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Landessynode 2011

Zum Nachlesen: Andacht von Pfarrerin Kerstin Hanke

Ich war es!

Verantwortung jenseits von Eden

Andacht von Pfarrerin Kerstin Hanke, 11. Januar 2011, Landessynode 2011

 

Hohe Synode,

verzeihen sie mir, dass ich mich auf diesem Wege an sie wende. Aber ich habe gehört, dass sie ein einflussreiches Gremium sind, welches sich für die Entrechteten und Schwachen stark macht. Und entrechtet bin ich seit Beginn der Menschengeschichte. Gestatten Sie mir, dass ich mich kurz vorstelle. Ich bin die Schlange aus dem Garten Eden. Obwohl…eigentlich bin ich ja männlich. Ein Schlangerich. Aber die deutsche Sprache will mich nun mal anders sehen.

Wir sind uns sicherlich noch nicht persönlich begegnet. Im Allgemeinen fliehe ich die Gesellschaft der Menschen. Zuviel Groll hege ich noch auf sie, als dass ich mich einfach auf eine Konversation einließe. Und so manche unangenehme Begegnung mit Ihrer Gattung hat mich schon einige Häute gekostet. Menschen scheinen mir ebenfalls nicht sonderlich zugetan. Es heißt, einige von Ihnen hätten sogar Angst vor mir. Absurd. Denn bin ich von einem äußert genügsamen Wesen und eher phlegmatisch veranlagt. Geben sie mir eine Maus und ich bin drei Tage glücklich. Aber ich schweife ab…

Die Wurzel unseres jahrhundertealten gegenseitigen Misstrauens liegt in dieser verzerrten Erzählung von jenem Tag im Garten Eden. Lassen sie mich die Geschehnisse Revue passieren lassen und einige Korrekturen vornehmen.

Es was ein Tag wie jeder andere auch. Paradiesisch ereignislos. Ich räkelte mich in der Sonne und sortierte meine Gedanken und Beine. Denn ich hatte schon einen kleinen Morgenspaziergang gemacht. Ja. Damals hatte ich noch Beine und was für hübsche und kräftige Dinger dies waren. Ich lag also unter dem schönsten Baum mitten im Garten. Das dichte Laub filterte die warmen Sonnenstrahlen auf das erquicklichste. Die Mücken tanzten. Da kamen auch schon wieder diese zweibeinigen Plagegeister. Dieser Erdklumpen und seine Frau. Also wenn es damals schon eine Pisastudie gegeben hätte. Eden wäre auf weit abgeschlagen auf dem letzten Platz gelandet. Der reinste Bildungsnotstand. Nicht mal zwei und zwei haben die zusammenzählen können: Völlig unbeleckt, was die elementarsten Fragen des Lebens angeht. Wer bin ich, wohin will ich, gibt es mehr als das was ich sehen und essen kann. Nichts wussten die, absolut nichts. Und diese beiden Unschuldslämmer sollten die Krone der Schöpfung sein und über uns herrschen. Ich meine, alles was da kreuchte und fleuchte war ja schließlich schon länger da. Wir wurden eher erschaffen und waren, wie ich finde, ziemlich gut und vielfältig geraten. Unter uns gesagt, nicht alle kreativen Ideen sind es wert auch umgesetzt und veröffentlich zu werden. Aber nun ja, unser kreativer Schöpfer hatte wohl Langeweile und hat dann mit Ton rumgespielt und das Töpfern entdeckt. Und das Ergebnis …nun ja…das sind sie ja dann wohl sie. Also ihr Prototyp sozusagen. Adam und Eva. Eigentlich waren die beiden ja als Unikat gedacht, leider sind sie ja dann in Serie gegangen.

