EKiR von A-Z
EKiR von A-Z Themen, Arbeitsfelder, kirchliche Einrichtungen von A-Z mehr

Islamwissenschaftlerin Rabeya Müller, Professor Gotthard Fermor, Pfarrerin Dorothee Schaper. Beim gemeindepädagogischen Studientag: Islamwissenschaftlerin Rabeya Müller, PTI-Direktor Professor Dr. Gotthard Fermor und Pfarrerin Dorothee Schaper.

Islam-Tagung

Kirche muss „von unten“ deeskalieren

Beim gemeindepädagogischen Studientag „Islam – kein Thema?!“ des Pädagogisch-Theologischen Instituts und der Evangelischen Fachhochschule im Bonner Haus der Begegnung wurden die Herausforderungen für eine interreligiöse Gemeindepädagogik diskutiert. 

Anfangs dachten eine ganze Reihe Teilnehmer dieses Studientags des Pädagogisch-Theologischen Instituts in Bonn und der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe noch, in der falschen Veranstaltung gelandet zu sein. Über das heiße Thema Islam in der gemeindepädagogischen und diakonischen Praxis sollte es gehen. Und dann lästerte da diese tüttelige Dame namens Esther Schmitz über ihre Nachbarschaft in Köln-Chorweiler ab. Denn die machte dem Paar von nebenan, „der Aische und dem Alfons“, das Leben schwer.  

Dieses ewige Über-den-Koran-Herziehen, das sei Umweltverschmutzung, ja Brandstiftung in ihren Ohren, schimpfte die Kölsche Dame mit dem Federhütchen. „Irgendwie müssen wir momentan das Abendland vor den Abendlandrettern retten“, stöhnte sie. Und plötzlich waren die Teilnehmenden – allesamt aktiv in der kirchlichen Jugendarbeit, im Konfirmandenunterricht, in Kulturprojekten, sozialen und schulischen Kooperativen – schon mitten drin im Tagungsthema.  

„Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“ 

Auch Fachliteratur war auf der Tagung erhältlich. Auch Fachliteratur war auf der Tagung erhältlich.

Denn Lästermaul Schmitz entpuppte sich als identisch mit Referentin und Pfarrerin Dorothee Schaper, bekannt aus der „Prot’s-Sitzung“ jecker rheinischer Protestanten. Und die bot dann einen ebenso informativen wie unterhaltsamen Ritt durch die gut 20-jährige Geschichte des christlich-islamischen Dialogs und ihre entsprechende Literatur.  

Nebenbei stellte sie auch „die landskirchliche Papierschiene“ zum Thema vor: die theologische Grundlage, das Arbeitspapier  „Abraham und der Glaube an den einen Gott“ von 2009, sowie das aktuelle Arbeitspapier „Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen“. Das betone, so Schapers, dass Christen und Muslime auch im Alltag gemeinsam aus ihrem Glauben heraus Verantwortung für das friedliche Zusammenleben tragen. Dieses Papier geht derzeit durch die Gemeinden und von der Landessynode 2018 verabschiedet werden. 

Karikatur mit Jesus und Mohammed vor Bibel und Koran. Karikatur mit Jesus und Mohammed vor Bibel und Koran.

Schließlich ließ es sich die handfeste Dame nicht nehmen, vor Koran und Bibel gleichermaßen Kerzen anzuzünden – und dahinter eine Karikatur zu platzieren, auf der Jesus und Mohammed hübsch vereint auf dem Kamel unterwegs sind.

„Humor ist oft bitterer Ernst“, kommentierte Schapers, flugs wieder als Pfarrerin am Rednerpult. „Wir Christen und Muslime müssen halt immer im Dialog bleiben und uns auf Augenhöhe begegnen.“ Es gehe also auch im gemeindlichen Alltag mit Muslimen um den Aufbau einer Geschwisterschaft, die im Glauben an den einen Gott begründet sei. 

Woraufhin die Christin das Wort an ihre muslimische Kollegin, die Islamwissenschaftlerin Rabeya Müller vom Kölner Zentrum für Islamische Frauenforschung, weitergab. Und die präsentierte einen Überblick über die wichtigsten Gemeinsamkeiten beider Religionen.  

