Landessynode 2012

„Glaube ist nicht am Ende, wenn Moral an Grenzen stößt“

Leben, Tod und Sterbehilfe standen im Mittelpunkt von drei Vorträgen auf der Landessynode. Erläutert wurde das Papier "Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit".  

Leben, Sterben und Sterbehilfe ist das theologische Hauptthema dieser Landessynode. LupeLeben, Sterben und Sterbehilfe ist das theologische Hauptthema dieser Landessynode.

Die Tötung auf Verlangen lasse sich christlich nicht rechtfertigen, Therapieverzicht oder der Abbruch medizinischer Behandlung sei hingegen nicht nur ethisch akzeptabel, sondern manchmal geboten, erklärte Professor Dr. Ulrich Körtner von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. „Weder aus rechtlicher noch auch christlicher Sicht haben wir das Recht, andere Menschen zum Leben oder Weiterleben zu zwingen, auch wenn wir alles dafür tun und ihnen helfen sollen, die kostbare und einmalige Gabe des Lebens zu achten“, so Körtner im Hinblick auf die Orientierungshilfe "Leben hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit" der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

Steigende Lebenserwartung, dadurch mehr Menschen mit schwerer Pflegebedürftigkeit, mit fortschreitenden Demenzerkrankungen, dazu kommen die Entwicklungen in der Medizin. Dies stelle die Frage nach den Grenzen der Medizin. „Wie die GEKE feststellt, ist das größte gesellschaftliche Problem nicht die medizinische Überversorgung, sondern die Einsamkeit des Sterbenden.“

Prof. Dr. Ulrich Körtner Bild-LupeProf. Dr. Ulrich Körtner

Das Recht auf Leben sei ein unveräußerliches Menschenrecht. Nach christlichem Verständnis resultiere es aus der unteilbaren Würde und Gottesebenbildlichkeit des Menschen. „Diese Würde wird nicht bestimmt durch Vernunft, Bewusstsein oder Autonomie“, betonte Körtner. Doch aus dem Recht auf Leben ergebe sich im Gegenzug keine Pflicht zum Leben und damit letztlich ein Recht auf Verweigerung medizinischer Behandlung.

Gleichzeitig sei der Mensch jedoch auch von Gott dazu bestimmt, ein Freiheitswesen zu sein. Diese Freiheit sei unauflöslich mit der Verantwortung für das eigene Leben verbunden. Die Orientierungshilfe betone, „dass die betroffenen Personen ihre Urteile in persönlicher Verantwortung vor Gott fällen müssen und sich nicht – auch nicht von Kirche – bevormunden lassen dürfen“, so Körtner. Der Grundsatz des Lebensschutzes legitimiere weder ethisch noch rechtlich die Bevormundung und Entmündigung von Patientinnen und Patienten. „Die Freiheit eines Christenmenschens schließt die Freiheit nicht nur im Sterben, sondern auch zum Sterben ein.“

„Es gilt zu beachten, dass aktive medizinische Intervention nicht in jedem Fall moralisch höher zu bewerten ist als der Verzicht auf sie.“ Therapieverzicht oder die Beendigung einer Therapie im Einzelfall könne nicht nur ethisch akzeptabel, sondern sogar geboten sein, führte Körtner aus. „Die Orientierungshilfe der GEKE votiert für eine wirksame Schmerztherapie und hält unter bestimmten Voraussetzungen auch eine palliative Sedierung für ethisch vertretbar.“

Ein Recht auf Suizid und Suizidbeihilfe lässt sich laut der Orientierungshilfe der GEKE ebenso wenig wie ein Recht auf Tötung auf Verlangen christlich rechtfertigen. Gleichwohl betont die Orientierungshilfe die Aufgabe der Kirchen, für suizidwillige Menschen und ihre Angehörigen da zu sein, auch wenn diese einen Entschluss gefasst hätten, den die Kirchen nicht befürworten.

Die Orientierungshilfe der GEKE ist eine Bestandsaufnahme bisheriger Stellungnahmen der Mitgliedskirchen und versucht, gemeinsame Grundlinien der ethischen Argumentation herauszuarbeiten. „Protestantische Positionen sollen auf europäischer Ebene stärker profiliert und auch gegenüber politischen Institutionen gemeinsam vertreten werden, ohne die Vielstimmigkeit des Protestantismus und die Gewissensfreiheit des Einzelnen in der ethischen Entscheidungsfindung in Frage zu stellen“, erläuterte Körtner, Co-Autor des GEKE-Papiers.

