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Eigenverantwortliche Fortbildung von Presbyterien

Kirchengeschichte

Kleine Einführung in die Kirchengeschichte der Evangelischen Kirche im Rheinland

Kirchlicher Strukturwandel in der französischen Zeit (1794-1815)

Die zahlreichen lutherischen und reformierten Kirchentümer im Bereich der späteren Rheinprovinz hatten zumeist den Status einer Minderheitenkirche, nur wenige bildeten eigene Landeskirchen aus und wurden obrigkeitlich gefördert. Die französische Besatzung seit 1794 förderte die religiöse Toleranz und brachte die Gleichberechtigung der Konfessionen, erstmals durften evangelische Gottesdienste auch in ehedem rein katholischen Städten frei ausgeübt werden. Eine radikale Verwaltungsreform hatte zwar keinen Bestand, bahnte aber den Weg für die anschließende Vereinheitlichung der kirchlichen Strukturen nach preußischem Muster. Auch der Gedanke einer Union zwischen Lutheranern und Reformierten wurde in einzelnen Gemeinden - zunächst noch erfolglos - forciert.

Die preußische Provinzialkirche I: Union und Agende (1815-1835)

Rasch erfolgte der Zusammenschluss der evangelischen Rheinländer zu einer Kirchenprovinz der preußischen Landeskirche mit dem König als summus episcopus. In Koblenz amtierte das Konsistorium, dort war auch fortan der Dienstsitz des Generalsuperintendenten. Der Aufruf König Friedrich Wilhelms III. zu einer Union 1817 stieß in den rheinischen Gemeinden auf breite Zustimmung, weniger hingegen die Einführung einer als hochkirchlich empfundenen Agende für den Gottesdienst. Als schwierig erwies sich auch der Ausgleich zwischen regionaler Sondertradition und Herrschaftsanspruch der Berliner Zentrale. In einem zähen Konflikt zwischen Kultusbürokratie und Synoden wurde mit der rheinisch-westfälischen Kirchenordnung von 1835 ein tragfähiger Kompromiss gefunden, der das presbyterial-synodale Verfassungsprinzip als Erbe vor allem der reformierten Kirchen am Niederrhein weitgehend bewahrte. Der territoriale Zuschnitt der rheinischen Kirche blieb fortan recht stabil, so dass sie bis in die Gegenwart über vier Bundesländer hinweg die Grenzen der Rheinprovinz widerspiegelt.

Die preußische Provinzialkirche II: In Treue fest zur Monarchie (1835-1918)

Die Loyalität der Pfarrerschaft und der maßgeblichen evangelischen Kreise zur Hohenzollernmonarchie trug über die Revolution von 1848 hin bis zum November 1918. Hingegen fand die rheinische Kirche auf die Herausforderungen der Sozialen Frage keine adäquate Antwort. So erschöpfte sich die Reaktion auf die rapide anwachsenden Gemeinden in den Ballungsräumen weitgehend in einer intensiven Bauaktivität.. Der zunehmenden Entkirchlichung - seit 1880 sinkt der Abendmahlsbesuch auf unter zehn Prozent - nicht nur der Arbeiterschaft vermochte dies nicht entgegen zu wirken. Spannungen zwischen Vertretern der liberalen Theologie und ihren bekenntnisorientierten sog. „positiven“ Gegnern durchzogen unterschwellig die Provinzial- und Kreissynoden. Reichsweite Aufmerksamkeit erregte der sogenannte „Fall Jatho“, als der Kölner Pfarrer Carl Jatho 1911 von einer kirchlichen Spruchkammer wegen Irrlehre seines Amtes enthoben wurde.

Der rheinische Protestantismus in der Weimarer Republik und im NS-Staat (1918-1945)

Das Ende der Monarchie bedeutete auch das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments („Thron und Altar“). Walther Wolff, der neue Präses der Provinzialsynode, moderierte erfolgreich den Weg zur neuen Kirchenordnung von 1923, die nun stärker die kirchliche Selbstverwaltung zum Ausdruck brachte. Die Öffentlichkeitswirkung des Protestantismus rückte in den Blick, erstmals fanden Massenveranstaltungen wie die Rheinischen Kirchentage 1924 in Köln, 1926 in Essen und 1930 in Saarbrücken statt.

