Pfarrertag

Über die Aufgaben der Botschafterinnen und Botschafter

„Das Ikea-Prinzip muss gelten: Bau Dir Deine Kirche, mach es selbst!“ Mit diesen Worten ermunterte Marlehn Thieme zur starken Beteiligung von Ehrenamtlichen in der Kirche.

3. Tag rheinischer Pfarrerinnen und Pfarrer Lupe3. Tag rheinischer Pfarrerinnen und Pfarrer

Beim dritten „Tag rheinischer Pfarrerinnen und Pfarrer“ in Bad Neuenahr gab Thieme, Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Direktorin der Deutschen Bank, eines der beiden Impulsreferate „Blick von außen auf den Pfarrdienst“. Schließlich stand dieser Tag unter dem Thema „Pfarrdienst – Ortsbestimmungen, Herausforderungen, Perspektiven“. Die Juristin, Mitglied des Kirchenvorstands ihrer Gemeinde, stellte schnell klar, wie vertraut sie mit der Realität ist: Ihr eigener Pfarrer sei seit vier Wochen in einer Klinik – wegen Burnouts.

Dabei skizzierte Thieme den großen Handlungsbedarf: Angesichts einer „stattlichen Anzahl“ von Menschen, die ihre Kirchenmitgliedschaft mit Lob auf diakonische Arbeit und Erhaltung von Kirchen als Kulturgütern begründen, was jedoch „nicht das Proprium von Kirchengemeinden ist“, müsse die Kirche „Sprachfähigkeit immer neu erzeugen“.

In der heutigen Wissens- und Mediengesellschaft scheine die Deutungsarbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer schwieriger denn je. Auch die Mobilität erschwere Gemeindearbeit. Weiter müsse gefragt werden, wie die Kirche verschiedene Milieus erreiche, unter anderem „die Pro7-Seher“ oder beispielsweise auch „aus meiner Welt: die Wirtschaftsleute“.

„Sie haben den schönsten Beruf der Welt“, schärfte Marlehn Thieme ihren rund 300 Zuhörerinnen und Zuhörern ein. Sie appellierte, „den Erwartungen der Mitglieder mit dem zu begegnen, was Sie am besten können: sich auf die Theologie zu konzentrieren.“ Sie sollten mit den Menschen, „die erwartungsvoll auf Sie zukommen, nach Gott fragen, nach Gott suchen“. Insofern ermunterte Thieme auch zu einem „weniger ist mehr“. Gemeinden müssten in ihrer Arbeit gezielter Prioritäten setzen. Plus: Ehrenamtliche müssten rekrutiert und angeleitet werden. Siehe oben: Stichwort Ikea.

Den Mitgliederverlust stoppen

„Der Charme, nichts von Wirtschaft zu verstehen, wird immer mehr zum Eigentor“, das war nicht der einzige Satz, mit dem Dr. Roland Schulz, der zweite Impulsreferent, seinen Zuhörerinnen und Zuhörer ins Gewissen redete. Dabei fragte der einstige Henkel-Manager und heutige Kuratoriumsvorsitzende der Düsseldorfer Diakonie danach, wie der Mitgliederverlust in der Kirche gestoppt werden könnte. „Wie gehen Sie auf neue Mitglieder zu? Wen besuchen Sie?“ Ein Freund von ihm zahle seit dreißig Jahren hohe Kirchensteuerbeiträge und habe bis heute keinen Besuch bekommen.

Auch Schulz betonte die Bedeutung des Ehrenamts. Auch er mahnte zum sorgfältigen Umgang mit begrenzter Kapazität. „Wir müssen mit der Zeit haushälterischer umgehen. Es braucht Entlastung.“ Weitere Mahnung: Aufgaben dürften nicht länger „nach alter Väter Sitte“ angegangen werden, vielmehr müssten Pfarrerinnen und Pfarrer vom Projektmanagement lernen. Und Profis in den modernen Kommunikationsmitteln sein. Manche Pfarrer seien „sogar stolz darauf“, die neuen Medien nicht zu nutzen. „Das können Sie sich nicht leisten.“

Und noch einen Eindruck spiegelte der Aufsichtsratsvorsitzende der Gothaer Versicherung: „Wie viele Streitigkeiten und Zwiste es unter Pfarrern gibt, mit welcher Härte und Unbarmherzigkeit sie durchgezogen werden, habe ich privat nie erlebt. Die frohe Botschaft sagt etwas ganz anderes.“

Authentisch auftreten

Begonnen hatte der Tag mit der Andacht, in der Präses Nikolaus Schneider den Vers aus dem 1. Korinther-Brief auslegte: „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott.“ Dies sei „ein guter Beitrag zu unserer Verständigung über das Pfarramt“, so der Präses. Pfarrerinnen und Pfarrer seien keine reinen Befehlsempfänger, aber auch nicht ungebunden.

Sie müssten authentisch auftreten, ohne sich selbst zum Gegenstand der Botschaft zu machen. „Wir sagen das, was wir wirklich glauben.“ Austausch, Fortbildung und Beratung dienten dazu, den hohen Anspruch auf Authentizität einzulösen. Auch wenn dieser Anspruch nicht vollständig zu erfüllen sei, müsse man sich ihm stellen.

„Botschafterinnen und Botschafter kennen die Verhältnisse des Landes. Wir predigen nicht zeitlos, nicht abgehoben, nicht abstrakt“, sagte Schneider weiter. „Wir sind Zeuginnen und Zeugen des Evangeliums, das sind alle Christinnen und Christen, wir sind es in besonderer Zuspitzung.“

Im Blick auf den Versöhnungsaspekt des Bibelverses sprach der Präses davon, dass Zwang eben nicht passe. Für den Glauben lasse sich nur werben und bitten. Vielleicht mit einem T-Shirt? Einer der Zuhörer trug ein Shirt mit dieser Aufschrift: „eFUNgelisch“.

Positive Tagesbilanz

Eine "insgesamt positive Bilanz" für diesen "Tag rheinischer Pfarrerinnen und Pfarrer" zieht Oberkirchenrat Jürgen Dembek, auch für die Diskussionen in den sieben Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Aspekten des Pfarrdienstes. O-Ton aus einer der Arbeitsgruppen: intensive Diskussion, hohe Disziplin, keine Jammerei.

Einige Erfahrungen mit Blick auf Herausforderungen für den Pfarrdienst, in Stichworten: Traditionsabbruch - wir machen Menschen mit der frohen Botschaft vertraut; Demographie - wir sprechen Menschen in ihren Lebenssituationen an; Vielfalt der Kulturen - wir klären eigene Standpunkte und ermutigen zur Neugier; Konflikte - wir verändern unsere Machtverhältnisse und zerstörerische Strukturen.

Ein Personalentwicklungsplan für den Pfarrdienst wurde u.a. gefordert, eine "Kolleginnen/Kollegen-Kultur-Entwicklung" (zum Beispiel kollegiales Feedback, Gottesdienst-Coaching) angeregt.

Die Ergebnisse der Beratungen am "Tag rheinischer Pfarrerinnen und Pfarrer" werden zusammen gestellt und in den landeskirchlichen Diskussionsprozess zu Pfarrdienst und Pfarrbild eingebracht.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 15. September 2010. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 16. September 2010. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / neu / 15.09.2010



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