlichen Willen erfüllen. "Lass es geschehen!" Mit diesen Worten ordnet sich Jesus in die Kontinuität der Ereignisse ein. Er setzt sich nicht über Johannes, sondern zeigt vielmehr, dass der Aufruf zur Hinwendung zu Gott auch ihm, dem Messias, gilt. Jesus stellt sich bewusst in die Lebens- und Glaubenstradition des Täufers, der aus der Tiefen Erfahrung der jüdischen Gerichts- und Umkehrpropheten heraus eine neue Perspektive eröffnet. Mit der Bitte: "Lass es geschehen!" ist das Lebens- und Sterbensthema des Gottessohnes unmissverständlich beschrieben. Krippe und Kreuz sind aus dem gleichen Holz geschnitzt und führen vom Tod zum Leben.

Und Gott, der Vater, bestätigt und beglaubigt vor aller Augen und Ohren, Jesus, den Neugetauften, als seinen geliebten Sohn. An ihm hat er Wohlgefallen, an diesem Jesus von Nazareth, der sich bedingungslos auf die Seite der Menschen und ihrer Ohnmacht und Erlösungsbedürftigkeit schlägt; der bereit ist, ihr Leben auf sich zu nehmen. Von nun an erstreckt sich der Himmel nicht länger himmelweit, sondern steht für die Welt offen. Von jetzt ab werden sich die Geschichten ereignen, die "vom offenen Himmel" erzählen, und die nicht enden wollen bis in unsere Tage hinein.

Gott hat sichtlich Gefallen daran, wer ohne Vorbehalte im Kopf und im Herzen, den Menschen als Mensch so nahe wie möglich zu kommen bereit ist; wer aufrichtet und bewahrt, statt zerschlägt und zerschmeißt. Geliebte Gottes sind die, welche vor den Untiefen dieser Welt nicht zurück schrecken, sondern den sicheren Halt unter den Füßen um der Gerechtigkeit willen riskieren.

Wie viel Mut und Bereitschaft zum Risiko bringen wir auf, wenn wir als Kirche ins tiefe Wasser hinein steigen?

Liebe Gemeinde, das Jahr 2008 hat uns bedrohlich vor Augen geführt, was es heißt, in einer entsicherten Welt zu leben, in der es die Gier einer rücksichtslosen Minderheit schafft, die ökonomischen und ökologischen Ressourcen einer ohnmächtigen Mehrheit rasant zu "verzocken"!

Und die Folgen dieser Maßlosigkeit? Sie sind in ihrer endgültigen Dimension noch immer nicht überschaubar.

Da gibt es skrupellose Gewinner der Krise, die ihre Spekulationen gegen eine ganze Volkswirtschaft richten, wenn sie auf deren Zahlungsunfähigkeit wetten. Ein unglaubliches, zutiefst unmoralisches Verhalten!

Und es gibt die hoffnungslosen Verlierer der Finanzkrise: hoch verschuldete Länder der sog. "Dritten" und "Vierten Welt". Sie können mit stabilisierenden Konjunkturprogrammen leider nicht reagieren, sondern befinden sich längst schon im "freien Fall".

Werden wir uns mit einem erneuten Schuldenerlassjahr für diese Leidtragenden stark machen? Werden wir das geknickte Rohr halten und den glimmenden Docht wieder anfachen?

"Lass es jetzt also geschehen, denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen," sagt Jesus. Die Gerechtigkeit, die Gott will, sehnt sich danach, dass nicht das Unrecht, sondern das Recht ströme wie Wasser in dieser Welt, und dass sich ein radikaler Wechsel der Perspektive vollzieht, damit jeder Mensch satt wird und kein einziger an den Folgen von Unterernährung, Hunger, Gewalt und Krieg stirbt.

Wir haben der Welt unablässig in den Ohren zu liegen, dass die gerechte Teilhabe am Leben ausnahmslos jedem Menschen auf dieser Erde gilt. Unser Wille und die Bereitschaft, Verantwortung wahrzunehmen für Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit und Klimagerechtigkeit, sind heilsame Schritte auf dem Weg einer Umkehr, die die Bibel metanoia nennt. Ein solches Umdenken kann eine befreiende Wirkung entfalten, weil es die menschliche Würde, die von Gott geschenkte imago dei bewahrt; auch wenn die Ignoranz mancher Mächtiger dieser Einsicht gegenüber verschlossen erscheint.

Deshalb braucht es den Einen, der – ins Wasser des Jordans getaucht – seinen Überfluss an Liebe zu den Menschen trägt. Es ist wahr. Jesus, der Messias, bedarf nicht der Taufe! Aber wir! Wir brauchen seine Taufe "Not – wendig", damit Gerechtigkeit geschieht und Hoffnung Wirklichkeit wird; damit kein Geschöpf Gottes in den täglichen Abgründen dieser Welt versinkt, sondern Rettung erfährt und eine neue Perspektive zum Leben!

