Bild Dossiermarke
Einstieg
Landessynode 2008

Beschluss 16: Bildung und Schule

Hinweis: Rechtlich verbindlich ist die im Protokollbuch ausgefertigte Version der Beschlüsse.

Antrag der Kreissynode Gladbach-Neuss
betr. Positionspapier zur aktuellen Situation von Bildung und Schule

Beschluss  16:
Der Antrag der Kreissynode Gladbach-Neuss betr. Positionspapier zur aktuel-len Situation von Bildung und Schule wird an den Ständigen Ausschuss für Erziehung und Bildung in der Erwartung überwiesen, dass er das vorliegende Positionspapier in seine laufende Arbeit zu den Themen Bildungsverständnis, Schulentwicklung und Qualitätssicherung einbezieht und über seine Arbeitser-gebnisse der Kirchenleitung berichtet.

Damit ist der Antrag der Kreissynode Gladbach-Neuss erledigt.
(Einstimmig)


Der Antrag der Kreissynode Gladbach-Neuss hat folgenden Wortlaut:

Die Kreissynode des Kirchenkreises Gladbach-Neuss hat sich das folgende Positions-papier zu eigen gemacht und bittet die Landessynode, sich dieses ebenfalls zu eigen zu machen.

"Positionspapier des Synodalen Schulausschusses zur aktuellen Situation von Bil-dung und Schule
Aus ihrer Verantwortung vor Gott und für die zu seinem Ebenbild geschaffenen Men-schen bezieht die Kirche Position zu Fragen der Bildung.
Die Bildung von Menschen verstehen wir als lebenslangen, fortgesetzten Schöpfungs-prozess. Er umfasst die Ausbildung des Denkens genau so wie das soziale und emotio-nale Lernen. Alle drei Bereiche sind gleich wichtig für das Menschsein.
In allem Bemühen um seine Bildung bleibt der Mensch ein durch Gott gerechtfertigter Sünder, dessen Wert und Würde jenseits aller Bildungserfolge liegen.
1. Bildung ist Bildung des Menschen in vielfältigen Zusammenhängen
Bildung von Menschen ist ein offener, zeitlich unbegrenzter Prozess. Dabei bilden sich Menschen, indem sie aktiv die sie umgebende Welt aufnehmen und sich mit ihr ausei-nandersetzen. Wir dürfen nicht dem Kurzschluss verfallen, Bildungsprozesse seien - gar um Personal einzusparen - im Wesentlichen als Prozesse des Selbstlernens zu or-ganisieren. Vielmehr bilden sich Menschen in vielfältigen Zusammenhängen: zum Beispiel durch Kommunikation mit anderen Menschen, aufgrund der Darstellungen Lehrender und der kritischen Reflexion dieser Darstellungen. Sie bilden sich weiterhin in selbstständiger Auseinandersetzung mit Kulturzeugnissen und mit Hilfe von wis-senschaftlichen Fragestellungen. In der Schule muss der Bildungsprozess immer in einem sozialen Miteinander stattfinden. Die hierbei stattfindende Ausbildung sozialer Fähigkeiten ist für die demokratische Gesellschaft in ihren Bildungsbemühungen un-verzichtbar.
2. Bildung ist mehr als funktionales Lernen
"Bildung ist somit wesentlich mehr als ,Lernen des Lernens', ,lebenslanges Lernen' oder ,Management von Daten' im Informationszeitalter. Bildung gilt dem ganzen Men-schen inmitten seiner beziehungsreichen Welt; sie übersteigt die partielle Ausbildung zu funktionalen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Bildung ist ... kein partikulares Gesche-hen, erst mit der Frage der Menschwerdung des Menschen ist ihr Horizont angemessen erfasst." (Votum des Theologischen Ausschusses der Evangelischen Kirche der Union) Wir lehnen deswegen alle Strategien ab, die lernende Menschen fremden Interessen (z.B. der Wirtschaft, der Politik oder des Arbeitsmarktes) unterwerfen wollen. In An-erkennung der grundlegenden Erkenntnis der Aufklärung, dass Menschen nie zum Mittel eines Zweckes gemacht werden dürfen, setzen wir uns deshalb für eine schuli-sche Bildung ein, die die Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen als notwendi-ge Grundlage jeder fachspezifischen Bildung begreift. Dies ist um der Erhaltung einer menschlichen Gesellschaft willen notwendig, deren Bürgerinnen und Bürger sich nicht gedankenlos Sachzwängen jenseits eigener Urteilsbildung und Gewissensentscheidung unterwerfen dürfen.
3. Bildung fordert Respekt gegenüber allen am Lernprozess beteiligten Perso-nen
