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Landessynode 2009

Andacht von Dr. Dirk Chr. Siedler

Es gilt das gesprochene Wort.


Andacht von Dr. Dirk Chr. Siedler, Vorsitzender des Arbeitskreises Christen und Muslime, über Lukas 12,49-53 vor der Landessynode am 15. Januar 2009

Lied
EG 263,1-4 Sonne der Gerechtigkeit

Psalm 18 i.A.
EG 707
Gloria patri

Lied
EG 263,5-7


Lukas 12,49-53

[Jesus spricht:] Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden;
was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!
Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe,
und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist!
Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden?
Ich sage: Nein, sondern Zwietracht.
Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein,
drei gegen zwei und zwei gegen drei.
Es wird der Vater gegen den Sohn sein und der Sohn gegen den Vater,
die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter,
die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter
und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.
(Morgenlese für den 16. Januar 2009)

Liebe Synodalgemeinde,
was für ein Text – was für eine Provokation in der frühen Morgenstunde,die uns der Evangelist Lukas hier zumutet als Jesus-Rede:
„Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden!“ Wüten nicht genügend Feuer auf Erden?
Gibt es nicht schon zu viele Brandstifter, die Menschen terrorisieren, um ihre Macht durchzusetzen; die auf Gewalt und Krieg setzen, um sich zu schützen und zu verteidigen?
Ein Feuer auf Erden, das möglichst jetzt schon brenne?
Es brennen schon zu viele!

Ich weiß, dieser Text ist ein Schlüsseltext für viele prophetische und gesell-schaftsverändernde Bewegungen in der Ökumene: in Südafrika, in Lateinameri-ka.
Mir drängen sich heute aber andere Bilder und Assoziationen auf.
Ich ahne wie abgrundtief missverständlich dieser Text ist.
Wie würde ein Muslim diesen Satz verstehen, wenn er bei seiner Bibellektüre darauf stieße? Könnte er ihn anders verstehen als eine Aufforderung zur Ge-walt? Ich denke, aufs erste Hören stehen diese Sätze in einem krassen Kontrast zur Friedensbotschaft Jesu und zur zentralen kirchlichen Forderung nach Frie-den und Verständigung in unserer Welt.
Im darauf folgenden Vers spricht Jesus von der Taufe. Dieser Vers klingt fast wie eine Leidensankündigung: „Was ist mir so bange, bis sie vollbracht ist.“ – „Es ist vollbracht.“ Die Klagen und Leiden Jesu und auch des Elias klingen hier an. In der Taufe  wird auch das alte Leben im Wasser ersäuft; in der Taufe lasse ich manches hinter mir, was mir lieb und teuer war. Die Psalmen wissen sehr anschaulich von der bedrohlichen Kraft des Wassers zu reden: Der Gläubige droht in den Wassern zu ertrinken und wird von Gott aus großen und tiefen Wassern gezogen und gerettet.

Schnell ist man geneigt, das Bild vom Feuer allegorisch zu deuten: Als einen prophetischen Aufruf, die Feuer des Evangeliums in die Welt zu tragen  oder auch so, dass „Jesus ein Feuer wahren Lebens entfacht“ habe und „unzählige Leben entzündet“ wurden, seitdem die „ersten Christen Feuer gefangen haben“ . Alles Auslegungen, die in ihrer jeweiligen Situation sicherlich treffend waren.
Aber sie sind auch symptomatisch dafür, dass wir die Provokation eines Jesus-Wortes, das quer zu unserem Jesus-Bild und unseren Erwartungen steht, zu schnell abschwächen, indem wir es allegorisieren. Heute weckt dieser Text an-dere Assoziationen. Wer nur einen Vers weiter liest, dem muss sich eigentlich diese Möglichkeit versperren: „Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden?“ – Ja, das dachte ich und das hoffe ich immer noch! – „Ich, [Jesus,] sage: Nein, sondern Zwietracht.“

Ich meine, Lukas konzipiert hier eine Jesus-Rede in der sich die Erfahrungen der ersten Christen spiegeln, und das sind Erfahrungen, die sich ziemlich von unse-rem abgesicherten Christentum auch in unseren Gemeinden unterscheiden. Da stehen Christinnen und Christen in der Verantwortung für ihren Glauben im konkreten und alltäglichen Leben. In unserem kirchlichen und gemeindlichen Alltag bemühen wir uns so gut es geht – auch gegen den Mainstream christlich verantwortete Positionen zu vertreten, und halten da auch mal Zwietracht und Spaltungen aus: Wenn wir – um ein Thema dieser Synode aufzugreifen – ge-rechtes Wirtschaften und faire Lebensmöglichkeiten für alle Menschen einfor-dern und eine an realen Wirtschaftsprozessen orientierte Finanzwirtschaft.

