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Landessynode 2007

Predigt im Eröffnungsgottesdienst

Predigt von Oberkirchenrat Harald Bewersdorff im Eröffnungsgottesdienst der 57. ordentlichen Tagung der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland, 7. Januar 2007, über Markus 4,35-41. Es gilt das gesprochene Wort.

Sperrfrist: Sonntag, 7. Januar 2007, 17 Uhr.        

Liebe Schwestern und Brüder,
I
„Am Abend jenes Tages sprach er zu ihnen: ‚Lasst uns ans andere Ufer fahren!‘“(V35)
Aber wie kommt man an das andere Ufer?
Der Uhrzeiger drängte schon auf den Morgen zu. Vor dem Erwachen fiel ich noch einmal in einen tiefen Traum. Ich saß an einem runden Tisch. Es tagte eine Jury. „Wir kommen jetzt zur Entscheidung über die Wahl: kirchliches Wort des Jahres 2006!“, hieß es. 
Dort, im Traum, am runden Tisch, fand ich den Vorschlag einleuchtend.  
Ein Leitwort müsste es doch geben, ein Leitwort, wie ein Leuchtfeuer, das den Weg zum anderen Ufer Zukunft Kirche weisen könnte.
Während ich so grübelte, blieb neben dem Beifall der Übrigen ein großes Wort im Raum stehen:
„Mentalitätswandel“

Mir war, als ob ich im Traum träumte. Wahrlich, Mentalitätswandel, das ist ein großes Wort, ein schweres Wort. Der Klang geht leicht über die Lippen. Der Sinn wiegt schwer. Es soll sich etwas wandeln, verändern. Etwas soll beweglich werden, was bisher unbeweglich war, wandelbar, was bisher fest oder hart war:  
Ein anderer Geist soll sein.  
Einstellungen sollen nie wieder wie militärische Festungen sein.
„Ja, wenn das wäre“, dachte ich, „dann: 
würden Kinder nicht mehr hungern, 
und es gäbe keine Gewalt mehr gegen Kinder und keinen Missbrauch. 
Dann würde über Bildungsgerechtigkeit nicht nur geredet, sie würde endlich finanziert. 
Wir müssten vielleicht keine Kirchen verkaufen. 
Dann würde das Kyoto-Protokoll von allen Ländern unterschrieben. 
Auf den Straßen sähe es anders aus, und es gäbe andere Autos. 
Dann müssten Eltern, die Harz IV beziehen, davon nicht auch noch Schulbücher bezahlen. 
Dann erhielten Menschen global gerechten Lohn. 
Dann bliebe das Wasser sauber. 
Menschen verschiedener Religionen würden in Achtung voreinander beten.  
Waffen schwiegen 
und wir selber täten uns mit Entscheidungen nicht so schwer. 
War das so gemeint?
Aufgewacht rieb ich mir verwirrt die Augen zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Wer die Augen aufkriegt, ahnt es nicht nur, der weiß: 
Mentalitätswandel ist nötig! 
Keine Frage.
Unsere Kirche braucht ihn.  
Kirche der Freiheit will Kirche mit einem neuen Geist sein! 
Darum das Leitwort Mentalitätswandel! Die Herrschaft eines neuen Geistes ist das Ufer Zukunft von Kirche.
Mentalitätswandel ist nötig. 
Keine Frage. 
Unsere Gesellschaft braucht ihn. Familiengerechtigkeit und Generationengerechtigkeit, Armutsbekämpfung brauchen einen neuen Geist. Sonst wird sich nichts ändern. Darum das Leitwort Mentalitätswandel im 7. Familienbericht. Nur ein anderer Geist wird unsere Gesellschaft zusammenhalten können und ein gegeneinander der Generationen verhindern.
Das hat Plausibilität für sich.
Wer die Augen aufkriegt, ahnt nicht nur, der weiß auch: 
Nichts ist so schwierig wie Mentalitätswandel. 
Er kommt nicht, wenn man ihn fordert. 
Sonst würden Kinder nicht weiter weinen müssen und Beziehungen brechen,
das Eis an den Polen schmelzen oder die Dürre sich weiter ausbreiten. 
Sonst würden wir nicht streiten über synodale Entscheidungen, Bekenntnisse, Versorgung, Bildung oder über Gebäude.

