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Landessynode 2011

Im Wortlaut: Die Andacht von Pfarrerin Thomé

Andacht zur Landessynode am 14.1.2011, 9 Uhr.

Von Pfarrerin Ursula Thomé, GMÖ Westliches Ruhrgebiet

Hinweis: Es gilt das gesprochene Wort!

Verehrte Synodale,

 

liebe Schwestern und Brüder,

 

Wenn ich an Amos denke, fällt mir zuerst seine Leidenschaft für Gerechtigkeit ein. Amos klagt an und verkündet Gericht. So ist uns Amos vertraut.

 

Eines unserer Friedensbanner, die wir in Essen im Rahmen der internationalen, multilateralen Partnerschaftsbegegnung zum Thema der Dekade in Gruppen erstellt haben, bezieht sich auch auf ein bekanntes Amos-Wort: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Fluss.“ Amos5,24 . Einige von Ihnen haben es als Karte vor sich liegen. Ihre Nachbarin oder ihr Gegenüber hat ein anderes Motiv, ein anderes Friedensbanner als Karte vor sich. Ich komme darauf zurück.

 

In der heutigen Tageslosung hören wir ein Wort aus einer Vision des Amos-Buches in Kap. 7, die Verse 2-3 (aus der Bibel in gerechter Sprache unter Hinzunahme von Vers 1:)

 

„So hat mich Gott, die Macht, schauen lassen: Siehe, Gott machte einen Heuschreckenschwarm, als die Spätsaat anfing zu wachsen; die Spätsaat folgt auf die königliche Ernte. Als der Schwarm begann, das Getreide des Landes vollständig zu fressen, sagte ich: Gott, du Macht, vergib doch! Wie kann Jacob bestehen? Es ist doch so klein. Da hatte Gott Mitleid mit ihm. Es soll nicht geschehen, sagte Gott.“

 

Gott, vergib doch! Ach, Herr, sei gnädig! Amos bittet für das Volk – auch für die Täter des Unrechts und der Gleichgültigkeit. „Wer soll Jacob/Israel wieder aufhelfen? Es ist ja so schwach.“ Amos hat die Rolle gewechselt – vom Verkünder des Gerichts zum Fürbitter des Volkes vor Gott. Das Gericht in der Form der Heuschrecken, die die Ernte und das Land vernichten, erinnern an die Plagen in Ägypten. Das Erstaunliche wird beschrieben: da reute es den Herrn – Gott hatte Mitleid mit ihm. Hier wird das hebr. Wort „nicham“ aus der Wortfamilie „rächäm“ benutzt: Mitleid haben, Reue empfinden; barmherzig , mitfühlend sein. „Rahamin“ – Barmherzigkeit – auch das Wort für Gebärmutter, der Ort wo menschliches Leben in Schutz und Geborgenheit beginnt – Gott ist ein mitfühlender Gott, barmherziger Gott; es erinnert uns an die „weiblichen Bilder“ für Gottes Handeln. Gott verzichtet auf die vernichtende Gewalt– Gott hat Mitleid mit dem Volk Israel. Fürbitte und Gewaltverzicht – Gerichtsverzicht – verhindert die Schreckensvision. In diesen beiden Versen ist von Gottes Barmherzigkeit die Rede. Noch ein zweites Mal ist Amos mit seiner Fürbitte erfolgreich – Gott hat Mitleid. Aber als deutlich wird, dass der Prophet zum Schweigen gebracht wird, ist das Gericht unausweichlich. Hier ist nicht die Zeit und der Raum, um die Re-Vision des Amos-Bildes zu entwickeln; was ich mitnehme aus der atlichen Losung ist der Zusammenhang von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. „ Recht schaffen und Liebe oder Güte üben sind in diesem Gott unzertrennlich verbunden.“ (Sabine Plonz, ÖR 2/2006)

 

Ohne Mitgefühl, ohne Mit- leiden mit den Opfern von Unrecht und Gewalt gibt es keine Solidarität, keine Fürsorge, keine wiedergutmachende Gerechtigkeit.

 

Ohne Reue und Schuldbekenntnis bei den Tätern und Mittätern von Gewalt und Unrecht gibt es keine Vergebung und keinen Neuanfang.

 

