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Landessynode 2006

Hauptvortrag Kirchenmusik

Pressemitteilung T 13 - Es gilt das gesprochene Wort!

Kirchenmusikdirektor Professor Ingo Bredenbach,
Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen

anlässlich der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland am Dienstag, 10. Januar 2006

Kirchenmusik im Jahre des Herrn 2099

Seit im Jahre 2037 die einzelnen Kirchenkreise und Landeskirchen zugunsten einer ausschließlich zentral angelegten Struktur mit Sitz in Hannover (Evangelische Kirche von Deutschland) aufgelöst wurden, hat sich der Pro­zess der Auflösung der Gruppen, Kreise und besonders der Chöre einer jeden Kirchengemeinde beschleunigt. Was sich Anfang des 21.Jahrhunderts mit den Stichworten „Überalterung" und „normative Kraft der Medien­industrie" abzeichnete, ist längst Realität geworden. Konzertante Kirchenmusik findet schon seit Jahren nicht mehr statt, weil man ja zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort - auch unabhängig von konkreten Anlässen oder dem früher sinnstiftenden „Kirchenjahr" (siehe Brockhaus-CD-ROM, 35.Auflage) - jegliche Musik herunterladen, hören und auch wieder stoppen kann. Mittlerweile ist es durch einfache Bedienelemente möglich, die innere Struktur von Musik interaktiv zu verändern und je nach Stimmungslage für sich individuell zu arrangie­ren. In der Visualisierung der Musik sind die einzelnen gewünschten Kamerapositionen wählbar und somit ein individueller Blickwinkel möglich.

Gottesdienstliche Kirchenmusik findet ebenfalls seit Jahren nur noch in technikfeindlichen Kleinstkirchen statt. Dies liegt daran, dass seit den Pfarrereinsparungs­gesetzen von 2049 und den Gottesdienstreformpro­grammen von 2055 keine Gottesdienste im herkömm­lichen Sinne mehr gefeiert werden. Nach 2055 ver­sammelten sich die Gemeindeglieder jeweils am Sonntagvormittag zwischen 9 und 11 Uhr vor ihren Bildschirmen in ihren normierten Wohnungen und Häusern, um die zentral aus Hannover gesende­ten Gottesdienst-Programme zu empfangen, die dank der von der Elektronikindustrie entwickelten Stimm-Modulatoren auch auf die noch immer in Deutschland anzutreffenden regionalen Spracheigenheiten in den Predigten und Gebeten eingehen konnten. Weitere Interaktionsmöglichkeiten waren z. B. die Wahl zwi­schen verschiedenen Predigtstilen von evangelistisch über den bildungsbürgerlich-akademischen bis zum meditativ-seelsorgerlichen Typus. Die Klangqualität der gesendeten Kirchenmusik und hier besonders der altehrwürdigen Choräle und der Alten Geistlichen Lieder (die einmal im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts NGL, Neue Geistliche Lieder, hießen) war so hervorragend und animierend, dass man sich in seiner eigenen Wohnung mit der simulierten Ka­thedralakustik bestens angeregt fühlte, hier mitzusin­gen. Auch hier reichte die Auswahl von der Gregorianik bis zum geistlichen Volkslied des 21. Jahrhunderts. Das Problem des gemeinsamen Abendmahls hatte sich aufgrund der Epidemien Anfang der 2040er Jahre zugespitzt, so dass sich die von der chemischen Lebensmittelindustrie entwickelte Oblatentablette mit inte­griertem Weinersatzstoff als Lösung anbot, die nun nach Aufforderung vor den Bildschirmen gemeinsam eingenommen wird. Zwischen 2049 und 2055 hatte es wiederholt Versuche, wie schon einmal gegen Ende des 20. Jahr­hunderts, gegeben, die Kirchengebäude mittels Gottes­dienstübertragungen auf Großleinwände zu füllen. Diese Versuche scheiterten an organisatorischen Pro­blemen (u. a. standen zu wenige Gebäude zur Verfügung, nachdem ein Großteil der unrentabel ge­wordenen Kirchengebäude verkauft und kommerziali­siert worden waren) und scheiterte an inhaltlichen Problemen: Nachdem die Menschen fast ihr gesamtes Leben, be­gonnen beim elektronischen Babysitter über die inter­aktive Bildschirm-Schule bis hin dann zu den bequemen weltweiten elektronischen Shopping-Möglichkeiten in ihren normierten Wohnungen und Häusern ver­brachten, war die Angst vor größeren Menschenan­sammlungen weit verbreitet. Die Kontaktfähigkeit der Menschen war weitgehend verloren gegangen. Dieser Verlust ging zudem mit mancherlei Sprachstörungen einher. Heute (2099) kann man, nachdem der Sonntag längst abgeschafft ist, die von Hannover aus zentral ins Internet gestellten Texte und Predigten, die Musik und Gottesdienste individuell abrufen. Jeder kann zu jedem Zeitpunkt jegliche Art von Gottesdienst und Kir­chenmusik auf seinem Bildschirm empfangen und in seiner gewohnten Umgebung bestens erleben: seien es Übertragungen von Andachten der Mondkolonie oder Erlebnisgottesdienste für bestimmte Seelenzustände oder gar Nostalgiegottesdienste, entweder neu inszeniert oder in Video-Kopie vom Beginn dieses Jahrhunderts. Und genauso breit erlebbar ist eine individuell auswählbare Kirchenmusik, für deren Auswahl stimmungsabhängige Suchmaschinen entwickelt wur­den, die ...

