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Vortrag von Professor Dr. Gotthard Fermor

Kirchliche Berufe – der eine Dienst und die vielen Ämter

Textservice

Vortrag
Kirchliche Berufe – der eine Dienst und die vielen Ämter

von Gotthard Fermor,
Direktor des Theologisch-Pädagogischen Instituts
der Evangelischen Kirche im Rheinland,

zu halten
am Dienstag, 11. Januar 2011, anlässlich der
62. ordentlichen Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland in Bad Neuenahr

 

Hohe Synode!

 

I. „Viel Glück und viel Segen“

Standing singing und ovations von der ganzen Synode gab es im vergangenen Herbst auf der Sondersynode in der Salvatorkirche in Duisburg zum Gedenken an die erste Duisburger Generalsynode 1610: an einem Tag zum Geburtstag des Präses Nikolaus Schneider und am folgenden Tag für den Küster der Salvatorkirche Holger Kanaß. Viel Glück und viel Segen für beide gleichermaßen. Ein sprechendes Bild für unsere Frage nach dem einen Dienst und den verschiedenen Ämtern, wie ich finde. Zwar haben diese beiden sehr unterschiedliche Aufgaben innerhalb der einen Kirche, der eine ein Amt, der andere eine Anstellung (hoffentlich mit voller Stelle) und auch die Gehälter unterscheiden sich, aber beide stehen in einem Dienstzusammenhang, in dem sie an diesen beiden Tagen symbolisch die gleiche Würdigung erfahren haben.

Nun ist weder diese schöne Begebenheit der Anlass für diesen Vortrag, noch darf es gerade bei diesem Thema bei symbolischen Bekundungen bleiben. Worum geht es also?

 

II. „Kompositionslehre“

Angeregt von dieser musikalischen Eingangsszene lassen Sie es mich einmal musikalisch ausdrücken: Es geht um die Frage nach den Grundlinien und den Variationsmöglichkeiten der theologischen Komposition mit dem Titel „Der eine Dienst und die vielen Ämter“.

Dietrich Bonhoeffer hat diese Frage nach den Grundlagen und den Variationen in ein schönes musikalisches Bild gefasst: in das Bild des cantus firmus, der Grundstimme und den auf sie bezogenen Kontrapunkten. Bonhoeffer hatte es in seinen Briefen aus der Haft benutzt, um das Verhältnis von göttlicher und irdischer Liebe zu beschreiben und hat darin auch die theologische Grundsätzlichkeit dieses Bildes entdeckt:

,,Gott und seine Ewigkeit will von ganzem Herzen geliebt sein, nicht so, daß darunter irdische Liebe beeinträchtigt oder geschwächt würde. Aber gewisser­maßen als cantus firmus, als der Grundton, als die tragende Stimme, zu der die anderen Stimmen des Lebens als Kontrapunkte erklingen. Wo der cantus firmus klar und deutlich ist, kann sich der Kontrapunkt so gewaltig entfalten wie nur möglich ... Wenn man in dieser Vielstimmigkeit steht, dann wird das Leben erst ganz, und zugleich weiß man, daß nichts Unheilvolles geschehen kann, solange dieser Grund­ton durchgehalten wird.”[1]

 

Ich nehme dieses Bild Bonhoeffers für unsere Überlegungen so auf:

Der cantus firmus ist nicht unser Kompositionsprinzip, sondern unsere theologischen Kompositionsprinzipien sind gestaltende Reflexe auf die Stimme Christi, die als Stimme des Heiligen Geistes in uns und in der Welt Gestalt gewinnen will – als viva vox evangelii, als lebendige und Leben schaffende Stimme des Evangeliums. Das ist der cantus firmus, auf den wir mit unseren vielfältigen Kontrapunkten antworten. Kirche ist der Ort, an dem wir miteinander üben und uns auch öffentlich verpflichten, uns zu fragen: Hörst du diese Stimme? Kirche ist als Hörschule ein Wahrnehmungs-, Deutungs- und Gestaltungsraum dieser Stimme. Da es ihn, den cantus firmus, aber nicht als Reinform gibt, sondern nur verwoben mit unseren Aufführungen und den dahinter stehenden Kompositionen, müssen wir uns immer wieder die Mühe machen, diese zu befragen und auf ihre Stimmigkeit hin zu prüfen.

Und so folgt auch die gegenwärtige Aufführungspraxis kirchlicher Berufe theologischen Kompositionsprinzipien, die mit ihren beiden Hauptthemen „Dienst“ und „Amt“ auf ihre Stimmigkeit befragt werden müssen. Aktueller Anlass, dieses in einer sich grundsätzlich immer wieder reformierenden Kirche zu tun, ist, dass in einer Ihrer Vorlagen (die zu kirchlichen Personalplanung) Diskussionslinien zu einer evangelischen Ämterlehre aufgenommen werden, die diese Synode 2004 auf ihre künftige Agende geschrieben hatte  und die jetzt, mit dieser Vorlage im Kontext künftiger Gestaltungsnotwendigkeiten, dringend weiter gedacht werden sollten.

Meine Aufgabe heute ist es nicht, in diese Vorlage einzuführen, dazu gibt es andere Orte, sondern auf die theologischen Grundfragen einzugehen im Horizont gegenwärtiger Herausforderungen.

