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Friedenskonvokation

Umarmung und Ermutigung

"Die Welt braucht Frieden", das ist nur eine von mehreren Fazits am Ende der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation in Jamaika. Oberkirchenrätin Barbara Rudolph berichtet.

Die Delegierten aus dem Rheinland bei der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation. Die Delegierten aus dem Rheinland bei der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation.Bild-Download

22.05.11 23:30
Jamaika (1): Auftakt mit Reggae-Rhythmen

Der Morgen der Konvokation beginnt in einem großen Zelt in der Mitte des Universitäts-Campus, auf dem die Konferenz stattfindet, mit einem Morgengebet. Mittags und abends ist jeweils auch ein kurzes Innehalten. Mit einem karibischen Kuhhorn werden die ca. 1000 Delegierten aus aller Welt zur Andacht gerufen. Mit karibischen Reggae-Rhythmen eines baptistischen
Chores, mit äthiopischen Zimbeln aus der orthodoxen Tradition, mit bolivianischer Panflöte oder deutscher Gitarre - immer prägt eine andere Tradition die Kurzgottesdienste.

Dann, in der wichtigen Zeit am frühen Vormittag, wenn die Konzentration der Delegierten am größten ist, verteilt sich die gesamte Versammlung über das große Gelände. Diese Stunde gehört den Delegierten, die bei allen Unterschieden eines eint: die gemeinsame Bibel. Und dann lesen sie zusammen die Friedensverheißungen aus dem alten und neuen Testament: der nigerianische Bischof, der Menschenrechtskämpfer aus den Philippinen, die Pfarrerin aus Indonesien, die orthodoxe Theologin, der Jugendmitarbeiter aus den USA und der Architekt aus Australien. Es ist die wichtigste Stunde am Tag, sagen die Delegierten, sie gibt Kraft, Hoffnung und eine immense Ermutigung, wenn so viele verschiedene Menschen sich von dem gemeinsamen biblischen Visionen inspirieren lassen, miteinander ihre Enttäuschung, ihre Erfolge und Hoffnungen teilen.

Die Konvokation steht unter dem Motto: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden. Das ist eine einleuchtende Reihenfolge: nachdem die Delegierten sich eine Stunde auf die Geschichten der Bibel eingelassen haben, sind sie offen für die schwierigen Themen, die im Plenum verhandelt werden: Frieden in der Familie und Gemeinschaft, Frieden in der Schöpfung, Frieden in der Wirtschaft, Frieden zwischen den Völkern. Nachmittags hören sie aus allen Teilen der Erde, wie der Frieden, den die Bibel verheißt, in den verschiedenen Teilen der Erde durch buchstabiert wird: in Japan nach der großen Flutkatastrophe, im Bürgerkrieg im Kongo, auf den Pazifikinseln, die im Meer versinken, in Nahen Osten und Ägypten, im Norden Kanadas, in der armenischen Tradition und in den Slums von Kingston auf Jamaika.

Wenn die Delegierten sich zum Abendgebet versammeln, dann schließen sie alle diese Erfahrungen in ihr Gebet mit ein und bringen sie vor Gott. Wenn sie nach Hause fahren, dann werden sie wieder aktiv sein für die Überwindung von Gewalt in ihren Ländern und Kirchen und wissen um die Verbundenheit weltweit und mit Gott.

23.05.11 00:56
Jamaika (2): Steine des Anstoßes – zum Beispiel Rüstungsexporte

Die Friedenskonvokation in Jamaika, die der Ökumenische Rat der Kirchen zum Abschluss der "Dekade zur Überwindung von Gewalt" einberufen hat, räumt mit einer alten Theorie auf, nämlich der Theorie vom "Gerechten Krieg". Das neue Leitbild, das schon in der Evangelischen Kirche im Rheinland diskutiert und akzeptiert ist, spricht vom "Gerechten Frieden". Das militärische Denken wird hineingenommen in eine zivilgesellschaftliche
Gesamtsicht.