Im September 2010 haben wir eine multilaterale Partnerschaftsbegegnung mit 45 internationalen Gästen aus 12 Ländern aus den Gemeinde- und Kirchenkreispartnerschaften in Essen durchgeführt. Thema war: Gewalt überwinden – für eine Kultur der Versöhnung. Wir haben damit eines der Ziele der Dekade aufgegriffen: das Bemühen um eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit – eine zutiefst spirituelle Aufgabe! In einer Partnerschafts-konferenz haben wir gemeinsam zugehört und mitgeteilt, welche Gewalterfahrungen die Partner durch litten und welche Hoffnungszeichen die Kirchen und Projekte geben. Konkrete Menschen und ihre Geschichten geben der Ökumene ein Gesicht. Das Banner mit dem Amos-Zitat stand unter dem Thema „Männer und Gewalt“ und wir sehen links des Flusses Symbole der Gewalt: zwei Fäuste mit Blutstropfen, Soldaten mit Gewehren, eine brennende Hütte, eine Frau mit ihrem Baby auf der Flucht. Gewalt- und Leidens-erfahrungen aus dem Kongo, aus Uganda, aus Namibia, aus Sri Lanka wurden erzählt, in Gesprächen gab es Austausch, Zuhören und beten und gemeinsames Suchen nach Hilfen zu gewaltüberwindendem Tun – persönlich, gesellschaftlich, kirchlich, politisch. Losilika aus dem Kongo, Zacharias aus Uganda, Maria aus Namibia, Silvia aus Tschechien,u.a. haben ihre Erfahrungen, Sorgen und Hoffnungen mit uns geteilt. Dies ist eine Einübung in Mitgefühl, nicht in einem sentimentalen Sinn, sondern als Anteilnahme, die uns motiviert und aktiviert zu mehr Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Konkret kann dies werden in der Partnerschaftsarbeit, in der Unterstützung von Projekten zur Gewaltprävention, in der Förderung von Frauenprojekten und Mädchenbildung zu mehr Selbstbestimmung, in der Förderung des fairen Handels als Beispiel für mehr Gerechtigkeit im Welthandel. Es gibt viele Beispiele. Gestärkt hat uns , Hoffnungszeichen wahrzunehmen: sich miteinander zu freuen, wo ein Projekt gelungen ist, wo junge Menschen durch Bildung eine Perspektive bekommen, wo Menschen Zukunft haben und Heilung erfahren durch Kunsttherapie, wo Menschen in Gottesdiensten und Gebeten Solidarität und vorbehaltlose Annahme erfahren, in Auseinandersetzungen die eigene Verwundbarkeit wahrnehmen. „Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit.“ In allen Verschiedenheiten von Kultur und Kontext, Tradition und Sprache haben wir erlebt: der Leib Christi ist vielfältig – der Leib Christi ist verwundbar und schön. Wir sind der Leib Christi – durch die Taufe verbunden in weltweiter ökumenischer Gemeinschaft. Die Dekade zur Überwindung von Gewalt ist ein Raum der Inspiration und ein Netzwerk der Hoffnung – angesichts einer von Gewalt und Elend verwundeten Welt.

 

Ich habe Ihnen eine zweite Karte mitgebracht: ein Kreuz – von einer Textil-künstlerin aus Essen gestaltet aus den verschiedenen Stoffen unserer Delegationen aus Tschechien, Bosnien, Uganda, Kongo, Namibia, Indien, Chile, El Salvador, Brasilien, Nigeria und Sri Lanka und Deutschland. Aus dem Kreuz hervor – mitten im Dunkel – kommt Licht, wie eine Sonne breitet sich das Licht aus („Sonne der Gerechtigkeit“). Der dunkle Hintergrund enthält Szenen von Gewalt wie z.B. links unten den Umriss eines Flüchtlingsbootes. Die Dunkelheit ist nicht überwunden, aber es gibt Licht und Kreuz – Hoffnungszeichen für die Welt.

 

Die Erfahrung ökumenischer Lerngemeinschaft ist für mich ein solches Hoffnungszeichen. Sie strahlt aus und Menschen werden aktiv, die sich bisher nicht zur Gemeinde zugehörig fühlten. Sie werden gebraucht mit ihren Kompetenzen und bringen sich ein. Erleben Gastfreundlichkeit und Mitgefühl – Offenheit. Gewalt überwinden – für eine Kultur der Versöhnung beten und arbeiten, hoffen und kämpfen, feiern und danken – all das sind Aktivitäten auf dieser ökumenischen Reise zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

 

An einer Kultur der Gewaltfreiheit mitzuwirken, d.h. Zeugnis zu geben von Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Dabei gilt es, nicht gnadenlos und unbarmherzig zu werden, auch nicht mit sich selber. Respekt und Achtung lernen und üben – nicht die Boshaftigkeit und das Böse/den Hass herrschen lassen. Bildungsprozesse brauchen einen langen Atem – länger als 10 Jahre!

 

Im Mai findet die Internationale Ökumenische Friedenskonvokation des ÖRK in Kingston/Jamaica statt. Unsere Essener Friedensbanner werden wir dort ausstellen und damit unsere Vision und unseren Einsatz für gerechten Frieden auf der Gemeinde-und Kirchenkreisebene einbringen in die weltweite ökumenische Bewegung, die von ihrem Bestehen an eine Friedensbewegung gewesen ist.

 

Viola Raheb, die Theologin aus Bethlehem, sagte in Essen in ihrer Predigt am 19.9.2010: „Ehre sei Gott und Frieden auf Erden“, ja das ist unser Motto für die Konvokation und danach.

 

Als Ökumenische Familie bezeugen wir, dass wir gemeinsam Gott loben und preisen wollen, dass wir ihm danken wollen für seinen Frieden, den er uns schenkt. Doch im gleichen Atemzug wollen wir auch dieser unserer Welt Frieden auf Erden zusprechen, bei dem wir uns als Kirche und als Christen die Hände schmutzig machen wollen, bei dem wir als Zeugen des Frieden Gottes im hier und jetzt als aktive Mitgestalter diesen Friedens einsetzen wollen.

 

Was unterscheidet also die Dekade von den Friedensbemühungen anderer Organisationen und Institutionen, die sich dem Frieden widmen?…

 

Was unterscheidet ist der Horizont von Gottes Gnade. Dass Gott zuerst den Schritt gemacht hat auf die Erde, um Frieden zu bringen. Dass für alle Friedensarbeit von daher die Kraft dafür kommt, weil Gott selbst sich eingemischt hat in die Friedensarbeit damals in Bethlehem: „Ehre sei Gott und Friede den Menschen.“

 

Amen.

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 4. Juli 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 9. August 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

04.07.2011



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