Antirassismus – immer eine Frage der Perspektive

„,Diskriminierung? Bei uns doch nicht!‘ – Prüfsteine für eine ehrliche Praxis.“ Unter diesem Titel sprach Prof. Dr. Lorenz Narku Laing auf dem ökumenischen Neujahrsempfang in Mülheim an der Ruhr über Diversität und Alltagsrassismus. Die knapp 200 Zuhörer*innen und Zuhörer im Mülheimer Altenhof erfuhren: Die Perspektive macht den Unterschied – im Hinblick auf Diskriminierung gilt das ganz besonders. Eingeladen hatten der Evangelische Kirchenkreis An der Ruhr und das katholische Stadtdekanat.

Prof. Laing ist Rassismusforscher und unterrichtet an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum, er ist Gründer der Beratungsagentur Vielfaltsprojekte GmbH. 2025 wurde Laing als nicht-theologisches Mitglied in die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland gewählt.

„Die haben das Problem mitgebracht“, das hört Narku Laing schon mal, wenn er Firmen zu mehr Vielfalt berät. „Die“, das können zum Beispiel die Frauen in der Belegschaft sein. Die es womöglich lange Jahre gar nicht gegeben hatte. Dann gab es wenige, die sich aber nicht trauten, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Das ändert sich, sobald der Frauenanteil an der Belegschaft groß genug wird. Dann müssen sich Firmen mit den Anliegen der Frauen befassen. „Und dann heißt es ,früher hatten wir das Problem nicht“, berichtet Diversityberater Laing aus seiner Praxis.

Prof. Dr. Lorenz Narku Laing beim ökumenischen Neujahrsempfang in Mülheim

Diskriminierung und Rassismus hat der Vortragsredner selber oft erlebt. Etwa, wenn dem in Deutschland geborenen Wissenschaftler gönnerhaft zu Gute gehalten wird, wie gut er doch Deutsch spreche oder wenn die Bewerbung um eine Wohnung unter dem Namen Narku Laing wiederholt scheitert und anderntags als Dr. Lorenz erfolgreich ist. Die persönliche Erfahrung untermauert Laing mit empirischen Befunden. Er zitiert Studien mit gezielt versandten identischen Bewerbungen: 4% Erfolgsquote für „Meryem Öztürk“, aber 18% für „Sandra Bauer“ – mit identischen Unterlagen.

„Wir leben längst in Vielfalt“, betonte Laing und fordert, den Blick dafür zu öffnen. Menschen, die strukturell benachteiligt werden, machten einen großen Teil der Gesellschaft aus, Menschen mit einer Behinderung, LGBTQI, Menschen mit Migrationshintergrund und nicht zuletzt Frauen. „Und wir vergessen, wie oft diese Menschen im Alltag zurückstecken und mit anderen geduldig sind.“

Diversität als radikale Praxis der Freiheit

„Gelebte Diversität ist eine radikale Praxis der Freiheit.“ Laing verweist auf Karrierechancen, die allen offenstehen sollten. „Damit wir das, was wir alle lieben, nämlich das Leistungsprinzip, wahr wird, berate ich Unternehmen“, erläuterte Prof. Dr. Laing vor dem Mülheimer Publikum. Um dann zu ergänzen: „Keine Angst, liebe kompetente Männer, niemand will kompetente Männer ersetzen. Wir ersetzen nur die inkompetenten Männer mit kompetenten Frauen.“

Der 33-Jährige Narku Laing ist ein begnadeter Erzähler und zieht Zuhörerinnen wie Zuhörer schnell in seinen Bann. Mit humorvoller Provokation, nicht aber im Gegeneinander, seien Rassismus und Diskriminierung zu bekämpfen, das macht der Rassismusforscher in seinem Vortrag und nicht zuletzt durch seine persönliche Haltung deutlich: „Ich halte es da mit meinem Lieblingsprediger Martin Luther King: Den Rassismus bekämpfen, aber nicht die Weißen. Den Sexismus bekämpfen, aber nicht die Männer.“

Auch die Perspektive des Glaubens griff Laing in seinem Vortrag auf, nämlich den Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes. „Was bedeutet es, dass wir uns diese Verfassung ,vor Gott‘ gegeben haben? Welche Welt würde Gott wohl bauen, der uns einen Menschen gesandt hat, der Armutsbetroffenen die Füße wäscht?“ Ohne einen gerechten Sozialstaat kommt die moderne Demokratie nicht aus, so zieht Laing seinen politischen Schluss. Nicht nur aus der Glaubensperspektive heraus, wegen Jesu Vorbilds für die Christ*innen, sei der Sozialstaat unverzichtbar. Sondern auch wegen der notwendigen Identifikation der Bürger*innen mit ihrem Gemeinwesen. „Einen Sozialstaat unterstütze ich nur, wenn ich seine Solidarität auch fühlen kann. Und es ist schwer zu erklären, dass in einer Demokratie alle gleich sind, solange immer die einen die anderen bedienen müssen.“

Hausaufgabe: Perspektive wechseln

Die Forderungen nach Diversität und Antirassismus allein in den politischen Diskurs auslagern, so einfach machte Vortragsgast Prof. Laing es seinem Mülheimer Publikum dann aber nicht. „Wenn ich in einen Raum wie diesen blicke, entdecke ich meist nur wenige Menschen, die so aussehen wie ich.“ – unbestreitbar mit Blick in die Festgesellschaft im Mülheimer Haus der Kirche.
Einige Hausaufgaben in Sachen „neue Perspektiven“ für das anwesende Publikum schlug Prof. Laing dann vor: „Besuchen Sie die Moschee in Ihrer Nähe, gehen Sie zum Fastenbrechen. Lesen Sie Bücher von Menschen, die nicht so aussehen wie Sie. Setzen Sie sich in der Bahn mal zu den migrantischen Jugendlichen. Und ändern Sie Ihre Sprache, damit andere sich wohler fühlen. – Jesus würde es auch tun.“

 

  • 02.12.2025
  • Annika Lante
  • Red