Paul Oesterreicher, der lange Zeit das Versöhnungscenter im (während des 2. Weltkrieges zerstörten) Coventry geleitet hat, ermutigte die Versammlung in Jamaika: Über Jahrhunderte, ja Jahrtausende gehörte die Sklaverei zur Menschheitsgeschichte. Heute ist sie abgeschafft. Und wo immer Menschen wie Sklaven behandelt werden, wissen wir heute, das ist illegal. Seit Jahrhunderten, Jahrtausenden gehören Kriege zur Menschheitsgeschichte, aber es wird eine Zeit geben, da werden Kriege illegal sein...

Ob alle Kirchen diese Haltung teilen, wird sich bei der weiteren Diskussion zeigen, es wird auf der Konvokation durchaus auch kontrovers diskutiert. Die Rüstungsexporte - Deutschland ist der drittgrößte Rüstungsexporteur weltweit – werden von vielen Delegierten als Skandal gesehen. Wiegen die Arbeitsplätze, durch die Waffen produziert werden, die Zahl der Toten und Verletzten auf? Bittere und schwere Fragen stehen bevor.

23.05.11 04:09
Jamaika (3): Wo der Mond auf dem Rücken liegt

Das Land, wo der Mond auf dem Rücken liegt, so hat Hilde Domin einmal die Inseln in der Karibik beschrieben, zu denen auch Jamaika gehört, der Ort, an dem Internationale Ökumenische Friedensversammlung des Ökumenischen Rates stattfindet.

Jeden Abend können die Delegierten in der lauen Nachtluft diesen wunderschönen Mond beobachten. Es könnte ein Paradies sein, dieses von Sonne und Wasser gesegnete Land. Doch die Delegierten sind in einem mit hohen Mauern und Stacheldraht abgesicherten Campus untergebracht, an jedem Ausgang ist Wachpersonal. Jamaika ist ein Land mit einer der höchsten Kriminalitätsraten der Welt und das Gewaltpotential in den Gangs der Hauptstadt Kingston ist groß. Vor allem Kinder, Jugendliche und Frauen sind betroffen.

Der Ort der Friedenskonvokation ist bewusst gewählt: die organisierte Gewalt ist eine große Herausforderung nicht nur für die Kirchen in Jamaika und der Karibik. Was können Kirchen tun, um unter diesen Umständen die Friedensbotschaft der Bibel auszubreiten? Wie können sie Menschen unterstützen, die Gewalt in den Familien bekämpfen, jungen Menschen eine Perspektive anbieten ohne Gewalt?

Am ersten Tag der Konvokation werden die Delegierten in kleinen Gruppen an Orte geführt, wo die Kirchen Jamaikas Zeichen der Hoffnung setzen: Heime für Straßenkinder, Beratung für junge Mütter, Berufsausbildung für Jugendliche. Die Sprache der Jamaikaner ist englisch; sie nennen solche Projekte Peace Building Projects, wörtlich: Projekte, die den Frieden
bauen. Das klingt nach Arbeit und ist es auch.

Dass solche Arbeit auch Spaß machen kann zeigen GENROSSO, eine Künstlergruppe unter Leitung von Valerio Gentile, die zeitgleich zur Konvokation mit Jugendlichen aus Stadtteilen von Kingston, in denen besonders viel Gewalttätigkeit ist. Am Sonntag haben Künstler und Jugendliche das einstudierte Musical "Streetlight" auf die Bühne der Friedenskonvokation gebracht.

GENROSSO hat auch schon im Rheinland gearbeitet, zum Beispiel mit einer Hauptschule in Düsseldorf mit Auftritt in der Philippshalle und im Wuppertaler Gefängnis.

 

23.05.11 07:16
Jamaika (4): Ein Blick auf die katholische Perspektive

Bischof Rodolfo Valenzuela Núñez aus Guatemala, der Leiter der offiziellen römisch-katholischen Delegation, fühlt sich wohl auf der Ökumenischen Konvokation. "Es ist gut, so viele verschiedene Kirchen ernsthaft miteinander im Gespräch zu sehen", sagt er.

