EKD-Handreichung „Gelobtes Land?“

Orientierung in unwegsamen Gegenden

„Gelobtes Land? Land und Staat Israel in der Diskussion“ heißt die Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), an deren Entstehung Vizepräses Petra Bosse-Huber mitgewirkt hat.

Komplexität im Blick halten: Vizepräses Petra Bosse-Huber. Foto: ekir.de/Uwe Schinkel LupeKomplexität im Blick halten: Vizepräses Petra Bosse-Huber. Foto: ekir.de/Uwe Schinkel

Die Vizepräses ist Mitglied des Gemeinsamen Ausschusses „Kirche und Judentum“ der EKD, der Union Evangelischer Kirchen (UEK) und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), der die Handreichung verantwortet. Ein ekir.de-Interview über alttestamentliche Landverheißungen, Gottes bleibende Treue zu Israel und komplexe Fragestellungen.

Was macht die Orientierungshilfe „Gelobtes Land?“ lesenswert?

Orientierungshilfen braucht man vor allem dann, wenn man in unwegsamen und unübersichtlichen Gegenden unterwegs ist. Dann helfen Wegmarkierungen und Landkarten, damit man nicht verloren geht. Genau so ist das auch mit der Orientierungshilfe „Gelobtes Land?“, die der Ausschuss „Kirche und Judentum“ nun vorgelegt hat.

„Geh aus deines Vaters Haus, in ein Land, das ich dir zeigen werde“, sagt Gott zu Abraham. Und damit beginnt in der biblischen Erzählung das Thema vom „Gelobten Land“. Das ist eines der zentralen Themen, das sich durch das Alte Testament durchzieht und auch im Neuen Testament an vielen Stellen durchscheint. Ein Thema mit vielen Weggabelungen und auch mit viel Gestrüpp am Wegesrand, wo man in die eine oder andere Richtung leicht die Orientierung verlieren kann.

Konkret bietet die Arbeitshilfe dabei zweierlei: Zum einen sind wie auf einer Landkarte Wege nachgezeichnet, die andere bei diesem Thema schon lange vor uns beschritten haben: In jüdischer, in christlicher und auch in muslimischer Tradition. Die Orientierungshilfe bietet hier zunächst eine breite Materialsammlung. Zum anderen gibt es aber auch klare Wegweiser, die hoffentlich bei diesen Fragen in Zukunft hilfreiche Orientierungen bieten, zum Beispiel auch für die Diskussionen in den Kirchengemeinden.

Warum wird in der Orientierungshilfe im Blick auf Israel und Palästina nicht vom „Heiligen Land“, sondern vom „Gelobten Land“ gesprochen?

Wenn man vom „Heiligen Land“ spricht, so kann dadurch der Eindruck erweckt werden, als ob das Land eine andere Qualität besäße als jeder andere Fleck auf Gottes Erde. Darum geht es aber biblisch gesehen nicht. „Jeder Teil dieser Erde ist meinem Gott heilig“, heißt es in einem bekannten Kanon. Wir sind Gott in Jerusalem und in diesem Land nicht näher, als wir es in jedem anderen Land auch sind. Solche Missverständnisse sollen vermieden werden, wenn in der Arbeitshilfe stattdessen vom „Gelobten Land“ die Rede ist. Damit betonen wir: Es geht um das Land, das JHWH Seinem Volk „gelobt“, das heißt versprochen hat. Es geht um den Verheißungscharakter, den dieses Land in der Geschichte Gottes mit Seinem Volk immer auch hat.

Wie sind die alttestamentlichen Landverheißungen zu verstehen? Sind sie reine Bilder?

Nein, natürlich haben die Landverheißungen Realitätsbezug. So wie wir ja auch andere Verheißungen der Bibel nicht ohne Realitätsbezug verstehen. Eine Vergeistlichung, die aus dieser Welt herausführt, ist der Bibel fremd.

Wichtig ist nun aber zu sehen, dass die biblischen Landverheißungen keine Landkarten für politische Entscheidungen im heutigen Nahostkonflikt bieten. Darum geht es den Texten auch gar nicht. Es sind weder konkrete Grenzen beschrieben, noch herrscht über den Umfang des „Gelobten Landes“ in den unterschiedlichen Texten überhaupt Einigkeit. Allerdings weisen uns die biblischen Landverheißungen als historische Texte auf eine lange Tradition der Verbundenheit des jüdischen Volkes mit diesem Land hin.

Theologisch geht es in den Texten der Landverheißung dabei vor allem immer wieder darum, dass hier Gottes Versprechen, Sein Volk zu bewahren, konkret und greifbar wird.

Sie sagen, die biblischen Texte begründen nicht heutige Grenzverläufe, denn die Bibel bietet ja keine Kartografie. Aber warum heißt es in der Orientierungshilfe, dass das Alte Testament nicht die Existenz des Staates Israel legitimiert?

Wenn wir heute über die Existenz Israels sprechen, so müssen wir nicht bis zu den biblischen Texten zurück: Die Existenz des heutigen Staates Israel ist durch den UN-Teilungsbeschluss 181 von 1947 völkerrechtlich begründet. Hier geht es gar nicht um theologische Begründungen, sondern um völkerrechtliche. Wir reden ja beim heutigen Staat Israel nicht von einem Gottesstaat, sondern von einem auch seinem Selbstverständnis nach säkularem Staat. Und die Existenzbegründung dieses Staates Israel steht selbstverständlich völlig außer Frage. Das ist nicht Gegenstand von theologischen Deutungen oder biblisch begründeten Legitimierungen.