STOP!!! Welch ein Unsinn, welch ein Non-Sense! Im Jahre des Herrn 2099 (so Gott will und die Mensch­heit noch lebt!) wird es ein blühendes gottesdienstli­ches und kirchenmusikalisches Leben geben. Nach der Allverfügbarkeit von Musik und der musikalischen Um­weltverschmutzung durch Dauerberieselung in Kauf­häusern, Arztpraxen und Telefonanlagen zu Beginn des 21. Jahrhunderts setzte sich 2016, ausgehend von klei­nen Kreisen und dann auf weiteste Teile der Bevölke­rung übergehend, die Erkenntnis durch, dass Musik und Gottesdienst eine zu große Kostbarkeit darstellen, um sie den Elektronik- und Medienkonzernen zu überlassen. Man wurde sich wieder der vielfältigen und komplexen Kommunikationsprozesse bewusst, die sich bei „live" und „self-made" musizierter und gehörter Musik ereignen, und des hohen Wertes an sich, den diese darstellen. Wieder rückte die große pädagogische Wirkung und heilende Kraft der je selbst gesungenen oder je selbst gespielten Musik ins Bewusstsein der Menschen. Gottesdienste und die in ihnen erklin­gende Musik von einfachen Gesängen bis hin zu kom­plexen Meisterwerken wurden als Pretiosen schätzen gelernt, als Orte, an denen man sich der Fremdbestim­mung durch die alles Leben bis dato durchdringende Elektronikindustrie entziehen und sich wehren konnte. Auch lernte man wieder Gottesdienste und das Musik-Machen und Musik-Hören als Zeit-Räume ohne Stress schät­zen. Bis dahin war die Macht derjenigen Maschinen ständig gestiegen, deren Hersteller durch geschickte Werbung den Menschen suggerierten, mittels dieser Maschinen könne man Zeit sparen. In Wirklichkeit aber wurde Zeit knapper und Leistung so verdichtet, dass im­mer mehr Menschen, bis zur Besinnungslosigkeit ar­beitend, seelisch krank wurden. Der nach 2016 ein­setzende Bewusstseinswandel fand seine Ausdrucks­möglichkeiten u. a. besonders im gemeinsamen Feiern von mehrstündigen Gottesdiensten und in zahlreichen Gruppen, in denen gemeinsam musiziert wird. Mittler­weile gibt es in jeder noch so kleinen Kirchengemeinde leistungsfähige Kinderchöre und Kantoreien. Es ver­geht kein Gottesdienst, der nicht von Instrumentalisten und Vokalisten mitgestaltet wird und in dem sich Men­schen stets aufs neue der guten Gottesgabe Musik bewusst werden sowie sich im Hören und Selbermusizieren mit eigener Stimme und/oder Instrument ihres (Er-)Lebens freuen.

Soweit die allfällige Glosse!

