Weihnachten

"Gott offenbart sein Vertrauen in jeden Menschen"

Wo oder was wird Weihnachten entschieden? Manchmal gibt es andere Botschaften, doch für Christinnen und Christen geht es darum, dass Gott Mensch wurde. Ein Interview mit Professor François Vouga.

Professor François Vouga, Dozent für Neues Testament LupeProfessor François Vouga, Dozent für Neues Testament

Weihnachten wird nach christlichem Verständnis die Menschwerdung Gottes gefeiert. Beginnt die Frohe Botschaft schon im Stall von Bethlehem?

Die Weihnachtsgeschichten sind erst nach Ostern entstanden, nachdem Jesus von Nazareth als der auferstandene Herr erschienen war. Im Rückblick wurde dann die Geschichte der Geburt Jesu als Geburt des Gottessohnes erzählt. Historisch begann also die Frohe Botschaft mit der Predigt Jesu und mit seiner Auferstehung. Wenn man sie aber nach Ostern erzählt, wie es die Evangelien tun, beginnt sie im Stall oder mit der Aussage des Johannes-Evangeliums: Das Wort Gottes wurde Fleisch.

In der Kunst ist dieses Motiv in den Jahrhunderten immer wieder aufgenommen worden. Was fasziniert daran?

Die Vorstellung, dass Gott im Alltag einer einfachen Familie Mensch wird, stellt für die Maler die Herausforderung dar, die Gegenwart der Transzendenz Gottes in der Materialität unserer Wirklichkeit erscheinen zu lassen. Dazu kommen sentimentale Gründe hinzu.

Kölner Krippendarstellung der Geburtsgeschichte Jesu LupeKölner Krippendarstellung der Geburtsgeschichte Jesu

Wie gelingt es, dies modernen Menschen zu erklären? Was bedeutet diese Menschwerdung Gottes vor dem Hintergrund des Alten Testaments und des Judentums?

Am Weihnachten identifiziert sich Gott nicht mit religiösen Werten oder moralischen Idealen, die uns disqualifizieren und Abgrenzungen schaffen. Er erscheint als ein singulärer Mensch, der uns als singulären, einzelnen Menschen begegnet. Dadurch zeigt er, dass die Wahrheit des Lebens nicht in allgemeinen Eigenschaften der Geburt, der Hautfarbe, des Reichtums oder der Macht besteht, sondern in der bedingungslosen Anerkennung jedes einzelnen Menschen als Person.

Wenige Tage später im Kirchenjahr am 6. Januar feiern wir Epiphanias, die Erscheinung des Herrn oder auch Heilige Drei Könige. Was bedeutet dies im Unterschied zu Weihnachten?

Der zentrale Platz, den die Weihnachtsgeschichte des Matthäus-Evangeliums den fremden Weisen des Morgenlandes gibt, symbolisiert die universale Dimension des Ereignisses: An Weihnachten, in den Tischgemeinschaften Jesu und an Ostern wird keine neue Religion gestiftet, sondern Gott offenbart sein Vertrauen in jeden Menschen, der dadurch seine Identität gratis bekommt.

Professor Dr. Dr. François Vouga ist Professor für Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel. Der gebürtige Schweizer aus Neuchâtel beschäftigt sich in der Forschung unter anderem mit der Geschichte der frühchristlichen Literatur und der Einheit und Vielfalt der neutestamentlichen Theologie.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 22. Dezember 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 22. Dezember 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / rtm / Fotos: KiHo Wuppertal/Bethel / ekir.de/Anna Siggelkow / 22.12.2011



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