Liebe Gemeinde, der Festtag der "Taufe des Herrn" ist auch unser persönliches Fest. Es schafft einen Neubeginn weit über den Jordan hinaus. Jesu Taufe fließt in das Leben jeder Christin und jedes Christen hinein. Wo ein Mensch getauft wird, da kreuzt sich der Weg Jesu mit unserm. Da berührt der Himmel die Erde. Das Wasser der Taufe bezeugt an allen Getauften die Jordangeschichte sichtbar und für immer geprägt im Zeichen des Kreuzes.

Jesu Taufe, ein Fest, das wir feiern! Die Gottes Kindschaft des Sohnes führt uns in die Liebe des Vaters hinein. "Du bist mein Sohn. Du bist meine Tochter. An Dir habe ich Wohlgefallen!"

Diese Liebeserklärung Gottes höre ich gern, denn sie ermutigt mich, - gemeinsam mit anderen – Kirche zu leben: nah bei den Menschen zu sein und zu bleiben!

Wie wichtig das ist, zeigen unsere Beratungspunkte zur diesjährigen Landessynode. So werden wir z.B. über das Konzept für eine flächendeckende Polizeiseelsorge im Rheinland zu sprechen haben. Es ist unverzichtbar, dass Polizistinnen und Polizisten eine verlässliche seelsorgliche Begleitung erfahren, wenn ihr Berufsalltag sie immer wieder mit Erfahrungen von Schuld, Gewalt, Leid und Tod konfrontiert.

Wir werden des weiteren in unserer Kirche die Personalplanung und -entwicklung fortzuführen haben, wenn wir sicherstellen wollen, dass kirchliche Angebote –qualitativ hochwertig- auch in Zukunft die Menschen in der Fläche erreichen.

Und nicht zuletzt wird auch die nachhaltige Bekämpfung und Verhinderung von Kinderarmut in Deutschland unser Anliegen bleiben. Junge Menschen brauchen ihren festen Platz in unserer Gesellschaft!
17 Jahre Berufsschuldienst lassen mich wissen, wovon ich spreche. Die Bilder aus Frankreich und Griechenland 2007 und 2008 haben die Folgen der Explosionskraft jugendlicher Erwerbslosigkeit und sozialer Vererbung von Armut erschreckend vor Augen geführt.

"Du bist mein Sohn. Du bist meine Tochter. An Dir habe ich Wohlgefallen." Solche Mutmachsätze brauchen Menschen zum Leben.

Solche Sätze gefallen auch meinen Schülerinnen und Schülern, wenn wir die Taufe Jesu im Unterricht thematisieren. Da werden dann spontan Gedanken wie diese laut: "’Du bist mein Sohn. Du bist meine Tochter. An Dir habe ich Wohlgefallen! Dich hab’ ich unendlich lieb’. – Das ist toll, wenn Eltern das zu ihrem Kind sagen." Oder bemerkenswert jene ehrliche Bitte: "Dass Gott allen Menschen sagte, wie sehr er Jesus liebt, finde ich wichtig. Darüber will ich noch mehr erfahren." Und eine andere Reaktion deutet: "Der Himmel wird blau, und Gott sagt: ’Das ist mein Sohn.’ Gott akzeptiert Jesus. Gott stellt sich noch mal vor ihn. Zum ersten Mal bei der Geburt. Aber jetzt kann er mit Jesus sprechen: ‚Er ist mein Sohn. Ich bin sein Vater.’ Ich glaube, die beiden verstehen sich gut."

Liebe Gemeinde, die Taufe Jesu ist ein wunderbares Fest. Ein Fest, das uns unendlich viel Kraft zum Leben schenkt, weil es Zukunft und Perspektive eröffnet. Es erinnert daran, dass die Liebeserklärung Gottes auch über unserer Taufe steht und uns Mut macht, an der Seite mit Jesus zu gehen.

Abschließend sei noch einmal einem meiner Schüler Aufmerksamkeit geschenkt. Das, was ihm Jesu Taufe bedeutet, fasst er in folgenden Worten zusammen: "Die Taufe ist wichtig", sagt er, "denn sie verändert mein Leben. Gott zeigt mir, dass ich ihm wichtig bin und er mir was zutraut. Wir sind Gott genauso viel wert wie Jesus. Wir sind alle etwas Besonderes. Gottes Kinder sind wir."

Amen.

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Bad Neuenahr / EKiR-Pressestelle / 11.01.2009

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Sonntag, 11. Januar 2009. Die letzte Aktualierung erfolgte am Sonntag, 11. Januar 2009. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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