Ich konnte im Oktober für unsere Kirche an einer christlich-islamischen Dialog-tagung auf Java in Indonesien teilnehmen; einem Land aus dem uns i.d.R. im-mer nur vereinzelte Nachrichten über das Miteinander von Christen und Musli-men erreichen. In den letzten Monaten lasen wir in unseren Medien – außer von Natur- und zuletzt von der Schiffskatastrophe – vor allem von der Diskussion eines sog. „Antipornographiegesetzes“, das schulterfreie Tops oder Frauen auch das Joggen in der Öffentlichkeit verbieten könnte – wenn denn ein solches Ge-setz auf allen 18.000 Inseln dieses Landes mit z.T. viel älteren und tief verwurzelten vorislamischen Kulturen durchgesetzt werden könnte. Christen stehen dort zweifelsohne als eine Minderheit in der Verantwortung und immer wieder in schwierigen Auseinandersetzungen mit der islamischen Mehrheitsgesellschaft, die auf gar keinen Fall – so haben es sowohl Christen unserer javanischen Partnerkirchen als auch deren muslimische Dialogpartner immer wieder beteuert – islamistisch oder fundamentalistisch sei; bei Wahlen erhielten fundamentalistische Gruppen regelmäßig landesweit „nur“ zwischen drei und fünf Prozent der Stimmen; und doch orientiert sich die staatliche Gesetzgebung in 50 der über 1.000 Distrikten des Landes, die über eine relativ weitgehende Autonomie verfügen, an der sog. Scharia.

In einem solchen Kontext ist es sicherlich sehr viel schwieriger Dialog zu prak-tizieren als bei uns. Aber der Dialog wird dort auch noch sehr viel dringlicher. Das ist die feste Überzeugung maßgeblicher muslimischer und christlicher Ver-einigungen in Indonesien!: Mir ist die Andacht des katholischen Priesters Adam unvergesslich, der – was in Indonesien häufig geschieht: in Form einer Power-point-Präsentation – den gewaltvollen Konflikt der 90er Jahre thematisierte, in dem sich besonders auf der Insel Sulawesi Christen wie Muslime gegenseitig ermordeten und ihre Gotteshäuser in Brand setzten und er uns mit Bildern mit der Grausamkeit dieser Ereignisse konfrontierte. Für uns war es fast ebenso schockierend, wie selbstverständlich die indonesischen Muslime wie Christen über diese Bilder zur Tagesordnung übergingen und schnell der Schlussfolge-rung zustimmten, dass Frieden und Harmonie zwischen den Menschen und ihren Religionen die wichtigsten Forderungen der Zeit seien. Erst durch Nachfragen am Rande des Seminars konnten wir erfahren, dass auch hier religiöse Unter-schiede mit geschichtlichen und kulturellen Spaltungen in der Gesellschaft ver-quickt sind, religiöse Differenzen auch hier für politische und gesellschaftliche Interessen instrumentalisiert wurden. – Umso mehr hat mich beispw. das Enga-gement der Vikarin Gustina beeindruckt, die sich in ihrer von dieser Gewalt be-troffenen Gemeinde mit großem Engagement dafür eingesetzt hat, dass sie der muslimischen Gemeinde Grüße zum Ramadan überbracht haben.

An diese Bilder erinnere ich mich, wenn ich von einem „Feuer“ in der Bibel le-se, das Jesus angeblich auf Erden bringen wird. Ich kann diesen Text nur so ver-stehen – und ihn auch nur so in seinem Wortlaut ernst nehmen, wenn ich in die-sem Bild vom Feuer die gewaltvollen Verfolgungen der ersten Christen im Rö-mischen Reich widerscheinen sehe. Der Weg in die Nachfolge kann auch in die Auseinandersetzung, in die Benachteiligung führen, ja, kann Gesundheit und Leben von Christen gefährden. Lukas sieht dies ganz ausdrücklich – und Chris-ten, aber auch Angehörige anderer Religionen in vielen Teilen der Welt sind nicht sicher davor, dass sie Opfer religiöser und politischer Verfolgung und Be-nachteiligung werden.

Ich denke, unser Text kann uns ganz deutlich vor Augen führen, welche Gefah-ren es für einen selbst und auch die Familie mit sich bringen kann, wenn wir mit der Nachfolge Jesu wirklich ernst machen. Diese Auseinandersetzungen können eben bis ins familiäre Leben führen. Davon weiß auch unser Text, wenn er die Spaltungen in der Familie konkret benennt.

Nachfolge Jesu kann auch überlieferte und vertraute Strukturen in Frage stellen. Manchmal gelangen wir auch zu neuen Einsichten für unser Leben und unseren Glauben und begeben uns zuerst noch tastend auf neue Wege.