Bevor ich dies versuche, will ich zumindest kurz einige der, vor allem für die rheinische Kirche bedeutsamen bisherigen Diskussionslinien und –prozesse skizzieren. Deshalb, im Bild gesprochen, ein paar Stationen:

 

III.  „Musikgeschichte“

1. Kirchenordnung

Die Rheinische Kirche baut in ihrer Ordnung auf dem Kompositionsprinzip der 4. These der Theologischen Erklärung von Barmen, wo es heißt:

„Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.“

Entsprechend heißt es in Art. 42 unserer Kirchenordnung:

„(1) Auf Grund der Taufe sind alle Christinnen und Christen zum Zeugnis und Dienst

in der Welt berufen. Der Erfüllung dieses Auftrags dienen alle Dienste der Kirchengemeinde,

die ehrenamtlich oder beruflich ausgeübt werden. Diese Dienste stehen gleichwertig nebeneinander.

(2) Mit ihren unterschiedlichen Gaben stehen alle Mitarbeitenden in einer Dienstgemeinschaft, die vertrauensvolle Zusammenarbeit, gegenseitige Achtung und Anerkennung erfordert.“

Innerhalb dieses einen Dienstes, existieren viele Ämter nebeneinander. So sprechen wir z.B. auch vom Pfarrdienst, auf den das Pfarramt bezogen ist.

 

2. Pfarrbilddiskussion (LS 1999)

So bestimmt auch die Pfarrbilddiskussion, mit der sich diese Synode z.B. 1999 in den „Ausführungen zum Berufsbild der Gemeindepfarrerinnen und Gemeindepfarrer“ beschäftige und die 2013 in eine weitere wichtige Runde gehen wird, diese Linie:

„Das Priestertum aller Gläubigen voraussetzend, erfüllen Pfarrerinnen und Pfarrer ihre speziellen Aufgaben gemeinsam mit anderen in einem Netz von unterschiedlichen Qualifikationen, Professionen und Begabungen.“ (12)

Dabei wird die Notwendigkeit einer gemeindlichen Gesamtkonzeption hervorgehoben, „in der die in der Gemeinde vorhandenen Gaben, Fähigkeiten und Qualifikationen gleichberechtigt berücksichtigt sind“. Die Notwendigkeit besteht darin, „sich vom Klischee der ‚Pfarrerkirche‘ hin zu einer offenen Dienstgemeinschaft zu entwickeln, in welcher alle Beteiligten unter klar festgelegten Voraussetzungen ihrem gemeinsamen Auftrag gerecht werden.“ (ebd.)

 

3. Ordination, Dienst und Ämter nach evangelischem Verständnis (LS 2004)

Der Beschluss der Landessynode zu „Ordination, Dienst und Ämter nach evangelischem Verständnis“ (2004) ist eine wesentliche Wegmarke in diesem Prozess. Unter Aufnahme wichtiger Diskussionsbeiträge zu diesem Thema (etwa des nach wie vor viel zu wenig beachtenden EKD-Textes zum Diakonat als geordnetem Amt von 1996) ging man mit 13 Leitfragen ans Werk, um auf den schon zitierten Grundlagen des Priestertums aller Gläubigen und der Barmer Theologischen Erklärung vor allem die theologische Reflexion des Amtsverständnisses voran zu treiben.

Hier wird ganz klar die Differenzierung zwischen dem einen Dienst der Gemeinde und den institutionalisierten beruflichen Ämtern zur Realisierung dieses Dienstes betont. Dies hat Konsequenzen für die Sicht der Ordination. Das Spezifische der Ordination, die ja in der EKiR nicht nur den Pfarrerinnen und Pfarrern vorbehalten ist, sondern auch Prädikanten/innen und Gemeindepädagogen/innen umfasst, ist nicht die Hauptamtlichkeit, sondern die Öffentlichkeit des Dienstes, zu dem ordiniert wird, z.B. dem Pfarrdienst, also: „die öffentliche Wahrnehmung der konstitutiven, kritischen und kommunikativen Aufgabe, die Kirche in all ihren Lebensbezügen beständig mit ihrem Ursprung in Beziehung zu setzen“, wie es dort programmatisch heißt. Dieser öffentliche Dienst ist Dienst am Wort. Dadurch unterscheidet er sich allerdings von anderen Diensten und in seiner Aufgabe, mit dem Grund der Kirche zu verbinden, begründet sich auch sein Gegenüber zur Gemeinde. Also doch etwas Besonderes und eine andere Stellung? Wir werden darauf zurückkommen müssen. Das Anliegen dieser Erarbeitung war und ist es, Grundlinien altkirchlicher und reformatorischer Amtstheologie mit der zukunftsweisenden Lesart der Barmer Erklärung so zu verbinden, dass die gestellten Leitfragen eine grundsätzliche Orientierung erhalten.

Die aktuelle Station dieser Musikgeschichte ist:

 

4. Kirchliche Personalplanung – Zur Umsetzung von Beschluss 27 LS 2009 (Vorlage 4)

Das Anliegen dieses Papiers ist es, die dringend anstehenden Personalentwicklungsfragen auf dieser theologischen Grundlage zu verorten und im Horizont gegenwärtiger Herausforderungen weiter zu profilieren. Wir werden uns in diesen Tagen damit beschäftigen.

Nach dieser nur groben Skizze wende ich mich nun meinem eigentlichen Thema zu: Aus welchen Quellen wird bei all diesen Kompositionen geschöpft, und: wie verhalten sie sich zu der Grundfrage nach dem cantus firmus? Oder anders gefragt: Gibt es einen Refrain, in dem er für uns immer wieder deutlich wird?

