Feierstunde in der Herzkammer des NRW-Landtags, dem Plenarsaal: 170 Jahre Emanzipation der Juden. Feierstunde in der Herzkammer des NRW-Landtags, dem Plenarsaal: 170 Jahre Emanzipation der Juden.

170 Jahre Emanzipation der Juden

Zwischen Herablassung, Mitleid und echter Toleranz

Am Ende blieb die Zeit einfach stehen. Die Idylle haftete. Die Kantorei Oberkassel hatte sich oben im Zuschauerraum aufgestellt und sang. "Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit..."

An ein Schlüsseldatum wurde jetzt in einer Feierstunde im NRW-Landtag erinnert: Am 13. Juli 1843, vor nunmehr 170 Jahren, beschloss der damalige Rheinische Provinziallandtag die Aufhebung des so genannten Schändlichen Dekrets, eine Hinterlassenschaft Napoleons. Das Schändliche Dekret (1808) hatte die Niederlassungsfreiheit und Erwerbstätigkeit der jüdischen Bevölkerung eingeschränkt. Dagegen setzte der Rheinische Provinziallandtag die Gleichberechtigung der Jüdinnen und Juden. Ein Meilenstein auf dem Weg der jüdischen Emanzipation.

Die Entschließung des Rheinischen Provinziallandtags ist ein „eindrucksvolles Beispiel dafür, dass im Rheinland ethnische, kulturelle und religiöse Toleranz eine traditionelle Heimat hat“, so Landtagspräsidentin Carina Gödecke. Außerdem sei sie eine Orientierungshilfe in heutigen Fragen im „Spannungsfeld von Fremdheit und Integration, religiöser Überzeugung und staatlicher Werte-Ordnung, Identität und Loyalität“.

Ende der Diskriminierung

„170 Jahre Emanzipation der Juden im Rheinland – Ein Beispiel christlich motivierter Toleranz?“ Dieser Titel stand über der Feierstunde im Plenarsaal, der Herzkammer des Landtags, zu der die Landtagspräsidentin zusammen mit Präses Manfred Rekowski und dem Vorsitzenden des Landesverbands der jüdischen Gemeinden Nordrhein, Oded Horowitz, eingeladen hatte.

Der Beschluss des Rheinischen Provinziallandtags trug dazu bei, "dass die Juden vom Rand der christlichen Mehrheitsgesellschaft, wo sie bislang eine rechtlich, religiös und sozial diskriminierte Minderheit waren, in die Mitte der Gesellschaft rücken konnten – durchaus ein Beispiel christlich motivierter Toleranz“, sagte Landtagspräsidentin Gödecke bei der Feierstunde.

Gottesebenbildlichkeit aller Menschen als wichtiges Motiv

„Ohne dass die christlichen Kirchen alleiniges Urheberrecht für diesen Akt der Toleranz beanspruchen können, so ist doch festzuhalten, für viele der damaligen Entscheidungsträger waren der christliche Glaube, die Nächstenliebe und die allen Menschen eigene Gottesebenbildlichkeit wichtige Motive für ihr Abstimmungsverhalten“, so der rheinische Präses Manfred Rekowski.

Allerdings sei in den Reden der damaligen Befürworter „auch eine gewisse Gefühlsgemengelage zwischen Herablassung, tief gefühltem Mitleid und wirklicher Akzeptanz spürbar". Eine differenzierte Sicht sei der erste Schritt zu einem Dialog auf Augenhöhe. Rekowski: "Völlig erreicht ist er allerdings bis heute noch nicht.“

Dem barmherzigen Samariter nachstreben

Die Feierstunde mit geladenen Gästen hatte eine gestaltete Form. Nicht nur sang die Kantorei Oberkassel unter der Leitung von Thorsten Göbel. Vielmehr trugen auch eine Schauspielerin und zwei Schauspieler Reden und Briefe aus dem Jahr 1843 vor. So hörten die Teilnehmenden in den Bänken des heutigen Landtags die damalige Rede von Gisbert Lensing, einem Abgeordneten des Rheinischen Provinziallandtags, der an die biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter erinnerte. Diesem gelte es „nachzustreben“. Der Provinziallandtag habe alle Bewohner „ohne Unterschied der Religion zu vertreten“. Jede Rechtsungleichheit, jede Spur des Drucks auf die jüdischen Mitbürger solle verschwinden, warb der Abgeordnete vor der Abstimmung.

„Wenn ich je nach meiner Überzeugung gesprochen habe, so geschah es heute“, bekannte der Krefelder Abgeordnete Herrmann von Beckerath. Er unterstützte den Antrag, indem er Gehorsam, Treue und Hingebung der „Bekenner mosaischen Glaubens“ gegenüber König und Vaterland lobte und fragte: „Mit welchem Rechte darf dann der Staat sie durch Beschränkungen kränken?“

Den Bruder nicht verstoßen

Es gab auch Widerrede. Der Abgeordnete der Ritterschaft, Max Freiherr von Loe aus Allner, fragte tatsächlich: „Kann aber der Jude in diesem Namen Recht sprechen, kann er als Verwaltungs-Beamter christliche Zustände auffassen, schützen und fördern, kann er z.B. Schulrat, kann er Kulturminister werden?“ Auch der Abgeordnete der Städte, Johann Schuchard aus Barmen, warnte davon, Jüdinnen und Juden „zu uns zu erheben“.

