Regionalkonferenzen

"Beide Reformvorhaben noch intensiv diskutieren"

Dr. Dirk Chr. Siedler, Gemeindepfarrer in Düren, über die Regionalkonferenzen zu Fragen der Personalplanung und der Verwaltungsstrukturreform.

Pfarrer Dr. Dirk Chr. Siedler. Foto: Schmitter Pfarrer Dr. Dirk Chr. Siedler. Foto: Schmitter

Was hat Sie bei der Regionalkonferenz am meisten überrascht?
Im Grunde hat mich der Verlauf wenig überrascht: Die Kirchenleitung ist infolge der ersten Proteststimmen 'zurückgerudert', sagt, dass alles nur noch halb so schlimm sei: In der Personalplanung ginge es nur noch um Modell 4, das ja eh alles ermögliche.
Viele Presbyterinnen und Presbyter sorgen sich, dass den Presbyterien ihre Verantwortlichkeit im Personalbereich entzogen wird. Es ist nicht nachvollziehbar, warum die Kirchenleitung die Kirchenkreise überhaupt auf ein Modell festlegen will? OKR Immel interpretiert das presbyterial-synodale Prinzip als "Subsidiaritätsprinzip", das bedeutet, dass die Presbyterien nicht in allen Fragen die Entscheidungsinstanz sein müssten, sondern im Ausnahmefall könne auch die rheinische Kirche mal anders strukturiert sein. Nur: Wenn die Presbyterien nicht mehr für Personal und Verwaltung zuständig sind, sind sie auch bald nicht mehr für Finanzen zuständig – dann können die Presbyterien zukünftig gerade noch über den sonntäglichen Blumenschmuck o.ä. beraten. Wer will dann noch Presbyter oder Presbyterin werden?
Mich hat auch nicht überrascht, dass die Regionalkonferenzen nach der Pause beim Thema "Verwaltungsstrukturreform" unter erheblichen Teilnehmerschwund litten: über ein Drittel sind in Essen und Krefeld nach Hause gegangen. Das ist den zumeist Ehrenamtlichen nicht vorzuwerfen. Aber es ist ein Problem, wenn dieses Vorhaben nicht mehr von allen diskutiert wird.
Dabei ist diese Verwaltungsstrukturreform der kritische Punkt des Ganzen: Es wird alles über einen Leisten geschert! Es gibt keine reguläre Ausnahmeregelung. Frau Hieronimus sagte: "sonst funktioniert das ganze System nicht". Wer sich die Unterlagen und Referate anhört, kriegt den Eindruck, als ob die rheinische Kirchenverwaltung geradezu ein Notstandsgebiet wäre – und dennoch funktioniert Verwaltung in der typisch rheinischen Vielgestaltigkeit. Diese soll u.E. weiter möglich bleiben! Über eine einheitliche und hierachische Verwaltung werden die Vorraussetzungen geschaffen, später auch die Finanzen zentral zu steuern! Das ist die Befürchtung vieler Gemeinden, Kirchenkreise und auch Verwaltungsmitarbeitender! In einer Nebenbemerkung ist vom Podium aus bemerkt worden, dass diese Option natürlich bestünde. Anfang Juni fand in Düren ein Studientag zu diesen Reformvorhaben statt, an dem 135 Personen aus 55 Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und Verwaltungen teilnahmen. Ganz überwiegend ist dort genau diese Sorge formuliert worden.