 

 

IV. Refrain: We are one in the spirit. Zur Spiritualität des Dienstes in vielen Ämtern

1. Dienst und Ämter – theologische Grunddimensionen

Vom Neuen Testament her sollten wir zunächst nur den Begriff „Dienst“ gebrauchen, denn er ist der Grundbegriff für eine Theologie kirchlicher Berufe, die sie sich auch schon dort multiprofessionell differenzieren. Von der diakonia Christi, der gekommen ist, um unser Diener zu sein, entfaltet sich die diakonia seiner Gemeinde. Dabei darf man nicht nur an einen niederen Dienst oder auch nur die Armenfürsorge denken (so richtig es ist, dass sich diakonia auch vom Tischdienst her ableitet), sondern an jegliche Tätigkeit, die der Vermittlung der Christuswirklichkeit dient. Diakonia, so betonen neueste Forschungen zur Begriffsgeschichte, heißt auch allgemein „dazwischen gehen“, im weitesten Sinne „vermitteln“[2]. So wird diakonia auch für den Verkündigungsdienst gebraucht. Es ist also angebracht, zwischen einer allgemeinen diakonia und einer spezifischen (etwa in der Armenfürsorge) zu unterscheiden.

Diese allgemeine vielfältigste diakonia ist immer wieder auf bestimmte Grunddimensionen zurückgeführt worden, auf die sich auch der theologische Leitprozess „Missionarisch Volkskirche sein“ bezieht. Er benennt die Aspekte diakonia (Dienst), leiturgia (Gottesdienst), koinonia (Gemeinschaft) und martyria (Zeugnis). Diese neutestamentlichen Vokabeln hat die Berneuchener Reformbewegung in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts stark gemacht (die entsprechenden Reformimpulse und Texte wie das „Berneuchener Buch“[3] sind übrigens brandaktuell und harren einer Wiederentdeckung). Sie arbeitete zunächst nur mit der Trias „martyria, leiturgia, diakonia“. Durch die Arbeit des ÖRK nach 1945 hat diese sich erweitert um die koinonia. Ich füge auf Anregungen Wolfgang Hubers und anderer noch die paideia (Erziehung/Bildung) hinzu[4]. Ich meine, dass der eine Dienst der Kirche diese fünf gleich wichtigen Dimensionen beinhaltet. Ich skizziere sie kurz und kondensiert unter der Leitvokabel „Kommunikation des Evangeliums“, die auch für „Missionarisch Volkskirche sein“ zentral ist:

  • Martyria: Der Zeugnisdienst von Christen/innen für die Gleichnisbedürftigkeit, aber auch Gleichnisfähigkeit dieser Welt. Sie entdecken in, mit und für diese Welt die heilsame Dimension der Gottesbeziehung, die sich ihnen durch das Christusgeschehen erschließt. Sie teilen diese mit anderen und sie teilen sie mit: Kommunikation des Evangeliums in dieser doppelten Bedeutung.
  • Koinonia: Die Gestaltung der Sozialformen und Vergemeinschaftungsaspekte der an der Kommunikation des Evangeliums Interessierten und Involvierten.
  • Diakonia: Diejenige Praxis, die dem integrierenden und inkludierenden Aspekt der koinonia dient
  • Leiturgia: Die zweckfreie Darstellung und Feier der durch die Kommunikation des Evangeliums sich entfaltenden Wirklichkeit
  • Paideia: Der Bildungsaspekt jeder Praxis, die der Kommunikation des Evangeliums dient

 

Ich werde diese Dimensionen später noch etwas weiter konkretisieren und entfalten.

Der Vermittlung der Christuswirklichkeit im Spektrum dieser Dimensionen dienen vielfältigste Funktionen, deren öffentliche Wiedererkennbarkeit und Verpflichtung als „Amt“ gekennzeichnet werden kann, das ist die Grundlinie der neutestamentlichen diakonia. Der cantus firmus ist dabei

 

Christus selbst, der in und durch die verschiedensten Dienste resoniert. Durch diesen cantus firmus wie als sein Herzschlag lebt der Leib – Christus als Gemeinde existierend, wie es Bonhoeffer formuliert hat – und wird in der Welt wahrnehmbar. Während das Apostolat stärker die Christusrepräsentation Einzelner in den Vordergrund stellt – bis heute liegt darin ökumenischer Sprengstoff - , steht in diesem von Eph 4 her inspirierten Modell stärker der oikodomische Aspekt, also der Gemeindeaufbau als Leib Christi im Vordergrund. Für diesen Aufbau braucht es verschiedenste „Ämter“, die schon zu neutestamentlicher Zeit von Frauen und Männern wahrgenommen wurden. Ich zitiere Eph 4,11+12:

„Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugrüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christ erbaut werden.“ Hier in Eph 4 ist es Christus als Haupt des Leibes, der diesen Aufbau steuert, in 1. Kor 12, 7 ff ist es sein Geist, der diese Dienste in seiner Einheit zusammenfasst.