Kirchenmusik ist also ein „Lebensmittel“

Kirchenmusik, ein Lebensmittel, ein Mittel zum Leben? Oder war Kir­chenmusik einst ein Lebensmittel, dessen Haltbarkeitsdatum heutzutage längst abgelaufen ist? Welche Chance hat Kirchenmusik im Abseits, in dem Gottes­dienst heute zu stehen scheint, und im Leben einer Gemeinde? Braucht man im Zeitalter der ständigen Verfügbarkeit und Wiederholbarkeit von Musik über­haupt noch Kirchenmusik, wie ich zuvor im Horrorszenario ausgeführt habe, wobei ich meine hoffnungsvolle Vision für 2016 ebenso entfaltet habe? Es stellt sich die Frage, was Kirchenmusik ist: Ist Kirchenmusik „Musik für die Kirche“ (als Beschreibung einer Funktion von Musik), oder „Musik in der Kirche“ (als Beschreibung des Ortes ihres Erklingens) oder gar „Musik der Kirche“ (als Beschreibung der Machtrepräsentanz von Kirche, auch im Sinne von dem, was Kirche sich leisten kann)? Womöglich wäre es richtiger, in den Definitionsversuchen statt „Kirche“ besser „Gottesdienst“ oder „Gemeinde“ zu setzen. Vielleicht aber ist das Wort auf seiner zweiten Hälfte zu betonen: Kirchenmusik:

Musik ist „tönend bewegte Form in der Zeit“ (Eduard Hanslick), die flüchtigste aller Künste, nicht festzuhalten oder gar zu betrachten wie andere Kunst. Musik ist akustisches Material (einschließlich des Schweigens) verbunden mit einer leitenden Idee, oder wie Victor Hugo sagte: „Musik ist das Geräusch, das denkt“

Zur Liturgiefähigkeit von Musik

Grundsätzlich gibt es keine „himmlischen“ Töne oder „teuflische“ Rhyth­men. Das einzige Kriterium für eine Liturgiefähigkeit von Musik ist Qualität. Aber eine Diskussion über künstlerische Qualität lässt sich „prinzipiell gar nicht erschöpfend führen, da ja durch einen festen Kriterienkatalog die Auto­nomie künstlerischen Schaffens zerstört würde“ (Andreas Marti).

Also dann: anything goes! Oder gibt es doch Zeichen des Erkennens musikalischer Quali­tät?/

Zum Beispiel: Führt die Musik den Hörer hinaus aus eingefahrenen Hör- und Gefühls-gewohnheiten? Wie geht Musik mit dem Hörer um? Betrachtet die Musik den Hörer als Person oder als Konsumenten? „Musik ist immer so schlecht, wie sie das menschliche Gehirn unterfordert“ (Steffen Reiche, Bil­dungsminister in Brandenburg)

Zur Liturgiefähigkeit gehört neben der Qualität auch das Eingehen auf theologische Konzepte. Pfarrer Bernhard Leube, Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik Tübingen, führte in einem Vortrag 1998 aus: „Nicht oft genug kann man Luthers Gottesdienstdefinition wiederholen, die er bei der Einweihung der Torgauer Schlosskapelle am 5.10.1544 in der Predigt gab, das neue Haus nämlich solle dahin ausgerichtet werden, ,dass nichts anderes darin geschehe, denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang‘. Die wichtigste Frage für einen Gottesdienst und mithin für seine Musik ist demnach nicht, ob’s „gut ankommt“..., sondern ob diese grundlegend dialogische Struktur ihre angemessene Darstellung findet.“

Im Gottesdienst­buch der Württembergischen Landeskirche von 2004 heißt es: „Im Singen betet die Gemeinde, sie dankt und lobpreist Gott, sie klagt ihm und bittet. Darin drückt Gemeinde sich selbst vor Gott aus und erfährt sich als solche. Die Men­schen präsentieren sich selbst vor Gott im Gottesdienst, aber sie feiern sich nicht selbst. ... Situation und Erwartung der Gemeinde können aber nicht das einzige Kriterium für die Musik im Gottesdienst sein, denn im Singen geht die Gemeinde auch über sich und ihre Situation hinaus. In Singen und Musik wird auf besondere Weise ebenso die Zeit und Raum übersteigende unsichtbare Kir­che erfahrbar, die im Gottesdienst präsent ist. Gottes Wort und auch die Musik sind situations-überlegen. Diese Präsenz der ganzen Kirche zeigt sich in der prinzipiellen Gleichzeitigkeit der Zeiten im Gottesdienst. ... Im Singen gibt die Gemeinde den ihr vorausgegangenen Vätern und Müttern ihre Stimme und prä­sentiert bzw. re-präsentiert sie.“ In der EKiR heißt es im alten Presbyterhandbuch: „Mit Kirchenmusik antwortet die Gemeinde auf Erfahrungen des Glaubens. Sie folgt damit der Tradition des Alten Bundes (Psalm 96) und dem Auftrag des NT (Kolosser 3,16)“, im neuen Handbuch: „Sie folgt damit der Tradition Israels und des Judentums“.