Wo sehen Sie den dringendsten Bedarf für weitere Diskussionen?
Bei beiden Reformvorhaben sind noch so viele Fragen offen, dass die Landessynode 2012 m.E. gar keine Beschlüsse fassen kann. Beides muss in Presbyterien und auf Kreissynoden intensiv diskutiert werden. Die Konsequenzen gerade der Verwaltungsstrukturreform sind für die Ar-beit der Presbyterien so enorm und weitreichend, dass erst nach Vorlage verlässlicher Planungsvorlagen alle Presbyterien und Kreissynoden in der Lage sein können, das Ausmaß der Veränderungen und Konsequenzen zu überblicken und sich eine Meinung dazu zu bilden. Deshalb ist die Forderung mancher Kreissynoden nach einem "Proponendum" so wichtig: Der Kern der Stellung der Presbyterien in unserer Kirche ist betroffen, es geht nicht um eine Randfrage.
Zur Personalstruktur ist die Behauptung unbelegt, dass durch sie Kirchenmusiker, Jugendarbeiter etc. in den Gemeinden erhalten blieben. Wir befürchten, dass sie im Gegenteil auf Kirchenkreisebene 'nur' noch Ehrenamtliche motivieren, qualifizieren etc. und selbst nur noch marginal in den Gemeinden arbeiten können. Die Vorlage zur Verwaltungsstrukturreform geht auch schon davon aus, dass viel weniger kirchliche Mitarbeitende zu verwalten sein werden.
Insbesondere hinsichtlich der Verwaltungsstrukturreform sind beispielsweise folgende Fragen ganz konkret zu beantworten:
- Warum ist eine Deckungsgleichheit von Verwaltungsbezirken und Kirchenkreisen in der ganzen Landeskirche zwingend notwendig - ohne jede Ausnahme etwa dort, wo andere Regelungen eingespielt und effizient sind? Warum sollen gewachsene Strukturen zerstört werden ohne zu wissen, ob eine neue Struktur die Qualität weiter steigern könnte? Das Ziel, auch Kirchenkreisen und Superintendenturen Zugriff auf Verwaltung zu ermöglichen, ist völlig berechtigt – aber es müssen Varianten möglich bleiben. Im Übrigen entwickelt sich ja unsere Kirche von alleine in die angestrebte Richtung: Die Anzahl der Verwaltungen hat sich bereits von 185 auf aktuell 120 reduziert. Wir brauchen vielleicht Anreize – aber keinen kirchengesetzlichen Zwang!
- Es gibt ferner keinerlei Kostenschätzung für die beabsichtigte Umstellung: Frau Hieronimus legte dar, dass die Kosten auch gar nicht angegeben werden können. Dann basiert doch die Annahme einer Kostenersparnis auch nur auf einer bloßen Mutmaßung und lässt befürchten, dass wir hier mit ähnlich horrenden Kosten wie bei der Einführung von NKF zu rechnen haben werden. Es wäre geradezu abenteuerlich, wenn die Landessynode ohne Kenntnis der zu erwartenden Kosten in der Umstellungsphase und auch langfristig hier Beschlüsse fasst!
- Warum dieser Zeitdruck? Alle Gemeinden und Kirchenkreise sind 2011 bis 2013 mit der Umstellung auf NKF vollauf beschäftigt und müssen die damit verbundenen erheblichen personellen Mehrkosten stemmen. Keiner Gemeinde und keinem Kirchenkreis kann die Frage abgenommen werden, welche Verwaltungsstruktur für ihre regionalen Gegebenheiten die optimale Lösung ist. Mein Verstand sagt mir, die Losung 'ein Kirchenkreis - eine Verwaltung' dürfte nur in den wenigsten Fällen das Optimum an Effizienz und Qualität erreichen. 

Wie sehen Sie den Prozess der Personalplanung bzw. Verwaltungsstrukturreform?
Die Regionalkonferenzen dienen dem Zweck, sich eine kirchenordnungsgemäße Debatte in Presbyterien und Synoden zu ersparen. Die Debatte soll nun endlich zum Ende gebracht werden. Ich kann verstehen, dass die Beteiligten nach Jahren der Beratung in Arbeitsgruppen und regelmäßigen Berichten auf der Landessynode nun eine Entscheidung wollen. Aber die Beteiligten müssen auch erkennen, dass erst seit Januar 2011 vorläufige Unterlagen und seit 11. Juni die aktuellen Unterlagen (für die Verwaltungsstrukturreform sogar erst seit Juli) öffentlich zugänglich sind – und die werden fortlaufend aktualisiert und angepasst. Es ist – ehrlich gesagt – eine Zumutung, sich ständig aus dem Internet die aktuellen Un-terlagen zu besorgen. Also, in den Gemeinden und Kirchenkreisen findet eigentlich erst seit Mai/Juni eine Debatte statt. Im Herbst werden aber schon die Vorlagen für die Synode erarbeitet. In dieser Zeitspanne kann es keine der Sache angemessene Beratung geben.
Das Presbyterium der Evangelischen Gemeinde zu Düren lädt deshalb zu einem 2. Studientag zu den landeskirchlichen Reformvorhaben ein. Wir werden neben der Personalreform den Schwerpunkt auf die Verwaltungsstrukturreform legen und diskutieren, welche Verwaltung für unsere Gemeinden und Kirchenkreise angemessen ist. Dabei können wir auch auf die Erfahrungen der katholischen Kirche in den Bistümern Essen und Aachen schauen. Der Studientag soll am Donnerstag, dem 19. Oktober, 14.30 und 20 Uhr, stattfinden. Wir werden wieder alle Gemeinden einladen. Wer sein Interesse jetzt schon direkt anmelden möchte, kann dies gerne per Email tun: DC.Siedler@web.de.
Schließlich darf nicht übersehen werden, dass diese Debatte noch nicht der Schlusspunkt ist. Es wird weitergehen mit der Umsetzung der Leitvorstellung 'Missionarisch Volkskirche sein' und mit der Diskussion des 'Pfarrbildes' - auch die hier vorliegenden Texte zielen auf landeskirchliche Vorgaben von oben (top-down-management). Deshalb haben viele Menschen in unserer Kirche die Sorge, dass es hier nicht nur um Nebensachen geht, sondern um die Grundfrage: Welche Kirche wollen wir sein?
Dirk Chr. Siedler mit Presbyter/innen und Pfarrer/innen der Evangelischen Kirche im Rheinland.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 17. August 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 15. September 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / jpi, roß / 17.08.2011



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