In der neueren Diskussion zu Dienst und Amt wird verschiedentlich besonders betont, dass der Skopus aller dieser Funktionen in der „Zurüstung“ im Sinne von Schulung liegt und zwar für alle Christen/innen in der Breite dessen, was die Vermittlung der Christuswirklichkeit in der einen Welt ausmacht (also mitnichten nur in dem, was wir Kerngemeinde nennen).[5]

Beide Aspekte möchte ich an dieser Stelle – angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen, auf die noch spezifischer zurückzukommen ist – kurz eingehen:

 

2. Der Zusammenhang des Dienstes in der einen Welt

In der ekklesia, dem neutestamentlichen Wort für Gemeinde, finden sich die „Herausgerufenen“ wieder (von griech.: ek-kaleo=herausrufen). Dieses Herausgerufensein hat nun in erster Linie eine theologische Qualität: aus der Selbstbezüglichkeit, Selbstverfügbarkeit werden wir herausgerufen in den Wirkungsbereich der  Christuswirklichkeit. In einer primär soziologischen Lesart dieses Herausgerufenseins wird man herausgerufen in eine besondere Sozialform (z.B. „Gemeinde“), die sich von anderen (als der „Welt“) als Sonderform abhebt. Darin besteht das fundamentale Missverständnis dieser theologischen Qualität und somit ein Kurzschluss, der dafür verantwortlich war und ist, dass Kirche immer wieder ihr profaner Saft ausgeht. Prüfen wir uns und vor allem unsere Papiere einmal kritisch, wie sehr deren Sprache von „wir“ und „die“, von „drinnen“ und „draußen“, von einer bloß pseudotheologischen Zuordnung von „Kirche“ und „Welt“ geprägt sind.

Theonomie, Gottbezogenheit im profanen Horizont meint dagegen: Kirche ist immer in der Welt nicht von der Welt. Sie ist immer auch Schöpfung, aber eine solche die als Geschöpf des Wortes aus ihrer Selbstverkrümmung herausgerufen wird.  Im Ernst: wo denn sonst? Wir brauchen heute so etwas wie eine „confessio mundana“, ein Bekenntnis zum Wirken des Geists in der einen Welt. Durch den Geist Gottes werden wir in eine heilsame Grundspannung zur Welt herausgerufen. Der Geist Christi schließt Schöpfung auf und wehrt dem Ungeist der Selbstverfüglichkeit, aber er schließt sich nicht ab, erst recht nicht hinter der Kirchentür. Oder um es, im Kontext der Diskussion um „Missionarisch Volkskirche sein“ mit dem Begriff der missio Dei zu sagen: Gott ruft in der Welt aus der Welt hinaus in sie hinein. Einmal nicht mit Martin, sondern mit Henning Luther sollte man sagen: Religion ist in der Welt eine heilsame Distanz, ein heilsamer Um-Gang mit ihr. Mit Abstand am besten, aber nicht abgestanden, abständig, randständig oder gar metaphysisch. Kirche ist eine Hörschule für diesen vielfältigen Ruf. Der kyrios, der der kyriaké ihren dann verdeutschten Namen „Kirche“ gegeben hat, steht inkarnatorisch für das Kirche-in-der-Welt-Sein. Und Kirche in der Kraft seines Geistes steht für die Unverfügbarkeit und Nichtabschließbarkeit dieses spirituellen Projektes.

 

 

 

3. Der Befähigungsaspekt in der Dienstgemeinschaft

Christen/innen werden heraus-gefordert, heraus-gerufen Zeugnis (martyria) abzugeben für die Gleichnisfähigkeit dieser einen Welt. Diese Spiritualität will und muss geübt und gestaltet werden. Dazu brauchen wir Räume, Materialien, Anregungen, Traditionen, Übungsleiter/innen, Kontinuitäten wie Irritationen, Rituale, Deutungshilfen, Handwerkszeug, begabte und ausgebildete Menschen, und ja auch: Geld. Dafür steht vor allem die kirchliche Gestalt des Christentums, neben ihrer privaten und ihrer öffentlichen. Kirche ist ein Übungsraum, ein Trainingsfeld für geistliches Leben in aller Welt.  Dazu braucht es Trainer/innen, die das verlässlich und kontinuierlich gestalten.

Die Vermittlungswirklichkeit dieses Dienstes ist der Geist Christi, der in den Gaben und Ämtern wirkt: denn wir sind alle durch einen Geist zu einem Leib getauft (1.Kor 12, 12). Darüber wollen wir im Jahr der Taufe in der Kirche an besonders nachdenken. Das Zusammenspiel der Gaben in einem Geist kann nur geschwisterlich und nicht hierarchisch gedacht werden. Von dieser Geistbezogenheit her ist es angebracht von einer Spiritualität des Dienstes in den Ämtern zu sprechen. Eine spirituelle Amtstheologie betont das extra nos der Unverfügbarkeit des Geistes im Vermittlungsgeschehen der Christuswirklichkeit. Keine Funktion, kein Amt ist dieser Unverfügbarkeit näher als ein anderes. Oder doch? Vielleicht braucht es gerade ein Amt, das genau den Hinweis auf diese Unverfügbarkeit als seine Hauptaufgabe wahrnimmt?

 

4. Die Besonderheit des ordinierten Dienstes

So sehr Luther gegen das Weihepriestertum das Priestertum aller Gläubigen herausstellt, das uns mit der Taufe schon geschenkt und aufgegeben ist, so sehr hält er an der Einsetzung, ja göttlichen Stiftung des Predigtamtes fest. Denn: was die Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes wirken soll, geschieht durch das Wort Gottes (es ist das Amt über allen Ämtern). Dieses Amt steht der Gemeinde auch gegenüber und wird nicht nur funktional aus ihr heraus übertragen. Insofern sich Dienste öffentlich auf den Grund der Kirche beziehen, bedarf es dazu einer besonderen Berufung, genannt Ordination. Bis heute wird an den zwei Naturen dieses besonderen Dienstes festgehalten: Zum einen ist der Dienst der Ordinierten Dienst der Gemeinde, zum anderen ist er ein Dienst im Gegenüber zur Gemeinde, das hat der Beschluss der Landessynode 2004 bekräftigt.