Die evangelischen Kirchen unterstützen den flächendeckenden Ausbau von Palliativmedizin und -pflege. Besonders wichtig sind dabei die Seelsorge und die spirituelle Begleitung der Kranken, Sterbenden und ihrer Angehörigen, aber auch die Begleitung von Ärztinnen und Ärzten sowie von Pflegekräften. „Die Aufgabe der Kirchen besteht darin, zeitgemäße christliche Formen der Sterbebegleitung zu entwickeln, einschließlich kirchlicher Rituale, die auf Bedürfnisse und Nöte der Menschen eingehen und zugleich theologisch reflektiert und verantwortet sind“, sagte Körtner.

PD Dr. Frank Mathwig Bild-LupePD Dr. Frank Mathwig

Grenzen des Lebens und der Moral

Über die „Grenzen des Lebens und der Moral“ sprach anschließend Dr. Frank Mathwig aus Bern vor den Landessynodalen. Im Kern der Diskussion gehe es um die Frage der Autonomie. Dürfen Menschen ihr Leben wählen, und daraus folgernd, auch ablehnen? „Aus Glauben in Freiheit folgt das Handeln aus Liebe. Diese drei Eckpunkte reformatorischer Ethik bilden auch den Bezugsrahmen theologisch-ethischer Reflexion über Entscheidungen am Lebensende“, erläuterte Mathwig.

In schwierigen Entscheidungssituationen wachse der Bedarf nach eindeutiger Orientierung. Eine Flucht auf die Ebene allgemeiner Prinzipien oder genereller Handlungsnormen erfolge dann aber oft um den Preis, dass das betroffene Subjekt aus seiner Lebenssituation herausgelöst und – über seinen Kopf hinweg – zum Gegenstand oder Objekt eines ethischen Problems gemacht werde. Hiob habe angesichts seines Unglücks von seinen Freunden Aufmerksamkeit, Sensibilisierung der Wahrnehmung und affektive Nähe erwartet, aber keine kluge ethische Expertise oder moralische Belehrung, so Mathwig.

„Wenn der Selbstmord als letzter Versuch menschlicher Selbstrechtfertigung zurückgewiesen werden muss, dann gilt auch das Umgekehrte: Auch eine – etwa aus der Vorstellung von der Heiligkeit des Lebens abgeleitete – moralische Lebenspflicht kann den Menschen nicht vor Gott rechtfertigen-“

Insgesamt scheinen ihm zwei Punkte für die Kirchen wichtig: Es müsse Klarheit herrschen, mit wem gerade gesprochen werde. „Im gesellschaftspolitischen Kontext müssen die Gemeinschaft an ihre solidarische Verantwortung und der Gesetzgeber an seinen verfassungsmäßigen Schutzauftrag immer wieder neu erinnert werden.“ Und für die Gesellschaft und den Staat dürfe der Schutz des Lebens nicht zu einer wählbaren Option werden, forderte er. Dies führe womöglich zu einer Entsolidarisierung mit Leidenden und Sterbenden und einer staatlichen Legalisierung von Tötungshandlungen.

Gleichzeitig müsse Kirche den Blick schärfen für den Unterschied zwischen moralischen Forderungen und der liebevollen Zuwendung zur nächsten Person. „Dies gründet in der Erfahrung, dass der Glaube längst nicht am Ende ist, wenn die Moral an ihre Grenzen stößt.“ 

Volker Brandt LupeVolker Brandt

Sterbehilfe in Belgien

Über die konkrete Situation der Sterbehilfe in Belgien sprach Pfarrer Volker Brandt von der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien. Im Nachbarland sei die Verwendung des Wortes Euthanasie unproblematisch. Vor nicht ganz zehn Jahren sei ein Gesetz über die Sterbehilfe verabschiedet worden, erklärte er. 2003 habe es 235 Fälle von Sterbehilfe gegeben, 2009 schon 822. Wer Sterbehilfe wolle, müsse volljährig sein und einen Antrag auf Sterbehilfe in Gegenwart von zwei Zeuginnen oder Zeugen auf dem für sie bzw. ihn zuständigen Gemeindeamt stellen. Dieser Antrag müsse alle fünf Jahre erneuert werden, so Brandt zur rechtlichen Lage.

Seiner Kirche falle eine Stellungnahme zur Sterbehilfe schwer, schilderte er. Er begrüßt die Orientierungshilfe der GEKE, denn sie eröffne seiner Kirche die Möglichkeit, innerhalb der Kirche, aber auch mit anderen Kirchen ins Gespräch über dieses Thema zu kommen.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 10. Januar 2012. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 11. Januar 2012. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de/pas, Fotos Hans-Jürgen Vollrath / 10.01.2012



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