Eine Mut-Macherin erzählt ihre Geschichte

„Ich habe mich für einen Einzelfall gehalten“, beschreibt Natascha Sagorski das Gefühl, das sie mit vielen Frauen teilt. Das Gegenteil ist der Fall, fand sie heraus. „Jede dritte Frau – Geschichten von Schwangerschaften ohne Happy End“, heißt das Buch, aus dem sie im Mülheimer Haus der Kirche las.

Die Geschichten machen Mut, Worte zu finden für das, was Frauen rund um eine stille Geburt erleben. Natascha Sagorskis Einsatz ist es zu verdanken, dass es seit knapp einem Jahr einen gesetzlich verankerten Mutterschutz nach stiller Geburt in Deutschland gibt. Auch davon berichtete sie bei dem Veranstaltungsabend, der gemeinsam von Ev. Familienbildungsstätte, Diakonie Mülheim, Krankenhausseelsorge und Kirchenkreis gestaltet wurde.

„Eine Krankschreibung brauchen Sie nicht, Sie können morgen wieder arbeiten“, das hörte Natascha Sagorki, nachdem ihre Schwangerschaft nach einer Ausschabung eben nicht glücklich zu Ende gegangen war. Auch die Nachfrage beim Gynäkologen führte nicht zum gewünschten Ergebnis, erst der Hausarzt schrieb sie krank. „Ich dachte, ich sei ein Einzelfall, bis ich begonnen habe, für mein Buchprojekt mit anderen Frauen zu sprechen.“ – „Gehen Sie ruhig arbeiten, das lenkt Sie ab“ oder „den anderen Frauen hat es auch gut getan“, zitiert Sagorski Sätze, von denen Frauen ihr berichteten. „Das Buch zu schreiben, war Heilung für mich“, berichtet Natascha Sagorski in Mülheim. Sie sah, dass sie nicht allein war mit ihrem Schicksal und als Politikwissenschaftlerin erkannte ein gemeinsames Anliegen der Frauen – das war der Ausgangspunkt für ihre politische Petition für Mutterschatz nach einer stillen Geburt.

Und es war nicht die Politik, die begann, das Anliegen aufzugreifen. „Unterstützung bekam ich zuerst von Sternenkindervereinen, Hebammen, Bestattern, auch von Krankenkassen“. So ging die Nachricht von der Petition viral und nach dem ersten Spiegel-Interview gelang dann auch der Kontakt in die Parlamente. „Der Familienausschuss der Bundestages war ein safe space“ für mich, berichtete Natascha Sagorski in Mülheim. Hier gewann sie nach einem Fachgespräch, dass aus einem dreiminütigen Vortrag und zwei Fragerunden besteht, parteiübergreifend Verbündete. Dieses Netzwerk war es schließlich, das es ermöglichte, die Gesetzesinitiative auch in politisch turbulenten Tagen unmittelbar nach dem Bruch der Ampelkoalition und sogar am Abend der kontroversen gemeinsamen Abstimmung der CDU mit der AfD im Januar 2025, auf der Tagesordnung zu halten.

Eine, die das Anliegen über den Jahreswechsel 2024 / 2025 in Berlin maßgeblich unterstützt hat, war auch zur Veranstaltung ins Mülheimer Haus der Kirche gekommen. Franziska Krumwiede-Steiner, damals Bundestagsmitglied für die Grünen, teilte spontan mit dem Publikum einiger Erinnerungen an die politisch bewegten und letztlich erfolgreichen Tage im Bundestag.

Natascha Sagorskis Buch ist ein Mut-Mach-Buch. Nicht nur in politischer Hinsicht, sondern auch ganz persönlich. Natascha Sagorski berichtete, stellvertretend für viele Frauen aus ihrem eigenen Erleben: „Ich hatte das Gefühl, ich habe kein Recht, traurig zu sein. Es war ja erst die zehnte Schwangerschaftswoche und ich hatte noch gar keinen Babybauch.“ Sie berichtet davon, dass es sie viel Kraft und Mut gekostet hat, auch im privaten Rahmen zu offenbaren, warum sie nach dem Verlust ihres Kindes bei Verabredungen nicht dabei sein konnte. „Es waren die Geschichten von anderen Frauen, die mir gezeigt haben: Es ist okay traurig zu sein. Es ist wichtig, dass es okay ist, schwach zu sein und dass wir uns nicht gegenseitig vorspielen, dass alles okay ist. Ich bin froh, dass immer mehr Frauen offen darüber sprechen, weil das Kraft gibt.“

Gerade den politischen Bereich schließt das ein, so berichtet Natascha Sagorski: „Es kam eine Politikerin zu mir, die sagte: ,Ich weiß genau, wovon Sie reden, aber das darf nicht nach außen dringen, sonst gelte ich als schwach.‘“

Dennoch sieht die Autorin und politische Aktivistin, mittlerweile hat sie die „Familie sind alle gGmbH“ gegründet, ihre Geschichte auch als politischen Mut-Macher: „Es kostet Mut, Dinge auszusprechen und anzusprechen, aber es ist wichtig, dass wir das tun. Diese Geschichte zeigt ja, dass es auch gelingen kann. Dafür ist unsere Demokratie gut, in vielen Ländern haben Menschen diese Möglichkeit nicht.“

Damit sind längst nicht alle Ziele erreicht, weitere stehen auf Sagorskis Agenda: Noch immer kennen viele Frauen ihre Rechte nicht. Neben dem gestaffelten Mutterschutz gibt es auch die Möglichkeit zu Hebammenbegleitung nach stiller Geburt. Im Juni, zum Jahrestag des Mutterschutz-Gesetzes nach stiller Geburt, wird sie eine neue bundesweite Kampagne auf öffentlichen Werbetafeln starten.

Kontakt und Info

Betroffene und Interessierte in Mülheim an der Ruhr finden Ansprechpartnerinnen und Netzwerkkontakte bei der Evangelischen Familienbildungsstätte (schlemmer@evfamilienbildung.de), im bei der Diakonie Mülheim (seeger-linde@diakonie-muelheim.de) und bei der Krankenhausseelsorge (lisa.schoenrock@evkmh.de).

„Mut!“-Veranstaltungsreihe

Der Veranstaltungsabend ist Teil der „Mut!“-Reihe des Evangelischen Kirchenkreises An der Ruhr (https://kirche-muelheim.de/mut-2026/). Nächster und letzter Termin:

  • Donnerstag, 23. April, 19.30 Uhr, Lesung und Gespräch mit Gilda Sahebi „Verbinden statt spalten“

  • 15.04.2026
  • Annika Lante
  • Red