D’accord: Wer über Amt und Dienst nachdenkt, operiert immer an der Bruchstelle zwischen göttlichem Wirken und menschlicher Organisation, mithin an einer der Grundaufgaben, der sich Theologie immer widmen muss: der Inkulturation des Evangeliums, in diesem Fall unter der Perspektive der Öffentlichkeit, der Wiedererkennbarkeit, Verlässlichkeit und arbeitsteiligen Organisation. Das ist jenseits aller Amtsdoxologie (also der Amtsherrlichkeit), das Gebiet einer theologischen Amtsparadoxologie, in die wir noch einige theologische Arbeit investieren sollten.

Dabei sollten wir uns fragen, ob wir genug darauf achten, cantus firmus und Kompositionsprinzipien zu unterschieden. Tut man dies nicht, so wird womöglich manchen unter den christlichen Theologenmenschen (denn das sind sie alle!) eine gestiftete Nähe zum cantus firmus eingeräumt, die als Gegenüber zu den anderen doch auch ihre Begründungsprobleme har. Darauf möchte ich zumindest hinweisen. Christus als Gemeinde existierend – auf dieser Denklinie demokratisiert der eine Geist die Christuswirklichkeit für den einen Dienst in vielen Ämtern. Die Verantwortung für das unaufgebbare theologische Anliegen der Unverfügbarkeit des Wortes Gottes ist allen aufgegeben. Einige tun dies mit besonderer Ausbildung, öffentlich, geregelt und verlässlich.

 

5. Der Symbolcharakter des ordinierten Amtes

Die theologische Denklinie, die dies in Bezug auf das Amt am angemessensten zu artikulieren vermag, ist m.E. die des Symbols: Zwischen den Extrempositionen der Substanzontologie – Christus ist substantiell präsent in Amt und Sakrament – auf der einen und der, die das Amt  nur menschlich ausgehandelter sozialer Funktion auffasst, auf der anderen Seite, steht in der Mitte das symbolische Verständnis des Amts. Ämter, wie das pastorale Amt (aber nicht nur dieses!), haben durch ihre Ausstattung symbolische Potenzialität: So wie der Kirchturm allein noch nicht die Erfahrung von Heiligkeit an sich mit sich bringt, so wenig tut es der Talar. Aber sie verweisen potentiell doch immer – öffentlich und verlässlich – darauf, dass, wenn sie ins Blickfeld geraten, es um diese Dimension gehen kann und soll.

Das Pfarramt nur ein Symbol? Nicht weniger als ein Symbol, sage ich mit dem Theologen des „protestantischen Prinzips“ Paul Tillich. Aber auch nicht mehr. Eine Theologie der Spiritualität des Dienstes in den Ämtern nimmt das Verweisungspotential ihrer Institute ernst, ohne diese mit theologischen Sicherheitslogiken zu überfordern. Der Zeugnischarakter des Wortdienstes und der der symbolischen Inszenierung der Gegenwart Christi sind konstitutiv für das spirituelle Übungsfeld „Kirche“. Sie sind grundlegende Übungsperspektiven, auf die wir seit der Confessio Augustana (Art. VII) nicht verzichten wollen und werden. Aber der Verweis auf den Grund der Kirche ist durch kein Amt zu sichern. Gerade dieses theologische Grundanliegen lässt sich nicht an einen Dienst delegieren, wenn es denn  diakonia, Vermittlungsdienst im Horizont der Christuswirklichkeit sein soll. Dieser Dienst ist der ganzen Gemeinde aufgetragen. Die Kompetenz, die Welt hin auf Gott zu deuten und dies symbolisch zu inszenieren, öffentlich und verlässlich ansprechbar, macht die Besonderheit eines Amtes aus, dass mit der Ordination öffentlich sichtbar gemacht wird. Aber die theologisch bedeutsamen Dimensionen des einen Dienstes sind nur von vielen Ämtern in der einen Dienstgemeinschaft auch nur annähernd in den Blick zu nehmen. Daher:

 

V. Polyphonie: Kirchliche Berufe

Der eine Dienst  –  in fünf Dimensionen – in vielfältigsten Verwirklichungsformen, ihn gibt es

a) Öffentlich – geregelt. Das sind die kirchlichen Berufe.

b) Nicht institutionell geregelt, privat wie öffentlich. Das ist der Dienst jedes/r Christen/in in Kirche und Gesellschaft.

Diese vielfältig spektral sich entfaltende diakonia als Vermittlungsdienst im Horizont der Christuswirklichkeit in der einen Welt führt in die Breite gesellschaftlicher Wahrnehmungen und Handlungsanforderungen.

