Bild Dossiermarke
Einstieg
Landessynode 2008

Predigt im Eröffnungsgottesdienst

Jeder Mensch hat einen Platz: Predigt im Eröffnungsgottesdienst von Oberkirchenrat Klaus Eberl. Sperrfrist: Sonntag, 6. Januar 2008, 17 Uhr! Es gilt das gesprochene Wort.

Predigt (2. Kor 4,6)

Epiphanias - das Fest der Erscheinung des Herrn. Gott kommt und sucht seinen Platz in der Welt. Für Paulus heißt das:
„Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“
Mir klingen andere Sätze im Ohr, in denen es um einen Platz in der Welt geht:
Dich brauchen wir nicht.
Du kannst nichts, weißt nichts, bist nichts.
Du bist das 5. Rad am Wagen.
Du bist unnötiger Ballast,
ein Kostenfaktor.
Du wirst entlassen.
Ausländer raus.
Aus dir wird nie was.
Du hast hier keinen Platz.

So finster kann die Perspektive von Menschen sein.
Kein Platz.
Im Zentrum des Weihnachtszyklus steht die verletzliche Suche der Liebe Gottes nach einem Ort. Da ist die Herbergssuche am Heiligen Abend. Da ist Flucht des Kindes und seiner Familie vor den Schergen des Herodes nach Ägypten.
Kein Platz. In der Tat: Das Licht der Epiphanie hat es schwer mit der Finsternis, die sie vorfindet.
Und die Finsternis hat viele Namen: Einsamkeit, Armut, Hoffnungslosigkeit, Hunger, Krankheit, mangelnde Geborgenheit und Fürsorge, Bildungsferne.
Das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz haben ihren Platz an der Seite der Ausgegrenzten und Abgeschriebenen, der Freigesetzten und Ausgeschlossenen. Damals wie heute.
Denen, die keine Heimat haben, kein Selbstbewusstsein, denen, die keine Wertschätzung erfahren, wird gesagt: Licht ist da - Licht soll in der Finsternis aufleuchten.
Der Scheinwerfer wird angeknipst. Ein heller Schein. Er wird zum Suchscheinwerfer, um einen Platz zu finden. Einen Platz für jeden Menschen. Ohne Ausnahme. Für die Glücklichen und Traurigen, die Starken und Schwachen, die Opfer der Globalisierung und ihre Akteure, die Schulversager und die Überflieger, die Menschen mit und ohne Behinderung, die Jungen und die Alten.
Es geht Paulus um das Sichtbarwerden der Herrlichkeit Gottes in der Welt. Er erinnert an den ersten Schöpfungstag, an dem Gott mit Licht das Tohuwabohu vertreibt.
Aber die korinthischen Christen wollen sehen, was Paulus (!) zu bieten hat.
Nun, da sind keine staunenswerten Fähigkeiten. Da ist keine Ekstase. Paulus ist in Bedrängnis.
Ein wenig erinnert mich das an die Bedrängnis, in der sich die Evangelische Kirche befindet. Die Kirche der Freiheit läuft nicht strahlend, sondern stolpernd auf ihre selbst gesetzten Zielmarken 2012 oder 2030 zu. Und die Leuchtfeuer sind im Spiel der Metaphern bestenfalls Glühwürmchen, die keine strahlende Zukunft machen.
Paulus in Bedrängnis. Woher nimmt er nur die Dreistigkeit seines apostolischen Anspruchs?, fragen seine Kritiker.
Kann ein unscheinbarer, kranker Mann, ein Mensch mit Behinderung sogar, glaubwürdiger Zeuge Gottes sein?
Ein Mensch ohne offensichtlichen Leistungsnachweis?
Da rückt Paulus die Perspektiven zurecht: Ihr wollt sehen? Seht die Dunkelheit und Schwachheit! Ihr sucht Herrlichkeit? Herrlichkeit gibt es nur im Angesicht Jesu! Ihr sehnt euch nach Licht? Alles Licht ist Widerschein des Gekreuzigten. Ihr wollt Kirche sein? Kirche ist ein Platz der Erleuchtung, ein Ort, wo das liebe Evangelium gelebt und erlebbar gemacht wird.
Sie ist nichts aus sich selbst heraus. Sie hat kein eigenes Licht, keine Erkenntnis, keine Kraft, derer sie sich rühmen könnte. Das bisschen evangelische Liberalität, das Zutrauen in ihre Werte, das Engagement für Bildung und Diakonie, die Verlässlichkeit einer Körperschaft -  sind keine Legitimation.
Alles, was sie ist, kommt von ihm, dem Gekreuzigten und Auferweckten. Und der Evangelist Matthäus würde Paulus beiläufig ergänzen: und der ist kein anderer als das Kind aus Bethlehem, zu dem die Magier unterwegs sind.
Das ist die Provokation, die uns zugemutet wird: Kirche ist nur ein Platz, an dem sich Menschen dem Licht Christi aussetzen können. Ein Platz, an dem das Wort Gottes weitergesagt wird. Paulus formuliert so: „dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“.
Kirche - wir wollen diesen Platz erproben, ihn auf dieser Synode gestalten. 40 Stühle bieten sich in unserem Gottesdienst zum Probesitzen an. Denn die Mitglieder der Landessynode haben ja Sitz und Stimme.
Stühle zum Sitzen und Ausruhen. Zum sich-erleuchten-lassen. Zum Zusammenrücken und Auseinandersetzen.
Ein Stuhl erhebt den Menschen über den Boden. Als Erhöhung ist er Ausdruck der Würde. Ein Stuhl ist Bedeutungsträger. Das merkt man spätesten dann, wenn man Sitzordnungen festlegen muss. In den Kirchenordnungen der Reformationszeit spielte die Behandlung der Kirchenstühle eine gewichtige Rolle.
Ein Stuhl kann viel bedeuten: Thron, Notsitz, Lehrstuhl, Chefsessel, Rollstuhl, Sitzung. Wie auch immer. Der Stuhl sagt: Ich gehöre dazu. Ich bin dabei - im Licht, nicht in der Finsternis.

