Einsamkeit – die versteckte Alltagsbegleiterin

Interview mit Ute Lea Reinecke, der Leiterin der Krisenbegleitung in der Ökumenischen Telefonseelsorge Duisburg-Mülheim-Oberhausen.

Seit 51 Jahren gibt es die Telefonseelsorge Duisburg-Mülheim-Oberhausen, und seit 51 Jahren ist Einsamkeit das große Thema bei dem ökumenischen Seelsorgedienst für die drei Ruhrgebietsstädte. Wie aktuell es gerade jetzt ist und wieso Einsamkeit zur versteckten Begleiterin im Alltag geworden ist, sagt Ute Lea Reinecke, die Leiterin der Krisenbegleitung in der Ökumenischen Telefonseelsorge Duisburg-Mülheim-Oberhausen im Interview, das Sabine Merkelt-Rahm mit ihr führte.

Die haupt- und ehrenamtlichen Telefonseelorgerinnen und Krisenbegleiter kennen sich aus mit der Einsamkeit. Häufen sich in den düsteren Wintermonaten eigentlich die Kontaktaufnahmen von Menschen, die jetzt ihre Einsamkeit besonders spüren?

Reinecke: Das kann ich eigentlich nicht bestätigen. In unserem Jahresbericht aus 2024 steht, dass Einsamkeit das bleibende und mit Abstand größte Thema am Telefon ist. Aber wer über längere Zeit einsam ist, der spürt vielleicht gerade im schönsten Hochsommer, dass er niemanden hat, dem er von dem tollen Waldspaziergang vorschwärmen kann, den er gemacht hat. Oder dass niemand da ist, der die warme Sonne auf dem Balkon mit ihm genießen könnte. Die Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen, sind im Durchschnitt älter als die, die sich im Chat oder per Mail melden. Für manche Ratsuchende ist die Telefonseelsorge der einzig täglich verfügbare Ansprechpartner.

Dann stehen also bei Jüngeren eher andere Themen im Vordergrund?

Reinecke: Einsamkeit ist eine sehr individuelle Sache. Fast niemand meldet sich und sagt als erstes: Also, mein Problem ist Einsamkeit. Das muss man sich erst mal trauen. Das Thema ist ja hochgradig schambesetzt. Junge Leute erleben Einsamkeit in anderen Zusammenhängen als die älteren. Irgendwann gehen sie aus ihren Bindungen in Kindheit und Schule und fangen vielleicht in einer neuen Stadt ein Studium oder eine Ausbildung an. Nicht allen gelingt es dann reibungslos, sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Viele haben zwar weltweit digitale Kontakte, stehen aber dann vor der Herausforderung, neue reale Kontakte zu finden.

Dann sind die ganz jungen und die älteren Ratsuchenden besonders betroffen von Einsamkeit?

Reinecke: Wir hören oft am Telefon mit, dass man auch unter vielen Menschen, sogar in einer Beziehung sehr einsam sein kann. Das gibt es in allen Altersgruppen. Einsamkeit kann absolut unsichtbar erscheinen. Einsamkeit ist für viele Menschen schambesetzt. Zur Schau getragene Aggression im Umgang mit den Mitmenschen verbirgt vielleicht nur die Angst vor Zurückweisung und neuerlichen Verletzungen. Die Zahl der Menschen die Einsamkeitsempfinden haben, hat zugenommen, soviel können wir sagen. Wenn ich zum Beispiel einen Angehörigen über längere Zeit häuslich pflege, dann fehlt mir die Zeit und auch die Kraft, meine sozialen Kontakte im gewohnten Umfang aufrecht zu erhalten. Dafür bringt nicht jeder im Umfeld das nötige Verständnis auf. Diese Art der Einsamkeit trifft häufig Frauen.

Es wird viel über Einsamkeit geforscht und geschrieben und das Thema spielt ja auch in der Fortbildung der zurzeit etwa 120 ehrenamtlichen Telefonseelsorge-Mitarbeitenden eine große Rolle?

Reinecke: Das stimmt, aber wir wissen noch zu wenig über Wege aus der Einsamkeit. Besonders spannend fände ich eine wissenschaftliche Studie über Erfolgsgeschichten von Menschen, die ihre Einsamkeit überwunden haben. Davon könnte man doch lernen. Das ist aber selten Thema. In unserer täglichen Arbeit geht es manchmal um den ersten vorsichtigen Blick auf die eigene Einsamkeit, dann aber auch um Wege der Bewältigung. Wir sind am Telefon ein wichtiger zwischenmenschlicher Kontakt.
Da ist in den Gesprächen, Mails und im Chat oft ein hoher Druck auf die Betroffenen spürbar. Sich hierin zu zeigen, dazu gehört schon eine Portion Mut. Der Bedarf ist tatsächlich leider viel höher, als wir leisten können.

Immerhin kamen im vergangenen Jahr in der Telefonseelsorge Duisburg-Mülheim-Oberhausen knapp 18.000 Gespräche am Telefon zustande, da wurden viele Stunden ehrenamtlicher Dienst am Mitmenschen geleistet, oder?

Reinecke: Tatsächlich kann es auch ein gutes Gegengewicht sein, sich ehrenamtlich einzubringen. Menschen, die zum Beispiel Einsamkeit kennen, können im Gespräch ein besonders wertvolles Gegenüber für andere sein. Neben schweren und belastenden Themen geht es bei uns auch um den ganz normalen Alltag, der bewältigt und besprochen werden muss. Die Telefonseelsorge ist ein niederschwelliges Angebot von spontaner Nähe, ohne dass man gleich eine Therapie machen müsste. Es ist schon toll, dass es das schon so lange stabil gibt.

Mehr Infos und Kontakte zur Telefonseelsorge gibt es unter www.telefonseelsorge-duisburg.de.

  • 27.11.2025
  • Thorsten Ostermann
  • Red