Zielgruppen der Kirchenmusik

Aber auch Kirchenmusik muss sich nach ihrer „Zielgruppe“ fragen lassen und sich darüber im Klaren sein, wie wenig Einfluss auf die musikalische Ge­schmacksbildung und Urteilsfähigkeit heute noch Familie, Schule und Kirche haben, und wie viel hier fremdbestimmt ist durch die fast omnipotente Musik­industrie (U+E) und die Gruppenzwänge der „peer-groups“. Das kann Kirche nicht einholen und sollte sie auch nicht wollen. Hat demnach Kirchenmusik Musikgeschmäcker zu bedienen?

  • Kirchenmusik wäre sicher besser beraten, mehr Wert auf das Eigene, das der Gesellschaft vielleicht auch Fremdgewor­dene zu legen und dies zu pflegen und zu leben. „Wir sind den Menschen die Fremdheit des Evangeliums schuldig“ (Fulbert Steffensky). Dies gilt auch mu­sikalisch!
  • Kirchenmusik sollte sich durch ein eigenes Profil vor der Gefahr der Belanglosigkeit und Austauschbarkeit wappnen, denn sie scheint teilweise ver­kommen zum Zeichenhaften für eine bestimmte Situation. So wie man im Kaufhaus von Musik berieselt wird, wie es auf der Alm zu „jodeln“ hat, so „or­gelt“ es eben in der Kirche: Kirchenmusik als religiöser Andachtsgenerator, als Geschmacksverstärker, dessen was Gemeinde zu hören gewohnt ist und des­halb wohl auch hören will. „Wenn ich der Gemeinde nur das gebe, was sie er­wartet, gebe ich ihr weniger, als ich geben könnte“ (Gerd Zacher).
  • Oder geht es gar nicht um Kunst als einer Welt-Anschauung, sondern eher um Kunsthand­werk? Oft spricht man ja von kirchenmusikalischer „Gebrauchsmusik“, gewis­sermaßen von Musik, die zum baldigen Verzehr bestimmt ist und deren Haltbarkeitsdatum bald abgelaufen ist.
  • Da wäre Kir­chenmusik doch besser beraten, ihre musikalische und interpretatorische Kom­petenz vermehrt wieder zu entdecken ebenso wie die pädagogischen Fähigkei­ten zur Vermittlung von Musik, angefangen von uns immer noch unbekannten sogenannten ,alten’ Chorälen, die ja gerade je nach theologischer Situation das „neue Lied“ sein können, über Gospels und Spirituals bis hin zu den Neuen Liedern, von der Heinrich-Schütz-Motette bis zum Musical „Jesus Christ“.
Hier hat Kirchenmusik eine mancherorts noch zu entdeckende erzieherische Auf­gabe, eine Aufgabe, die einen langen Atem braucht (wie jegliche nicht auf „Events“, sondern auf Kontinuität angelegte Kulturarbeit). Oder wie es Richard Gölz 1925 in einem Vortrag ausdrückte: „Es kommt nie darauf an, was wir er­leben, sondern was wir erleben“.

Kirchenmusik zwischen Kunst und Propaganda?