"Da müssen wir als Katholische Kirche noch viel nachholen." Der Bischof berichtet, dass offiziell die Bürgerkriegsartigen Zustände in Guatemala beendet sind, aber heftige und gewaltsame Kämpfe zwischen verschiedenen
Drogenkartellen herrschen Gosbert Byamungu, Pfarrer aus Tansania und, der offizielle Vertreter des Vatikans im Zentralausschuss, ist schon fast zu Hause im Ökumenischen Rat der Kirchen. Insgesamt, so berichtet er, sind ca. 40 Katholiken, aus Deutschland u.a. Dr. Daniel Legutke von Iustitia et Pax, bei der Friedenskonvokation vertreten.

Die katholische Kirche ist nicht Mitglied im Ökumenischen Rat, arbeitet aber an gemeinsamen Kommissionen und Projekten wie der nun auslaufenden Dekade zur Überwindung von Gewalt mit.

25.05.11 00:03
Jamaika (5), Umarmen und ermutigen

Vater Haile Giyorgis ist Priester in der der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche von Jamaika und gehört zu einer der gastgebenden Kirchen. Neun Gemeinden der äthiopischen Kirche, zu der auch Bob Marley gehörte, gibt es auf Jamaika. "Die Welt braucht Frieden, es gibt so viele Konflikte und so viel Gewalt in den Ländern unserer Erde. Auch in den Kirchen gibt es Unfrieden, wir haben eine Spaltung in unserer Kirche, die überwunden werden muß."

Dr. Erna Campbell gehört der Herrnhuter Brüdergemeine in Jamaika an, sie hat in New York an der Universität gelehrt und für die Regierung in Jamaika gearbeitet. "Von dieser Konvokation geht eine große Hoffnung aus, für Menschen und die ganze Schöpfung. Die Schöpfung ist ein großes Geschenk, das wir bewahren müssen."

"Ich freue mich, wenn wir die Delegierten des Ökumenischen Rates in Busan auf unserer koreanischen Halbinsel begrüßen zu können", sagt Professor Lee aus Südkorea. Er ist ein großer Kritiker der Weltwirtschaft. Er fordert: "Der Õkumenische Rat und die Mitgliedkirchen müssen klare und deutliche Aktionen gegen das ungerechte Wirtschaftssystem ergreifen."

"Wir werden uns nicht mehr auf der nächsten Vollversammlung in Busan im Jahre 2013 sehen", sagt der 48-jährige Kollege aus Dänemark. Auf den fragenden Blick sagt er: "Ich bin schwer krank und die Ärzte sagen mir, dass ich nicht mehr lange leben werde, auf jeden Fall nicht mehr bis zum Jahr 2013. Das Leben ist eigenartig geworden, intensiv und schwer zugleich, aber sehr wertvoll."

Auch dieses Gespräch gehört zu den Begegnungen auf einer Konferenz, in der sich Menschen begegnen, die sich im Leben und im Sterben Gott anvertrauen. Prof. Dr. Fernando Enns, Mennonit aus Deutschland, der einer der historischen Friedenskirchen angehört, nennt am Ende der Konferenz die Erfolge der Dekade. "In den zehn Jahren ist in den Kirchen weltweit ungeheuer viel passiert", sagt Enns, der auf der Vollversammlung des Weltrates in Harare 1998 die Dekade beantragt hatte. "Aber wir sind noch nicht zufrieden. Noch sind wir nicht am Ziel angekommen. Wir dürfen noch nicht zufrieden sein. Die Kirche steht auf dem Prüfstand: Entweder sie hört den Ruf zum Gerechten Frieden oder sie ist nicht die Kirche Jesu Christi, bei dessen Geburt die Engel sangen: Ehre sei Gott und Friede auf Erden."

"Noch sind wir auf dem Weg und so gebt Euch", fordert der Moderator der Dekade die Delegierten auf, "eine echte karibische Umarmung". Für kurze Zeit gerät die Vollverammlung mit den rund tausend Delegierten aus den Fugen, als sich die Menschen aus allen Kontinenten im Friedensgruß gegenseitig umarmen und ermutigen.  

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ekir.de / Oberkirchenrätin Barbara Rudolph / 23.05.2011



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