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Landessynode 2007

Im Wortlaut: Andacht von Kirchentagspräsident Dr. Reinhard Höppner

Dr. Reinhard Höppner, Präsident des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentags aus Anlass der 57. ordentlichen Tagung der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland. Es gilt das gesprochene Wort.

Bevor ich zu ihnen gekommen bin auf diese Synode habe ich – und vielen von ihnen wird es nicht anders gegangen sein, die Weihnachtssachen eingepackt, die Vertreter der himmlischen Heerscharen und die Hirten, wenn nicht gerade in Watte, so doch in schönes weiches Papier, ebenso wie die Kühe und die Könige, sorgfältig voneinander getrennt, damit sie sich nicht aneinander reiben. Gegensätze, Widersprüche in Watte gepackt, so werden sie überleben bis zum nächsten Jahr, wenn sie wieder ausgepackt werden zum Fest. Jetzt ist erst mal wieder Alltag dran.

Wie halten wir das eigentlich aus, solche Widersprüche? Ich meine nicht nur die zwischen himmlischen Heerscharen und ausgestoßenen Hirten, zwischen Königen und Eseln, zwischen Futtertrog und Erlöser der Welt. Diese Widersprüche haben wir ja längst eingeschläfert in das wohlige Gefühl von Stille Nacht, heilige Nacht. Mit Festglanz überzogen. Und wer wollte das kritisieren. Nein, es ist gut, dass wir schöne Feste feiern. Und man sollte Feste auch nicht verderben indem man sie ständig problematisiert. Man muss nicht alle Probleme der Welt an Heiligabend predigen.

Aber als ich in dieser Zeit zwischen Fest und Alltag die Hirten neben die Engel und die Könige neben die Esel packte – obwohl ja Könige bekanntlich auch ganz schöne Esel sein können – kam mir doch die Frage: Wie gehen wir eigentlich um mit diesen Gegensätzen, mit diesen Widersprüchen in unserem Leben, in unserer Welt? Die Bilder von den Terrorakten werden uns über den Bildschirm ins Wohnzimmer geliefert, wo wir bequem im Sessel sitzen. Ich erfreue mich wieder guter Gesundheit, während meine Frau gerade ein Gemeindeglied besucht, das an Krebs erkrankt wohl nur noch einige Wochen zu leben hat. Vor einem dreiviertel Jahr lagen wir noch zur Operation auf der gleichen Station. Plakate mit grell-blauer Schrift machen mich darauf aufmerksam, wie viel ich mit unserem Luxus zu Linderung der Probleme in den armen Regionen der Welt tun könnte: …

Wie gehen wir mit diesen Gegensätzen um? Die meisten haben diese Frage längst in der Praxis entschieden: Sicherheitshalber nie so richtig dolle freuen, man könnte ja enttäuscht werden. Immer ein bisschen rummeckern, das Schlimmste schnell vergessen oder verdrängen, damit es nicht so weh tut. Nachrichten einfach nicht mehr hören. Notfalls wegsehen oder alles in emsiger Betriebsamkeit ertränken. So wird alles gleich gültig. Abgestumpft. Langeweile. Gleichgültigkeit. Menschen, die mal himmelhoch jauchzend und alsbald zu Tode betrübt sind gelten eher als labil; solchen Luxus können sich nur noch Kinder leisten. Für Erwachsene gilt: Sicherheitshalber grau. Denkschriften ausgewogen, bitte nicht so scharf.

So beginnt der Tod mitten im Leben, die Langeweile zwischen den Fronten, die anschwellende Lärmkulisse, damit man die Schreie nicht hört, nicht die Freudenschreie, nicht die Schmerzensschreie. Aufreger in der Zeitung bitte über Nebensächlichkeiten, die sich den Mantel von Wichtigkeiten umgelegt haben, damit man sie am nächsten Tag getrost zum Altpapier tun kann. Leben, richtiges Leben, erfülltes Leben kann das nicht werden. Lebendig ist nur, wer die Widersprüche, die Gegensätze wahr nimmt und aushält. Das wird nicht einfacher in unserer globalen Welt. Da prallen Welten aufeinander, die über Jahrtausende fein säuberlich voneinander getrennt waren. Kulturelle Welten, religiöse Welten. Wer in der richtigen Welt leben will – und das ist ja in der Regel die eigene – von dem ist Anpassung verlangt. Das war übrigens auch die größte Leistung, die 1990 von den Ostdeutschen verlangt wurde, eine Anpassungsleistung an die Verhältnisse West. Schade, da ist viel Kreativität, Schöpfertum, Lebendigkeit verspielt worden.

So soll es unter euch nicht sein, sagt Jesus. Und er hält den Widerspruch aus, Gottessohn zu sein und Obdachloser, Heiland der Welt und hingerichteter Verbrecher, unschuldiges Lamm und von allen Sünden der Welt beladen. Das ist Leben, sagt Gott, wirkliches Leben, Leben gegen das graue Einerlei der Tage. Richtig lebendig ist, wer die Widersprüche zwischen der Welt wie sie ist und der Welt wie sie sein sollte, gegen alle Nivellierungstendenzen und gegen alle aufkommenden Gleichgültigkeiten aushält.
Auf diesem Hintergrund bekommt die Losung des Kirchentages für mich noch einmal einen neuen Klang.

„Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“

Natürlich wünsche ich mir den Kirchentag lebendig und kräftig und schärfer. Natürlich wünsche ich mir unsere Kirche lebendig, kräftig und gerade im gesellschaftlichen Dialog ruhig auch mal etwas schärfer. Das wäre dann schriftgemäß, dem Worte Gottes entsprechend. Und an nichts anderem haben wir uns zu orientieren. Darin bin und bleibe ich gerne bei aller ökumenischen Offenheit Protestant. Nur durch diese Orientierung bleiben wir lebendig. Aber klar ist angesichts der Gegensätze in unserer Welt ist auch klar, es geht um eine Lebendigkeit, die Kraft erfordert, Kraft, die aus dem Willen zur Nachfolge und aus dem Vertrauen erwächst, dass dieser Unterschied zwischen der Welt, wie sie nach Gottes Willen sein sollte und der Welt, wie sie ist, aushaltbar ist. Dazu muss die Kraft Gottes schon in den Schwachen mächtig sein, denn es ist nicht leicht, diese Unterschiede auszuhalten und nicht dem Trend zur Gleichgültigkeit und Anpassung zu erliegen.

Lebendig und kraftvoll ist unsere Quelle des Lebens. Das wollen und werden wir auch auf dem Kirchentag erleben. Aber da ist ja nun noch die Sache mit dem Schwert. Es hat bei der Losungsdiskussion im Präsidium des Kirchentages kontroverse Diskussionen ausgelöst. Schließlich wollen wir doch eine friedfertige Kirche sein. Und als sich dann gar das friedliche und urchristliche Symbol des Fisches in einen  Haifisch verwandelte, meinten einige, das ginge nun wirklich zu weit. Aber da praktiziert der Text geradezu, was er sagt: Er ist schärfer als wir denken. Beim Thema schärfer geht es eben nicht nur um die Schärfung von Profil, um bessere Akzentuierung, es geht um Trennungen, um Unterscheidungen. Es geht zum Beispiel um die Frage: Was muss ich aushalten an Widersprüchen und wogegen  muss ich kämpfen? Es geht um die Frage: Wann muss ich kämpfen, und wann muss ich aushalten. In Konflikten. Zwischen arm und reich. Im Kampf der Kulturen. Bei Krankheit und Leid. Sie merken, das Schwert, dieser Geist der Unterscheidung ist unverzichtbar in diesem Text. Es geht um die Unterscheidung der Geister, die uns beherrschen wollen. Solche Gewissensschärfung wünsche ich mir vom Kirchentag in Köln.

Möge es ein lebendiger Kirchentag werden in aller Vielfalt. Vielfältig nicht beliebig, vielfältig, weil erst ausgehaltene Vielfalt lebendig macht. Möge es ein kräftiger, ein Kraft spendender Kirchentag werden, kräftig nicht, weil wir Christen oder gar wir Evangelischen im Besitz der Wahrheit sind, sondern weil wir Unterschiede, die Bereicherung bedeuten, leben wollen und dazu Kraft brauchen. Möge der Kirchentag es auch an der nötigen Schärfe nicht fehlen lassen, Schärfe nicht wegen einer Profilneurose oder der Lust an Schlagzeilen, sondern weil wir unterscheiden lernen wollen und müssen zwischen den Unterschieden oder Gegensätzen, zwischen der Vielfalt, die bereichert und den Unterschieden und Gegensätzen, die ein Skandal vor Gottes Augen sind. Das Schwert ist nicht da zum Stochern im Nebel. Dieses scharfe Wort soll uns zu Durchblick und Orientierung verhelfen. Auch das will der Kirchentag.

Manchmal wird ja mit leicht vorwurfsvollem Unterton gesagt: Ja, das ist Ausnahmesituation, danach kommt doch wieder der Alltag in den Gemeinden, der sehr viel bescheidener ist als dieses Fest des Glaubens. Diesen Unterschied werden wir aushalten müssen. Keiner sollte ihm zu entrinnen versuchen, indem er das Fest nicht feiert. Im Gegenteil: Ein Fest trotz alledem macht das Leben erst lebendig und kräftig und schärft unseren Blick für die Welt, wie sie nach Gottes Willen sein sollte.

Also ich empfehle: Packen sie die Feststimmung von Weihnachten in diesem Jahr gar nicht ein, legen sie noch die von Ostern dazu, dann wird es im Juni in Köln vielleicht wie Weihnachten und Ostern zusammen. Und ich bin sicher, danach wird auch der Alltag lebendig und kräftig und schärfer sein, das pralle, erfüllte Leben, an dem Gott seine Freude hat.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 11. Januar 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 11. Januar 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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