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Einstieg
Landessynode 2008

Beschluss 15: verwahrloste Kinder und jugendliche Intensivtäter

Hinweis: Rechtlich verbindlich ist die im Protokollbuch ausgefertigte Version der Beschlüsse.

Antrag des nebenamtlichen Mitglieds der Kirchenleitung Schaefer (12) zum Präsesbericht
betr. verwahrloste Kinder und jugendliche Intensivtäter

Beschluss 15:
Die Synode dankt Präses Schneider für seine Stellungnahme zur Situation verwahrloster Kinder und zur Arbeit mit jugendlichen Intensivtätern und macht sich seine Ausführungen zu eigen.
Sie bittet die Gemeinden, Kirchenkreise, Werke und Verbände, das Anliegen in Gesprächen und Verhandlungen in Kirche und Gesellschaft einzubringen.

1. Die Synode erinnert an das christliche Menschenbild, nach dem Gott keinen Menschen verloren gibt. Es ist nach den Ursachen von Verwahrlosung und Gewalt zu fragen. Jugendliche, die das Leben anderer ver-letzen oder gefährden und ihre eigene Zukunft ruinieren, bedürfen der Zuwendung und Grenzsetzung, um ein Leben in Achtung vor anderen wie vor sich selbst zu gestalten.
2. Öffentliche Erziehung, Bildung und Betreuung müssen finanziell und personell so ausgestattet werden, dass präventive, diagnostische und therapeutische Arbeit gewährleistet ist.
3. Kirchliche Einrichtungen der Beratung, Jugendarbeit und Diakonie sind in der Arbeit mit verwahrlosten Kindern und gewalttätigen Jugendlichen dort erfolgreich, wo es gelingt, eine Beziehung aufzubauen und vorhandene Begabungen zu entwickeln. Der Ausbau präventiver Maßnahmen und die Verstetigung gelungener Modellprojekte in der Kinder- und Jugendhilfe sind der richtige Weg.
4. Die Synode hält das bestehende Jugendstrafrecht für ausreichend, for-dert aber zeitnahe Verfahren und die dafür notwendige Verbesserung der Rahmenbedingungen. Die Verschärfung des Jugendstrafrechts und „erniedrigende Erziehungscamps“ sind untaugliche Mittel. Ebenso wendet die Synode sich gegen eine Stigmatisierung Jugendlicher mit Zuwanderungsgeschichte.

Im Bericht des Präses über die für die Kirche bedeutsamen Ereignisse heißt es unter der Überschrift „Verwahrloste Kinder und jugendliche Intensivtäter“:

Verwahrloste Kinder und jugendliche Intensivtäter und deren Familien sind unseren diakonischen Einrichtungen gut bekannt. Einige spektakuläre Fälle werden derzeit öffentlich diskutiert – und das begrüße ich grundsätzlich. Allerdings ist dieses Problemfeld zu wichtig und zu komplex, als dass holzschnittartige und oberflächliche Lösungsvorschläge wirklich hilfreich sind.

Einige wichtige Aspekte möchte ich in der hier gebotenen Kürze ansprechen:

1. Unsere diakonischen Fachleute sagen uns, dass wir keine strengeren Gesetze brauchen. Gute juristische und pädagogische Instrumente stehen zur Verfügung – es mangelt allerdings an Geld und Personal, um sie auch um-zusetzen.

2. Unsere diakonischen Einrichtungen bieten schon jetzt Gruppen mit fester Zeitstruktur, Kontaktsperre nach außen für eine bestimmte Zeit und klar definierten Sanktionen bei Regelverstößen an. Das Brechen der Persönlichkeit, Erniedrigungen und Missachtung gehören nicht zu einem auf dem christlichen Menschenbild gründenden pädagogischen Konzept. Vielmehr sollen Jugendliche bei aller notwendigen Strenge und Konsequenz zugleich Zuwendung erfahren.
 Pädagogische Arbeit ist Beziehungsarbeit, und die braucht Zeit, kleine Gruppen und bestens ausgebildetes Personal – und das kostet Geld. Das Sparen an Kindern und Jugendlichen muss beendet werden!