Im Nachwort zur ersten Veröffentlichung „Neue geistliche Lieder aus dem 1.Wettbewerb der Evangelischen Akademie Tutzing" von 1963 schrieb Günter Hegele: „Es soll niemand durch diese Lieder geködert werden, es noch einmal mit der Kirche zu versuchen. Es geht den Autoren darum, mit musikalischen Stilelementen ihrer Zeit christlichen Glauben auszudrücken. Sie meinen, dass das musikalische Material des Jazz und der heutigen Unterhaltungsmusik auch nicht schlechter sei als etwa das des 16.Jahrhunderts. ... Deshalb möchte das Liedblatt helfen, dass Erfahrungen gesammelt werden, um herauszufinden, wie es weiter gehen soll.“ Das scheint mir doch ein ehrenwerter und ehrlicher An­satz gewesen zu sein, der allen Versuchen, Musik zu Propagandazwecken zu missbrauchen, eine Absage erteilt. Aber heute findet sich da und dort auch im kirchlichen Bereich manipulative Musik, Musik also, deren Produzent die Ge­fühle, die diese Musik auszulösen sucht, nicht teilt; Musik, die den Willen des Einzelnen in einer Gruppe ohne Kontrolle und Selbstreflexion aufgehen lässt, eben Propagandamusik; Musik als Mittel zu einem Zweck, der nicht in ihr selbst liegt. Aber: der Zweck heiligt nicht die Mittel! – Musik darf sich nie als Mittel zur Bekehrung, als Mittel zur Verführung oder Ekstase verstehen. Besinnungslosigkeit ist kein Mittel zum Leben! Das Hören auf die Gute Nachricht und auf Musik aber braucht Besinnung – und Verantwortung für sich selbst.

Andererseits Luthers Erkenntnis: Singen als Propaganda des Evangeliums. Singen predigt, je nach Text. „Die Noten machen den Text lebendig“, wie Lu­ther in seinen Tischreden einmal äußerte (Tischreden Nr. 2545b). Kirchenmu­sik kann Verkündigung sein, einen Auftrag hierzu hat sie nicht. Die etwa 100 Bibelstellen, die vom Singen und Spielen reden, betonen mehr die vertikale, gottbezogene und nicht die horizontale Richtung des Singens in der Gemeinde.

Ich denke, in der Frage Kunst oder Nicht-Kunst, Alt oder Neu, E- oder U-Musik oder wie die allzu pauschalen Kategorisierungen auch heißen mögen, sollte man in der Kirchenmusik die Vielfalt der Stile und die je nach Situation angemessene Verschiedenartigkeit, sich musikalisch auszudrücken, tolerant zur Kenntnis nehmen. Nicht zu früh sollte man den Maßstab eines Ewigkeitsan­spruchs oder Ewigkeitswertes anlegen oder einen bestimmten Stil sakrosankt setzen. Die Alternative heißt nicht „Bach oder Pop“, sondern, ob es sich um gute oder schlechte Musik handelt (s.o.). Das Überzeugende am Raum Kirche ist doch, dass Kirche kein Konsumtempel ist, dass hier die Gesetze des Marktes mit Profitgier und Gewinnsucht nicht gelten. Gottesdienst-Besucher (welch unpassendes Wort!) sind Beteiligte am gottesdienstlichen Geschehen und nicht passive Konsumenten. Neben dem „Priestertum aller Gläubigen“ (Martin Luther) gibt es auch ein „Kantorentum aller Gläubigen“ im Singen der Gemeinde. Kirchenmusik ist generationen- und zugleich milieuverbindend (Po­saunenchor) und schrittweise generationen- und milieuverbindend (die aufein­ander aufbauenden Chorgruppen, vom Kinder- über den Jugendchor bis hin zur Kantorei).

Aber wenn in (Landes)Synoden oder Kirchengemeinderäten, in Landeskir­chenämtern oder Gemeinden von Jugendarbeit die Rede ist, ist allzu selten die Kirchenmusik im Blick mit all ihren vielen Kinder- und Jugendchören. Wenn von Erwachsenenbildung die Rede ist, ist sie allzu selten im Blick mit all ihren (Gesprächs-)Konzerten, Vorträgen und musikalisch-theologischen Einsichten. Wenn von Diakonie die Rede ist, ist gar nie die Kirchenmusik im Blick! Kir­chenmusik scheint zu den Selbstverständlichkeiten zu gehören in einem eher unbedachten Umgang mit ihr – auch im Umfeld des Gottesdienstes.