Obwohl bei der Frau gab es so etwas wie einen Funken Intelligenz. Jedenfalls reichte es immer für ein paar Sätze, ohne dass ich vor Langeweile sofort eingeschlafen wäre. An diesem Tag standen die beiden vor dem Baum und bewunderten die reifen Früchte. „Ach wie schön. Sieh mal der…Wie saftig er glänzt.“ Und so weiter. „Nun haltet nicht Maulaffen feil. Pflückt euch welche und setzt euch zu mir. „ lud ich sie ein. „Das dürfen wir nicht. „ Eva ließ sich neben mir im Gras nieder. Ein Verbot? Augenblicklich war mein Interesse war geweckt. Warum dürft ihr die nicht essen. Die sehen doch reif aus. Und dann tischte sie mir eine abenteuerliche Geschichte auf. Dass der kreative Schöpfer gesagt habe, dass sie sterben, wenn sie das Obst essen.

Also wenn etwas gut war im Garten Eden, dann war der biodynamische Nahrungszyklus. Alles wuchs ohne Pestizide. Und Dioxin war noch ein Fremdwort. Sterben? Das war blanker Unsinn. Das musste sie gründlich missverstanden haben.

Eva, du wirst nicht sterben von so einem bisschen Obst, lag mir schon auf der Zunge, da stutze ich. Wenn das der kreative Schöpfer wirklich gesagt hatte, worin lag der Sinn. Ich grübelte. Es war etwas vollkommen Neues. Ich ringelte mich zusammen und grübelte.

Sollte das so etwas wie eine Prüfung sein. Ging es um Gehorsam? Unwahrscheinlich, wir waren seine Geschöpfe. Daran war nicht zu rütteln. Seine Kinder. Im Stadium der selbstvergessenen ewigen Kindheit. Man musste keine Verantwortung tragen. Für uns wurde gesorgt. Das heißt, wir kannten dass noch gar nicht, was ich mittlerweile schmerzvoll als Sorge kennen gelernt habe. Wir kannten keine Entbehrungen, keine grauen Haare, keine überzogenen Konten. Wir kannten auch keine Gewalt. Wir kannten selbst den Tod nicht.

Aber es gab Grenzen. Eden war nicht unendlich. Groß ja. Aber seltsam…ich hatte noch nie darüber nachgedacht, ob es etwas anderes als Eden gäbe könnte. Ob es etwas anderes als selbstverständliches Dasein geben könnte. Jetzt dachte ich darüber nach. Was lag hinter der Grenze. Warum ist nicht alles erlaubt? Ich musste das herausfinden.

Am späten Nachmittag beschloss ich ein Feldexperiment zu wagen. Meine Versuchsobjekte: Der Erdkloß und sein Frau. Was wird passieren, wenn die beiden die Früchte essen? Es war nicht sonderlich schwer die beiden zu überzeugen, dass ein bisschen Obst nichts schlimmes sein kann. Und ich hatte mir ein schlagendes Argument überlegt. Wenn diese Früchte nur reifen, damit sie unser kreativer Schöpfer sie essen darf, und ihr beide eh sein Ebenbild seid, dann heißt das doch, wenn ihr beiden die Früchte esst. Dann ist auch der letzte Unterschied zwischen euch aufgehoben. Dann seid ihr in allem wie er. Daher will er nicht, dass ihr davon esst. Warum sollte er uns etwas vorbehalten. Wo euch doch alles geschenkt hat?

Sie haben beide davon gegessen. Und danach war nichts mehr wie zuvor. Es war ein Schock. Damit hatte ich nicht gerechnet. Sie kamen wortwörtlich auf dem Boden der nackten Tatsachen an. Sein wie Gott? Sie sahen nur, dass sie nackt sind. Scham war auf einmal in der Welt. Und Angst und Unsicherheit. Und der Tod.

Ich hatte mich gründlich geirrt. Die Grenze von Eden hatte das alles ausgeschlossenen, ich erst hatte es ins Paradies geholt.