 

1. Kirchlichen und gesellschaftlichen Wandel wahrnehmen

Kirchliche Berufe, die es nur multiprofessionell geben kann, antworten auf den Ruf Christi zum Dienst, sowie auf die „Rufe“, die sich aus den Analysen gesellschaftlicher wie kirchlicher Praxis ergeben. Letztere unterliegen als geschichtliche Größen ständigen Veränderungen. Nur in der Wahrnehmung, Deutung und Gestaltung dieser Veränderungen können kirchliche Berufe die Kommunikation des Evangeliums heute verantwortlich gestalten. Die Ausdifferenzierung kirchlicher Berufe in modernen Gesellschaften entspricht der Ausdifferenzierung dieser sich verändernden Handlungsanforderungen. Instrumente der Wahrnehmung und Deutung sind seit den 70er Jahren die umfangreichen Mitgliedschaftsstudien der ev. und kath. Kirche. Sie geben Auskunft über die enorme Pluralität religiöser Vorstellungen innerhalb der eigenen Mitgliedschaftsmilieus  – vgl. aktuell die 4. EKD-Mitgliedschaftsstudie[6] sowie die Sinus-Studie für die kath. Kirche[7]. Ebenso geben die breit angelegten soziologischen Studien zur religiösen Lage der Gesellschaft, die nicht in kirchlichen Gestaltungsinteresse erfolgen, Auskünfte über die gestiegene Diversität religiöser Einstellungen und Praktiken in unserer Gesellschaft, die sich jenseits aller kirchlichen Praxis ereignen (vgl. den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung[8] oder die Studie „Spiritualität in Deutschland“ der Identity-Foundation[9]).

 

Diese für Kirche und Gesellschaft gleichermaßen relevanten Veränderungen lassen sich grob in vier Aspekte zusammenfassen:

  • Wir leben in einer religiös-säkularen Gesellschaft: Säkular, weil sich spirituelle Bedürfnisse und religiöse Praxis zu einem großen Teil heute jenseits kirchlicher Räume verwirklichen; religiös, weil diese nicht-kirchliche und insofern „säkulare“ Praxis erwiesenermaßen religiöse Interessen verfolgt und sich alles andere als von diesen verabschiedet hat.
  • Wir leben in einer Optionsgesellschaft: Religiöse Praxis gestaltet sich heute innerhalb und außerhalb der Kirche als Wahlreligiosität, die von einem nie dagewesenen Maß an Individualität und Pluralität bestimmt ist.
  • Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft: Die angesprochene religiöse Pluralität speist sich nicht nur aus den Wahlmöglichkeiten und – notwendigkeiten einer Erlebnisgesellschaft, sondern auch durch das Neben- (und im gelingenden Falle) Miteinander einer multikulturellen Gesellschaft: religiöse Praxen verschiedener geprägter Religionsgemeinschaften wollen in einem gesellschaftlichen (globalisierten) Kontext – interkulturell - in Beziehung gebracht werden.
  • Wir leben in einer Risikogesellschaft: Die Risiken der kapitalistischen und globalen Beschleunigungen werden strukturell immer mehr den Individuen und ihren lebensweltlichen Kompensationsstrategien überlassen. Dies betrifft z.B. in der Bildungs – oder Kulturperspektive auch den Zugang zur religiösen Praxis. Wer kann sich welche Spiritualitätspraxis wie leisten?

 

2. Folgerungen für den vielgestaltigen kirchlichen Dienst heute

Verbinden wir diese Wahrnehmungen mit den fünf Grunddimensionen der einen diakonia, dann müssen wir, so meine ich, fragen:

a) Wie kann und muss man heute angesichts der religiös-säkularen und multikulturellen Gesellschaft martyria praktizieren?

Dazu jeweils nur einige Streiflichter:

Zeugnisdienst geschieht z.B. auch durch die aktive dialogische Teilnahme am kulturellen Leben und Diskurs unserer Zeit, die so voller religiöser Symbole und Thematiken ist, dass sie nach Deutung und lebensdienlicher weiterführender Gestaltung geradezu schreit. Der Dialog mit Medien- und Kunstschaffenden von der Caféhausausstellung im Quartier bis zur Talkshow ist solch ein Dienst, der selbst alle möglichen publizistischen Kanäle nutzen sollte. Kultur- und Medienarbeit, geregelt und nicht institutionell geregelt, sind Dienste in der Dimension der martyria und alles andere als verzichtbarer Luxus.

Dieser Zeugnisdienst geschieht natürlich auch im kirchlichen Bildungsengagement in Gemeinden, Kindertagesstätten, in Schulen, in den Schnittstellenangeboten zwischen Schule und Gemeinde, in der Erwachsenenbildung, in der Akademiearbeit, in den Hochschulen und den Hochschulgemeinden usf.

Er geschieht in den theologisch anspruchsvollen Gesprächssituationen in der Pflege, in der Sozialen Arbeit (ja, die  gibt es!) und im Vorstand von Wirtschaftsunternehmen, wenn es beispielsweise um ethische Fragestellungen von Unternehmensausrichtungen geht.

Und natürlich in all dem, was wir klassischer Weise mit Verkündigung assoziieren. Gerade der Predigtdienst hat seine Herausforderung heute darin, im Kontext all dieser martyria-Dienste eine Sprache sprechen zu können, die ihn nicht als Fremdkörper aus diesem Dienstspektrum isoliert.

b) Welche Formen der koinonia sind in der Optionsgesellschaft plausibel und einladend?