Menschen mit und ohne Behinderung sind in einem integrativen Workshop im PTI zusammengekommen, um diese Holzstühle zu gestalten. Sie haben miteinander gelebt, voneinander gelernt, sich unterstützt, gefeiert, gemeinsam gestaltet.
Sie waren Kirche.
Sie haben den hellen Schein in ihrem Herzen gespürt, den niemand herbeizwingen kann. Den Gott selbst schenkt in seiner Menschenfreundlichkeit.
Das sieht man den Stühlen an. Jeder Stuhl ist anders. Unterschiedliche Formen und Farben. So verschieden, wie die Menschen.
Da ist der Sonnenstuhl, gelb-orange angemalt. Er leuchtet so warm und einladend für einen Sonnenplatz im Leben.
Ein Stuhl hat Blumen und einen grünen Sitz. Der Stuhl der Hoffnung. Hoffnung, die sich gründet auf das Kommen Gottes in die Welt.
Einige Stühle sind rot und mit Herzen verziert. Sie sind der Liebe gewidmet. Gott ist die Liebe. So viele Stühle - so viele Persönlichkeiten.
Die 40 Stühle stehen für eine lebendige Kultur des Zusammenlebens von Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Jeder und jede soll mit den eigenen Fähigkeiten und Grenzen voll dabei sein. Einen festen Platz in der Gesellschaft haben. Der Arbeitsbereich Integrative Gemeindearbeit im PTI hat die Stühle mit dieser Botschaft auf die Reise geschickt. Zu Gemeinden und Kirchenkreisen, zum Kirchentag nach Köln, zur Landessynode. Für eine Kultur, in der jeder Mensch Platz hat.
Was sehen wir, wenn wir uns auf diese Stühle setzen? Welche Erkenntnis legt sich nahe? Wo sehen wir klarer? Ich möchte auf drei mögliche Wahrnehmungen hinweisen.
Die erste betrifft die Künstlergruppe der Menschen mit und ohne Behinderung. Der Arbeitsbereich Integration ist inzwischen ein fester Bestandteil kirchlicher Bildungsarbeit im PTI.
Das ist nicht selbstverständlich.
Es ist noch nicht lange her, da dachte man beim Stichwort Behinderung an Hilfehandeln, an Mitleid, an „Aktion Sorgenkind“. Die einen geben, die anderen empfangen. Die einen sind stark, die anderen schwach. Die einen sind gesund, die anderen krank und - ziemlich arm dran. Hilfe als Einbahnstraße.
Integration als Einfügung in den vorgegebenen Rahmen.
An gemeinsame Bildung dachte niemand.