Kirchenmusik als Sprachschule des Glaubens

Bereits die allwöchentliche Chorprobe erweist sich in ihrer (Halb-)Öffent­lichkeit als Ort der Verkündigung, als Ort der Vergegenwärtigung biblischen Wissens und theologischer Erkenntnisse, was man in einer Zeit des Verlustes grundlegender Bildung nicht hoch genug schätzen kann. Bereits die Chorprobe erweist sich als Einblick in die Frömmigkeits- und Auslegungsgeschichte ei­nes Textes durch die Musik sowie als Konkretisierung dieser Verbindung von Text und Musik mittels der zeitgenössischen, ins Heutige zielenden Interpreta­tion. Mit allen Identifizierungen mit Musik und Text, bei allen Zweifeln an Text und Musik erweist sich bereits das gemeinsame Singen und Musizieren in der Chorprobe als gelebter Glaube, eine zielgerichtete Arbeit hin zu einem Laut-Werden der biblischen Botschaft, eben einer Verlautbarung der Frohen Nachricht. „Darum, solange wir noch Zeit haben, lasset uns Gutes tun an je­dermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Galater 6,10).

Das Singen und Musizieren hat verschiedene Richtungen: Soli Deo Gloria (auch wenn wir nicht sicher sein können, ob Gott uns überhaupt gerade hören und ertragen kann, vgl. Amos 5,23: „tut weg das Geplärr Eurer Lieder“), dann aber auch als Dienst an der und in der und für die Gemeinde und eben, nicht zuletzt: man singt und musiziert auch für sich selbst. Musik vermag zu erfreuen und zu trösten und der Verzweiflung oder Klage Ausdruck zu geben. Musik muntert auf, spornt an, beseelt und vermittelt ein Hochgefühl beim Singen, ge­rade wegen des In-Mir-Klingens beim eigenen Singen. Allein die Atemführung und die Klangwelten meines Körpers, die mitschwingenden Resonanzräume und Klangfarben beglücken den Singenden zunächst ein mal selber, so dass Singen sich immer mehr als eine Anleitung zum Glücklichsein, als Akt der Selbstbefriedi­gung und Eigenliebe, ja als Selbst-Therapie erweist: also als ein Akt der Lie­bestätigkeit an sich selbst, eben Diakonie und damit das Doppelgebot der Liebe in seinem zweiten Teil erfüllend. Die Gabe des Singens ist jedem gegeben, der über funktionierende Stimmbänder und ein steuerndes Gehör verfügt. Singen ist eine Grundäußerung des Menschen. Es scheint sogar so zu sein, als ob weit vor der Sprachfähigkeit primär die Fähigkeit zum Singen und noch früher die zum Hören angelegt ist. Für mich ist Sprache mit all ihren musikalischen Parametern (hoch/tief, schnell/langsam, einer Vielzahl von (Vokal)Farben und Lautstärken sogar „nur“ eine Sonder­form der Musik, was Luther mit „davon ich sing’n und sagen will“ (EG 24,1) formuliert hat.

So viel Musik wie heute gab es noch nie! In diesem Zuviel an akustischen Rei­zen (Ohren kann man, außer mit den Händen, nicht verschließen) und ange­sichts der ständigen Verfügbarkeit vieler auf CD, DVD etc. konservierter Mu­sik stellt sich die Frage, wo hat da Musik in der Kirche ihren Platz? Oder wäre Kirche und damit Kirchenmusik nicht sogar besser beraten, die Wiederentde­ckung der Stille als Privileg und Aufgabe im Gottesdienst zu sehen? Hier sind die Gesetze von Angebot und Nachfrage außer Kraft und die ansonsten alles regierende (Einschalt-)Quote gilt nicht, oder?

Es gilt, bewusst zu machen, dass Musik kein Konsumgut, keine Berieselungs­maschine ist und Musik keine Klangtapete für unsere Gottesdienste. Musik in der Kirche versteht sich weder als Stimulans noch als Betäubungsmittel, sondern als Beitrag und Hilfe zum Mündigwerden der Gemeinde, um Hör-Horizonte zu öffnen, so dass sich Gemeinde mittels der Musik und der durch die Musik kommentierten und interpretierten Texte selbstbewusst und ihrer selbst bewusst wird.