Angesichts der angedeuteten Schwierigkeiten im Miteinander von Christen und Muslimen in Indonesien ist das Dialogbemühen von Anhängern beider Religio-nen dort auch für uns im Rheinland ermutigend und beispielgebend und kann zeigen, dass sich die bösen Ahnungen, die Lukas in unserem Text formuliert und die die frühen Christen erlitten und die auch heute Christen in vielen Teilen der Erde ertragen müssen, nicht immer wiederholen müssen:

- Seit den Unruhen in den 90er Jahren lädt die Christliche Kirche in Ostjava zu christlich-muslimischen Dialogtagungen ein, im letzten Oktober erstmals mit Gästen aus Deutschland. Zu diesen Tagungen gehört ein live-in der Christen in einem muslimischen Pesantren, also einer Art Koranschule und der Muslime in einer Kirchengemeinde, um einander im religiösen Alltag besser kennenzuler-nen;
- In einer muslimischen Schule (SPMAA) werden u.a. zwei Prinzipien gelehrt: Gott immer enger und tiefer kennenzulernen und an ein Leben nach dem Tode zu glauben. Der Lehrer (kyai) dieser Schule hat in einer Eingebung die Gnade und Liebe Jesu, der im Koran Isa genannt wird, erfahren, und seitdem wird dort Isa/Jesus als Beispiel dieses Glaubens gelehrt.
- In dem Pesantren, in dem ich mitleben konnte, hat der Lehrer eine fatwa erlas-sen, in der er aus dem Koran abgeleitet hat, dass der Dialog und die Verständi-gung der Muslime mit Christen eine islamisch-religiöse Pflicht ist.
- Eine Erfahrung unseres Zusammenlebens war das gemeinsame Gebet bei Mahlzeiten und auch zum Abschluss eines Tages. Teilnehmer erzählten uns, dass es in vielen Familien Muslime und Christen gibt, und es ist schwer vor-stellbar, dass sich die Familien beim Tischgebet muslimisch und christlich sepa-rieren …
Hier gibt es also wertvolle Erfahrungen, dass unterschiedliche religiöse Be-kenntnisse nicht zwangsläufig zu Zwietracht, und vor allem nicht zu Gewalt füh-ren müssen, und auch innerhalb der Familien nicht trennen müssen.

Können wir uns durch diesen Text anspornen lassen, Gewalt und Zwietracht, Feuer und Unfrieden zwischen den Religionen zu vermeiden, ja, zu verhindern? Wir können uns dabei von vielfältigen anderen biblischen Traditionen leiten las-sen, die zeigen, dass Gott nicht Feuer und Zwietracht möchte, sondern ihre Ü-berwindung – wenn wir mit Jesaja und Micha auf die Wallfahrt der Völker zum Zion hoffen oder in den zehn Geboten oder der Wechselbeziehung von Gottes- und Nächstenliebe eine gemeinsame ethische Basis für Juden, Christen und Muslimen in der uns gemeinsamen Welt sehen können. So möchte ich auch un-sere Synodalvorlage „Christen und Muslime“ verstanden wissen: als Versuch und Einladung gemeinsam theologisch begründet Brücken für eine gemeinsame Verständigung hierzulande zu formulieren.
Verständigung und Dialog – das heißt nicht, eigene Glaubensinhalte aufzugeben oder über Glaubensfragen wie auf einem Basar zu feilschen; aber im Dialog können wir nicht nur die uns fremde Tradition besser kennen, sondern auch un-sere eigene tiefer begreifen lernen. Es geht darum, Gemeinsamkeiten zu formu-lieren, um der gesellschaftlichen Verantwortung in unserem Land und in unserer Welt gerecht zu werden. Wenn Entzweiungen, dann in der Frage wie wir Gottes Gerechtigkeit, Gottes Zuwendung zu allen Menschen, die Forderung nach einer Abkehr von den Götzen weltlicher Macht und Machtanmaßung in dieser Welt zum Durchbruch verhelfen können, damit alle Menschen, ja alle Kreatur, gut le-ben kann.
Um doch noch die Bilder des Textes allegorisch aufzugreifen: Wessen Glaube entzündet ist, wer als Christ Feuer gefangen hat, der muss die realen Menschen mordenden Feuer unserer Zeit löschen! Wo wir Meinungsverschiedenheiten auf uns nehmen und ertragen, da sollen sie dazu dienen, Zwietracht in unserer Welt, in unserer Gesellschaft zu überwinden und ein freies gemeinschaftliches Zu-sammenleben zu ermöglichen! Amen.

Lied
EG 431,1-3 Gott, unser Ursprung

indonesisches Bekenntnisgebet
Vater Unser


EG 664,1-3 Meine engen Grenzen

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 15. Januar 2009. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 15. Januar 2009. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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