Zugleich heißt es doch, das Volk Israel bleibt Gottes erwähltes Volk und das gegenwärtige Judentum steht in Kontinuität zum biblischen Israel.

Ja selbstverständlich! In unserer rheinischen Kirchen haben wir das sogar im Grundartikel unserer Kirchenordnung festgehalten. Hier heißt es: Die Evangelische Kirche im Rheinland „bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und neue Erde.“ Das ist notwendig, das immer wieder so deutlich zu betonen, weil Kirche tragischerweise über 2000 Jahre hinweg oft etwas anderes behauptet und gelehrt hat. Als ob Gott sein Volk Israel verworfen habe und nun die Kirche an seine Stelle getreten wäre. Aber davon ist in unserer Bibel nichts zu lesen. Dort wird vielmehr Gottes Treue gelobt, der an der Erwählung seines Volkes festhält. Und der, sagen wir als Christinnen und Christen, in Jesus Christus auch uns mit hineingenommen hat in seine Segensgeschichte.

Welche Rolle spielt die Schoah, spielt jahrhundertelanges christliches Unrecht gegenüber Jüdinnen und Juden in der Frage der Haltung zum Staat Israel?

Die Schoah, so haben wir es im Rheinland 1980 formuliert, musste für uns der Anlass zu einer Erneuerung unseres Verhältnisses zum Judentum sein. Weil unsere Kirchen nicht nur zu wenig Widerstand geleistet, sondern sogar Mitschuld zu tragen hatten an der weitgehenden Vernichtung des jüdischen Volkes. Die Grundlage für diese Erneuerung aber, so hat es unsere Synode betont, sind die Einsichten, die wir aus einer neuen, vorurteilsfreieren Lektüre unserer biblischen Texte gewonnen haben. Wir missverstehen unsere Bibel, wenn wir unser Verhältnis gegenüber dem Judentum nicht überdenken. Mit dieser Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses, in der wir zunächst einmal selber die Lernenden sind, werden wir auch für unser Verhältnis sensibilisiert, das wir zu dem Staat haben, der jüdisches Selbstverständnis so zentral mitprägt.

Zusammengefasst: Israels Staatsgründung und Existenz sind kein religiöser Tatbestand und doch ein Zeichen Gottes, heißt es in der Orientierungshilfe, wie passt das zusammen?

Natürlich ist die Staatsgründung Israels kein religiöses Ereignis, keine Offenbarung gewesen. Dennoch können wir aus unserer christlichen Perspektive heraus die Offenbarung der Bibel in Anspruch nehmen, um damit auch geschichtliche Ereignisse für uns zu interpretieren. In diesem Sinne haben wir im Rheinland schon seit 1980 davon gesprochen, dass das Überleben des jüdischen Volkes nach der Schoah und auch die Errichtung und der Fortbestand des Staates Israel als „Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk“ interpretierbar sind.

Hat sich der von der rheinischen Kirche 1980 gefasste deutliche Synodalbeschluss auch in der EKD-Orientierungshilfe durchgesetzt?

Vor allem die Rede von dem „Zeichen der Treue Gottes“ nimmt natürlich Impulse aus dem Rheinland auf. In der Orientierungshilfe wird das nun, etwas zurückhaltender, als eine Möglichkeit der Interpretation aufgegriffen. Aber das ist durchaus das, was die Diskussion im Rheinland ja auch immer stärker ans Licht gebracht hat: Wenn man in diesem Zusammenhang von einem „Zeichen der Treue Gottes“ spricht, geht es um eine Interpretation in unserer christlichen Perspektive. – Ich bin gespannt, welche neuen Akzente jetzt aus der Diskussion hervorgehen werden, die diese Arbeitshilfe noch einmal neu in Gang setzen wird.

Evangelische Christinnen und Christen nehmen Anteil am Nahostkonflikt. Was können sie tun?

Wir müssen zunächst einmal aushalten, dass nicht wir es sind, die den Nahostkonflikt werden lösen können. Das können nur die am Konflikt Beteiligten selber tun. Aber wir können und müssen natürlich die Menschen, die in einem fast bis zur Hoffnungslosigkeit zugespitzten Konflikt leben, begleiten auf dem Weg hin zu einer Lösung des Konflikts. Wir können dafür beispielsweise unsere vertrauensvollen Kontakte nutzen, die wir sowohl zu jüdischen Gesprächspartnern in Israel als auch zu unseren palästinensischen Geschwistern in Palästina haben, um den Dialog nicht abreißen zu lassen. Jetzt im November werden wir als Rheinische Kirche eine Tagung in Jerusalem zusammen mit Bischof Younan zur Befreiungstheologie abhalten. Jüdische und christliche Gesprächspartner kommen zusammen und lernen mit- und voneinander beim gemeinsamen Lesen der biblischen Texte.

Auf Recht und Gerechtigkeit zu dringen in diesem Konflikt, gehört ebenso zu unseren Aufgaben als Christinnen und Christen. Im Nahostkonflikt wie in jedem anderen Konflikt auch.

Schließlich halte ich es auch für unsere Aufgabe darauf zu achten, dass sich Menschen nicht durch simple Schwarz-Weiß-Bilder ködern lassen, die immer an Attraktivität gewinnen, wo Konflikte tatsächlich sehr kompliziert sind. - Auch hier soll die Orientierungshilfe helfen, nicht zu schnell in die Irre zu laufen und auch die Komplexität der Fragestellungen mit im Blick zu behalten.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 24. Oktober 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 9. November 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 24.10.2012



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