Musik als Diakonie

Diakonie wird heute meist als Synonym für „Liebestätigkeit“ verwendet. Gemäß Markus 2,17 ist Diakonie Dienst am Nächsten im Namen und im Auftrag Jesu Christi. Diakonie ist eine Einübung in und Ausübung der Nächstenliebe, denn hinter allem Diakonischen steht das Doppelgebot der Liebe (Matthäus 22, 37-39). Die Not vieler Menschen schreit auch heute noch nach Hilfe, aber sind alle Nöte offensichtlich und offenkundig? Gibt es über die wieder wachsende mate­rielle Not nicht vermehrt seelische Nöte und eine vermehrte Sprachunfähigkeit? Hier könnten Musik und Stille als Hilfe zur Klage, als Mittel beispielsweise Ver­zweiflung und Wut auszudrücken, in vielfältigen Formen, Stilen und Niveaus den Menschen wieder eine Sprache und Stimme geben – in ihrer erschütternden und erfreuenden, in ihrer tröstenden und bewegenden Kraft und Fähigkeit. Hier beizutragen zu aktiv hörendem Mitvollziehen und Mitleiden dessen, wovon Text und Musik sprechen, letztlich aber zu eigenem Tun anzuleiten im Befähi­gen zum Mündigwerden, das wären Ziele für eine „evangelische Stimmbil­dung“, bei der Kirchenmusik als Diakonie wirken würde. Dies reicht von einfa­chen Klang- und Rhythmuserfahrungen in der an Bedeutung gewinnenden Mu­siktherapie (vom Kindergarten bis hin zu Altersheimen) über die musikalische Früherziehung, über die Bandarbeit und das Musizieren im Posaunenchor und Blockflötenensemble bis hin zum gemeinschaftsstiftenden Singen im Senioren­chor, vom Singen mit Konfirmanden bis hin zum fantasievollen Singen und Musizieren mit der Gemeinde im Gottesdienst und Offenen Singen. Hier ge­schieht im Vollzug des Singens und Musizierens Diakonie/Caritas, eben Lie­besdienst am Nächsten und an mir (s.o.) gemäß dem Doppelgebot der Liebe in Verantwortung für die anvertrauten Menschen und für die anvertraute Musik.

Aber Kirchenmusik ist nicht nur Diakonie an innerer Gemeinde, sondern wirkt über ihre kulturelle Verankerung dann auch diakonisch (und durchaus auch missionarisch) über die (Kirchen-)Gemeinde hinaus. Wobei sie sich auch ihrer Grenzen bewusst sein sollte; sie kann vielleicht Sauerteig sein, der die Welt durchdringt und sie kann sich mit ihrem Wirken und ihren Wirkungen auch an Jesu Verheißung halten: „Was ihr diesen meinen geringsten Brüdern (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40).

Ich komme zum Schluß:

Kirchenmusik – ein Lebensmittel !

Kirchenmusikalische Arbeit im Leben einer Gemeinde unterscheidet sich an einem Punkt deutlich von dem Leben und Arbeiten anderer Gemeindegruppen. Während diese, außer den in der Diakonie Tätigen, eher nach innen orientiert sind, so ist die Arbeit der kirchenmu­sikalisch aktiven Gruppen, vom Kinderchor bis zum Posaunenchor, von der Kantorei bis zur Band, vom Beerdigungschor bis zum Instrumentalensemble darüber hinaus eher zielstrebig, auf Außenwirkung bedacht; sei es die musikali­sche Gestaltung eines Gottesdienstes, einer Geistlichen Abendmusik oder eines Konzertes, oder sei es das diakonische Singen und Musizieren in Altenheimen und Krankenhäusern. In den allwöchentlichen Proben geschieht eben eine Erziehung nicht nur in musikalischer Hinsicht und in Fragen der Geschmacksbildung und des Erkennens von Qualität, nicht nur im Hinblick auf sängerische und inter­pretatorische Kompetenz, sondern auch eine Erziehung im Hinblick auf theolo­gische Einsichten, auf ein Miteinander-Gestalten-Wollen und Arbeiten an einer gemeinsamen Sache und weitere gruppendynamische Prozesse.

Nochmals sei angesprochen: „Musik als Trösterin“. Wer hat das nicht auch schon erlebt, was es heißt, mit anderen, für andere und eben auch für mich zu musizieren, und so zur Menschwerdung des Menschen und zum Mündigwerden der feiernden Gemeinde beizutragen. Im Singen und Musizieren wird der Mensch selbstbewusst und sich seiner selbst bewusst, im Gottesdienst in der Gemeinde und darüber hinaus.

Kirchenmusik, ein Lebensmittel? Ich denke schon! Die „live“ erklingende Musik, die miteinander gesungene und musizierte Musik, die auf den Menschen bezogene Musik, all das macht Kirchenmusik zu einem Lebens-Mittel.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 10. Januar 2006. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 10. Januar 2006. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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