Und es kam, wie es kommen musste, da war schwebte schon die Frage im Garten: Wo bist du Adam? Wo bist du Menschenkind? Suchend ging Gott umher. Ja, wenn Adam das noch gewusste hätte! Das war der Verlust der Heimat. Oder wie wir heute sagen …die Entfremdung. Versteckt haben die beiden sich. Den neu entdeckten Körper , ihre Sexualität versteckt mit Blättern. Und weil das noch nicht ausreichte im Gebüsche verborgen. Das Zwielicht suchend. Wo bist du Adam? Schon das antworten fiel ihm schwer. Nichts mehr verstand sich mehr von selbst. Da standen sie: jämmerlich nackt, erschrocken über ihre Winzigkeit, über ihre Bedürftigkeit, ihre Begierde und voller Angst vor der Stimme Gottes. Sie waren nicht mehr selbstverständlicher Teil Gottes Welt, die da noch Eden hieß. Sie waren nicht mehr selbstverständlich ein Mensch vor dem Angesicht Gottes.

Hohe Synode, ich gebe zu, das habe ich mit verursacht. Dafür übernehme ich heute meinen Teil der Verantwortung. Damals konnten wir das nicht. Wir kannten das noch gar nicht, was das heißt, Verantwortung tragen. Wir wollten sie nicht, wir schoben sie ab.. Adam auf Eva, Eva auf mich …den letzten beißen bekanntlich die Hunde…ich hatte dann keinen mehr zum abschieben.

Nein. Wir wurden nicht bestraft oder verflucht. Wie einige ihrer Vorgänger – mit Verlaub- das falsch gedeutet haben. Das wäre auch zu einfach gewesen. Eine Strafe hätte wir büssen können und dann wäre alles wieder gut gewesen.

Nein. Wir hatten einfach nur die Konsequenzen zu tragen. Wir hatten das so gewollt. Wir wollten auch die Kehrseite kennen lernen. Unseren Horizont erweitern, die Grenzen überschreiten wollen. Es war nicht rückgängig zu machen. Damit begann das Leben jenseits von Eden. Und ich verlor meinen aufrechten Gang. Und wo immer ich nun hinkrieche sehe ich die Lebensgier der Menschen, ihre Sucht der Selbstverwirklichung, wie sie nach einer Zweitwohnung, nach dem Zweitauto, Zweitfernseher, der Zweitfrau schreien, wie sie sich falsche Zähne einsetzen, kaufen, edelkaufen. Wie sie ihre Angst damit betäuben. Die Angst. Dass nichts, rein gar nichts mehr danach kommt. Dies bisschen Erde. Das das alles ist. Wo bist du Adam? Darauf haben sie keine Antwort.

Aber was sie im Zweifelsfalle immer sagen können ist: Ich war’s nicht. Das waren die anderen, die Umstände, das Wetter, die Regierung, die Finanzkrise.

Dabei, hohe Synode, dieser aus seiner gottkindlichen Naivität erwachte Mensch, der wurde nicht vom kreativen Schöpfer als Ausschussware verworfen. Er hat nur jetzt die Qual der Wahl. Er kann unheilvoll seine Grenzen überschreiten oder sich heilvoll selbst begrenzen. Er kann jedem Rattenfänger auf den Leim gehen oder weitsichtig handeln.

Und das habe ich auch gesehen, während ich im Staub umherkroch: Der kreative Schöpfer schneiderte für Adam und Eva die erste Kleidung für den Acker und das Kindbett. Er machte Kain. dem ersten Mörder, der geboren wurde, ein Mal auf die Stirn, damit er am Leben bleibt. Er setzte den Regenbogen an den Himmel als immer wiederkehrendes Zeichen seiner Güte. Er schickte seinen Sohn, um zu zeigen, dass wir keine Angst haben sollen…trotz Schläge, Gewalt und Tod. Seine Liebe ist stärker.

Für die Menschenkinder gibt trotz allem auch jenseits von Eden Hoffnung, hohe Synode, aber was ist mit mir? Sie haben mich zum Sündenbock abgestempelt. Sie haben mich sogar verteufelt. Die Schlange ist an allem schuld. Aber so einfach ist die Sache nicht. Ich wollte doch nur klüger sein als alle anderen Tiere im Garten Eden.

Und darin sind wir uns ziemlich ähnlich.

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 4. Juli 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 9. August 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

04.07.2011



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