Auch im liberalen Islam sind Mann und Frau gleichberechtigt

Die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten in Diskussionen mit Muslimen immer darauf hinweisen, dass der Koran sehr wohl „ein wiederholendes Buch“ sei, das auf der jüdischen Thora und dem christlichen Evangelium aufbaue. „Wir haben parallel Grundlagen in der Vorstellung über Gott und den Menschen sowie seine Verantwortung für den Nächsten“, betonte die muslimische Theologin. Der Mensch sei nach der Bibel als Ebenbild Gottes geschaffen, für Muslime sei er Statthalter Gottes.  

Die liberale Islamtheologie verkünde auch, dass sich nach dem Koran kein Mensch besser fühlen dürfe als ein anderer, egal ob dieser nun anderer Rasse, Religion und anderen Geschlechts sei, zeigte Müller an Koransuren auf.  

„Zu behaupten, eine Frau sei nach dem Koran weniger wert als der Mann, hieße, dem satanischen Prinzip anheimzufallen. Bringen Sie das bitte immer auch in Diskussionen mit muslimischen Kindern und Jugendlichen zur Sprache“, forderte die muslimische Theologin die evangelischen Gemeindemitarbeiter und Pfarrer auf. Auch im Islam seien Mann und Frau gleichberechtigt. „In der Praxis wird das von vielen Muslimen anders gehandhabt, das will ich nicht bestreiten“, gab Müller zu. Und zwar weil diese Muslime speziell eine „patriarchalische Übersetzung“ des Korans verinnerlicht hätten.  

Der Islam verlangt Akzeptanz für die Vielfalt der Religionen  

Zudem habe nach ihrer Ansicht kein Muslim das Recht, Andersgläubige als Ungläubige zu beschimpfen, machte Müller an weiteren Koransuren fest. Akzeptanz für die Vielfalt des Islam selbst sowie der Religionen allgemein sei eine wichtige Säule eines aufgeklärten Islam.

Problemfelder im christlich-muslimischen Alltag seien derzeit besonders die Schwierigkeiten beim Feiern gemeinsamer Gottesdienste, beim gemeinsamen Beten oder bei christlich-muslimischen Hochzeiten. Müller forderte aber gerade in der aktuellen politischen Situation ein gemeinsames Eintreten gegen Extremismus und Fremdenfeindlichkeit, parallele Stellungnahmen zu ethischen Fragen, Kooperationen in Bildung, Seniorenarbeit, Altenpflege sowie in der Notfallseelsorge. „Fangen wir also endlich an, uns nicht gegenseitig als Problem anzusehen. Schauen wir gemeinsam in eine Richtung“, forderte die muslimische Theologin auf.

Was die Tagungsteilnehmer dann in Workshops auch praktizierten. PTI-Direktor Professor Dr. Gotthard Fermor hatte eingeladen, über die gemeinsamen theologischen Grundlagen, über die kirchenpolitische Ebene und die Gemeindepraxis zu diskutieren.  

„Ich will hier erfahren, wie die schweigende Mehrheit der Muslime bei uns tickt, diejenigen, die niemals in den Dschihad ziehen wollen“, nannte Teilnehmer Dietrich von der Planitz von den Johannitern seinen Grund, die Tagung zu besuchen. Pfarrer i. R. Christoph Nicolai von der Evangelischen Syrienhilfe Bonn-Bad Godesberg erläuterte, er wolle in den Diskurs einbringen, wie sich im Alltag Vertrauen und Kooperation zwischen Christen und Muslimen entwickelten – ganz unabhängig von offiziellen Dialogrunden.  

Keine Tabuisierung von Radikalisierung und Gewaltbereitschaft  

Professor Dr. Uwe Becker von der Evangelischen Fachhochschule sieht Tagungen wie diese als wichtig an, um den aktuellen Verunglimpfungen des Islam in der Politik entgegenzuwirken und um gleichzeitig die Themen Radikalisierung und Gewaltbereitschaft nicht zu tabuisieren.  

Natürlich sehe er das Problem, dass derzeit zahlreiche Flüchtlinge, die ohne Rechtsstaat sozialisiert worden seien, erst einmal die hiesigen Gesetze und Lebensmodelle zu respektieren lernen müssten. „Auf jeden Fall sollten wir in der Kirche von unten aus deeskalierend wirken. Wir müssen uns in diesem Prozess als Gestaltungsfaktor sehen“, so Becker. 

Facebook, Twitter und Google+ einschalten
Seite drucken Seite versenden

 

ekir.de / Text und Fotos: Ebba Hagenberg-Miliu / 19.04.2016



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.