 

 

Mit dem Modell der Kirchlichen Orte, das sowohl dem vereinsmäßigen Format der koinonia in der Parochie ihr Recht lässt, als auch ermöglicht, schwerpunkt- und zielgruppenbezogen Gemeinschaften an dafür erkennbaren regionalen Orten zu versammeln (durchaus auch nur für bestimmte Projekte und auf Zeit), ist eine zukunftsweisende Idee geboren worden, die allerdings noch ihrer Verwirklichung harrt. Aber auch dieses Modell denkt u.U. noch zu stark vom Kirchturm her, vor allem dann, wenn es nicht in der Lage ist, die nicht institutionalisierten und geregelten Gemeinschaftsformen christlichen Lebens mit in den Blick zu nehmen. In den blühenden und wachsenden spirituellen Landschaften bilden sich Szenen und Bewegungen, die ihre christliche Basis nicht verleugnen, aber sich aus vielerlei Gründen immer mehr von der kirchlich organisierten Gestalt des Christentums entfernen. Auch dies wird endlich auch gründlicher erforscht und muss sehr ernst genommen werden. Es sind vor allem auch die Sprachgestalt dogmatischer Themen und die damit einhergehende Erfahrungsöde, die immer mehr Menschen nicht-kirchlich ihre christliche Spiritualität praktizieren lassen, oft in weiter interreligiöser Ausdehnung – so die aktuelle interdisziplinäre Studie des Bayreuther Forschungsteams zur Religiosität der evangelischen Kirchenmitglieder unter dem sprechenden Titel „Spirituelle Wanderer“. Ob angesichts dieses Blühens und Sprießens die kirchliche Metapher vom „Wachsen gegen den Trend“ glücklich ist, muss zumindest einmal befragt werden dürfen.

Von zu einseitig kirchturmsbezogenen Rückeroberungsstrategien und -phantasien sollte man im Zeitalter mündiger Christen/innen möglicherweise eher absehen und sich fragen, ob die Zukunft des kirchlichen Dienstes (in allen Dimensionen!) nicht in der Kooperation liegt: „Kirche in Kooperation“ wäre aus meiner Sicht eine zukunftsweisende Aufführungspraxis der Komposition „Missionarisch Volkskirche sein“.

c) Wie stellt sich die spezielle diakonia den Herausforderungen der Risikogesellschaft?

Das Denken der Kooperation bewährt sich auch, wenn wir diese Frage stellen. Die rasanten und in ihren Auswirkungen noch kaum einzuschätzenden Revolutionen, die die unendlichen Medienuniversen für die Biografien von Kindern und Jugendlichen bedeuten, die Fragen nach Bildungsgerechtigkeit, nach sozialer Teilhabe usf. sind z.B. im Gemeinwesen ja nun wirklich nur sinnvoll kooperativ anzugehen. Dieser Dienst ist auch dann mit aller Überzeugung in den gesellschaftlichen Feldern von Stadtteil bis Großunternehmen in vielfältigsten Funktionen zu tun, wenn dabei nicht immer die Fahne des kirchlichen Profils über den Einsatzorten für alle gleich sichtbar weht. Ist kirchlicher Dienst mit seinen ehren- und hauptamtlichen Akteuren in Kooperation bei den Menschen, dann werden sie auch vermehrt danach fragen, was einen zu dieser Arbeit motiviert und wie wir denn sonst noch unser Leben gestalten. Gerade dann ist es wichtig, dass die „Zurüstung“ von der wir Epheserbrief hörten, auch eine spirituelle ist. Und nicht nur deshalb, sondern vor allem auch deshalb, damit das Verhältnis von Quelle und Output, nachdem gut kapitalistisch nun alle Felder gesellschaftlichen Handelns gleichgeschaltet werden eines ist, dass Platz lässt, auf den cantus firmus zu hören.Gerade so kann und muss dem auch in kirchlichen Arbeitsfeldern massiv um sich greifenden burn out entgegen gesteuert werden. Keep the flame, don’t burn out – eine Grundmaxime gerade jedes kirchlichen Dienstes.

d) Welche Rolle spielt die leiturgia in der Verzweckungsgesellschaft?

Sich unterbrechen zu lassen, Zeit und Platz haben, um auf den cantus firmus zu hören, die Flamme bewahren – das sind Herausforderungen, der sich die Praxis der zweckfreien leiturgia heute – und wie schon immer – widmen muss. In einer sich zunehmend totalisierenden Verzweckungsgesellschaft, ist allein die Praxis einer zweckfreien Theologie und Liturgie ein Politikum. „Was nützt der Gottesdienst?“ ist die falsche Frage an diesen Dienst. Wesentlich ist gerade heute, diese Dimensionen des einen Dienstes auch in der Praxis mit seinen anderen Dimensionen zu vernetzen, also dort Gottesdienst anzubieten, wo kirchlicher Dienst sich in der Breite gesellschaftlicher Felder und Herausforderungen bewegt. Deshalb ist die liturgische Praxis in den funktionalen Diensten so wesentlich, nicht erst, wenn die Not am größten ist und Menschen dankbar die Dienste der Notfallseelsorge und –liturgie in Anspruch nehmen, wie es zuletzt in Duisburg wieder sichtbar war. Spiritualität im Alltag und die dafür zu entwickelnden Rituale sind in der Breite ehren- und hauptamtlichen Dienstes kreativ in den Blick zu nehmen: in der Schule, Hochschulen, im Krankenhaus und Hospiz, im Unternehmen, auf Reisen usf.

 

e) Alles will gelernt sein – die paideia als Querschnittsperspektive?

Gerade wenn sich, wie sicher überdeutlich wird, die Herausforderungen für die Verwirklichung der diakonia Christi in der modernen Gesellschaft ständig wandeln, müssen die Bedingungen und Wege dieses Dienstes auch ständig wieder überdacht und vor allem gelernt werden. Der spirituelle Grundimpuls der Christuswirklichkeit will in unseren Bildungsprozessen Gestalt gewinnen. Dafür steht die Grunddimension der paideia. Der Befähigungsdienst, von dem im Zusammenhang mit Eph 4 die Rede war, ist ein Bildungsdienst. Die Investition in die Bildung der Mitarbeitenden für diesen vielfältigen kirchlichen Dienst, ehren- oder hauptamtlich, ordiniert oder nicht-ordiniert, ist die Zukunftsinvestition, zu der Kirche heute herausgefordert ist.

