Johannes-Rau-Kolloquium

Geschichte kann auch gelingen

„Es gab eine Vielfalt von Ideen, sehr interessante Meinungen, die sich ergänzten, mit viel Inhalt.“ So lautet das Fazit von Avi Primor über das Johannes-Rau-Kolloquium „Mitverantwortung für Israel“.

Johannes-Rau-Kolloquium 2012 in der Gemarker Kirche in Wuppertal. LupeJohannes-Rau-Kolloquium 2012 in der Gemarker Kirche in Wuppertal.

Weiter mahnte der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland gegenüber ekir.de: „Wir müssen weiterhin einen offenen und ehrlichen Dialog führen.“ Die Veranstaltung, zu der die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) und die EKD gemeinsam eingeladen hatten, in der Gemarker Kirche in Wuppertal hatte eine Frage im Untertitel: „Wie kann Geschichte gelingen?“. Rund 200 Menschen nahmen teil, ganz vorn Raus Witwe Christina und Tochter Anna.

In ihrer Andacht zu Beginn verwies Oberkirchenrätin Dr. Anne Käfer (EKD) auf die biblische Erzählung von Kain und Abel, deren Opfergaben unterschiedlich gute Wirkung bei Gott erzielten. „Als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: ‚Ich weiß nicht. Soll ich meines Bruders Hüter sein? ‘“ Käfer kam so auf die Verantwortung des Individuums für Mitmenschen wie auch vor Gott. Solch ein Streit könne auch zwischen Völkern entstehen, so Käfer weiter. Streitpunkte gebe es viele: Wer hat den „gerechten Glauben“? Wer darf leben und wer nicht? „Gibt es denn niemanden, der Einhalt gebietet?“, fragte Käfer in der Andacht.

Avi Primor und Nikolaus Schneider beim Johannes-Rau-Kolloquium 2012 zum Thema Mitverantwortug für Israel. Bild-LupeAvi Primor und Nikolaus Schneider beim Johannes-Rau-Kolloquium 2012 zum Thema Mitverantwortug für Israel.

Mitverantwortung ist ein Grundgesetz

„Die Mitverantwortung für Israel ist ein Grundgesetz deutscher Außenpolitik“, das Zitat gab ein Schauspieler wieder – das Zitat stammt aus einer Rede von Johannes Rau (1931-2006), dem einstigen Bundespräsidenten und Namensgeber des Kolloquiums, im Jahr 2000 vor dem israelischen Parlament, der Knesset. Die Friedensbotschaft Gottes weiter geben, Austausch und Begegnung fördern - so sieht für den EKD-Ratsvorsitzenden Präses Dr. h.c. Nikolaus Schneider die Mitverantwortung für Israel aus. Das Wissen um die Vergangenheit müsse weiter geführt werden, sagte er in der Podiumsdiskussion.

„Wir müssen die Geschichte kennen, verstehen, und wir müssen sie aushalten.“ Als konkreten Baustein für eine gemeinsame, friedliche Zukunft zwischen Deutschen und Israelis nannte er u.a. das Engagement von „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“. Jugendliche Deutsche kommen so mit Überlebenden der Shoah und ihren Nachfahren zusammen. Das ist nicht alles: Die evangelische Kirche ist vielfach vernetzt, hat Beziehung in Palästina und Israel.

Auch Tochter Anna und Christina Rau, die Witwe des Namensgebers, nahmen am Johannes-Rau-Kolloquium teil. Bild-LupeAuch Tochter Anna und Christina Rau, die Witwe des Namensgebers, nahmen am Johannes-Rau-Kolloquium teil.

Angst vor dem Iran

Ex-Botschafter Primor, für das Kolloquium aus Israel angereist, kam im Blick auf die aktuelle Lage in Israel auf die reelle Angst der israelischen Bevölkerung vor dem Iran zu sprechen, ferner auch auf innenpolitische Spannungen wie wirtschaftliche Rezession und Großdemonstrationen gegen die aktuelle Regierung. Dr. Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, berichtete von „authentischen Ängsten“ israelischer Bürgerinnen und Bürgern. Sie forderte, auf die Traumata und Schmerzen in der israelischen Bevölkerung ein- und mit Kritik sensibel umzugehen. Von einem sensiblen Thema, mit dem differenziert umgegangen werden muss, sprach der Vorsitzende des Gemeinsamen Ausschusses Kirche und Judentum von EKD, VELKD und UEK, Dr. Ernst Michael Dörrfuß.

Avi Primor berichtete weiter von der Siedlungspolitik der israelischen Regierung. Vor allem ultraorthodoxe Juden verschärften den Konflikt, obwohl sie mit ihrer Meinung in der Minderheit sind, so Primor. „Eine große Mehrheit in Israel will einen palästinensischen Staat. Aber das ist nicht durchsetzbar, weil ‚Sicherheit‘ wichtiger ist.“ Paradox sei die Argumentation der Ultraorthodoxen, die das biblisch zugesicherte Land wahren wollen, obwohl es dort nirgends genau beschrieben werde. „Wir sitzen auf einem Pulverfass“, resümierte der Botschafter. Seine Landsleute mahnte er, die Menschen im Westjordanland nicht zu unterdrücken. Auch Präses Schneider machte deutlich, dass die Siedlungspolitik nicht zu Frieden führt.

Lösung durch verbindliche Abmachungen

Neben der Situation und Zukunft Israels selbst war der Umgang Deutschlands mit dem Staat Israel ein Thema. Was kann getan werden, um den Frieden dort zu sichern? Schneider forderte „verbindliche Abmachungen zwischen wohl gesonnenen Palästinensern und Juden, selbst wenn Radikale auf beiden Seiten dagegen sind“. Er verwies auf die gemeinsame Geschichte von Palästinensern und Juden, die dennoch jedes Volk stur für sich erzähle - ein Zeugnis der Sprachlosigkeit beider Seiten.

„Deutschland ist für Israel ein unabdingbarer Partner und Freund“, erklärte Avi Primor. Weiter meinte der 77-jährige: Sobald Kritik an Israel in Deutschland laut werde, würden viele Menschen diese ablehnen. Dies sei ein Problem: „Die Deutschen sind befangen, nicht die Israelis. Man muss Kritik äußern, damit die Freundschaft vertieft wird.“

Keine "ewige" Feindschaft

Die aktuelle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kennt Dr. Ulrike Schrader gut: „Es sind Schuldgefühle, unverarbeitete Gefühle.“ In der Begegnungsstätte gebe es häufig Gespräche mit Schulklassen, die einen hohen Anteil an muslimischen Schülerinnen und Schülern haben. Sie verfolgten die Geschehnisse im Nahen Osten. Das Gespräch sei ein wichtiger Baustein, stellte Schrader klar.

Dass die Zukunft im Nahen Osten friedlich sein möge, erhoffte sich schon Johannes Rau in seiner Rede im Jahr 2000. „‚Ewige‘ Feindschaft muss es nicht geben. Geschichte kann auch gelingen.“

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 21. Mai 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 22. Mai 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Jan Kleinschmidt / 21.05.2012



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