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Zwangsarbeit in der EKiR und ihrer Diakonie

Rund 1200 Menschen dienten zwangsweise

In dem Buch "Dienen unter Zwang" schildert der Berliner Historiker Uwe Kaminsky seine Forschungsergebnisse über die Beschäftigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in rheinischer Kirche und Diakonie.

Zwangsarbeiterinnen vor dem evangelischen Gemeindehaus Duisburg-Wanheim. Zwangsarbeiterinnen vor dem evangelischen Gemeindehaus Duisburg-Wanheim.

Der in der Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte publizierte Band "Dienen unter Zwang" ist das Ergebnis des im August 2000 erteilten Auftrages von Evangelischer Kirche im Rheinland und ihrer Diakonie zur historischen Erforschung der Zwangsarbeit in ihren Einrichtungen an den Historiker Dr. Uwe Kaminsky.

Mit diesem Buch liegt eine erste Regionalstudie über ausländische Arbeitskräfte in evangelischen Einrichtungen während des Zweiten Weltkriegs vor. Hierfür musste eine Vielzahl von Archiven in Kirche, Diakonie und auf der Ebene des Bundes, der Länder und der Städte wie auch der Krankenkassen gesichtet oder um Mithilfe angegangen werden. Durch die Mitarbeit der Politologin Ulrike Winkler konnte das Beispiel einer Krankenbehandlungsbaracke für "Ostarbeiter" (Arbeitskräfte aus der Sowjetunion) bei der Kreuznacher Diakonie detailliert beschrieben werden. Angesichts der vielerorts schlechten Quellenlage waren nur beispielhafte Zugriffe möglich, die jedoch eine begründete Schätzung des Umfangs der Ausländerbeschäftigung in der Kreuznacher Diakonie erlauben.

Weihnachtsbaum inklusive: Zwangsarbeiterinnen aus einem Duisburger Eisenwerk. Weihnachtsbaum inklusive: Zwangsarbeiterinnen aus einem Duisburger Eisenwerk.

Die genaue Zahl aller in evangelischen Einrichtungen arbeitenden Ausländerinnen und Ausländer in dieser Zeit läßt sich nur schätzen, da vielfach Quellen wie Lohnbücher, Aufzeichnungen der Sozialversicherungsträger oder der Meldeämter nicht mehr vorhanden bzw. vernichtet sind.

In evangelischen Einrichtungen arbeiteten zwischen 1939 und 1945 schätzungsweise 1200 ausländische Arbeitskräfte, die zu mehr als 50 Prozent aus der damaligen Sowjetunion stammten. Von diesen konnten 478 in evangelischen Einrichtungen sicher nachgewiesen werden, 250 von ihnen aus Osteuropa.

Rund 70 evangelische Einrichtungen im Rheinland lassen sich als Arbeitgeber von ausländischen Arbeitskräften nachweisen. 16 weitere sind als Unterkunftsorte für Zwangsarbeiter oder auch KZ-Häftlinge identifizierbar.

Die Orte des Einsatzes erstreckten sich über die gesamte damalige Rheinprovinz von Saarbrücken, Trier und Bad Kreuznach über Köln, Düsseldorf, Mülheim/Ruhr und Essen bis zum Niederrhein. Im Regierungsbezirk Düsseldorf, in dem 70 Prozent der evangelischen Bevölkerung der Rheinprovinz wohnten, lag auch beim Ausländereinsatz ein Schwerpunkt mit fast 300 festgestellten Ausländerinnen und Ausländern.

Die Arbeitsorte lagen in drei Bereichen: der Landwirtschaft, der Hauswirtschaft von Krankenhäusern bzw. Heimen und in Haushalten einzelner Pfarrerfamilien.

In den Landwirtschaften größerer diakonischer Einrichtungen wie dem Niederreidenbacher Hof der Kreuznacher Diakonie oder dem Gutshof der Kaiserswerther Diakonie konnte der Anteil der seit Kriegsbeginn eingesetzten Ausländer (Polen, französische Kriegsgefangene, "Ostarbeiter") gut die Hälfte aller dort Arbeitenden ausmachen.

In den Hauswirtschaften der Evangelischen Krankenhäuser und Heime arbeiteten seit dem Sommer 1942 besonders junge Frauen aus Rußland oder der Ukraine.

In kinderreichen Pfarrerfamilien arbeiteten vereinzelt ukrainische Hausgehilfinnen.

Die Arbeit fand vor allem im Feld sogenannter Gehilfentätigkeiten statt, worauf auch die zeitgenössischen Angaben "Hausgehilfin", "Küchenhilfe", "Landhilfe" oder "Hilfspflegerin" deuten. Hierbei handelte es sich um körperlich schwere, schmutzige oder monotone Arbeiten in der Landwirtschaft, in der Forstwirtschaft, in der Hauswirtschaft oder im Handwerk. Die Einbringung der Ernten in den Sommermonaten, der Holzschnitt in Waldgebieten, das Schieben der Betten bei Luftalarmen in Krankenhäusern, das Tragen von Patientinnen und Patienten in den Luftschutzkeller, das Putzen der Stationen, die Bewältigung von Wäschebergen in den Krankenhauswäschereien, das Spülen des Geschirrs, Botengänge und die Hilfestellung bei der Versorgung und Betreuung der Kinder in kinderreichen deutschen Pfarrerfamilien beschreiben die Tätigkeitsfelder von Ausländern.