Solche Barrieren im Kopf sind schwerer zu überwinden als hohe Bordsteine und Treppen mit einem Rollstuhl.
Bei Paulus lernen wir: Im Lichte des Evangeliums gibt es keine starre Aufteilung der Welt in dunkel und hell.
Gottes Licht ist auf alle Menschen ausgerichtet.
Integration ist deshalb eine gemeinsame Suchbewegung.
Niemand ist - genau betrachtet - unabhängig und souverän.
Wir sind eine Ergänzungsgemeinschaft.
Wir sind eingebunden in lokale und globale Zusammenhänge, ein Netz, das uns tragen kann, das uns aber auch verwundbar macht.
Nicht aus den Fähigkeiten des Menschen resultiert seine Würde, sondern aus der Bejahung, die von Anfang an für jedes Leben gilt.
Das können Menschen mit und ohne Behinderung nur gemeinsam (!) lernen:
die Grenzen unserer Kraft und Fähigkeiten wahrnehmen,
Defizite annehmen,
Schuld bekennen,
der Hoffnung mehr zutrauen als dem Scheitern,
in jedem Menschen den Widerschein der Herrlichkeit Gottes erkennen.
Denn das verbindet uns: Jeder und jede ist auf die Liebe Gottes und auf seine Gnade angewiesen.
Eine Gesellschaft, die in diesem Licht lebt, wird in etwas neues integriert, das wir noch nicht kennen.
Nämlich in eine Kultur, in der jeder Mensch Platz hat. Das ist der Platz an der Sonne, der versprochen ist.
Ein zweiter Stuhl. Grün. Eine andere Wahrnehmung.
Das Schwerpunktthema unserer Synode heißt „Wirtschaften für das Leben“.
Wir haben uns in die umfangreiche Vorlage eingearbeitet.
Die Globalisierung hat die Welt dramatisch gespalten in Gewinner und Verlierer.
Angesichts der Verelendung und des Hungers,
angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeit,
rufen die Kirchen des Südens zum Bekenntnis auf.
Sie fragen: Wo ist unser Platz in der Welt? Wo ist Gott?
Unser Stuhl im Rheinland erscheint dagegen - vordergründig - sicher.
Noch können wir uns eine akademische Diskussion leisten, die zwischen „Gestaltung der Globalisierung“ und „Überwindung des Liberalismus“ pendelt.
Wir (!) können sie uns leisten. Noch …
Die Opfer nicht.
Deshalb ist der grüne Stuhl der Hoffnung mit einer Schlange versehen. Die Zukunft ist bedroht.
Arbeitet man mit Konfirmandinnen und Konfirmanden über dieses Thema, über Haushalterschaft im umfassenden Sinn, tut Elementarisierung not.
Eine Konfirmandengruppe.
Da ist ein Raum.
Er wird zur Weltkarte.
Auf dem Boden sind die großen Regionen mit Kreide gemalt.
Nordamerika, Europa, Asien, Afrika u.s.w. Es gibt genügend Stühle - für alle.
Die Stühle stehen nun aber für die Wirtschaftskraft.
Jetzt wird geschätzt und experimentiert. Die Stühle werden verrückt. In der einen Region stapeln sie sich, in anderen ist gähnende Leere.
Am Ende kann man die genauen Zahlen in einer Tabelle nachlesen.
Erstaunen. So viele Stühle in Amerika und Europa? Nur ein Stuhl in Afrika?
Das Spiel geht in seine zweite Runde.
Nun fragen wir uns: wie viele Menschen leben eigentlich dort?
Wieder Erstaunen, Aufregung, Gedränge. Während man es sich hier auf mehreren Stühlen bequem macht, schlagen sich dort viele um den einen einzigen Stuhl.
Wie war es noch am Anfang - genügend Stühle für alle?
Ein Platz für jeden Menschen?
Diese Unterschiede sind ungerecht, sagen die Konfis. Da muss man doch `was machen! Aber wie?