3. Prügelnde Jugendliche bestätigen sich selbst dadurch, dass sie jemanden „unter die Füße kriegen“. Neben erzieherischer Arbeit ist Ausbildung oder Anleitung, sinnvolle und bezahlte Arbeit, eine Berufs- und Lebensperspektive zur Selbstbestätigung und zur Entwicklung eines Selbstwertgefühls unverzichtbar. Wir brauchen staatlich geförderte Ausbildung und Arbeit und größeres Engagement der Wirtschaft.

4. Prävention darf meiner Ansicht nach nicht gegen Therapie ausgespielt werden. Wir brauchen beides. Es werden augenblicklich erfolgreiche Frühfördermaßnahmen als Modellprojekte durchgeführt. Dringend erforderlich ist es, diese Maßnahmen über den Status des Modellhaften hinauszuführen.

Die öffentliche Erziehung muss materiell und ideell größere Wertschätzung erfahren.
Zum Umgang mit verwahrlosten Kindern und jugendlichen Intensivtätern gilt:
Wir brauchen Menschen statt Mauern.

(Einstimmig)


Der Antrag hat folgenden Wortlaut:

Das nebenamtliche Mitglied der Kirchenleitung Schaefer (12) stellt nachstehenden Antrag zum Bericht des Präses:

„Die Synode macht sich den nachfolgenden Text aus dem Präsesbericht zu Abschnitt B 2.4 betreffend verwahrloste Kinder und jugendliche Intensivtäter zu eigen und bittet, den Inhalt im Gespräch mit den zuständigen Politikern einzubringen.“

Der Text lautet wie folgt:

«Verwahrloste Kinder und jugendliche Intensivtäter und deren Familien sind unseren diakonischen Einrichtungen gut bekannt. Einige spektakuläre Fälle werden derzeit öffentlich diskutiert – und das begrüße ich grundsätzlich. Allerdings ist dieses Problemfeld zu wichtig und zu komplex, als dass holzschnittartige und oberflächliche Lösungsvorschläge wirklich hilfreich sind.

Einige wichtige Aspekte möchte ich in der hier gebotenen Kürze ansprechen:

1. Unsere diakonischen Fachleute sagen uns, dass wir keine strengeren Gesetze brauchen. Gute juristische und pädagogische Instrumente stehen zur Verfügung – es mangelt allerdings an Geld und Personal, um sie auch umzusetzen.

2. Unsere diakonischen Einrichtungen bieten schon jetzt Gruppen mit fester Zeitstruktur, Kontaktsperre nach außen für eine bestimmte Zeit und klar definierten Sanktionen bei Regelverstößen an. Das Brechen der Persönlichkeit, Erniedrigungen und Missachtung gehören nicht zu einem auf dem christlichen Menschenbild gründenden pädagogischen Konzept. Vielmehr sollen Jugendliche bei aller not-wendigen Strenge und Konsequenz zugleich Zuwendung erfahren.
 Pädagogische Arbeit ist Beziehungsarbeit, und die braucht Zeit, kleine Gruppen und bestens ausgebildetes Personal – und das kostet Geld. Das Sparen an Kindern und Jugendlichen muss beendet werden!

3. Prügelnde Jugendliche bestätigen sich selbst dadurch, dass sie jemanden „unter die Füße kriegen“. Neben erzieherischer Arbeit ist Ausbildung oder Anleitung, sinnvolle und bezahlte Arbeit, eine Berufs- und Lebensperspektive zur Selbstbestätigung und zur Entwicklung eines Selbstwertgefühls unverzichtbar. Wir brauchen staatlich geförderte Ausbildung und Arbeit und größeres Engagement der Wirtschaft.

4. Prävention darf meiner Ansicht nach nicht gegen Therapie ausgespielt werden. Wir brauchen beides. Es werden augenblicklich erfolgreiche Frühfördermaßnahmen als Modellprojekte durchgeführt. Dringend erforderlich ist es, diese Maßnahmen über den Status des Modellhaften hinauszuführen.

Die öffentliche Erziehung muss materiell und ideell größere Wertschätzung erfahren.
Zum Umgang mit verwahrlosten Kindern und jugendlichen Intensivtätern gilt:
Wir brauchen Menschen statt Mauern.»

Der Antrag wird von mehr als 20 Synodalen unterstützt und zur weiteren Behandlung an das Präsidium überwiesen.


 

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