Über die Behandlung der Arbeitskräfte läßt sich aufgrund der mangelnden Quellen - besonders fehlen bislang Aussagen der Betroffenen - wenig aussagen.

Ernährung, Versorgung und Lohn lagen im Rahmen der üblichen Diskriminierungen des nationalsozialistischen Deutschlands. Kirchliche Einrichtungen konnten sich nicht gegen den alltäglichen Rassismus absetzen. Die Verhältnisse in der Landwirtschaft und in der Hauswirtschaft waren aufgrund der sozialen Enge und des gegenseitigen Aufeinanderangewiesenseins im allgemeinen auskömmlicher als in großen Industriebetrieben. Die Einzelunterbringung der ausländischen Arbeitskräfte, die nicht in großen Lagern erfolgte (höchstens zwanzig zur Arbeit eingesetzte Ausländer waren am selben Ort nachweisbar) verstärkte dies. Dies hatte jedoch wenig mit dem evangelischen Charakter der Einrichtungen zu tun.

Die kirchliche Fürsorge für ausländische Arbeitskräfte in Deutschland umfasste vor allem Krankenversorgung und Seelsorge, wobei die staatlichen Beschränkungen genau eingehalten wurden.

Ausländerinnen und Ausländer galten im Feld der Krankenfürsorge als ungeliebte Patienten, die zudem, wie am Beispiel der Ostarbeiterkrankenbaracke in Bad Kreuznach belegt ist, der Einrichtung Schwierigkeiten verursachten, dies nicht nur wegen der von ihnen ausgehenden Infektionsgefahr, sondern auch als Objekte einer rassistischen Gesundheitspolitik im NS-Staat. So führte die Kreuznacher Diakonie 1943 Zwangsabtreibungen an Ostarbeiterinnen durch und machte sich daran genauso schuldig wie die Stiftung Tannenhof, die drei psychisch kranke Ostarbeiter im Januar 1944 der wegen der "Euthanasie" berüchtigten "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" überantwortete.

Uwe Kaminsky erforschte im Auftrag von EKiR und ihrer Diakonie die Beschäftigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Uwe Kaminsky erforschte im Auftrag von EKiR und ihrer Diakonie die Beschäftigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.

In einem thematisch zugehörigen Exkurs wird erstmals die Beteiligung des damaligen Vorsitzenden der Finanzabteilung beim Konsistorium der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz, Hans Friedrich Sohns, an der Erschießung von meist jüdischen Zwangsarbeitern in der Ukraine 1943/44 ausführlich beschrieben. Hiermit wird auf die Verbindungen des diskriminierenden Rassismus, dem die ausländischen Arbeitskräfte in Deutschland unterlagen, mit den Verbrechen in den deutsch besetzten Gebieten hingewiesen. In der Behandlung der Zwangsarbeiter in Deutschland bildeten sich die nationalsozialistischen Ordnungsvorstellungen wie in einem Mikrokosmos ab. In den besetzten Gebieten Osteuropas fanden systematische Morde an der einheimischen Bevölkerung sehr früh statt. Hier war der Makrokosmos der rassistischen Herrschaft, der Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

Die Beihilfe zum Mord durch Hans Friedrich Sohns geschah im Rahmen der sogenannten "Aktion 1005", deren Ziel es war, die Spuren der Morde der Einsatzgruppen zu beseitigen. Dafür wurden die Massengräber der erschossenen Menschen in Kiew (Babi Yar), Dnjepropetrowsk, in Uman, in Nikolajew, in Woskresenskoje und anderswo von Sonderkommandos jüdischer und nichtjüdischer ukrainischer Häftlinge freigelegt. Die Opfer mußten als Arbeitssklaven die sicherlich am meisten belastende Tätigkeit verrichten, nämlich ihre eigenen Landsleute aus Massengräbern ausgraben und verbrennen ("Enterdung"). Anschließend wurden sie von dem SD-Kommando erschossen, um keine Zeugen zu hinterlassen. Mit den "Enterdungen" im Südabschnitt der Ostfront wurde SS-Sturmbannführer und zugleich Vorsitzender der Finanzabteilung der Evangelischen Kirche der Rheinprovinz, Hans Friedrich Sohns, durch den SS-Standartenführer Paul Blobel beauftragt. Sohns wurde 1969 durch das Landgericht Stuttgart zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt.

Die Studien erstrecken sich schließlich über das Kriegsende hinaus und berichten auch über den Umgang mit den in Deutschland verbleibenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die als sogenannte "Displaced Persons" zunächst von internationalen Hilfsorganisationen und schließlich seit 1950 als "Heimatlose Ausländer" u.a. durch das Hilfswerk der Evangelischen Kirche betreut wurden. Die zurückbleibenden Menschen (1960 wurden 8.500 Personen geschätzt, davon waren ca. 3000 evangelisch oder orthdox) kamen überwiegend aus den Baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) und Polen und blieben bis zum heutigen Tage eine Randgruppe, die noch lange in Lagern (wie in Lintorf) und Wohnsiedlungen leben mussten.

Die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) plant zusammen mit Einrichtungen der Diakonie ein Besuchs- und Partnerschaftsprogramm mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie ihren Angehörigen.

Uwe Kaminsky: Dienen unter Zwang. Studien zu ausländischen Arbeitskräften in Evangelischer Kirche und Diakonie im Rheinland während des Zweiten Weltkriegs, 2. Auflage Bonn 2002 (mit einem Beitrag von Ulrike Winkler), 318 Seiten, 14 Abbildungen, ISBN 3-7749-3129-1, €18

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23.12.2009



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