„Money makes the world go round“, sagen viele.
In der globalisierten Welt scheinen sich alle Fragen dem ökonomischen Dogma unterzuordnen.
Freie Waren- und Finanzmärkte sollen der gesamten Weltfamilie nutzen.
Aber hat am Ende wirklich jeder und jede einen Platz?
Das Experiment mit den Stühlen deutet nur das Ausmaß der verzerrten Welt an, in der wir leben.

Der Glaube misstraut der Eigengesetzlichkeit des Geldes.
Es schafft ja nicht Licht in der Finsternis.
Wirtschaften für das Leben - ja, darum geht es.
Wirtschaften, dass jeder seinen Platz hat.
Selbst in Deutschland, dem „Exportweltmeister“,
trägt die Globalisierung ein Janusgesicht.
Wir sind Gewinner und Verlierer, Täter und Opfer zugleich.
Die deutsche Volkswirtschaft wächst und Gewinne explodieren, während gleichzeitig Arbeitsplatzabbau und der Verlust von sozialen Sicherungen um sich greifen.
Schuld lastet tonnenschwer auf uns.
Ob das unser Stuhl aushält?

Da ist noch ein dritter Stuhl. Ein Kirchenstuhl.
Ich habe den roten mit den Herzen ausgesucht.
Denn in der Kirche soll man doch etwas spüren von der Liebe Gottes, die in die Welt gekommen ist.
Die Sehnsucht nach diesem Licht ist groß.
Nach Geborgenheit, nach Halt, nach Vergebung, nach Neuanfang.
Es wären viele Stühle denkbar.

Welchen Weg schlägt unsere Kirche ein? Auf welchen Stuhl setzt sie sich am Ende?
Angesichts von Proponenden, Organisationsuntersuchungen, Rahmenkonzepten für Pfarrstellen, Drucksachen und nochmals Drucksachen könnten Böswillige vermuten: die Welt brennt - und die Kirche beschäftigt sich mit sich selbst.

Darum müssen wir zwischen den Papierbergen immer wieder nach dem Licht suchen, das die Finsternis vertreibt.
Angesichts schwieriger Fragen ist das nicht leicht:
Was wird aus den jungen Theologinnen und Theologen, denen wir keine Perspektive anbieten können?
Wie können wir wachsen gegen den Trend?
Werden wir die Qualität unserer Schulen verbessern und gleichzeitig Geld einsparen?
Wachsen uns nicht langsam die Reformschübe über den Kopf?
Gelingt die Balance zwischen presbyterialer und synodaler Verantwortung?
So viele ungelöste Fragen.
So viele Stühle und Perspektiven.

Eine Frage bleibt mir noch.
Wo (!) sitzt eigentlich Gott?
Epiphanias. Gott kommt in die Welt.
Er nimmt seinen Platz ein.
Die Künstlergruppe im PTI hat keinen Thron gemalt.
Ich vermute: Gott sitzt zwischen allen Stühlen.
Ganz unten auf dem Boden.
Er ist gegenüber allen Rollen souverän.

Wie das Licht in die Welt kommt, ist nicht so wichtig.
Wichtig ist nur eines: Wer ist das Licht? Christus!
Er gibt der Liebe Gottes ein Gesicht.

Gott setzt sich zwischen alle Stühle.
In Christus nimmt er Partei für die, die keinen Platz haben.
Gott sitzt bei denen, die immer wieder die alte Litanei hören:
Dich brauchen wir nicht.
Du kannst nichts, weißt nichts, bist nichts.
Du bist das 5. Rad am Wagen.
Du bist unnötiger Ballast,
ein Kostenfaktor.
Du wirst entlassen.
Ausländer raus.
Aus dir wird nie was.

Wer Gottes Herrlichkeit im Angesicht Christi sehen will,
muss sich tief hinunterbeugen.
Amen.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Sonntag, 6. Januar 2008. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 11. Januar 2008. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.