II
„Am Abend jenes Tages sagte er zu ihnen: ‚Lasst uns ans andere Ufer fahren.‘"(V35)
Aber wie gelangt man an das andere Ufer?
Die Geschichte, die davon erzählt, ist voller Rätsel.  
Jesus begann am See in Gleichnissen zu lehren. Das geht voraus. Von den Jüngern wird im Besonderen gesagt, dass ihnen das Geheimnis der Gottesherrschaft gegeben sei. (V11) Verstärkend wird hinzugefügt: „Seinen Jüngern für sich allein aber legte er alles aus.“ (V 34) Alles, heißt es. Und doch durchschauen gerade die Jünger nicht, worum es geht und um wen es geht. Dem Geheimnis des Gottesreiches sind sie durch Lehre allein nicht auf die Spur gekommen. Sie schreien ihre Angst heraus, haben kein Vertrauen und werden am Schluss von einem entsetzlichen Schrecken ergriffen.
Auch das lese ich in der Geschichte:  
Auf dem Weg zum anderen Ufer sind sie dann „abseits“ der Menge, für sich allein. Und man fragt sich, ob erst jetzt die eigentliche Auslegung für sie stattfinden soll. Aber auch die neue Erfahrung auf dem See führt nicht zum Verstehen. Die Geschichte endet mit einer Frage: „Wer ist denn dieser, dass ihm Sturm und Meer gehorchen?“ Die Antwort der Jünger steht aus. Haben die Jünger sie noch nicht gefunden, weil sie ihn noch nicht gefunden haben?
Und auch das berührt mich: Die Geschichte hat eine eigentümliche Schlussszene. Jesus redet. Die Jünger reden. Aber sie reden nicht miteinander. Es ist ein Gespräch, das eigentlich ein „Nicht-Gespräch“ (Reichert) ist. Jesus und die Jünger reden aneinander vorbei. Sie sind in einem Boot und weit voneinander entfernt. Die Jünger gehen auf Distanz zu Jesus. Aus der Distanz heraus reden sie über ihn. Sie reden nicht zueinander sie reden übereinander. In ihrer Sprache und in ihren Gedanken finden sie nicht zueinander.

III
Besonders an dieser Stelle habe ich das Bedürfnis, den Jüngern helfen zu wollen.  
Sie sind mit ihm in einem Boot, aber haben noch nichts begriffen. Von Mentalitätswandel keine Spur. Sie finden keine Antwort auf den, der Wind und Wellen anherrscht und ihnen verbietet, nach dem Leben zu greifen. Sie können sich noch keinen Reim darauf machen, dass sich der Wechsel von Herrschaft schon ereignet hat. Sie haben ihn in der Nähe und bringen über ihn nur eine offene Frage heraus.
Ich fühle mich geradezu herausgefordert zur Antwort: Habt ihr nicht gemerkt, dass die Mächte, die euch und anderen nach dem Leben greifen nicht mehr das Sagen haben? Ihre Rolle heißt von nun an: Gehorchen! Selbst wenn das Wasser ins Boot schlägt, es bringt das Boot nicht zum Kentern, wenn er im Boot sitzt. „Der dich behütet, schläft nicht!“ (Ps. 121) könnt ihr das nicht wenigstens erinnern?

