Alltagsimpuls: Ungeduld, Sorge und Gottes Nähe

­Neulich im Krankenhaus: Im großen Gang im Erdgeschoss, zwischen Kiosk und Röntgenabteilung, kommt mir ein Patient entgegen. Schleppender Gang, die rechte Hand schiebt einen Infusionsständer. Der Patient kommt nur mühsam voran. Auf seinem schwarzen T-Shirt ist eine weiße Aufschrift zu lesen. Beim Näherkommen kann ich sie entziffern. Da steht: „Indischer Gott der Ungeduld?“ Es folgt das Bild einer geballten Faust. Darunter steht die Antwort auf die Frage: „Hammersbald.“ – Ich muss schmunzeln.

Wie treffend erfasst diese Momentaufnahme doch das Lebensgefühl im Krankenhaus: Viel Zeit geht fürs Warten drauf. Damit stellt sich Ungeduld ein. Unwillen ebenso, vielleicht gefüttert durch Sorgen. Der Weg zur Aggression ist da nicht weit. „Haben wir es bald???“ Diese Frage ist bei uns nicht nur gelegentlich zu lesen, sondern täglich zu hören. – Das T-Shirt ging mir nach. Der Patient war wohl längst entlassen und mein Schmunzeln vergangen. Zurück blieb die Frage nach Gottes Namen. „Mitgefühl. Solidarität. Nächstenliebe“, dachte ich. Bis mir wenige Tage später – ich durchquerte gerade das Parkhaus – ein biblischer Vers in den Sinn kam. Er wird dem Propheten Jesaja zugeschrieben, der mehr als 700 Jahre vor Christi Geburt lebte. Auch er hat über Gottes Namen nachgedacht. Seine Antwort war: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“ (Jesaja 9,5).

All das scheint das Gegenteil einer geballten Faust zu sein. Ich spürte ein Lächeln, wo eben noch ein Schmunzeln war: Wunderbar! Daran will ich denken, wenn ich nächstes Mal ungeduldig werde. Ungehalten. Frustriert. Dann weiß ich Gott an meiner Seite, der in unserer jüdisch-christlichen Tradition Namen trägt, die nicht Öl ins Feuer gießen, sondern Barmherzigkeit walten lassen. Ich weiß: Ich habe sie nötig. Und: Mein Nächster, meine Nächste auch. Ich muss kein T-Shirt tragen mit dieser Aufschrift. Aber: Wie schön wäre es, meine Mitmenschen würden je und dann in meinem Reden und Handeln spüren, welche Namen der Gott trägt, dem ich mich anvertraut und auch verpflichtet weiß?

Pfarrerin Silke Arendsen
Seelsorgerin am HELIOS-Klinikum Krefeld

  • 30.01.2026
  • Red
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