Der Leitprozess „Missionarisch Volkskirche sein“ will auf diese Wahrnehmungen reagieren und benennt 10 Handlungsfelder, in denen sich die vorgestellten Grunddimensionen kirchlichen Dienstes heute verwirklichen. Diese Vielfalt kann nur von einem Personalmix getragen werden, der seine Aufmerksamkeit vor allem auch auf die Ehrenamtlichkeit legt. Hauptamtlicher Dienst ist mehr und mehr Befähigungsdienst. Die paideia wird zu einer der wesentlichen Querschnittsaufgaben kirchlichen Dienstes der Zukunft gehören.

3. Polyphonie meint Differenzierung

Auch dies muss natürlich gesagt werden: Ein Dienst heißt nicht einheitlicher Dienst. Nicht jedem ist die Gabe der Leitung oder der Heilung oder der Erziehung gegeben, das ist klar. Und: ein Dienst heißt auch nicht einheitliche Bezahlung. Doch von woher sollen diese Differenzierungen innerhalb der kirchlichen Berufe begründet werden, wenn sie – wie hier geschehen – theologisch doch gerade demokratisiert bzw. gleichermaßen auf ihren cantus firmus bezogen wurden?

Die Unterschiede in Ausstattung und Bezahlung, die keineswegs nivelliert werden dürfen, sollten allerdings m.E. rein funktional begründet werden:

So gibt es beispielsweise graduell große Unterschiede im Erwerb und in der Ausgestaltung Theologischer Kompetenz, die für den Dienst der martyria so wichtig ist: Dies bildet sich ab auf der Ausbildungsebene und dem Grad der öffentlichen Verantwortung dieses Dienstes, der mit der Ordination markiert wird. Es gibt Verwirklichungskontexte der martyria, für die ein hohes Maß an Deutungshandwerk erlernt werden sollte, erst recht, wenn dies öffentlich und verlässlich geschehen soll. Aber es bleibt die gleiche Dimension der martyria, wenn sich öffentlich bekannte Theologen/innen deutend in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und wenn ehrenamtliche Mitarbeiter im Hospiz an den Grenzfragen von Tod und Leben nach Deutungsmöglichkeiten gefragt werden. Und auch dem Küster und der Küsterin wird immer wieder theologische Deutungskompetenz abverlangt, z.B. dann wenn sie den Sinn mancher liturgischer Raumgestaltung erklären sollen.

Und manche Unterschiede sollten in funktionaler Perspektive vielleicht auch vermehrt wieder stark gemacht werden, z.B. der dass das Pfarramt vor allem ein theologischer Beruf ist. In manchen Ländern wäre es unvorstellbar, wie viel Verwaltungsaufgaben hier mit dem Pfarramt verbunden sind. Dafür gibt es dort eigene Berufe. Und auch die pädagogischen Aufgaben können dafür eigens gut ausgebildete Mitarbeiter/innen noch viel mehr wahrnehmen. Vor allen funktionalen Überforderungen schützen nur Teamentwicklungen. Das ist das Gebot der Stunde!

Ich breche meine Überlegungen hier ab, denn mit den eben genannten Beispielen des Küsters und des öffentlichen Theologen bin ich wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt. Ich will schließen mit dem Wunsch, dass wir mit dem Konzert unserer theologischen und kirchenpolitischen Arbeit, dem Segen, der dem einen Dienst in seinen vielen Ämtern verheißen ist, den Weg so ebnen, dass sich alles Volk eingeladen fühlt, seine und ihre Stimme einzubringen, dass wir miteinander das Leben von diesem einen cantus firmus her erfahren und gestalten, der der Kirche ihren Grund und Namen gegeben hat. Für alle die vielen Wege, die wir hier noch gehen werden und müssen – und: Synode heißt „zusammen Wege gehen“! -, wünsche ich uns also: viel Glück und viel Segen!

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[1] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg.v. Eberhard Bethge, München 121983, 142f.

[2] John N. Collins, Diakonia. Reinterpreting the ancient sources, Oxford 1990; Anni Hentschel, Diakonia im Neuen Testament, Tübingen 2007.

[3] Das Berneuchener Buch. Vom Anspurch des Evangeliums auf die Kirchen der Refornation, hrsg. v. der Berneuchener Konferenz (1926),  Darmstadt 1971.

[4] Vgl., Peter Bubmann, Gemeindepädagogik als Anstiftung zur Lebenskunst, in: PTh 93 (2004), 99-114, hier: 102-104. Wolfgang Huber, Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche, Gütersloh 1998, 152-162.

[5] Vgl. Nikolaus Schneider/Volker A. Lehnert, Berufen – wozu? Zur gegenwärtigen Diskussion um das Pfarrbild in der Evangelischen Kirche, Neukirchen-Vluyn 2009, 55-64.

[6] Wolfgang Huber/Johannes Friedrich/Peter Steinacker (Hg.), Kirche in der Vielfalt ihrer Lebensbezüge. Die vierte Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh 2006.

[7] Carsten Wippermann/Isabelle de Magalhaes, Zielgruppen-Handbuch. Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus' 2005, Heidelberg 2006.

[8] Bertelsmannstiftung (Hg.), Religionsmonitor 2008, Gütersloh 22008.

[9] www.identityfoundation.de

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 20. Januar 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 20. Januar 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

Bad Neuenahr / EKiR-Pressestelle / 20.01.2011



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