IV
„Am Abend jenes Tages sagte er zu ihnen: Lasst uns zum anderen Ufer hinüberfahren!‘“
Aber wie kommt man an das andere Ufer?
Anmerkungen dazu aus der Geschichte von hinten her gelesen.
Aus der Distanz heraustreten.
Die Jünger verharren in staunender Distanz. Obwohl sie zu den Akteuren der Geschichte gehören, sind sie längst noch nicht eingebunden.
Aus Distanz lässt sich gut staunen und erschrecken. Auf Distanz gehen oder bleiben, liegt im Trend. Man lebt auf Abstand oder aus Entfernung. Das ist modern und verspricht Freiheit.
Man bekommt viel mit, kann wahrnehmen und beobachten. Man kann mitreden oder über andere reden, wenn es nötig ist. Für viele ist Distanz ein Königsweg, um sich heraushalten oder sich nicht zu entscheiden.
Man kann Theorien daraus machen. Auf solche Weise kann aus dem Religionsunterricht Religionskunde werden. Christliche Erziehung heißt dann nur noch Werteerziehung oder allgemeine Ethik.  Das trifft nicht nur für Berlin zu. Aus Arbeit an der Beziehung kann Herrschaft über andere werden. Oder aus Trauer kann schnell nur noch Mitleid werden, aus Betroffenheit Erschrecken. Aus Mitgliedschaft Freundschaft. Abstand bleibt gewahrt.
Distanz ist ein Grund, warum wir über Zahlen oder Statistiken immer nur hinterher erschrecken. Das gilt für den Armutsbericht!  Das ist beim  Bildungsbericht so. Das gilt auch für den Bericht zur Lage der Kirche. Auf Distanz nimmt man Entwicklungen und Prozesse nicht wahr. Und man ist nicht nahe bei den Menschen.
Auf Distanz sieht man letztlich doch nur undeutlich und ungenau, nicht wie in der ersten Reihe. Man verpasst Zugänge zu Menschen.
Auf Distanz verpasst man den Zugang zum Glauben. Selbst in der Nähe Jesu, unter den Seinen, gibt es Distanz oder wie B. Metz es neulich sagte: „eine religionsfreundliche Gottlosigkeit“. Das ist so, wenn dem eigenen Verstehen oder der Schwerkraft der Tradition mehr zugetraut wird, als seiner Einladung, gemeinsam über das Wasser zu kommen. Aus der Distanz missverstehen die Jünger das Wunder. Darum ist sicher: Man kann aus Distanz Kirche nicht lebendig gestalten, leiten und erhalten.
Im Schwanken nicht dem Wunder trauen.
Keine andere Geschichte, wie die Sturmstillung, lehrt uns, dass in unserem Leben plötzlich alles schwanken kann. Was wir für selbstverständlich hielten, was uns wichtig war, gerät ins Schwanken. Mitten drin, gleichsam auf dem Weg zum anderen Ufer, kommen Wind und Wellen auf. Völlig unerwartet, im Nu, strömen sie ins Boot, bis einem der Boden unter den Boden unter den Füßen entgleitet. Alle Sicherheit ist dann dahin. Was bleibt, ist wie bei den Jüngern, nur noch die elementare Frage: „Machst du dir denn keine Sorgen um uns“?
Kann es im Schwanken Halt geben?
Diese Frage ist längst unter uns da.  Sie ist da, weil bisherige Selbstverständlichkeiten und Verlässlichkeiten brechen. Sie ist da, weil das Zutrauen in eigene Entscheidungen und Fähigkeiten herb enttäuscht worden ist. Sie ist da, weil wir zutiefst von öffentlichen Entwicklungen abhängig geworden sind und vielfach nur noch reagieren können.  
Sind demografische Entwicklung und Steuerpolitik jene Mächte, von denen die Geschichte auch erzählt. Kommen sie wie Wind und Wellen über uns? Ist es jener Geist der Liberalität, durch den Sonntagsschutz weiter ausgehöhlt wird? 
Ist es jener Geist von Entwicklung und Fortschritt, der Finanzierung von Bildung immer mehr zum Trägerrisiko macht?
Im Schwanken müssen wir Entscheidungen fällen, deren Tragweite wir beileibe nicht alle ermessen können.
Dabei wissen wir wohl: Der Augenblick einer Entscheidung verträgt das Schwanken nicht. Von Entscheidungsträgern wird Festigkeit nicht Schwanken erwartet.
Müssen wir also das Schwanken fürchten? Oder können wir uns darauf verlassen, dass wir auch im Schwanken Halt finden? Oder kommt es vielleicht sogar darauf an, im Schwanken die Antwort offen halten über den, der mit im Boot sitzt und macht, dass wir nicht fallen?
Weiter fragen.
Sie waren in der Lehre. Aber alle Texte und geschickte Auslegungen haben den dahinter Verborgenen nicht aufgeklärt. Sie waren mit ihm im Boot. Auch dass sie erfuhren, wie Wind und Wellen schwiegen, hat sie nicht aufgeklärt. Den Verborgenen dahinter haben sie nicht entdeckt.
Es ist so: Keine Grammatik und Hermeneutik allein schließt den Einen auf, der von Galiläa auf Jerusalem zugeht. Es ist so. Keine Erfahrung – und sei sie noch so überwältigend, findet allein zu dem, dem Wind und Wellen gehorchen.
Es ist gut, schriftgelehrt Grammatik und Hermeneutik zu beherrschen. Es ist hilfreich, Erfahrungen des Glaubens zu machen. Es ist reicht nicht, dabei stehen zu bleiben.  Es kann immer nur ein Anfang sein, der die Frage auslöst: „Wer ist denn dieser?“ Alle Schriftgelehrsamkeit und alle subjektive Erfahrungen haben immer wieder den Weg mit ihm von Galiläa nach Jerusalem vor sich.

