Am Vorabend des ersten Advents begrüßte der Superintendent Dr. Christoph Urban eine große Zahl geladener Gäste in der Salvatorkirche zum Neujahrsempfang des Kirchenkreises. Vertreter des Rates, der Verwaltung, der Landespolitik, der Werke und Verbände, der benachbarten Kirchenkreise, der anderen Konfessionen und Religionen waren gekommen, um gemeinsam das neue Kirchenjahr einzuläuten. Besonders freute Urban sich, dass der Publizist, Journalist und Verleger Jakob Augstein, der als Festredner geladen war, es trotz Bahnchaos noch gerade rechtzeitig von Berlin nach Duisburg geschafft hatte.
Augstein bedankte sich für die Möglichkeit, über das Thema: „Wie politisch soll Kirche sein?“ zu sprechen. „Es ist nämlich nicht so, dass ich zu diesem Thema geordnete Gedanken bereits in der Schublade habe“, sagte er. Vielmehr habe er erst sammeln, sichten und prüfen müssen, was ihm an Ahnungen und Ansichten dazu im Kopf rumgeschwirrt sei.
Es folgte ein sorgfältig argumentierter, gut belegter Vortrag, der erkennen ließ, das den Redner das Thema wirklich umgetrieben hatte. Auf welche Art und Weise Kirche denn politisch sein solle, machte er an der Bibel fest. In einem weiten Bogen vom alten Testament über Paulus spürte er „das Widerständige, das Antibourgeoise kurz: das Revolutionäre“ im christlichen Glauben auf und zitierte nicht ganz unerwartet den Philosophen Ernst Bloch: „Die Bibel lässt sich nun einmal lesen als Buch der Anklage gegen das Unrecht und des Aufruhrs gegen die Unterdrückung, also als politisches Buch.“
Nach Bloch kam der Theologe Karl Barth zu Wort, der in der Barmer Erklärung für abwegig erklärt, „so zu tun, als gäbe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären.“
Mit der Frage, auf welche Weise Gottes Gebot die Menschen in konkrete Verantwortung rufe, kam Augstein bei den gegenwärtigen Problemstellungen im Verhältnis zwischen mündigem Christentum und staatlicher Ordnung an. Zunächst hatte er die 4. Tagung der 13. Synode der EKD am Wickel, auf der ein Tempolimit für kirchliche Fahrzeuge von 100 km/h auf der Autobahn zur Selbstverpflichtung wurde. „Diese wirklich interessante Stelle…ist ein gutes Beispiel dafür, wo man landet, wenn sich die Kirche überschätzt. Hier gerinnt Gottes Gebot erst zum ethischen Ideal und dann gerinnt dieses Ideal zum Tempolimit“, merkte Augstein süffisant an.
Sehr ernst wurde er in Hinsicht auf die aktuelle EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung- gerechter Friede im Blick“. Sein Urteil: „Diese Denkschrift ist eine Katastrophe!“ Man müsse leider ein sicherheitspolitisches Friedensverständnis ablehnen und also auch den Frieden, wenn er kein gerechter sei, so steht es in der Denkschrift. „Die Kirche verdammt hier den Krieg, wie es sich gehört- aber dann findet sie ganz viele Gründe ihn zu führen“, folgert Augstein. Und schließt: „Meinem Gefühl nach verrät sich die Kirche hier selbst.“ Die Denkschrift rede sogar einem Präventivkrieg das Wort und rechtfertige den Besitz von Atomwaffen, führte er aus.
„Wir brauchen die evangelische Kirche nicht, um die Bemühungen um Aufrüstung zu fördern. Das macht der Rest der Welt schon sehr erfolgreich,“ befand Augstein und fuhr fort: „Also wir brauchen die Kirche, um die Bemühungen um den Frieden zu fördern, nicht um den Krieg zu rechtfertigen.“
Kirche dürfe sich nicht aktuellen politischen Konjunkturen anpassen, sondern müsse in ihrer theologischen und moralischen Position stets auf der Seite der Bedrängten und Unterdrückten bleiben, forderte Augstein.
„Sie haben uns den Spiegel vorgehalten“, sagte Superintendent Urban nach dem langen Schlussapplaus in der voll besetzten Salvatorkirche, „und sie haben uns nachdenklich gemacht.“
Das galt auch für die Zuhörenden. Der eine sah in Augsteins Vortrag Karl Barths Vorstellung von der Christengemeinde und der Bürgergemeinde missverstanden. Der andere nahm sich vor, zuhause bei der Lektüre von Dietrich Bonhoeffer die eigene Position neu zu festigen. Aber der interessante, kenntnisreiche und ausgefeilte Redebeitrag wurde auch von vielen Gästen als durchaus inspirierend gelobt.
Text: Sabine Merkelt-Rahm
Die Rede von Jakob Augstein gibt es hier als PDF-Download.
Das Bild zeigt Jakob Augstein auf der Kanzel der Salvatorkirche bei seiner Festrede beim Neujahrsempfang des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg am 28.11.2025; Foto: Bartosz Galus