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Dorothee Sölle

Streitbare Theologin und Feministin,  Autorin, Dichterin und Literaturwissenschaftlerin – und nicht zuletzt politische Aktivistin: Dorothee Sölle prägte eine Generation in Kirche und Gesellschaft. Trotz Promotion, Habilitation und Professur in New York blieb ihr die Anerkennung im deutschen Universitätsbetrieb weitgehend versagt.

Als Rednerin war Dorothee Sölle weltweit bekannt. Politisch engagierte sie sich in der Friedens-, der Frauen- und der Ökologiebewegung. Ihre familiären Wurzeln liegen im bürgerlichen Milieu. Dorothee Sölle ist am 30. September 1929 in Köln geboren, als Tochter des späteren Präsidenten des Bundesarbeitsgerichts Hans Carl Nipperdey und dessen Ehefrau Hildegard. Ihr Abitur legte sie in der Domstadt an der Kaiserin-Augusta-Schule ab.

Ab 1949 studierte sie klassische Philologie, Philosophie, Evangelische Theologie und Germanistik an den Universitäten in Köln, Freiburg im Breisgau und Göttingen. Ihre Studien schloss sie 1954 mit dem Staatsexamen ab und promovierte anschließend in Göttingen. Sie habilitierte sich 1971 mit der Arbeit „Realisation, Studien zum Verhältnis von Theologie und Dichtung nach der Aufklärung“ in Köln.

In ihrer Zeit war die Autorin Sölle die meistgelesene Theologin in der Bundesrepublik, hatte aber keinen Lehrstuhl an einer deutschen Universität. Sie arbeitete als Lehrerin im höheren Schuldienst in Köln, war Schriftstellerin und freie Mitarbeiterin beim Rundfunk, wissenschaftliche Assistentin am Philosophischen Institut der Technischen Hochschule Aachen, Studienrätin im Hochschuldienst am Germanistischen Institut der Universität Köln und Privatdozentin für Neuere deutsche Literaturgeschichte. Systematische Theologie lehrte sie von 1975 bis 1987 als Professorin des Union Theological Seminary in New York.

Eine Theologie nach den Morden in Auschwitz

„Die Hauptschwierigkeit, die ich mit der Tradition hatte, war das Problem meiner Generation mit dem »Herrn, der alles so herrlich regieret«, wie es im Kirchenlied heißt“ sagte die Theologin 2002 bei einer Tagung der Erich-Fromm-Gesellschaft. Beim Kirchentag 1965 in Köln habe sie erstmals bei einem größeren öffentlichen Auftritt darüber gesprochen, dass sie diesen Herrn nicht loben könne nach Auschwitz. „Wie konnte man nach allem, was geschehen war, immer noch so reden?“, sagte die Theologin „wo war der in Auschwitz?“.

Die Vorstellung von der Allmacht Gottes lehnte Dorothee Sölle ab. Im Zentrum steht bei ihr der Mensch Jesus von Nazareth mit seiner Botschaft. Titel ihrer ersten Bücher waren „Theologie nach dem Tode Gottes“ und „Atheistisch an Gott glauben“. „Gottes zu bedürfen ist des Menschen höchste Vollkommenheit“, zitierte sie den dänischen Theologen und Philosophen Søren Kierkegaard und fügte hinzu: „Aber Gott braucht auch uns, unsern Schutz, unsern Trost, unsere Wärme. Wir brauchen es, gebraucht zu werden. Wir sollten ruhig davon ausgehen, dass es der Gottheit auch eiskalt wird, wenn sie diese Welt anschaut.“

Politische Nachtgebete in der Kölner Antoniterkirche

Die lateinamerikanische Theologie der Befreiung mit ihrer Orientierung am Diesseits erlebte sie als das entscheidend Neue in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Gott, der auf das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört habe, mache jetzt und hier frei, nicht in einem Jenseits. Die Protestantin nahm später die sich entwickelnde feministische Theologie auf und beschäftigte sich mit der Mystik. Zugleich fragte sie: „Ist es heute nicht notwendig, neben die rechtlosen Armen die langsam zu Tode gefolterte Mutter Erde zu stellen?“

Dabei suchte Sölle immer die Verbindung von theologischer Theorie und Praxis. So entstanden getragen von einem ökumenischen Arbeitskreis in Köln die „Politischen Nachgebete“. Nach einem Raumverbot durch Kardinal Joseph Frings für die katholische Kirche St. Peter war die evangelische Antoniterkirche Ort der Veranstaltung. Dort fanden mit Unterstützung des Presbyteriums der Kirchengemeinde ab Oktober 1968 einmal im Monat um 20.30 Uhr die politischen Nachgebete zu Themen wie der Vietnamkrieg, Paragraf 218 oder auch zum Putsch in Chile statt. Zum Konzept gehörten politische Informationen sowie Predigt oder Meditation zu einem biblischen Text. Zeitweise kamen mehr als tausend Menschen an einem Abend.

Kontrovers und prägend

In der Evangelischen Kirche im Rheinland führte dieses Engagement zu Konflikten. Präses Joachim Beckmann sah in den Nachtgebeten eine unzulässige Vermischung von Politik und Gottesdiensten und sprach von „Irrlehren“. Auch die Landessynode setzte sich kontrovers damit auseinander.

"Ich bin mit großem Dank erfüllt über das, was sie für das Denken und den Weg unserer Kirche bedeutet hat", schrieb dagegen 35 Jahre später der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und rheinische Präses Manfred Kock in einem Nachruf auf die Theologin. Die atemberaubende Radikalität, mit der Dorothee Sölle die Jesusnachfolge formuliert und gelebt habe, sei prägend gewesen für sein eigenes Denken und Reden wie auch für den Weg der evangelischen Kirche. Mit dem Satz "Kirche ist auch außerhalb der Kirche" habe sie viele Menschen weit über den Bereich der Kirchen hinaus angesprochen. Ihre tiefe Spiritualität habe in den Kernanliegen ihrer theologisch-politischen Existenz eine wichtige Rolle gespielt.

Dorothee Sölle ist am 27. April 2003 an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben, den sie bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll in Württemberg erlitten hatte. Sie hatte an der Tagung gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann, dem Dozenten für Religionspädagogik und ehemaligen Benediktinermönch Fulbert Steffensky, teilgenommen.

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ekir.de / rtm / 24.10.2016



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