V
Mentalitätswandel können wir nicht einfach machen. Er kommt nicht, auch wenn er herbeigeredet oder herbeigewünscht wird. Immer steht mit zu befürchten, dass ein bestimmter Geist gemeint wird, dem wir folgen sollen.
Mentalitätswandel wird sich ereignen, wenn wir das Vorläufige in unserem Glauben und Denken nicht zum Endgültigen machen. Wenn das Bewahren in der Richterskala kirchlicher Umbrüche nicht höher steht als Entdecken.
Mentalitätswechsel wird sich ereignen, wenn wir den Weg nach Jerusalem mitgehen und im Mitgehen unser eigenes Verstehen und Missverstehen aufs Spiel setzen. Im seinem Leiden, dem Leiden für andere, ereignet sich Mentalitätswechsel.
Denn Herrschaftswechsel ist vollzogen. Ein neuer Geist, der zum Leben verhilft, ist längst da.
Den müssen wir nicht machen. Wir müssen nur mitgehen, folgen. Wir müssen es tun.

VI
Darum wünsche ich mir eine Kirche,
die den Mut hat, zu ihm ins Boot zu steigen und mit ihm aufzubrechen;
die schriftgelehrt ist und schriftgemäß handelt und gerade dabei der Einladung Jesu folgt, wieder und wieder ins Boot zu steigen, um mit ihm ans andere Ufer zu kommen, damit von unterwegs das Fragen neu beginnen kann;
die nicht über Jesus redet, sondern ihn reden lässt und die weder durch eine Grammatik der Frömmigkeit noch Tradition beherrscht wird;
die zugeben kann, ins Schwanken zu geraten und die den  Halt bei ihm sucht, indem sie mit ihm redet und nicht über ihn;
die die Sorge um sich selbst bei Jesus aufgehoben weiß und die sich darum um andere sorgen kann;
die Distanz aufgibt und Distanzierte anspricht und einlädt, um dann mit ihnen gemeinsam im Boot ans andere Ufer zu fahren;
die Distanz aufgibt und frei redet, wenn Menschen Hilfe zum Leben brauchen oder ihnen Lebensraum genommen wird. Die das auch dann tut, wenn sie darum weiß, dass es Ärger machen kann und dem öffentlichen Image schadet.
die nicht über Mentalitätswandel redet, sondern schlicht tut, was Nachfolge gebietet.

Die weniger um das eigene Image nach außen bemüht ist, aber an Antworten interessiert ist, wie man über das Wasser kommt.

Amen

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Sonntag, 7. Januar 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Sonntag, 7. Januar 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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