Bildungsprozesse müssen im Respekt gegenüber allen daran beteiligten Personen ge-schehen. Daraus leitet sich Toleranz gegenüber unterschiedlichen Denk-, Lern- und Lehrformen ab. Bildungsprozesse in der Schule sind Bildungsprozesse von Menschen und damit so unterschiedlich wie diese Menschen selbst. Keine didaktische Konzepti-on und keine Lehr- oder Lernmethode kann zur alleinigen "rechten pädagogischen Lehre" erhoben werden; sie muss stets die betroffenen Menschen im Blick haben und ihre Individualität achten. Jeder Bildungsprozess muss so gestaltet werden, dass das pädagogische Handeln in einer sensiblen Balance der Möglichkeiten und Vorausset-zungen aller daran Beteiligten geschieht. Schülerinnen und Schüler dürfen ebenso we-nig zu Input-Output-berechneten Objekten von Methoden degradiert werden wie Leh-rerinnen und Lehrer auf Methoden verpflichtet werden dürfen, die gerade - aus wel-chen Motiven auch immer - in Mode sind.
4. Bildung betrifft den ganzen Menschen
Menschen sind zugleich geistige und leibliche Wesen. Selbst vorgeblich rationale Ent-scheidungen sind oftmals emotional begründet. Menschen bilden sich, indem sie den-ken, sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Bildung geschieht deswegen als Sinn-Bildung: sie geschieht durch die Sinne des Menschen und dazu bedarf es der Ausbildung dieser Sinne. Dies kann nur in einer Schule geschehen, die diesem Aspekt in der Gestaltung von Gebäuden und Räumen, aber auch von Zeiten und Atmosphäre Rechnung trägt. Sinnanregende Räume (im weiteren Sinne des Wortes) sind kein Lu-xus, sondern notwendig für eine Lernatmosphäre, die nicht krank macht, indem sie Sinne abtötet oder indem sie durch Leere abstumpft oder überreizt.
Durch die umfassende Ausstattung von Schulen mit Computern allein werden noch keine Lern- und Lebensräume hergestellt, die Bildungsprozesse zu fördern vermögen.
5. Schule muss Raum für religiöse, ethische und ästhetische Bildung geben
Gerade in Anbetracht der Reduzierung unterschiedlicher Bildungsangebote in Schulen zur Stärkung sogenannter Kernkompetenzen muss darauf bestanden werden, dass äs-thetische, ethische und religiöse Bildung für den Bildungsprozess unverzichtbar sind. Wer meint, diese Angebote (seien es Kunst, Musik, Literatur, Religion oder Philoso-phie) ohne Auswirkungen auf die Lernenden einfach reduzieren oder gar streichen zu können, handelt pädagogisch und gesellschaftspolitisch grob fahrlässig.
Was eine gute Schule ausmacht, zeigt sich nicht zuletzt daran, welchen Wert diese Schule Unterrichtsangeboten und Fächern beimisst, die keinem direkten wirtschaftli-chen oder politischen Zweck dienen, sondern Menschen als sinn- und wertreflektie-rende Wesen ernst nehmen und fördern. In diesem Sinne tritt die Kirche insbesondere für die Gewährleistung ordnungsgemäßen Religionsunterrichtes ein und weiß sich den genannten Fächern ethischer und ästhetischer Bildung in besonderem Maße verbun-den.
Mit wachsender Sorge betrachten viele Eltern, Lernende, Lehrende und auch wir als Kirche, dass ein am Menschen orientiertes und in unserem Sinne auch christliches Bildungsverständnis in unserer Gesellschaft immer stärker durch ein instrumentalisti-sches Lernverständnis verdrängt wird, das Schülerinnen und Schüler zunehmend dem unchristlichen Menschenbild des homo oeconomicus unterwirft.
Besonders gefährlich erscheint uns in diesem Zusammenhang die Verwendung von Begriffen wie "Selbstverantwortung",  "selbstgesteuertes Lernen" u. a., die eine Zu-wendung zum Menschen nur vortäuscht und lediglich effizientere Lernfähigkeit im In-teresse einer Anpassung an die steigende Anzahl von Lerntests und zentralen Ab-schlussprüfungen im Sinn hat. Tatsächlich werden Schülerinnen und Schüler zuneh-mend in Lernkorsetts und Prüfungsanforderungen eingepasst, die freie und humane Bildungsprozesse ersticken. Gegen eine solche Entwicklung wenden wir uns in aller Schärfe."
(Beschluss vom 17.11.2007)


 

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 15. Januar 2008. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 15. Januar 2008. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.