Die Kirchenwahlen vom 23.07.1933 wurden von den Deutschen Christen (DC) dominiert. Im Zuge der Gleichschaltung der Kirchen der Altpreußischen Union folgte das kurzlebige Intermezzo eines evangelischen Bistums Köln-Aachen unter Heinrich Oberheid. Als kirchliche Opposition zum DC-Regiment formierte sich seit Herbst 1933 die Bekennende Kirche (BK) mit dem Bruderrat als Leitungsspitze. Vom 29. bis 31. Mai 1934 tagte in der evangelischen Kirche von Barmen-Gemarke die erste allgemeine deutsche Bekenntnissynode und verabschiedete die richtungsweisende „Theologische Erklärung von Barmen“. Eine Gründung der BK war die Kirchliche Hochschule Wuppertal, die 1937 bereits wieder verboten wurde und nur noch illegal weiterarbeiten konnte. Nach einer Übergangszeit der sog. Kirchenausschüsse wurde 1937 auch das rheinische Konsistorium, das 1934 von Koblenz nach Düsseldorf umgezogen war, auf Parteilinie gebracht. Bis zum Kriegsbeginn, der allein schon durch die Einberufung von über 50 Prozent der rheinischen Pfarrer, Hilfsprediger und Vikare die innerkirchlichen Konflikte weitgehend zum Erliegen brachte, wurden nun verschärft politisch missliebige Theologen gegängelt und verfolgt. Hierbei wurde die Kooperation mit Gestapo-Dienststellen nicht gescheut, wie das Beispiel des 1939 im KZ Buchenwald ermordeten Dickenschieder Pfarrers Paul Schneider zeigt.

Neubeginn nach 1945

Noch im Mai 1945 bildete sich in Düsseldorf eine vorläufige neue Kirchenleitung aus führenden Repräsentanten der BK und einigen politisch unbelasteten Vertretern des bisherigen Kirchenregiments. Aus den ehemaligen preußischen Provinzialkirchen bildeten sich in den folgenden Jahren selbständige Landeskirchen. Auf der Synode in Velbert vom 8. bis 13. November 1948 konstituierte sich die nunmehrige „Evangelische Kirche im Rheinland“ (EKiR) mit dem bisherigen Essener Superintendenten Heinrich Held als erstem Präses; ihre „Verfassung“ bildete die 1952 verabschiedete neue Kirchenordnung.

Die rheinische Kirche engagierte sich fortan stark in der Bildungsarbeit (Gründung der Evangelischen Akademie Mülheim/Ruhr, Wiedereröffnung der Kirchlichen Hochschule, Gründung landeskirchlicher Schulen und Internate) und der Sozialpolitik (Sozialethischer Ausschuss unter Friedrich Karrenberg). Kirchenintern wurde die volle Gleichberechtigung der ordinierten Theologinnen im Pfarramt schließlich 1975 erreicht. Der gesellschaftliche Pluralismus in der Ära von Präses Joachim Beckmann (amt. 1958-1971) und seiner Nachfolger Karl Immer, Gerhard Brandt und Peter Beier spiegelte sich in den Kontroverslagen der EKiR unmittelbar wider. Exemplarisch benannt sei hierfür die von der rheinischen Landessynode 1980 beschlossene Erklärung „zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“, die als Anstoß für zahlreiche andere Landeskirchen und die EKD insgesamt wirkte.

Anregungen zur Vermittlung im Presbyterium:

Zum Verständnis der EKiR in ihrer heutigen Gestalt bedarf es auch des Blicks auf die Kirchengeschichte vor 1948. Es bietet sich eine Fülle von Einzelthemen an, deren Auswahl sich an der historischen Relevanz für die jeweilige Gemeinde bzw. den Kirchenkreis orientieren kann. Für die Diskussion erscheint folgender Dreischritt sinnvoll:

  • Kurzvortrag auf Basis der Literatur vermittelt den Einstieg und liefert das nötige Basiswissen
  • Gruppenarbeit mit einem zeitgenössischen Text zum Thema (Umfang bis zu 2 Seiten, ggf. gekürzt). Nach Möglichkeit sollte die Rückkopplung an die Bestände des jeweiligen Gemeindearchivs gesucht werden. Bei der Suche nach konkreten Quellentexten hilft das Archivrepertorium, Texte von überregionaler Bedeutung liegen mittlerweile vielfach online vor.
  • Zu Themen seit ca. 1970 kann methodisch ergänzend oral history eingesetzt werden, also strukturierte, im Zeitumfang präzise umrissene Interviews mit Zeitzeugen (Altpresbyter, Theologen im Ruhestand u.ä.).

Literatur:

  • Joachim Conrad, Stefan Flesch, Nicole Kuropka, Thomas Martin Schneider (Hgg.): Evangelisch am Rhein. Werden und Wesen einer Landeskirche, Düsseldorf 2007 (mit ausführlicher Bibliografie)
  • Uwe Kaminsky: Kirche in der Öffentlichkeit - Die Transformation der Evangelischen Kirche im Rheinland (1948-1989), Bonn 2008 (Evangelische Kirchengeschichte im Rheinland Bd. 5)

Ansprechpartner:

Dr. Stefan Flesch, Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland, Hans-Böckler-Straße 7, 40476 Düsseldorf, Telefon 0211 / 45 62 - 225, E-Mail stefan.flesch@ekir-lka.de

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 13. Juli 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 27. Oktober 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / 13.07.2011



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