Doch offensichtlich fanden mahnende Argumente wie dieses von Beckerath die Mehrheit. „Lassen wir uns keinen, den Gott als unsern Bruder hat geboren werden lassen, lieblos verstoßen, geben wir ihm Raum, jedes Talent, jede Kraft, die der Schöpfer ihm verliehen hat, unbeengt zum Heil der Menschheit zu entwickeln!“ Und so verkündete die heutige Landtagspräsidentin das damalige Abstimmungsergebnis: Mit 19 Nein-Stimmen und 54 Ja-Stimmen wurde der Antrag zur Gleichstellung der Juden angenommen.

Lähmung und Rückschläge

Der Weg der jüdischen Minderheit zur Gleichberechtigung, begonnen in den 1780er Jahren, war lang, gepflastert von zäher Lähmung und herben Rückschlägen, erklärte Prof. Dr. Stefan Rohrbacher von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Der Judaistik-Professor erinnerte an epochemachende Daten, darunter Moses Mendelssohns Bibelübersetzung ins Deutsche. Ringen um Emanzipation und Bemühen um Integration und Akkulturation gingen zusammen, so Rohrbacher, auf der anderen Seite stand weitere Abdrängung.

So erwähnte er das Verbot „christlicher“ Vornamen, auch Josef. Ein alttestamentlicher Name, muss man nicht erwähnen. Noch ein Detail: 1842, ein Jahr vor dem Provinziallandtagsentscheid, wurde der Bau einer Synagoge gestattet – Auflage: abgelegener Platz. So entstand im heutigen Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim eine kleine Synagoge. Später durch einen bescheidenen Neubau ersetzt, wurde sie 1984 mit antisemitischen Parolen beschmiert und in Brand gesteckt.

Bauen und bleiben

Wer baut, will bleiben, an dieses Wort des verstorbenen NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau erinnerte Michael Rubinstein, der Dialogbeauftragte der Landesverbände der Jüdischen Gemeinden in NRW. Und er ergänzte in Worten seines Nachfolgers Jürgen Rüttgers: Wer eine Synagoge baut, will, dass auch die Kinder und Enkel bleiben. So leitete Rubinstein in eine Übersicht über wieder erwachendes jüdisches Leben in NRW nach 1945 ein.

Er sprach von der „Vitalitätsspritze“, die die jüdischen Gemeinden durch die Zuwanderung in den neunziger Jahren bekamen. Sprach vom Leben, Lachen, Weinen, Beten, Singen in den heute 18 Gemeinden, von den gemeinsamen aktuellen Themen wie beispielsweise Inklusion.

"Innigster, tiefgefühlter Dank"

Noch einmal historische Quellen, noch einmal zurück zum Juli 1843: „Auch uns soll also die Sonne der Freiheit leuchten“, schrieb die israelitische Gemeinde von Duisburg und Ruhrort erfreut an die „hochansehnliche, hochverehrteste Stände-Versammlung“. Aus Elberfeld kam „innigster, tiefgefühlter Dank“. Die dortige israelitische Gemeinde schrieb weiter: „Die Annalen der Geschichte werden es unsern Nachkommen verkünden, dass es der Rheinische Landtag in unserm Vaterlande zuerst aussprach, dass die jüdischen Bewohner, die ihr Vaterland und ihre christliche Mitbürger lieben, auf den unverkümmerten Genuss derselben Rechte Anspruch haben.“

Den Nachkommen stand anderes geschrieben, schrecklich. Präses Rekowski: „Der Holocaust und das Versagen der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus hat das Vertrauen der Juden – und nicht nur der Juden – in die praktische Kraft der Kirche zutiefst erschüttert. Aus diesem Grund müssen wir als Kirche froh sein, wenn Juden zum Dialog mit uns bereit sind, und dankbar, wenn sie ihn suchen.“

Nachhall

Und dann blieb die Zeit stehen, Worte und Sinn konnten nachhallen. Die Kantorei Oberkassel verteilte sich im gesamten Plenarsaal, sang „Asralda“, eine so genannte Vokalise von Herman Markus Pressl (1939-1994), ein Musikstück allein auf den Vokal a. „Um musikalisch abzufangen, was die Reden an Emotionen aufwirbelten“, wie Kantor Göbel für ekir.de erläutert. Statt weiterer Worte eine Klangwolke.

Weil im Landtag vor 170 Jahren so wegweisend entschieden worden war, weil nicht zuletzt der neue, unterschriftsreife Staatsvertrag mit den jüdischen Gemeinden im heutigen Landtag seine Wurzeln hat, wählte Göbel für den Schluss das Lied von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio (1803-1869) aus. Die Kantorei sang es von oben, aus dem Zuschauerraum, dem Platz des Volkes. „Kein schöner Land.“

Zum Weiterlesen: "...Beschränkungen der staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben." Die Emanzipation der Juden auf dem Rheinischen Provinziallandtag Düsseldorf, 13. Juli 1843. Herausgegeben von Dr. Ulrike Schrader und Dr. Bastian Fleermann im Auftrag des Landtags NRW, der Evangelischen Kirche im Rheinland, des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden Nordrhein in Kooperation mit der Landeszentrale für Politische Bildung NRW. 2013 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 4. Juli 2013. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 5. Juli 2013. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 05.07.2013



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